Mit zwei Kameraden im tödlichen Los vereint
Eine kollektive deutsch-russische Dokumentation
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Hans Walter (von) Hoffmeister (1890-1916) wurde am 11. Februar 1890 in Einbeck geboren und evangelisch getauft, seine Mutter Johanna war eine geborene Kiehnle, aus namhafter und alter Pforzheimer Familie. Bei seiner Geburt war sein Vater Eduard als Hauptmann und Kompaniechef im 2. Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 82 in der gleichen Stadt stationiert.
Eine unbeschwerte Jugend
Seine frühe Jugend verlief ohne größere Probleme, wenn man von den öfters wechselnden Standorten seines Vaters absieht. Nach Einbeck folgte eine Versetzung nach Posen, hier diente Eduard als Major im Generalstab. Es schlossen sich Garnisonen im Reichsland Elsass an. Dort kam Eduard zunächst als Major nach Mülhausen und dann als Oberstleutnant nach Neubreisach. Mit der Beförderung zum Oberst wirkte Eduard in Weißenburg/Elsass als Regimentskommandeur des Infanterie-Regiments Markgraf Karl Nr. 60.
Die Brüder Fritz und Hans (Hans ist der jüngere)
Quelle: v.H.
Am 13. Juli 1900 wurde sein Vater zum Kommandeur des 4. Ostasiatischen Infanterie-Regiments zur Bekämpfung des Boxeraufstandes in China ernannt. Das bedeutete für Hans eine zeitweilige Trennung der Familie, da auch sein Bruder Fritz das Elternhaus in Baden-Baden für einen separaten Schulaufenthalt in Weißenburg/Elsass verließ.
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| Quelle: v.H. |
Über die schulischen Fortschritte seiner Kinder ließ sich Eduard in seinem Tagebuch Die Wirren in China ständig umfassend informieren. Eduard vermerkte in den Aufzeichnungen am 16. August 1900, dass Hans in einem kurz nach der Abreise beförderten Brief nach China gemeldet hatte: „Liebes Väterle! Ich bin als Erster in die Quarta [3. Klasse Gymnasium] versetzt worden und freue mich nächstes Jahr in Baden-Baden den Cornelius Nepos zu übersetzen.“
Eduard versah seinen soldatischen Dienst seit September 1900 im fernen China. Die Verbindung mit der Familie wurde aufrechterhalten durch einen regen Brief-und Kartenwechsel sowie durch Eduards Tagebuch, welches er regelmäßig zum Lesen und zur Aufbewahrung nach Hause sandte. Die Postsendungen waren allerdings mindestens sieben Wochen unterwegs, es konnte auch durchaus länger dauern.
Die Sorge um seine Familie beschäftigte Eduard in der Ferne, er sparte nicht mit Ratschlägen, Ermahnungen, häufig folgte auch Tadel. Zugleich wurden Neuigkeiten ausgetauscht, über das Verhalten und die Entwicklung der Kinder, Vorgänge in Baden-Baden, Haushaltsführung, Versicherungen, alte Bekannte und allerlei zwischenmenschliche Trivialitäten.
Am 3. Dezember 1900 teilte Eduard seine Erkenntnisse zur Gesundheit seines Sohnes Hans mit und sparte dabei auch nicht mit guten Ratschlägen. Er meinte dazu in seinem Tagebuch: „Ich glaube immer, daß ein Hauptgrund aller Erkrankungen, ganz insbesondere bei Hänseken in nasser oder feuchter Fußbekleidung zu suchen ist. [...] und gerade Hänseken ist darin sehr empfindlich und hustet gleich. Er ist darin ebenso empfindlich wie ich. [...]. Also Hänseken hat wieder Mandelentzündung u. Fieber! Ich meine immer, man sollte bei jedem Fieber stets [...] mit warmen Bädern vorgehen.“
Über eine weitere Nachricht von seiner Frau Johanna betreffend Hans, im gleichen Brief, freute sich der Chinakämpfer indes weniger und er notierte im Tagebuch: „Leid thut mir, daß der Goldfischler und Zuckerschnuttler noch immer so eigensinnig ist.“
Das hing auch mit den übermittelten Zeugnisnoten zusammen, denn gänzlich war Eduard nicht mit Hans zufrieden wie er dem Tagebuch anvertraute: „Ja! richtig! Hänseken hat mir von sämmtlichen Fächern seine Noten geschickt, von der Geschichte aber, wo er nur -hinlänglich - haben soll, hat er mir thatsächlich nichts geschrieben! Das hat er weggelassen! Oh Hänsebengele wie miserabel!“
Ferner erfreute es Eduard weniger, dass er von seiner Frau weitere Beschwerden über Hans hören musste, er bekannte im Tagebuch am 14. Januar 1901: „Daß Hänseken immer noch so eigensinnig und unartig ist, daß ich darüber Klagen höre, betrübt mich sehr und thut mir weh! Pfui! Schämen sie sich, Hänsebengele und werden sie bräver! Das ist die Hauptsache und ihrem Väterle das liebste.“
Eine positive Nachricht, datiert vom 20. Februar 1901, konnte Hans seinem Vater mitteilen, es ging wiederum um seine Benotungen. Er berichtete auch: "Heute morgen [...] lasen wir, daß du von Generalfeldmarschall Grafen von Waldersee kommandirt bist eine Expedition nach Tamakoan (ich weiß den Namen nicht mehr) 85 km nördlich von Paotingfu zu machen, also noch tiefer in China 'rein." Er vermeldete stolz, dass seine Noten an Fastnacht im Vergleich zum Weihnachtszeugnis sich um einen halben Punkt verbessert hatten. Sogleich fügte er noch eine Bitte hinzu: „Im letzten Brief hörte ich, daß du einmal nach Peking reisen würdest, dort kannst du mir schöne Marken kaufen.“
[Alfred Graf von Waldersee, 1832-1904, war ein preußischer Generalfeldmarschall. Er befehligte Militäreinheiten in Hannover. Waldersee war von 1888 bis 1891 Chef des Großen Generalstabes und im Jahre 1900 Oberbefehlshaber eines multinationalen Truppenkontingents zur Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstandes.]
Die fatale Geschichte des Eisunfalls seines Bruders Fritz musste er natürlich auch zur Sprache bringen: "Vor einiger Zeit hatten wir einen großen Schrecken ausgestanden. Fritz war mit einigen Buben in Weißenburg spazieren gegangen. Und wie es das Verhängnis wollte, kamen sie am Weiher vorbei. Fritz ging auf das nur wenig eingefrorene Wasser und brach ein. Er entging der Gefahr dadurch daß er den Westenhoefer mit ins Wasser zog und dadurch auf's Trockene kam. Er war natürlich ganz naß und mußte sich ausziehen. Sonst ging die Sache gut vorüber. Fritz bekam nicht einmal eine Erkältung."
Bei seiner Jagd nach Briefmarken animierte er geschickt Offiziere aus dem Bekanntenkreis: "Auch habe ich vor etwa 5 Wochen dem Herrn Oberstleutnant v. Leutwein geschrieben, daß er mir Marken aus Deutsch Süd-West Afrika schickt."
[Theodor Leutwein, 1849-1921. Leutwein war von 1895 bis 1905 Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe und Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika. Er war maßgeblich am Aufbau der deutschen Kolonialherrschaft beteiligt. Aufgrund seiner Ablehnung der Vernichtungspolitik gegen die Hereros ließ er sich in den Ruhestand versetzen.]
Eduard war in der Folgezeit als Kommandeur in China gefordert. Er gewann im Februar 1901 das große Gefecht bei Kuan-tschang und im April noch eine kriegerische Auseinandersetzung mit rebellischen Boxern bei Kuan-ngang. Die heimische Presse, besonders die in Karlsruhe und in Baden erscheinenden Zeitungen, enthielt viele Berichte über die militärischen Erfolge von Eduard. Die Familie in Baden-Baden und natürlich Hans waren von Stolz erfüllt und sonnten sich im persönlichen Umfeld im Glanze seiner Taten.
In den Nachrichten an seinen Vater vom 3.4.1901 durfte natürlich auch nicht die Berichterstattung über die Konfirmation seines älteren Bruders Fritz fehlen. Zuerst folgten wieder die Zeugnisnoten von Fastnacht, die durchwegs gut waren. Nach der Schilderung des kirchlichen Vorgangs mit dem anschließenden Segensspruch gab er noch bekannt: "Dann kam das Festessen. Wir bekamen eine Sagosuppe (Augelesuppe) dann Filet und Hühner. Wir wurden mit Wein und zwar sehr gutem, bewirtet. Ich bekam ein Schnaps [!] u. als Dessert gab es Eis. [...] Am Sonntag bekamen wir ein ein Bild, worauf eine Schlacht gegen die Turkos [algerische und tunesische Schützenregimenter des französischen Heeres im Krieg 1870/71], die du mitgemacht hast, abgebildet ist. [...]
Fritz bekam schöne Geschenke. Von Mütterle eine goldene Kette, von Urgroßmütterle goldene Manschettenknöpfe, von Großmütterke einen Siegelring. Von Onkel Max 10 Mark u. ein schönes Buch, von Lina Kreuzer ein Notizbuch, von Frau Helffenstein ein schönes Buch, von Frau von Wuthenau eine Bibel.
NB ich habe eine Imitation von der Hinrichtung der 3 Würdenträger, von einem Bild, das du geschickt hast, gemacht. (Ich lege es bei)."
Das aufwühlende Ereignis einer öffentlichen Hinrichtung von drei hohen chinesischen Würdenträgern, die wegen Verbrechen an christlichen Missionaren verurteilt wurden, am 6. November 1900, machte einige Furore in der internationalen und natürlich auch der deutschen Presse. Die Exekution mit dem Schwert fand in Paoting-fu [heute Baoding], dem Standort von Eduards Regiment, statt.
Hans hat die Beschreibung des Vorgangs auch zusätzlich aus Eduards Tagebuch entnommen. Bei ihm machte dieses Ereignis, er war gerade mal zehn Jahre alt, einen tiefen und nachhaltigen Eindruck und er verarbeitete es, indem er ein kleines Bildchen nach seiner Vorstellung auf der Rückseite einer Postkarte malte und es seinem Vater nach China schickte.
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So sah Hans im Alter von zehn Jahren in seiner Vorstellung die Hinrichtung in China. Über der chinesischen Stadtmauer ließ er die schwarz-weiß-rote Reichsflagge wehen. Quelle: v.H. |
Text im Bild unten rechts: „L. Väterle. Ich schicke dir eine Zeichnung, die ich noch gemacht habe. Grüße an dich, Kämmerling und Limbach.
Es grüßt dein Sohn Hans IV [Quarta, 3. Klasse Gymnasium]"
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Gymnasium in Baden-Baden, die Quarta. Hans hinten in der zweiten Reihe stehend, dritter von links. Quelle: v.H.
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In einem Brief vom 10.4.1901, abgeschickt von der damaligen Wohnadresse der Familie in der Maria-Victoria-Straße 12 Baden-Baden, bedankte sich Hans für die erhaltenen chinesischen Briefmarken. Ausführlich erzählte er darin vom Besuch der Frau von Uckermann mit ihren Kindern, mit denen er gemeinsam den Osterhasen suchte. Bei der Verteilung gab es: "ein kleines Lämmchen von rot gefärbtem Zucker, ein großes Osterlamm von Kuchen [...], mit Fähnchen, ein Has von Chocolade, zwei Chocoladeneier, drei Eier von feinem Zucker, fünf Eier von Trops [Drops, Süßigkeiten die durch Einkochen von Zuckerlösung hergestellt werden] und eine Orange. [...]"
Wenig schmeichelhafte Worte hatte er über seine Mutter mitzuteilen: "Mutter hat jetzt schon viele Bauchmassagen zur Entfettung durchgemacht. Sie ißt gar nichts mehr, was sie fett machen könnte. Zu diesem Zwecke hat sie ein anderes Bier bestellt, als Moninger, nämlich Sinner." [Die Brauerei Sinner, bestand 1885 bis 1974. Am 1. Januar 1975 wurden alle Betriebsangehörigen der Sinner-AG von der Brauerei Moninger übernommen.]
Unter dem Datum vom 6. Mai 1901 schrieb Eduard lobende Wort über seinen Sohn Hans in sein geliebtes Tagebuch und vergaß auch nicht an dessen Sammelleidenschaft zu denken: „Hänsekens Brieflein lege ich bei, es ist sehr nett und ich danke ihm sehr dafür, Briefmarken, einen ganzen Satz von hier - habe ich ihm längst geschickt.“
Im Juli 1901 kehrte Eduard nach fast einem Jahr von seiner China-Expedition zurück. Die Familie war jetzt wieder vereint, nachdem auch Fritz nach erfolgreicher Absolvierung des Gymnasiums Weißenburg aus der Aufsicht des Professor Wissmann nach Hause entlassen wurde. Nun herrschte wieder Regelmäßigkeit im Hause Hoffmeister. Hans besuchte weiterhin das Gymnasium. Probleme gab es keine, seine schulischen Noten waren gut, sogar überragend. Hans war äußerst fleißig, sein Ehrgeiz fiel besonders auf.
Hans besuchte entsprechend den sich oft ändernden militärischen Verwendungen seines Vaters die Volksschule in Mülhausen/Elsass und darauf folgend Gymnasien in Baden-Baden, Karlsruhe und Heidelberg. Hier bestand er auch im September 1907 das Abitur.
Die Familie richtete sich in der Gesellschaft Baden-Badens ein. Am 22. März 1902 wurde Eduard zum Kommandeur der 55. Infanterie-Brigade in Karlsruhe ernannt, Das bedeutete einen Umzug in die Residenzstadt und in die unmittelbare Umgebung des badischen Hofes. Eduard kehrte zu seinen Wurzeln zurück. Er war hier geboren und sein Vater wirkte in Karlsruhe als Großherzoglich Badischer Hofkupferstecher, auch mit vielen Aufträgen für das Großherzogliche Haus betraut. Ein Vertrauensverhältnis zum Großherzog entwickelte auch sein Sohn Eduard. Das Wohlwollen des Regenten begleitete ihn schon seit dem Beginn seiner militärischen Laufbahn.
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U. Secunda Baden-Baden 1902. Hans in der letzten Reihe stehend, dritter von rechts im Bild. Er trägt die Mütze einer Schülerverbindung. Quelle: v.H. |
Ein weiterer entscheidender Schritt war am 22. April 1902 die Beförderung Eduards zum Generalmajor. Die Verleihung des erblichen Adels durch den Großherzog von Baden am 17. Juli 1902 setzte der hohen militärischen Stellung zusätzlich die Krone auf. Seine überzeugenden Verdienste in China gaben dafür den Ausschlag. Der Nachname von Hans lautete von nun an: von Hoffmeister.
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Zeugnis der Klasse 3B von Ostern bis Pfingsten. Auffällig ist der Eintrag in der Rubrik Betragen: „gut (doch soll sich der Schüler vor kurzem um das Haus des Herrn Dr. Knecht ziemlich ungebührlich benommen haben)." Quelle: v.H. |
[Eine Schülerverbindung, auch Schülerkorporation, war ein Zusammenschluss von Schülern und ehemaligen Schülern einer Schule, die sich in Organisationsform, Gebräuchen und Abzeichen an den Studentenverbindungen im deutschen Sprachraum orientierten.
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Ausdrucksvolle Fähigkeiten
Als Jüngling im Alter zwischen 16 bis 18 Jahren, gewissermaßen in einer Sturm-und Drangperiode, versuchte sich Hans als Lyriker. Seine Werke finden sich in einem kleinen Poesiealbum, es umfasst 43 Gedichte und Reime, begonnen wurde es 1906. Allein die Menge lässt einen beeindruckenden Aufwand erkennen Das kleine Sammelwerk endete im Frühjahr 1908.
Die Strophen sind in ihrer Bilanz eindrucksvoll und aussagekräftig. Mit stets intuitiver Kontemplation fasste Hans seine Emotionen in teils noch naive, doch immer sensible Worte und Reime. Die Anthologie gibt Einblicke in seine Persönlichkeit und zahlreiche Facetten fokussieren sein Profil und die Individualität des jugendlichen Musensohns. In den Gedichten gewinnen empathische und sensible Regungen, nicht nur das weibliche Geschlecht betreffend, eine eindeutige Oberhand.
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Titelblatt des Poesiebüchleins. Text: „In tiefster Zerknirschung angefangen" Quelle: v.H. |
Der Großteil der Edition zeigt schwärmerische Elogen auf Mädchen, doch auch gescheiterte Hoffnungen und Desillusionen werden zur dichterischen Aussage gebracht. Dies ist auch dem Titel des Poesiealbums zu entnehmen, in dem es heißt: „In tiefster Zerknirschung angefangen“. Eine Widmung erfährt in anrührendem Ausdruck sein sehr früh verstorbener Freund Helmuth Leichtlin aus Weißenburg und ziemlich am Anfang der Sammlung findet sich eine wehmütige Erinnerung an den schon vor seiner Zeit verschiedenen Bruder Kurt.  |
Beispiel der Gedichtseite über seinen verstorbenen Bruder Kurt. Quelle: v.H.
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Text:
„An unsern verstorbenen Kurt
Der Mond lugt fahl u. müde
Ins dunkle Kämmerlein
und ich gedenke traurig
des toten Brüderlein.
Ich seh ihn auf der Bahre
mit Blumen reich geschmückt.
Und auf den bleichen Zügen
ein Gottesfrieden liegt.
Wehmütige Lippen erzählen
von überstandenem Weh
Verklärung in leuchtendem Auge
schaut er in Himmelshöh!
Jetzt mag mich kein Vergnügen
und keine Lust mehr freun
seitdem du mir genommen
du liebes Brüderlein.
Der Mond lugt müde u. traurig
ins dunkle Kämmerlein
und ich gedenke schluchzend
des toten Brüderlein."
Die Geburt und der Tod von Kurt ereigneten sich vor seiner eigenen Ankunft in der Welt [1890] und geradewegs 16 Jahre später setzte Hans dann diese Verse in seine Poesiesammlung. Immerhin musste diese traumatische Erfahrung lange im kollektiven Gedächtnis der Familie haften geblieben sein. Auch seinem Vater Eduard hing das traurige Geschehen als Erinnerung lange haften, Einträge im Tagebuch und Briefen legen davon Zeugnis ab.
Das Gedenken an den im kleinsten Kindesalter verstorbenen Bruder, ein Ereignis, das er nicht einmal selbst erlebt hatte, aber immer noch in der Familie bewusst war, ließ Hans in der vorletzten Strophe eines Gedichtes wieder aufleben. Seine Aussage kündet von nachträglich erfüllter Trauer.
In der Familienbibel findet man einen erläuternden Eintrag in Eduards Handschrift zum Tode des kleinen Kurt:
"Kurt Otto Erich, † an Gehirnentzündung zu Einbeck am 17. Januar 1889 8° V [Vormittag]
Durch einen bald nach seiner Geburt sich einstellenden Ausschlag viel gequält und mit Ernährungsschwierigkeiten kämpfend, hat sich der Kleine im Seebad Zoppot von Ende Juni bis Ende September 1888 recht erholt und ertrug auch Mitte November ohne Schwierigkeiten die Uebersiedelung nach Einbeck.
Hier traten jedoch nach einiger Zeit die Nahrungsschwierigkeiten erneut hervor. Das Kind wurde, ohne daß man die Schwere seiner Leiden erkannte, unter unsern Augen schwächer und schwächer und erlag endlich einer hinzutretenden Gehirnaffektion."
Für eine Marguerite de Persky dezidierte Hans mehrere Verse, ein Ausschnitt drückt unerfülltes Begehren und Verlangen aus:
„Der Frühling kommt u. die Sehnsucht erwacht
wie verglühende Alpenglut
u. alles freut sich u. jauchzet u. lacht;
doch mir ist so eigen zu Mut.“
Nicht nur in der Dichtung, auch in der Zeichenkunst versuchte sich Hans und erreichte bei seinen gewählten Sujets überzeugende Leistungen. Hier führte das Erbe seines Großvaters Louis, des badischen Stahlstechers und Aquarellisten und seines Vaters Eduard, welcher auch eine erkennbare zeichnerische Begabung hatte, offenkundig seine Hand.
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Ein gelungenes Selbstporträt Quelle: v.H. |
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Auch Fürst Otto von Bismarck diente Hans als imponierende Vorlage für seine Zeichenkünste! An Kragen signiert mit "Hoffmeister" Quelle: v.H. |
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Sein älterer Bruder Fritz in der Uniform als Leutnant der Badischen Leibdragoner. Bezeichnet mit "Mein Bruder" Quelle: v.H. |
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Familien-und standesbewusst! Quelle: v.H. |
Im Großherzoglichen Leibdragoner-Regiment
Im Herbst 1907 bewarb sich Hans, dem Vorbild seines Bruders Fritz folgend, als Einjährig-Freiwilliger bei den badischen Leibdragonern in Karlsruhe. Er trat nach wohlwollender Genehmigung darauf am 1. Oktober 1907 in die 5. Eskadron des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20 ein. Die Vereidigung erfolgte am 2. Dezember 1907. Der Wehrdienst verlief planmäßig und problemlos. Am 14. April 1908 erhielt Hans den Rang eines Gefreiten und am 11. August 1908 die Beförderung zum Unteroffizier und am 30. September gleichen Jahres wurde er zur Reserve entlassen, mit dem Ausscheiden erwarb Hans am gleichen Tag zudem das Befähigungszeugnis.
(Quelle: GLA KA 456 E Nr. 5030)
[Ein Einjährig-Freiwilliger war ein Wehrpflichtiger mit höherem Schulabschluss (Obersekundarreife), der nach freiwilliger Meldung einen Wehrdienst in einem Truppenteil seiner Wahl als Präsenzdienst ableistete. Nach Abschluss der Grundausbildung konnte er Offizier der Reserve werden, Er musste sich aber auf eigene Kosten ausrüsten und versorgen. Diese Option kam damit nur für Söhne aus wohlhabender Familien in Frage.
Nach Ableistung des Dienstjahres und zweier Militärübungen wurden die Einjährig-Freiwilligen üblicherweise zu Offizieren der Reserve weiterbefördert. Unabdingbare Voraussetzung war, dass der Anwärter die mittlere Reife an einem Gymnasium oder einer Mittelschule erworben hatte. Eine entsprechende Prüfung konnte jedoch auch vor einer militärischen Kommission abgelegt werden.
Kaiser Wilhelm II. wünschte sich ausdrücklich, dass nur Angehörigen der sogenannten offiziersfähigen Schichten die Reserveoffizier-Laufbahn offenstehen sollte. An Kosten für die aktive Dienstzeit waren bei bescheidener Lebensführung mindestens 2000 M (ca. €10 000, Stand November 2016) anzusetzen. Da die Einjährigen freien Zugang zum Offizierskasino hatten und dies entsprechende Kosten verursachte, waren auch wesentlich höhere Beträge möglich.
Den Einjährig-Freiwilligen stand die Wahl der Waffengattung sowie des Truppenteils frei. Der Dienstantritt fand üblicherweise am 1. Oktober statt. Nach dem Eintritt in das Heer wurden die Einjährigen neben der Ausbildung im praktischen Dienst noch besonders unterrichtet. Diejenigen, die das Avancement zum Reserveoffizier wünschten, wurden bei Eingang nach sechs Monaten zum Gefreiten ernannt.
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Uniformteile der Einjährig-Freiwilligen im Badischen Leibdragoner-Regiment Quelle: Wikipedia |
Das 1. Badische Leibdragoner-Regiment Nr. 20 war ein Kavallerieverband der Großherzoglich-Badischen Armee. Das 1803 aufgestellte Regiment wurde 1871 Teil des badischen Kontingents des preußischen Heeres. Die Leibdragoner unterstanden dem Großherzog als Oberbefehlshaber. Ein weiteres in Karlsruhe stationiertes und dem Monarchen gehörendes Regiment waren die Leibgrenadiere. Beide galten als ausgesprochene Eliteeinheiten, mit Offizieren, die sich preußisch nannten, wenngleich aus Baden stammend.]
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| Quelle: v.H. |
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Hans als Einjährig-Freiwilliger in der Uniform des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20. Sichtbar sind die gedrehten Wollschnüre am Rand der Schulterklappen als Kennzeichen der Einjährigen. Quelle: v.H.
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Hans ist auf dem Bild der vierte von links in heller Uniform stehend, gleichfalls als Einjährig-Freiwilliger inmitten seiner Einheit der Badischen Leibdragoner in einem Fotostudio vor der illustrierten Kulisse des Karlsruher Schlosses. Quelle: v.H. |
Im Corps Saxonia
Ende 1908 begann Hans, im Hinblick auf seinen späteren Berufswunsch als Diplomat, das Studium der Rechtswissenschaften, zunächst in Göttingen. Er wollte dabei unbedingt Mitglied des sehr noblen und stolzen Corps Saxonia werden.
Zur Vorstellung bei dieser studentischen Verbindung begab sich Hans im Oktober nach Göttingen. Er kam aber ausgerechnet am Wochenende an und konnte keinen Ansprechpartner vorfinden. Da sein Geburtsort Einbeck in der Nähe lag, beschloss er spontan, diesen aufzusuchen. Dabei konnte er einen Besuch bei zwei alten Damen arrangieren, die in Beziehung zur Familie Hoffmeister standen als sein Vater in der dortigen Garnison seinen Dienst versah.
Für Hans war es eine Zeitreise in die Vergangenheit. Die beiden älteren Frauen wohnten noch im gleichen Haus wie damals die Hoffmeisters. In einem Brief an die Eltern vom 16.10.1908 schrieb er sehr bewegt über diese Erlebnisse: "Sie zeigten mir die Stelle, wo ich vor 18 Jahren zappelnd und schreiend das Licht der Welt erblickte. Sie sprachen davon, was Mutter ausgestanden habe und es wurde mit ganz eigen und weh zu Mute, als ich in dem verhangenen, dunklen Salon stand und die Vergangenheit zu mir sprach.
Sie zeigten mir die Stelle, wo Kurt still und tot lag und wo im Zimmer nebenan die Eltern schliefen, damit sie gleich hörten, wenn ihr Kind vielleicht noch zum Leben erwache, sie führten mich in die Ecke, wo Vaters Schreibtisch stand, zeigten mir den Weg in die Kaserne, schleppten Photographien und alte Briefe von 1890 herbei, von Mutter geschrieben, ach! und was sie alles erzählten! daß du damals schon `Mittagbrod´ geschrien hättest, daß Mutter einmal - und dabei waren sie vor Glück ganz aus dem Häuschen - zu Fritz gesagt habe `da Fritz! hier hast du Blättle, bring's deinem Großmütterle und sag', es käme von Mütterle!´
Und wie sie erst badisch sprachen! Und was Vater zu ihnen gesagt hätte und sie zu Vater, und wie es am Anfang so schwer gefallen hätte, eine Wohnung zu bekommen, und was Vater einmal einem Bettler geschenkt und der gesagt hätte, und wie die Mutter die Kinder von einer armen, armen Frau Babe mitessen lassen, die gerade geboren habe, und was sie jetzt noch über Euch beide sagten in Einbeck.
Und wie Vater dann nach China abgefahren, was da Mutter auf einem Zettel geschrieben und diesen auf ein Kissen gesteckt, damit Vater noch ein Andenken habe an die Lieben. Ich glaube, wenn ich es als richtig behalten habe, folgendes: `Glückliche Reise! Gott befohlen! Von Deiner Johanna und Fritz, dem Stolz u. Deiner Hoffnung!´ [Sehr seltsam, ihre Phantasie spielte wohl eine große Rolle, denn die Reise nach China fand erst im Jahre 1900 statt, da hatte die Familie Einbeck bereits lange verlassen!]
Und was sie nicht zu erzählen wußten von Großmutter [Lina Kiehnle, Mutter von Johanna], wie sie immer Kurtchen gepflegt und wie sie gebetet hätte und was sie nach seinem Tode gesagt hätte: `Stolz kam ich in das Haus mit einem gesunden Kind! Und einsam und weinend werde ich es verlassen!´ daß sie euch beide bis in den Himmel hoben, brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen!"
Hans wurde schließlich in das Corps Saxonia aufgenommen und studierte mehr oder weniger eifrig an der Universität Göttingen Rechtswissenschaften, übte sich in scharfen Mensuren, auch an feuchten Bierrunden fand er Gefallen. Während der Zeit verkehrte er auch beim Corps Pomerania Greifswald, dieses war durch ein gemeinsames Kartell mit dem Corps Saxonia in Göttingen verbunden. In den Reihen des Corps Saxonia befand sich die Elite des kaiserlichen Deutschlands, darunter Fürsten und Standesherren, Minister und Verwaltungsbeamte der höchsten Ebene.
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Wappen des Corps Saxonia Göttingen mit der Losung: „Durch Eintracht wachsen.“ Quelle: Wikipedia |
Das renommierte Corps Saxonia, gegründet im Dezember 1840, ist Mitglied im Kösener-Senioren-Convents-Verband. Dieses Corps schlägt Mensuren und trägt Farben. Die Gemeinschaft vereint Studenten und Ehemalige der Georg-August-Universität Göttingen. Die Corpsbrüder werden Göttinger Sachsen genannt. Mit den Corps Borussia Bonn und dem Corps Saxo-Borussia Heidelberg bildet das Corps Saxonia aufgrund der gegenseitigen Kartelle den Weißen Kreis.
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Ein Verband unter der Mütze deutet auf eine Kopfverletzung aus einer überstandenen Mensur hin. Quelle: v.H. |
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Hans in Couleur. Couleur ist die Kombination bestimmter Farben, die hier das Zeichen eines farbentragenden Corps darstellen. Die wichtigsten Gegenstände des Couleurs sind das um die Brust getragene Band und die Mütze, die als Abzeichen für die Mitgliedschaft im Corps Saxonia dienen. Wenn ein Korporierter wie Hans in zwei Corps Mitglied war, trug er entsprechend zwei Bänder gleichzeitig. Das obere stand für das Corps Saxonia in den Farben: dunkelblau - weiß - hellblau. Das untere zeigte die Farben des Corps Pomerania: ätherblau - silber - ätherblau. Die zusätzliche Mitgliedschaft im Corps Pomerania sollte sich in späterer Gefangenschaft im Lager Dauria noch als äußerst dienlich erweisen. Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle. |
Die gemeinsame studentische Vergangenheit in den Corps erwies sich später als äußerst hilfreich. Im Kriegsgefangenenlager Dauriya/Sibirien befand sich ein ebenfalls einsitzender deutscher Oberarzt. Dieser war ein ehemaliges aktives Mitglied im Corps Pomerania. Er konnte Hans, der zur Strafverbüßung in einer Einzelzelle verharrte, einige Hafterleichterungen durch nachdrückliche Intervention beim Kommandanten verschaffen.
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Trinkrunde beim Corps Saxonia Göttingen. Wintersemester 1908/09. Auf dem Bild links sitzend: Hans. Quelle: v.H.
Hans ist auf dem Bild der dritte von rechts, sitzend mit Kopfverband, verursacht mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nach überstandener Mensur. Umgeben von älteren Studenten und Alten Herren. Auf dem Karton unten links ist vermerkt: M. Kempe, Greifswald. Hans befand sich auf Besuch beim Corps Pomerania in Greifswald. Es bestand ein enges Verhältnis zum Corps Saxonia, Göttingen, ein Band von wesensverwandten und gleichgesinnten Corps. Quelle: v.H. |
Eine unverkennbare und überzeugende Rolle in der Entwicklung von Hans bildete eine elementare Faszination für Russland und allem was damit zusammenhing, dies drückte sich primär mit einem Erlernen der russischen Sprache aus. Schon bei den abgeleisteten Wehrübungen als Einjährig-Freiwilliger und noch neben dem Studium der Rechtswissenschaft entwickelte Hans hierbei eine enorme Eigeninitiative und fand dabei auch Unterstützung von Privatlehrern.
In seiner Gedankenwelt bewegten sich Wunschvorstellungen, künftig einmal mit oder in Russland eigene Aktivitäten auszuüben, die mit den Interessen des Deutschen Reiches in Einklang zu bringen waren. Auf diesen Überlegungen basierte auch sein Streben nach der späteren Aufnahme und einer Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass sein früher Wunsch, einmal im diplomatischen Dienst zu wirken, sein Entschluss Russisch zu lernen, sehr stark beeinflusst hatte. Die Russischkenntnisse von Hans hatten das AA sicherlich zu einer wohlwollenden Beurteilung bewogen. Im Anschluss kam es darauf an, sich in weiteren Sprachen zu perfektionieren.
Zu einem Einsatz seiner russischen Sprachkenntnisse im diplomatischen Dienst kam es kriegsbedingt dann nicht mehr, aber sein Wissen zahlte sich schon bei den ersten Begegnungen mit dem Feind aus. Überaus hilfreich war es dann bei der Gefangennahme, den Lageraufenthalten und den unternommenen Fluchten, eine Kommunikation erwies sich ständig als unentbehrlich.
Nach dem Besuch der Universität Göttingen studierte Hans noch ein Semester in Straßburg. Darauf folgte vom 30. Juli bis zum 19. September 1910 sein Einsatz in der Wehrübung A bei den Leibdragonern. Am gleichen Tag wurde Hans nach Bonn vom dortigen Bezirkskommando überwiesen. Dort schrieb sich Hans im Wintersemester 1910/11 an der dortigen Universität ein. Die erste juristische Prüfung bestand er am 27. November an der juristischen Fakultät Köln mit der Note „ausreichend“. Den Amtseid am Amtsgericht Münder/Deister, an dem er sich beworben hatte, legte Hans am 12. Dezember ab, Hans machte sich darauf als Referendar für 7 1/2 Monate mit allen juristischen Angelegenheiten, die an diesem Amtsgericht auftraten, vertraut.
Quelle: GLA KA 456 E Nr. 5030
Dem Ortswechsel geschuldet, erfolgte am 14. Dezember 1911 vom Bezirkskommando Hannover eine Überweisung in den zugehörigen Bereich und bereits zwei Tage später überstellte ein Dekret Hans an das Bezirkskommando Hameln, zu dessen Einflussregion Hameln gehörte. Im Wintersemester studierte Hans weiterhin an der Universität Bonn.
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| Quelle: Archiv AA |
Zur Wehrübung B, die nun folgte, rückte Hans wieder bei seiner Einheit, den badischen Leibdragonern ein. Dieser militärische Präsenz währte vom 30. März bis zum 24. Mai 1912, am Tag des Abschlusses erfolgte die Ernennung zum Vizewachtmeister d. R. nach erfolgreichem Bestehen des Offiziersexamens. Eine folgende Wehrübung absolvierte Hans noch vom 25. Mai bis zum 19. Juli.
Bewerbung für das Auswärtige Amt
Schließlich bewarb sich Hans am 8. Oktober 1912 beim Auswärtigen Amt, einem lang von ihm gehegten Wunsch. Er schrieb in seiner Bewerbung: „Euer Exzellenz bitte ich, auf Grund der Anlagen mich zum diplomatischen Dienst zulassen zu wollen. Im Falle hochgeneigter Annahme würde ich zunächst ins Ausland gehen, um mich in den Sprachen zu vervollkommnen.“ Gerichtet wurde die Anfrage: "An Seine Excellenz den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Berlin."
Im Anhang folgte sein Lebenslauf:
"Ich wurde am 19. Februar 1890 in Einbeck (Regierungsbezirk Hildesheim) als zweiter Sohn des jetzigen Generalleutnants z. D. Eduard v. Hoffmeister geboren und evangelisch getauft. Nachdem ich in Heidelberg 1907 das Abitur gemacht hatte, besuchte ich die Universitäten Göttingen, Straßburg und Bonn bestand gegen Ende des Jahres 1911 das Referendarexamen in Cöln.
Ich wurde hierauf am Amtsgericht Münder a. D. nahe Hannover angestellt und war dort 5 Monate mit Einschluß der Übungszeit beschäftigt. Meinen bisherigen Vorgesetzten, Herrn Amtsgericht Pagenatecher, Münder, habe ich gebeten, ein Zeugnis über meine Tätigkeit dem Kaiserlichen Auswärtigen Amte z. H. des Herrn Gesandten Grafen v. Wedel direkt einzusenden.
Der Militärpflicht genügte ich in Karlsruhe beim 1. Bad. Leibdragoner-Regt No 20, ward zu dessen Reserve entlassen und habe laut dem Militärpaß anliegender Ordre des Bezirkskommandos Heidelberg schon nächster Tage die Wahl zum Reserveoffizier meines Regiments zu gewürdigen.
Hans von Hoffmeister
Referendar und Vizewachtmeister d. Res. im 1. Bad. Leib Drag Regt No 20"
Botho Graf von Wedel, 1862-1943. Wedel war zu der Zeit im Auswärtigen Amt Geheimer Legationsrat und Vortragender Rat und führte den Titel eines Gesandten. Er war zudem Träger der Corpsschleife des Corps Borussia Bonn, welcher Umstand sich für Hans außerordentlich förderlich erweisen sollte. Das aktive Auftreten von Hans im Corps Saxonia Göttingen wirkte sich nun höchst effektiv für seine Bewerbung beim AA aus. In Graf Wedel, als amtierender Legationsrat, fand Hans einen Alten Herrn, der in engster Bruderschaft zum Corps Saxonia Göttingen stand.
Es war geläufig und einem Imperativ gehorchend, dass gegenseitige Protegierungen, gerade bei in einem Kartell verbundenen Corps, wie den Bonner Borussen und den Göttinger Sachsen die Regel waren. Damit einher ging eine laufende systematische Besetzung von Schaltstellen in Verwaltung, Politik und Wirtschaft. Ein Eindringen von demokratischen und parlamentaristischen Neuankömmlingen wurde dadurch erfolgreich verhindert. Gerade im AA sollte unbedingt ein kaisertreuer Beamtenapparat das Zepter in den Händen halten, um damit den Primat des monarchischen Staates in jeglichen Belangen zu gewährleisten.
Die Installierung von Netzwerken, wie sie im AA vollkommen regulär waren, erhoben diesen Anspruch zum absoluten Prinzip. Hans war adelig und der Sohn eines Generals, vor allen Dingen aber war er als Göttinger Sachse ein Bundesbruder des Grafen Wedel, der als alter Herr die Bonner Borussen im AA vertrat. Alle Faktoren ermöglichten Hans ohne Widrigkeiten die Aufnahme in den diplomatischen Dienst. Die breite Bevölkerungsmehrheit blieb von derlei Netzwerken gänzlich unberührt. Im Deutschen Reich stand an der Spitze der sozialen Hierarchie ein Milieu, das sich aus Adel sowie dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum zusammensetzte. Mit ihren Familien machte diese Oberklasse weniger als zehn Prozent der Bevölkerung aus.
Sein Vater Eduard legte dem Schreiben seines Sohnes noch eine Notiz bei: „Ich erkläre mich hiermit bereit, meinem Sohn Hans, zur Zeit Referendar in Münder a/D., Provinz Hannover, im Falle seiner Annahme für den diplomatischen Dienst eine jährliche Mindestzulage von zwölftausend Mark [ca. heute etwa 60 000 €, entsprechend Stand März 2019] zu gewähren.“ Ein stattlicher Betrag, der nur mit einem ausreichenden Vermögen und/oder mit hohem Einkommen der Eltern zu garantieren war. Beides war im Hause von Hoffmeister dank der Position des Vaters und dem Pforzheimer Erbe der Mutter absolut realisierbar.
Am 9. Oktober 1912 wurde das Zeugnis des Amtsgerichts Münder datiert, es wurde vom Amtsgericht Münder an das Auswärtige Amt gesandt. Im Zeugnis hieß es: „Der Referendar Hans von Hoffmeister aus Heidelberg ist etwa 7 1/2 Monate mit 16wöchentlicher Unterbrechung durch militärische Dienstleistungen bei dem Amtsgerichte Münder am Deister, Provinz Hannover, in erster Station des Vorbereitungsdienstes beschäftigt worden und während dieser Zeit zu allen Dienstgeschäften, insbesondere auch zur Protokollführung herangezogen.
Der Referendar hat stets mit großem Fleiß und Eifer, mit besonderem Interesse für alle Angelegenheiten des Dienstes und mit erfreulicher Pünktlichkeit gearbeitet und vermöge seiner guten und schnellen Auffassungsgabe, sowie seiner das Durchschnittsmaß übersteigenden juristischen Vorkenntnissen in den ihm übertragenen Geschäften recht bald durchaus Brauchbares geleistet.
Vornehmlich hat sich der Referendar in der Protokollführung bald die nötige Selbständigkeit angeeignet und das Ergebnis der Verhandlung richtig beurkundet, auch in einfacheren Sachen unter richterlicher Aufsicht Vernehmungen selbst vorgenommen und dabei die Angelegenheit durchweg zutreffend und erschöpfend behandelt. Häusliche Arbeiten hat der Referendar mit Fleiß und peinlicher Sorgfalt zumeist brauchbar angefertigt und stets pünktlich abgeliefert.
v. Hoffmeister ist mit recht guten juristischen Kenntnissen in die Praxis eingetreten und hat offenbar seine Studienzeit und auch die Zeit während seiner hiesigen Tätigkeit nicht nur zur Ausbildung in der Fachwissenschaft, sondern auch zur Förderung und Vertiefung seiner guten allgemeinen Kenntnisse benutzt.
Für Staatswissenschaft und Völkerrecht hat v. Hoffmeister mehrfach besonderes Interesse bekundet und sich auf diesem Gebiete auch schriftlich betätigt.
v. Hoffmeister ist eine besonders sympathische Persönlichkeit mit den besten Umgangsformen, er ist von lauterem Charakter, hat ein sehr bescheidenes, aber sicheres Auftreten und besitzt große Willensenergie. Seine dienstliche und außerdienstliche Führung verdient lobendste Erwähnung.“
Der Richter hat im Zeugnis noch besonders hervorgehoben: „Für Staatswissenschaft und Völkerkunde hat v. Hoffmeister mehrfach besonderes Interesse bekundet und hat sich auf diesem Gebiet auch schriftlich betätigt". Dies bezog sich eindeutig auf eine von Hans begonnene Dissertation mit dem Titel: Die Dardanellen (Hannover 1912). Im Deckblatt ist vermerkt: „vorgelegt von Hans von Hoffmeister, Referendar in Münder a/D.“ [Ein sehr aktuelles Thema. Vor dem Ersten Weltkrieg spielten die Dardanellen eine bedeutende Rolle. Russland war besorgt, dass das Deutsche Reich einen starken Einfluss auf die Region erlangen könnte]
Es blieb jedoch nur bei den Vorarbeiten und dem Versuch einer Vollendung, vermutlich den Umständen und den Sprachenübungen zur Bewerbung für den Auswärtigen Dienst geschuldet, außerdem war er seit August 1912 für eine längere Zeit in Hannover im Krankenhaus, wo er sich einer notwendigen Operation unterziehen musste. Alle diese Faktoren ließen wohl einen erfolgreichen Abschluss seiner Promotion verhindern. Eine Dissertation ist jedenfalls im Archiv der juristischen Abteilung der Universität Göttingen nicht nachweisbar. Zudem führte Hans nach dieser Zeit auch keinen Doktortitel.
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Hans vor dem Eingang seines Elternhauses in Heidelberg, Ziegelhäuser Landstraße 43 Quelle: v.H. |
Hans hatte seinen Auftritt im Auswärtigen Amt, aber nicht allein. Eine Bemerkung im Besuchsprotokoll der Behörde hielt fest: „Der Vater des Referendars von Hoffmeister, Generalleutnant z.D. [zur Disposition, vorläufiger Ruhestand] In Heidelberg, hat seinen Sohn persönlich hier vorgestellt. Der Gesuchsteller macht einen durchaus günstigen Eindruck.“ Eine kleine Bleistiftnotiz registrierte noch am Rand: „hat auch ausgezeichnete Zeugnisse.“
Die persönliche Vorstellung von Hans zusammen mit seinem Vater hatte zweifellos Sinn. Ein hochdekorierter preußischer General war ein einflussreicher Repräsentant des kaiserlichen Deutschlands, sein Erscheinen in Uniform konnte sich zumindest förderlich und sicherlich nicht hemmend auf die Bewerbung seines Sohnes auswirken.
Das Erscheinen von Vater und Sohn hinterließ jedenfalls, wie von beiden erwartet, einen positiven Eindruck. Hans erhielt zunächst die Auflage, Informationen über seine sprachlichen Vorbereitungen zu unterbreiten, sowie zusätzlich Nachricht über jeweils aktuelle Adressen mitzuteilen.
Leutnant der Reserve
[Im deutschen Kaiserreich war der Vizefeldwebel ein Dienstgrad der Unteroffiziere, bei den berittenen Verbänden, wie den badischen Leibdragonern, wurde die Charge als Vizewachtmeister bezeichnet. Zu überzähligen Vizewachtmeistern wurden mehrheitlich die Einjährig-Freiwilligen befördert. Nach bestandener Offiziersprüfung erhielten die Offiziersanwärter der Reserve diesen Rang. Mit dem Dienstgrad der Reserve-Offiziersanwärter war der Vizewachtmeister dem Portepee-Fähnrich in der Laufbahn der Berufsoffiziere gleichgestellt.]
Die Ernennung zum Leutnant d. R. folgte den gleichen Rahmenbedingungen wie bei den Berufsoffizieren. Keinesfalls wollte die preußische Militärverwaltung mit diesem Personenkreis unwürdige Kandidaten in die Armee einrücken lassen. Der Reserveaspirant musste sich der gleichen Prozedur einer Wahl, der sog. Kooptation, durch das vorgesehene Regiment, stellen. Hans wendete sich darob am 2. August 1912 an das zuständige Bezirkskommando Hameln und bekundete, „daß ich meinen Aufenthalt wieder in Münder a.D., Georgstr. 4a, genommen habe.
Zugleich bitte ich auf Grund anliegender Papiere um die Wahl zum Reserveoffizier in meinem Regiment (1. Badisches Leibdragoner Rgt. Nr. 20)“ Hans erhielt darauf einen umfangreichen Fragebogen zugestellt, den er nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen hatte. Dieser führte alle wesentliche dienstliche, bürgerliche und familiäre Verhältnisse auf. Angefangen von der Geburt, Religion, Diensteintritt, Vereidigung, Beförderungen, Versetzungen bis zum Datum der Entlassung zur Reserve. Dazu kamen Fragen zu besuchten Schulen und Universitäten.
Wichtig und daher noch unterstrichen erschien das Ansinnen: „Jeder Aspirant hat anzugeben, welche Aussichten für sein Weiterkommen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vorhanden sind“. Als Antwort gab Hans an: „Sehr wahrscheinlich gehe ich entweder schon jetzt oder nach dem Assessor-Examen in das Auswärtige Amt.“ Es folgten Ersuchen über Vater, Mutter und den Bruder, dabei waren die militärischen Stellungen von Interesse. Die Frage nach einem Kapitalbesitz verneinte Hans, aber er vermerkte gleichzeitig: „Eltern vermögend“. Selbstverständlich fehlte in den Ermittlungen auch nicht die Erkundigung nach Ehe und Kindern.
Das wichtigste Kriterium und die Quintessenz folgte am Schluss der Aufstellung, nämlich „Name, Stand und Wohnort derjenigen Zivilvorgesetzten und anderer Personen, welche über die Lebensverhältnisse pp. des Aspiranten erforderliche Auskunft geben können.“ Das war der Trumpf für Hans, er präsentierte einige höchst reputierliche Personen aus seinem gegenwärtigen Umkreis, die ein beifälliges Zeugnis für ihn ablegten:
1. Amtsgerichtsrat Pagenatecher, Hauptmann d.R. Münder
2. Oberamtmann Rehrer, Hauptmann d.R. Hamelspringe
3. Geheimrat Stölting, Einbeckhausen
4. Bürgermeister Eckardt, Münder
In diesem Zusammenhang stand zusätzlich die Erfordernis einer stattlichen finanziellen Absicherung, dies war von höchster Wichtigkeit, denn er verfügte als Referendar über kein Gehalt. Angehende Juristen mussten im Kaiserreich aus vermögenden Familien stammen.
[Dies galt im vollem Umfang auch für die von Hans angestrebte Stellung als Reserveoffizier. Die Bewerber hatten alle aufkommenden Kosten für Ausrüstung, Bekleidung, Unterbringung und Verpflegung selbst zu tragen. Dies bedeutete einen enormen Betrag im Vergleich zu den durchschnittlichen Einkommensverhältnissen. Es wurden somit Angehörige der unteren Mittelschicht wie Handwerker oder etwa Volksschullehrer von vornherein von dieser elitären Einrichtung ferngehalten, was durchaus beabsichtigt war.]
Für den wohlhabenden Vater war es indes kein Problem seinem Sohn in dieser Frage hilfreich zur Seite zu stehen, welches auch von jeher seine Absicht war. Er äußerte sich am 3. August gegenüber dem Bezirkskommando: „Ich verpflichte mich hiermit, meinem Sohn Hans, z.Zt. Referendar beim Amtsgericht in Münder a/Deister, Provinz Hannover, so lange dessen Einkommen noch nicht zweitausend vierhundert Mark beträgt, einen derartigen Zuschuß zu geben, das sein jährliches Einkommen um die Summe von zweitausend vierhundert erreicht.“ Die Echtheit des Schreibens wurde von der Stadt Heidelberg mit Stempel und Unterschrift beglaubigt.
Die Bewerbung von Hans zur Wahl als Reserveoffizier nahm das Bezirkskommando Hameln zum Anlass Informationen von namhaften Bürgern einzuholen. Solche Anfragen erreichten auch seinen Vorgesetzten, den Amtsgerichtsrat sowie den Bürgermeister von Münder und andere Bezugspersonen. Inhaltlich hatten diese Schreiben, wie das Beispiel an den Geheimrat Stölting aufzeigt, gleichartige Formulierungen:
„Vertraulich! Gegen gefällige Rückgabe dem Herrn Geheimrat Stölting Hochwohlgeboren, Einbeckhausen.
Der Offizier-Aspirant Vizewachtmeister d. Res. Referendar Hans v. Hoffmeister in Münder soll zur Wahl zum Reserveoffizier gestellt werden. Euer Hochwohlgeboren werden ergebenst gebeten, sehr gefälligst genau feststellen zu wollen, ob die Lebensstellung des Genannten gesichert ist und dem Ansehen des Offizierstandes entspricht, sowie auch, ob gegen die Persönlichkeit, Gesinnung [ ! ], pekuniären-und Familenverhältnissen, dem gesellschaftlichen Verkehr pp. desselben nichts einzusenden ist.
Sollten sich Umstände ergeben, welche die Wahl nicht wünschenswert erscheinen lasse, so werden dieselbe durch genaue Darlegung von Tatsachen aufzuklären sein, sodaß kein Zweifel bestehen bleibt, ob v. Hoffmeister für würdig erachtet werden kann, zum Reserveoffizier in Vorschlag gebracht zu werden. Um Rückgabe bis zum 1.9. wird ergebenst gebeten.“
Unterschrift
Die Antwort des Geheimrates Stölting vom 18. August 1912 war voll des Lobes über den Offiziersbewerber Hans. Er beschrieb ihn als einen „angenehmen jungen Mann“ sowie als „tüchtigen und strebsamen Referendar“. Ein ihm bekannter General in Karlsruhe beschrieb den Vater von Hans als Kommandeur der 55. Brigade und sei zudem „in glänzender pekuniärer Lage“ und besitze „eine große Villa in Heidelberg“. Außerdem habe er den China-Feldzug mitgemacht und Bücher über seine Reisen nach Russland und Asien veröffentlicht. Dazu erwähnte er noch Fritz, der als Leutnant bei den badischen Leibdragonern diene. Bemerkenswert ist, dass der Geheimrat den Fokus hauptsächlich auf Eduard richtete, der ja immerhin mit einer beeindruckenden Reputation aufwarten konnte. Jedenfalls befürwortete Stölting in einem abschließenden Satz auf das wärmste die Bestrebung des Vizewachtmeisters Hans, den er „für vortrefflich geeignet halte zum Reserveoffizier in Vorschlag gebracht zu werden.“ Unterschrieben: G. Stölting, Geheimer Konsistorialrat
Der Amtsgerichtsrat, der Vorgesetzte von Hans, antwortete am 23. August 1912 an das Bezirkskommando Hameln. Er hatte generell uneingeschränkt nur positive Urteile abzugeben. Nach seinen Worten hatte Hans zudem in seiner Familie verkehrt, welches von Grund auf als Vertrauensverhalten galt. Er beschrieb den Aspiranten als einen „einwandfreien Mann von guten Manieren und ehrenwerter Gesinnung [ ! ]“ Dabei erwähnte Pagenatecher auch, dass Hans sich nach der Durchführung einer Reserveübung im April wegen einer Operation in das Krankenhaus 1 in Hannover begeben musste. Natürlich kamen auch Vater und Bruder von Hans mit einer löblichen Bemerkung zur Sprache.
Unter dem 17. September 1912 versicherte Hans überdies noch:
„Unterzeichneter verpflichtet sich nach seiner Ernennung zum Reserve-Offizier drei Jahre in der Reserve zu verbleiben. Sollte es demselben nicht möglich sein, innerhalb dieser Zeit seine drei Reserve-Uebungen abzuleisten, so verpflichtet er sich vor Ableistung derselben sich nicht zur Landwehr überführen zu lassen.“
Die lange Prozedur mit Auskünften, Gutachten und vertraulichen Informationen führte zu einem glücklichen Ende, am 18. Dezember 1912 wurde Hans zum Leutnant der Reserve ernannt.
(Quelle: GLA KA 456 E Nr. 5030)
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Der neuerrungene Status wurde stolz auf einer Visitenkarte präsentiert. Quelle: v.H.
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[Im Kaiserreich genoss ein Reserveoffizier ein ungemein hohes Ansehen und einen ausgeprägten sozialen Status. Zunehmend allerdings stammten die Reserveoffiziere nicht mehr allein aus dem Adel sondern auch aus dem bürgerlichen Milieu.
Reserveoffiziere übernahmen die Kosten für ihre Ausbildung, Bekleidung, Unterbringung und Verpflegung selbst. Die gesamten Aufwendungen beliefen sich je nach Truppengattung auf 2000 bis 3000 Mark/pro Jahr. Damit wurden die Angehörigen der unteren Mittelschicht, wie z.B. Handwerker und Volksschullehrer, von dieser elitären Laufbahn de facto ferngehalten.
Das Heer gewann während des Kaiserreichs ein starkes gesellschaftliches Ansehen. Das Offizierskorps galt den tonangebenden Teilen der Bevölkerung als Erster Stand im Staate. Deren Weltbild war geprägt von der Treue zur Monarchie und der Verteidigung der Kaiserrechte. Das Offizierskorps war konservativ, antisozialistisch und grundsätzlich antiparlamentaristisch. Der militärische Verhaltens- und Ehrenkodex wirkte weit in die Gesellschaft hinein. Für viele Bürger wurde daher der Status eines Reserveoffiziers, gerade als Mitglied einer Familie des gehobenen Mittelstandes, zu einem erstrebenswertem Ziel.
Das Bestehen der Offiziersprüfung und die erfolgreiche Teilnahme an üblicherweise zwei Manövern waren die Voraussetzung der Beförderung zum Reserveoffizier. Dieser Vorgang hatte innerhalb von zwei Jahren nach dem Ende des eigentlichen Wehrdienstes seinen Abschluss zu finden.
Nach der ersten freiwilligen Militärübung, in der Regel acht Wochen, legte der Aspirant die Offiziersprüfung ab und rückte dann zum Vizefeldwebel auf. Während der zweiten oder dritten mehrwöchigen Praxis leistete er Dienst in seiner Einheit und wurde nach Einwilligung des Regimentskommandeurs und der Gutheißung seiner Kameraden zum Leutnant der Reserve ernannt. Der Reserveoffizier war zur Ableistung von weiteren drei bis vier Übungen von jeweils vier bis acht Wochen Dauer verpflichtet.]
Für die von Hans später angestrebte Karriere im diplomatischem Dienst des Kaiserreichs war der Habitus eines Reserveoffiziers ohnehin eine unentbehrliche Verpflichtung und notwendige Voraussetzung. Selbstverständlich fielen für Hans als Reserveoffizier erhebliche Kosten, wie bei seinem Bruder, an, aber sein sehr begütertes Elternhaus stand ihm stets unterstützend zur Seite.
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Hans links im Bild auf dem Stuhl als Leutnant der Reserve, mit einem Freund.
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Fortbildung und Aufnahme im Auswärtigen Amt
Anschließend begann Hans sein Sprachenprogramm. Er begab sich zunächst nach Frankreich, um sich in der französischen Sprache ausreichende Kenntnisse anzueignen; sofort schickte er, wie angewiesen, eine Nachricht über seine derzeit gültigen Adresse. Der französische Lernprozess war für die Tätigkeit im Auswärtigen Amt von einiger Bedeutung, galt französisch traditionell immer noch als die verbindende Sprache der internationalen Diplomatie. Im April weilte er in Paris und meldete sich dabei auch gleichzeitig zum diplomatischen Sprachexamen an. Er war der Meinung, sprachlich ausreichend auf der Höhe zu sein.
Einen Nachweis für seine französisches Sprachstudium lieferte Hans Ende Dezember 1912 an das Bezirkskommando Heidelberg:
"... daß ich heute auf längere Zeit mich nach Frankreich begebe. Adresse: A. Rodhain, 105 Route de Clamart, Villa Dichalgo, Issy s/Seine" [Issy-les-Moulineaux, Département Hauts-de-Seine, Region Île-de-France]
Ein Aufenthalt als Deutscher am Ende des Jahres 1912 und zu Beginn 1913 in Frankreich war schon heikel genug, der Verlust von Elsass-Lothringen erzeugte langanhaltende Revanchegedanken gegenüber den benachbarten Erbfeinden. Andererseits gab es für Hans keine optimalere Umgebung als Sprachschüler. Jedenfalls sahen sich die Militärbehörden genötigt deshalb am 11.1. 1913 klare Warnungen auszusprechen:
„Das Anlegen der Uniform im Auslande ist nicht gestattet. Euer Hochwohlgeboren haben sich auch nur im Entferntesten jeder verdächtigen Handlung in Bezug auf Spionage zu enthalten und niemals in Gasthöfen oder polizeilichen Anmeldelisten Namen, Stand und Staatsangehörigkeit zu verschweigen oder falsch anzugeben, um nicht in den Verdacht der Spionage zu geraten.“
Ähnliche Überlegungen beschäftigten auch Eduard und er wendete sich deshalb Anfang März 1913 an das Bezirkskommando: Heidelberg: „Ich darf aber wohl die Bitte aussprechen, ihm […] keine oder nur solche Zuschriften zu senden, ohne Stempel des Bezirkskommandos und ohne seine Bezeichnung als Leutnant der Reserve, also nur in einfachen Briefe unter seinem Namen; - für alle Fälle besser!
In besonderer Ergebenheit
EvHoffmeister Generalleutnant.“
Hans hatte sein selbst gestecktes und erträumtes Ziel nun erreicht, denn er hatte am 13. Juni 1913 die Vorprüfung für den erstrebten diplomatischen Dienst bestanden. Dabei legte er auch die Prüfung der französischen Sprache ab. Sein Zeugnis wies im Diktat die Note "zwei" auf, in der Übersetzung "genügend (allenfalls)" und im mündlichen "genügend". Die Gesamtnote der Arbeit wurde abschließend insgesamt mit "genügend" bewertet.
Hans wurde mit der bestandenen Prüfung Attaché [Rangbezeichnung für die Eingangsstufe zum diplomatischen Dienst]. Jetzt galt es für Hans erst recht, sich weiter in den französischen und englischen Sprachen zu perfektionieren.
Nochmals verkündete er am 18. Juli 1913 dem AA sowie dem Bezirkskommando Heidelberg zwecks Erlernung der englischen Sprache:
„Ich melde gehorsamst, daß ich vor kurzem von Frankreich hierher nach England abgereist bin und daß meine Adresse nunmehr bis auf weiteres ist:
Sea View, Eastbourne/England
Hans von Hoffmeister
Leutnant der Res. des 1. Bad. Leibdragoner Rgt. Nr. 20" [Dieses Schreiben stammte aus der Hand von Eduard]
Ein Aufenthalt in England war 1913 nicht weniger problematisch, die Stimmung gegen das Deutsche Reich war allein schon wegen seiner Flottenpolitik äußerst angespannt und nicht gerade deutschfreundlich.
(Quelle GLA KA 456 E Nr. 5030)
[Eastbourne ist ein Seebad am Ärmelkanal in der Grafschaft East Sussex und ist zugleich ein Distrikt von East Sussex und gehört zur Region South East-England]
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Hans im Urlaub mit seiner Mutter während sein Vater Orientexpeditionen unternahm. Bezeichnet: "Zur Erinnerung an meine Mittelmeerreise Tunis September 1913. An Bord der Thalia." [Die Thalia war ein in Schottland gebautes, 1886 in Dienst gestelltes Passagier- und Frachtschiff des Österreichischen Lloyd, das nach einem Umbau ab 1887 als Kreuzfahrtschiff vor allem im Mittelmeer und europäischen Nordmeer lief.] |
Zwischenzeitlich hielt er sich auch zu Hause auf und teilte am 8. November 1913 seine Heimatadresse mit:"Ziegelhäuser Landstraße 43, Heidelberg"
Am 13. Januar 1914 meldete er sich unter:
"Paris, Pension Bollat, 4 Rue du Boccador, Avenue Montaigne" [im 8. Arrondissement in der Nähe der Champs-Élysées]
Am 11. April schrieb er:
"Dem Kaiserlichen Auswärtigen Amt teile ich, im Anschluß an meine Meldung zum nächsten diplomatischen Sprachenexamen mit, daß meine Adresse lautet:
43 Avenue de Wagram (Champs-Élysées) Chez Mme Hiernaux de St. Ours"
Über das Ergebnis der Prüfung des Attaché von Hoffmeister der französischen Sprache am 11. u. 13/6 1914.
Diktat: gut (im Ganzen)
Übersetzung: genügend (allenfalls)
Mündlich: genügend
Gesamtprädikat: genügend
Die Prüfungsarbeiten liegen bei.
Berlin, den 13/6 1914
G. Schmitt"
Am 18.6.1914 wurde ihm mitgeteilt, dass er die sprachlichen Vorprüfungen mit "ausreichend" bestanden hatte. Damit wurde Hans durch einen Erlass des Auswärtigen Amtes (AA) probeweise als Anwärter für den diplomatischen Dienst zugelassen und vorerst bis auf weiteres zu abzuleistenden militärischer Übungen beurlaubt.
Am gleichen Tag fand auch die Hochzeit seines Bruders Fritz statt, aber da hatte er wohl die freudige Nachricht noch nicht erhalten. Fritz war vier Jahre älter und als Berufsoffizier Leutnant im gleichen 1. Badischen Leibdragoner-Regiment Nr. 20 wie Hans als Reserveoffizier. Die Feier zur Vermählung fand auf Schloss Bödigheim bei Buchen im Odenwald statt. Es war eine glanzvolle und illustre Veranstaltung, die Braut war eine geborene Freiin Rüdt von Collenberg.
Wegen der militärischen Unterbrechungen schrieb er am 23. Juni 1914 an das AA:
"Hochgeborener Herr Graf,
Euer Hochgeboren melde ich gehorsamst, daß ich zufolge hochderen Schreibens vom 15. Juni d.J. nicht meinen Abschied aus dem Justizdienst, sondern eine weitere Beurlaubung um ein Jahr beantragt habe,
Ferner melde ich, daß der Beginn meiner militärischen Übung auf den 1. Juli d.J. vorgelegt wurde, sodaß diese bereits am 25. August beendet ist, wovon ich s. Zt. [seiner Zeit] dem Auswärtigen Amte auf dessen mir zugegangenen Verfügung vom 15. Juni d.J. noch besondere Meldung erstatten werde,
Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und angelegentlichen Empfehlungen meines Vaters [!], verharre ich, Herr Graf,
Euer Hochgeboren
Ganz gehorsamster
H. von Hoffmeister
Attaché"
Der Krieg zeigt sein Gesicht - im Westen...
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs endete seine vielversprechende diplomatische Laufbahn abrupt. In den entscheidenden Tagen im Sommer 1914 machte der Leutnant d. R. von Hoffmeister gerade seinen Dienst als Reserveoffizier beim Regiment und wurde dabei von den Ereignissen überrascht. Anstelle der Übung begann der Ernstfall.
Zur kompletten Ausführung der vorgeschriebenen und vorgesehenen militärischen Ausbildung kam es wegen der auf dem Höhepunkt angekommenen krisenhaften politischen Konstellation natürlich nicht mehr. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, es folgten in den ersten Augusttagen 1914 Russland, Frankreich und Großbritannien und natürlich das Deutsche Reich als Verbündeter Österreich-Ungarns mit gegenseitigen Kriegserklärungen.
Bei Ausbruch des Krieges herrschte in weiten Teilen der Bevölkerung eine begeisterte, sogar euphorische Stimmung auf den Straßen und Bahnhöfen, es war wie ein Aufbruch. Hans blieb von der Mobilmachung auch nicht unberührt. Geprägt von seinem Elternhaus, von seinem gesellschaftlichen Umfeld, von seiner Ausbildung zum Attaché im Auswärtigen Dienst, und natürlich vom ausgeprägten nationalen Korpsgeist seiner studentischen Verbindung Saxonia Göttingen, sah er seinen Weg in den Krieg voll überzeugt von der Unbesiegbarkeit des Deutschen Reiches.
Infolge der Mobilmachung wurde Hans am 3. August 1914 zum Reserve Dragoner-Regiment 8 kommandiert. In dieser Einheit ritt er in Lothringen schneidige Patrouillen, auch nach Aussage der Autoren des Geschichtswerkes über die badischen Leibdragoner. Qualifiziert durch tapferes Verhalten vor dem Feind erhielt Hans zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt am 1. Oktober 1914 das Eiserne Kreuz II. Klasse angeheftet. Jener Orden sollte noch einen langen Weg voller Wirren durch die unendlichen Weiten Russlands zurück legen, bis diese Auszeichnung endlich durch einen noblen Überbringer im Oktober 1917 bei den Angehörigen in Heidelberg eintraf. Eine weitere militärische Ehrung war am 6. Oktober die Verleihung des badischen Ordens vom Zähringer Löwen 3. Klasse mit Schwertern.
(Quelle: GLA KA 456 E Nr. 5030)
Der erwartete Sieg über den ewigen Erzfeind Frankreich und den inzwischen als perfiden Albion titulierten Gegner England war für Hans eine Frage der Ehre und des Nationalstolzes. Für diese seine ureigenste Überzeugung fiel er gleich zu Begin der Feldzüge durch entschiedene Kampfbereitschaft seinen Vorgesetzten und Kameraden auf, was ihm schon in kurzer Zeit zum Verhängnis werden sollte.
Die letzten Nachrichten von Hans, noch in Freiheit abgeschickt, fanden den Weg nach Hause, wo nur noch seine Mutter verblieb. Der Vater und Bruder befanden sich ebenfalls im Felde.
Am 1. September 1914 schrieb er aus Moyenmoutier an Maria, der neuvermählten Frau seines Bruders Fritz, eine Feldpostkarte aus Lothringen und drückte sein Beileid über eine jähe Tragödie in der Familie aus. Freiherr Heinrich Rüdt von Collenberg, der Bruder von Maria fiel bereits in den ersten Tagen des Krieges in Nordfrankreich:
"Meine liebe, gute Maria! Tief erschüttert von dem Heldentode deines lieben Bruders Heini spreche ich dir meine herzlichste Anteilnahme aus u. kann dir als Trost sagen, daß er seine Pflicht getan u. unzählige Schwestern dein Los teilen. Bleibe stark!
Bis jetzt gute Nachrichten von Fritz! Ich weiß, daß du sogar soviel Kraft hast deine Mutter zu trösten. Grüße sie bitte recht herzlich von mir! Hoffentlich geht es dir wieder besser u. du kannst das Bett verlassen. Mir geht es gut!
Dein Hans.
Absender: Lt. v. Hoffmeister, 2. Esk. R. Drag. 8 [2. Eskadron Reserve-Dragonerregiment 8], 28. Reserve-Division, 14. Reserve-Armee Corps"
Hans hatte mit seiner Einheit bislang nur wenige militärische Lorbeeren ernten können, und er teilte seiner Mutter am 4. September aus Étival [Vogesen] "auf einem Briefpapier des Café-Hôtel de la Gare" mit:
"Liebe Mutter!
Tausend Grüße dir und der lieben Großmutter von Étival, was etwa 15 km nordwestl. von St. Dié liegt. Seit Moyenmoutier, was etwa 5 km von hier liegt, sind wir nicht vorwärts gekommen. Die Franzosen haben sich so gut verschanzt u. die Artillerie schießt so ausgezeichnet, daß wir von allen Seiten Verstärkungen, vor allem Artillerie heranziehen müssen. Die Kavallerie ist augenblicklich nutzlos und ist hinter der Front.
[Die Bemerkung von Hans an seine Mutter über die Ineffektivität der Pferde wurde sehr bald auf hoher Entscheidungsebene zum Thema von Militärstrategen. In der neuen Realität des Krieges spielte die Kavallerie für Attacken schon nach den ersten Wochen keine Rolle mehr. Schnell wurde klar, dass Pferd und Reiter ein leichtes Ziel für Artillerie und Maschinengewehr abgaben. Besonders an der Westfront mit dem aufkommenden Stellungskrieg machten die neuen Waffen den Kampf zu Pferde obsolet. Die Kavalleristen wurden darauf meist in Infanterie-Einheiten integriert. An der Ostfront fiel die Kavallerie noch weitaus stärker ins Gewicht. Der Krieg blieb lange ein Bewegungskrieg und die Reiter mussten große Strecken zurücklegen.]
So liegen wir nun schon seit Tagen untätig und sehen ganze Wagen verwundete Infanteristen u. Artilleristen vorbeikommen. Bis Épinal, einer starken Festung, wohin die Franzosen am Ende ja doch geworfen wurden, sehe ich überhaupt keine Verwendung für Kavallerie und was nach Épinal wird, kann kein Mensch voraus wissen. Allgemeine Ansicht hier ist, daß der Krieg Anfang Dezember mit Frankreich zu Ende ist, in Anbetracht unserer Angriffsweise, unserer überlegenen Fußartillerie [Die Bedienungsmannschaften der Fußartillerie waren im Unterschied zur fahrenden bzw, berittenen Feldartillerie nicht zu Pferde sondern marschierten zu Fuß.] u. vor allen Dingen in Anbetracht des Mangels an Geld.
Wie es aber dann mit Rußland u. England wird (mit Japan rechne ich nicht) u. ob wir ev. noch nach Rußland geschickt werden, darüber kann jetzt noch nicht gesprochen werden.
[Am 23. August 1914 hatte Japan dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und mit der Belagerung der deutschen Kolonie Kiautschou in China begonnen. In auswegloser Lage musste sich der deutsche Gouverneur am 7. November 1914 den weitaus überlegenen Angreifern ergeben. Auch deutsche Besitzungen in der Südsee wurden von den Japanern eingenommen. Ansonsten spielte der Krieg gegen Japan sowohl an der West- als auch an der Ostfront keine Rolle].
Ach Gott, wie gerne wäre ich jetzt bei euch, wenn es auch nur für ein Viertelstündchen wäre. Wie freue ich mich, wenn ich erst zurückkomme. Offen gestanden: vorwärts zu gehen von Gefecht zu Gefecht, ist großartig u. schön; aber untätig herum zu liegen mit dem Bewußtsein, doch nicht arbeiten zu können, ist niederdrückend. Hoffentlich geht es bald wieder vorwärts.
Was macht Maria? Ist sie sehr unglücklich wegen des Tods ihres Bruders? Die arme, wie gerne wollte ich sie trösten. Und ihre Mutter? Von Fritz u. Vater habe ich bis jetzt gute Nachrichten. Als Eskadronsführer [kleinste berittene Einheit] ist er ja nicht solchen Gefahren ausgesetzt als wie als Patrouillenführer. Was macht Louis Rüdt?
Heute ist es nach verschiedenen kalten Tagen einmal wieder sehr heiß, die Nächte sind aber immer nebelich u. empfindlich kalt; daher muß man aufpassen. Die Ruhr hat auch schon eingesetzt.
Grüße an Wolff's, wenn du sie erreichen kannst. Der junge Wolff, der bei den Husaren in Cassel stand, ist gefallen - so viel ich höre. Die arme Mutter!
Was mich ärgert, ist, daß ich nicht bei einem aktiven Regiment bin. Bei einem solchen Reserve-Dragoner Regt, wo man die Mannschaft nicht kennt u. die Pferde schlecht sind, ist es eine halbe Sache. Trotzdem tut man seine Pflicht da, wohin man gestellt ist.
Zu deinem Geburtstag, den du bald unter besonderen Umständen begehen wirst, wünsche ich dir alles Gute, vor allem, daß Vater u. wir gesund vom Feldzug heimkehren. Am 1. September habe ich 300 M (mein Gehalt) an dich überweisen lassen.
Die ganze Gegend ist hier ausgesogen. Schon seit 10 Tagen leben 2 Armeekorps um Étival. Die Bevölkerung ist hier nicht so gehässig und fast möchte man sagen, freundlich. Großer Deutschenhass ist hier sicherlich nicht vorhanden. Wie interessant wäre es, jetzt eine Stunde auf den Boulevards in Paris spazieren zu gehen? Ob dort schon Revolution ist? Gefangene sagen, der Krieg sei gar nicht populär. Ganze Regimenter haben sich ergeben. Was sagst du zu unseren Erfolgen gegen Rußland? 60 000 Gefangene! Kaum zu glauben!
[Die deutschen Verbände hatten zu Beginn des Krieges eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen, die russische 2. Armee wurde in der Schlacht bei Tannenberg fast vollständig zerschlagen. Wenig später, vom 8. bis 10. September unterlag auch die russische 1. Armee in der Schlacht an den Maurischen Seen. Das Ergebnis war u. a. eine große Anzahl russischer Gefangener.
Die Hoffnungen von Hans über revolutionäre Entwicklungen in Frankreich waren indes trügerisch. Es gab zwar Ende Juli 1914 in Paris eine gewaltige Demonstration von ca. 50 000 Menschen gegen den Krieg, von Gewerkschaften organisiert. Auch in den Provinzen formierten sich verschiedentliche Aufmärsche dieser Art. Diese setzten sich bis in den August fort. Von einer Revolution waren die Zustände jedoch weit entfernt. In der Bevölkerung wurde der Krieg weitgehend als gerecht und notwendig, sogar als heilig, und keineswegs als unpopulär empfunden. Dabei spielte die Revanche gegen Deutschland bezüglich Elsass-Lothringen eine entscheidende Rolle, diese wurde rasch zu einem mit Nachdruck verkündeten Ziel. Es herrschte einhelliger Konsens über die Forderung nach Rückgabe der 1871 verlorenen Départements. Dieser Sichtweise konnten sich letztendlich auch die Sozialisten und andere Kriegsgegner nicht entziehen. Der nationale Überschwang durchdrang letzten Endes überzeugend die französische Bevölkerung und gewann die Oberhand.]
Vergiß, wenn ich so schlecht schreibe; aber ich bin sehr müde u. will mich schlafen legen. Schreibe mir nur fleißig; alles interessiert mich bis zu meiner Guitarre u. dem Hundle!
Es küßt euch herzlich Euer Sohn u. Enkel."
Vom 13. Oktober 1914 ist eine Feldpostkarte an Maria datiert:
"Liebe, gute Maria! Herzlichen Gruß dir u. deiner verehrten Mutter aus dem Felde! Fritz geht es gut. Wir sind immer noch hier [Lothringen], doch bald kommen die neuen Korps u. die Mörser u. dann geht es vorwärts.
Momentan habe ich ein großartiges Quartier u. gute Verpflegung, deshalb auch äußerst gute Laune. Ich hoffe aufrichtig, daß es dir gesundheitlich besser geht. Einen herzlichen Gruß an die Gräfin Rüdt u. Louis.
Wann muß Gottfried fort?
Auf Wiedersehen stets dein Hans."
Auch seiner Mutter sandte er am 25. Oktober 1914 gute Nachrichten:
"Liebe Mutter! 1000 Dank für deinen lieben Brief u. die guten Sachen. Alles kann ich gebrauchen. Mein Bursche läßt bestens danken. Wie gut ihr seid! Bald bekommt ihr einen Brief. Wir sind immer noch in derselben Gegend. Vor 10 Tagen Zähringer Löwen II Klasse [Orden] bekommen.
Mir geht es ausgezeichnet u. ich denke oft an euch. Gruß an die lieben Wolffs - stets dein Hans."
... als auch im Osten
[Anmerkung: Alle Datierungen im russischen Machtbereich beruhen in der Abhandlung auf dem Gregorianischen Kalender. Für die deutschen Zeitungen und die ausländische Presse, sowie dem amtlichen Deutschen Heeresbericht galt das ohnehin.]
Im November 1914 trat schon bald an Stelle des Bewegungskrieges der Stellungskrieg in den Schützengräben. Davon war Hans alsbald befreit. Ein Befehl zur Versetzung erreichte Hans am 3. November zum Stab der 41. Infanterie-Division, eine ungewöhnliche Auszeichnung für einen jungen Leutnant der Reserve, möglicherweise haben seine russischen Sprachkenntnisse diese Diirektive beeinflusst. Hans traf in der neuen Dienststelle am 13. des gleichen Monats ein. Am selben Tag sandte er frohgemute Berichte an Vater und Mutter.
Hans verabschiedete sich noch vom bisherigen Einsatzgebiet in Lothringen und teilte Maria mit, der Poststempel ist vom 7. November 1914:
"Im Felde. Liebe Maria! Tausend Grüße Dir u. Gottfried [Gottfried ist der zweite Bruder von Maria, als Leutnant im Norden Frankreichs] noch einmal vor der Abfahrt [nach Galizien]. Dein Brief von gestern hat mir so sehr gefallen. Das Zahnweh hat Gott sie Dank aufgehört. Sei vorsichtig!
Auf ein Wiedersehen nach dem Kriege [!] stets dein Hans."
Hans war ausgesprochen russophil. Er hatte eine regelrechte Wertschätzung für Russland. Dabei ästimierte er die Geschichte, die Traditionen und die Literatur. Vor allen Dingen war er der Sprache zugetan. Hans lernte russisch aus Eigeninitiative und mit Hilfe von Privatlehrern. Der Einfluss seines Vaters spielte dabei sicher eine entscheidende Rolle. Eduard beherrschte die Sprache ziemlich sicher. Als junger Offizier besuchte er Russland, beobachtete Manöver und machte Bekanntschaften. Vom Großherzog lieh er sich russische Literatur aus und diskutierte mit ihm über deren Inhalt. Die Bücher von Eduard, in denen immer wieder Russland mit allen Facetten zur Sprache kam, haben ohne Zweifel zur Sympathie für dieses Land erheblich beigetragen.
Hans traf in Galizien in der unmittelbaren Nähe von Lodz ein und berichtete am 13. November seiner Mutter und Großmutter: „Liebe Mutter und Großmutter! Tausend Grüße auch von Rußland! Wurde in Posen dem 20. Armee Corps zugeteilt und bin jetzt beim Stabe der 41. I.D. [Infanterie-Division], wo es sehr interessant ist und ich sehr nett aufgenommen wurde.“
[Der Divisionsstab war die Führungsebene einer Division. Involviert ist eine größere Anzahl von Offizieren. Der Stab ist aufgegliedert in die Führungsabteilung, die Adjutantur und die Quartiermeisterabteilung]
Des weiteren führte er aus: „Die Quartiere sind durchschnittlich schlecht, Weine gibt es nicht mehr, kaum Liebesgaben [Liebesgaben waren Hilfsgüter-Sendungen, die von der Bevölkerung an die Soldaten an der Front übersandt wurden], auch die Kälte beginnt, dafür ist es aber, und gerade bei einem Divisionsbefehl sehr interessant.“
Die letzten Nachrichten sind datiert vom 19. November 1914, einmal an seine Mutter:
"Liebe Mutter! Tausend Grüße dir aus Rußland! Wie geht es euch? Dir u. der guten Großmutter? Mir geht es ausgezeichnet u. ich fühle mich wohl hier als Ordonnanzoffizier, was sehr interessant [ist]. Bitte benachrichtige Edler (Cafe Wachter) in Heidelberg, daß er mir die Stiefel sofort nachschickt und gleich dazu ein Paar Gummischuhe bequeme; aber nicht zu weit, daß ich hier beim Reiten nichts verliere.
Und dann bitte viel, viel Schokolade u. unsere gute Sahne, wir haben hier vollkommen nichts.
Ersten Tag abschicken. Und nun laßt es euch gut gehen. Unsere Sache geht munter vorwärts! Gruß Hans."
[Ein Ordonannzoffizier ist ein meist dienstjüngerer Offizier, der einem Kommandeur oder Befehlshaber als Helfer beigegeben ist. Sein Aufgabenbereich ist vergleichbar mit dem eines Adjutanten. Es handelt sich bei Ordonannzoffizieren gewöhnlich um ausgesuchte, durch Leistungen und Zuverlässigkeit für ihren Dienst besonders geeignete Persönlichkeiten.]
Und dann an seinen Vater:
"Lieber Vater! Tausend Grüße dir aus Rußland. Bei uns geht es gut vorwärts und ich fühle mich hier sehr wohl.
Bin, wie ich dir schon geschrieben, beim Stabe der 41. I. D. Ordonnanzoffizier u. höre sehr viel von den Operationen. Neulich traf ich Fritz [der auch im Regiment der Badischen Leibdragoner Kämpfe um Lodz bestand], dem es auch noch gut geht. Ob du wohl noch in Magny [bei Metz] bist? Draußen ist es schon kalt und es schneit. Da hast du es in Frankreich wohl besser.
Von zu Hause habe ich seit meinem Besuch in Heidelberg nichts gehört.
Hoffentlich bald auf ein frohes Wiedersehen stets dein Hans." Die in seinem letzten Satz sicher aus tiefstem Herzen gehegte Hoffnung sollte jedoch nicht mehr in Erfüllung gehen. Bereits nach weniger als einer Woche nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Vom 11. November bis zum 5. Dezember 1914 standen sich in der gewaltigen Schlacht um Lodz mehr als 500 000 deutsche und russische Soldaten im Kampf um die Stadt gegenüber. Die verlustreiche Begegnung endete ohne Sieg, die Deutschen konnten aber den erneuten Vormarsch der russischen Truppen auf Ostpreußen stoppen.
Teilnahme an einer verhängnisvollen Aktion
Während heftige Kämpfe im Gange waren, meldete sich Hans mit ungebrochener Kampfmoral am 20. November 1914 freiwillig für einen Stoßtrupp bei Strykow [dt. Strickau, 21 km nordöstlich von Lodz, zu der Zeit etwa 3400 Einwohner]. In einem Feldpostbrief an seine Frau Johanna vom 20. August 1917 berichtete Eduard, dass er den General Reiser zufällig getroffen hatte, der damals als Stellvertreter im November 1916 die 41. Infanterie-Division führte. Diese Einheit hatte schon Lorbeeren bei der Schlacht um Tannenberg erworben. Der Befehlshaber schilderte ihm den Ablauf der verhängnisvoll endenden Aktion.
Nach den Worten des Generals war Hans ein äußerst ehrgeiziger und strebsamer Offizier. Die Frontlage im besagten Abschnitt stellte sich nach seiner Aussage folgendermaßen dar: Die Division lag im Kampf den Feinden gegenüber. In einem besonders vorspringendes Waldstück hatten die Russen Maschinengewehre postiert. Es wurde dann beschlossen, die feindliche Stellung bei Nacht zu nehmen. Dazu wurde eine Abteilung formiert unter der Leitung eines Leutnants. Es meldeten sich ausschließlich Freiwillige, wie Pioniere und Infanterie.
Hans hatte dann durch den Adjutanten General Reiser bitten lassen, ob er sich nicht freiwillig dieser Unternehmung anschließen könne. Er, der General, lehnte es rundweg ab und ließ ihm sagen, dazu wäre er nicht da, er arbeite als Dolmetscheroffizier beim Stabe und hätte dort seine Pflicht zu erfüllen.
Sehr auffällig war, dass Hans ziemlich verstimmt war, er sprach den ganzen Abend kein Wort und starrte immer vor sich hin. Am andern Morgen, die Aktion sollte in der kommenden Nacht stattfinden, kam Hans nochmals zum Adjutanten und bat wieder dringend und inständig um die Erlaubnis. Er machte dabei geltend, dass er sich die Sache überlegt habe und dass er glaube, hierbei als Dolmetscher von echtem Nutzen sein zu können.
Der Adjutant fügte hinzu, dass Hoffmeister ganz unglücklich wäre! Daraufhin riet der General Reiser ihm nochmals dringend ab, dann erteilte er aber doch schlussendlich mit Rücksicht auf den von Hans geltend gemachten Gesichtspunkt die Genehmigung.
Die risikoreiche Aktion wurde durchgeführt. Hans schloss sich an. Sie führte in dieser Nacht zu keinem Ergebnis, die Wachen des Feindes waren zu aufmerksam. Die Eindringlinge wurden bemerkt, die Gruppe überrumpelt und auseinandergesprengt Es kehrten fast alle zurück, nur wenige, darunter Hans, fehlten.
Erst in der kommenden Nacht wurde die feindliche Stellung von den Deutschen ausgehoben und die russische Besatzung zum großen Teil gefangengenommen. Es waren aber inzwischen ganz andere russische Posten am Standort, die nichts von der vorherigen Abteilung wussten.
Der General meinte, Hans wurde mit seiner immerhin lobenswerten Bitte, seinem glühenden Ehrgeiz und dem Verlangen nach dem Eisernen Kreuz 1. Klasse zum Einsatz bewogen. Vom Eisernen Kreuz als seinem höchst erstrebenswerten Wunsch habe Hans im Regiment immer gesprochen. Für ihn endete der Ablauf des riskanten Vorstoßes jedoch in einem Fiasko und letztendlich in unmittelbarer russischer Kriegsgefangenschaft, wie sich später herausstellen sollte.
Trotz des unglücklichen Todes seines Sohnes in der Mongolei konnte Eduard eine Bewunderung und Anerkennung nicht verhehlen, denn im gleichen Brief machte er am Ende noch eine bemerkenswerte Aussage: "Ich sagte ihm [dem General Reiser], daß ich zwar natürlich das schmerzliche Geschick nur tief beklagen könne, andererseits mich aber über den bewiesenen Schneid meines Sohnes, wenn auch meiner Ansicht nach ganz richtig Ehrgeiz der Beweggrund war, nur freuen könne und stolz darauf sei."
Das Abraten des Kommandeurs, ihn an dieser Aktion teilnehmen zu lassen hatte einen für die Division triftigen Grund. Hans hatte als Dolmetscheroffizier in der Truppe einen explizit relevanten Posten zu bekleiden. Seine Aufgabe bestand nicht nur darin, Russen bei der Verfolgung zur Niederlegung der Waffen aufzufordern, von ganz besonderer Bedeutung war die Vernehmung der Gefangenen. Dazu kam noch die Auswertung von Dokumenten, sobald diese in die Hände der deutschen Truppen fielen. Für die militärischen Nachrichtenabteilungen waren Informationen über den Feind von höchster Importanz. Hans war als sprachkundiger Dolmetscher geschätzt weil er militärisches Verständnis besaß und operative Vorgänge beurteilen konnte.
[Das Gebiet von Strykow spielte bei den Kämpfen und Operationen bei der Schlacht um Lodz eine bedeutsame Rolle. Hierbei entbrannten zwischen großen russischen und deutschen Armeeverbänden heftige Auseinandersetzungen. Die eigentliche Schlacht fand am 17. und 18. November 1914 statt. Zu Beginn konnte das russische IV. Armeekorps das deutsche XX. Armeekorps bei Strykow nach Norden zurückwerfen. Das hartnäckige Standhalten bei Strykow war die Absicht der russischen Führung, um eine Verbindung der frischen Korps mit den geschlagenen in der Gegend zu ermöglichen.]
Im Laufe des 26. November, an diesem Tag verschwand Hans bei einem Kommandounternehmen und geriet in russische Gefangenschaft, schaffte es die deutsche Führung unter Aufbietung aller Kräfte, die seit mehreren Tagen bestehende Frontlinie zwischen dem XX. Armeekorps und dem 1. Gardekorps zu schließen. Der linke Flügel des XX. Armeekorps hatte damit die Verbindung mit der 3. Garde-Division wieder hergestellt. Die deutsche 41. Division, in dessen Stab Hans vor seiner Gefangennahme diente, drückte den aus Strykow verdrängten Feind unter Mitwirkung der 3. Garde-Division damit vor sich her. Die wechselnden Machtverhältnisse in der Region um Strykow zeigten sich auch im Abschnitt, in dem Hans gefangengenommen wurde. Einmal dominierten hier die Russen, dann wieder die Deutschen.
Nachdem Hans verschwunden war, operierte die 41. I.D. noch bis zum 16.12.1916 in Stellungsgefechtem bei Strykow. Ab dem 18.12. waren die Truppen dann bei der Schlacht an der Rawka und Bzura im Einsatz. [Die Rawka ist ein Fluss im Bereich der Region Lodz. Die Bzura ist ein Nebenfluss der Weichsel in Zentralpolen.] Ab diesen Zeiten befand sich Hans schon längst in den endlosen Weiten Russlands.
Eine entscheidende strategische Bedeutung erlangte der Ort Strykow auch noch am 26.11., am gleichen Tag, an dem Hans verschwand. Dabei gelang es der deutschen Führung, die seit mehreren Tagen bestehende Frontlücke zwischen dem XX. Armeekorps und dem I. Reserve-Korps zu schließen. Die deutsche 41. Division, in dessen Stab Hans vor seiner Gefangennahme diente, zwang den aus Strykow verdrängten Feind unter Mitwirkung der III. Garde-Division vor sich her. Der über Strykow auf Sierznia [Dorf 5 km südwestlich von Strykow und 16 km nordöstlich von Lodz] vorgegangene Flügel des XX. Armeekorps konnte eine Verbindung mit der III. Garde-Division wieder herstellen.
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Stryków, dt. Strickau, nordöstlich von Lódz. An diesem Ort fan die unglücksselige Aktion statt und hier erfolgte die Gefangennahme von Hans durch die Russen. Quelle: Mapcarta.com |
Hans blieb verschwunden - sein Los ungeklärt
Am 4. Dezember 1914 sandte der unmittelbare Vorgesetzte von Hans, ein Major Wilsdorff, eine Nachricht an seinen Bruder Fritz, der gleichfalls in Galizien an der Front stand, mit dem Inhalt: „Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen leider mitteilen, daß Ihr H. Bruder seit dem 26. v. M. vermißt wird. Am gen. Tage hatte er sich zu einer besonderen Unternehmung freiwillig gemeldet und ist seitdem nicht zurückgekehrt.
Es isr nicht ausgeschlossen, daß er vielleicht in Gefangenschaft geraten ist. Ihrem Herrn Vater ist bereits Mitteilung gemacht worden. [...] Sollten Sie ein Lebenszeichen von Ihrem H. Bruder bekommen, so bitten wir um Mitteilung. Wir hoffen, daß Ihr H. Bruder wohl bald zu unserm Stabe zurück kommt, da wir ihn alle hoch schätzen.“
Die Eltern von Hans verzweifelten ob dieser Nachricht und durchlebten eine schreckliche Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Sein Vater bemühte sich nachhaltig um an Informationen zu gelangen und er benachrichtigte am 16. Dezember 1914 seine Frau: „Welch eine Nacht! Zunächst telegraphierte heute 1 Uhr früh mein Adjutant von Metz aus [Eduard war Kommandeur der Südstellung der Festung Metz] - ich schickte ihn sofort dahin - an den Rittmeister v. Kries, sowie an die Auskunftsstelle für Gefangene Berlin Dorotheenstraße, und dann ich an die 41. Infanteriedivision.
Ich war ganz kopflos. Wo ist unser Hänseken, unser Zuckerschnuttler? Ist er verwundet, gefangen oder gar tot? Das letztere scheint mir nach dem Wortlaut des Briefes unwahrscheinlich, eher das erste u. zweite. [...] Herr Gott, warum muß ich, alter Kerl, immer noch herumlaufen, warum ist für mich keine Kugel gegossen, während ein junges, hoffnungvolles Leben verwirkt sein soll?“
Am 11. Dezember 1914 beschrieb Eduard den gleichen Sachverhalt nochmals seiner Schwiegertochter Maria und merkte noch an: „Das ist ganz schrecklich! Also entweder gefangen oder verwundet und gefangen oder tot! Hergott, was mache ich nur! Dazu hatte ich gestern wieder schweres Gefecht! Was nützen mich alle Erfolge, was nützt es mich, daß man mir die schönste Auszeichnung geben will - mein Junge, mein lieber Junge!
Ich bin ganz verzweifelt, auch meiner Frau wegen und ihrer.Mutter wegen! Wir sind ja nicht die einzigen, das weiß ich wohl, aber der Schlag ist doch sehr schwer! Und nun gerade in Rußland, woher ja gar keine Nachricht zu erhalten ist. Gott stehe uns allen bei! [...]
Ich glaube, wir gehen auch hier bei mir schweren Tagen entgegen. Wie gerne hätte ich für Hänseken mein Leben hingegeben! Ach wie gerne! Denn meine Laufbahn ist bald erfüllt und die seinige lag sonnig vor ihm.“
Auch Fritz war rastlos und eröffnete am gleichen Tag seiner Mutter: „Meine liebe Mutter! Gestern hörte ich auch das entsetzliche, daß Hans vermißt ist. Gleich ritt ich zur 41. Division, ganz hier in der Nähe, um genaueres zu erfahren [Fritz war ebenfalls an der Ostfront bei der Schlacht um Lodz eingesetzt]. [...]
Da nun der Wald von Infanterie besetzt war und noch ist, so ist jedenfalls ausgeschlossen, daß er verwundet liegen geblieben ist, oder von Kosaken weggeschleppt wurde, sondern jedenfalls anständig behandelt wird, denn die Russen sind sehr ordentlich zu Gefangenen [zu Beginn des Krieges war das auf alle Fälle noch korrekt] und namentlich zu Offizieren, zumal er, da er etwas russisch kann, sich verteidigen kann. Hoffentlich habt ihr schon durch das amerikanische Consulat Nachricht. Wenn natürlich das äußerste passiert wäre, so wäre es für uns alle der schwerste Verlust, der uns hat treffen können.“
[Während der Zeit ihrer Neutralität betätigten sich die Vereinigten Staaten als Schutzmacht in Russland für Deutschland und Österreich-Ungarn. Das State Department agierte somit als Kurier zwischen den Kriegsgegnern und ausdrücklich nicht als Verfechter oder Vertreter der deutschen und österreichisch-ungarischen Interessen.]
Offiziere wurden in russischer Gefangenschaft, zumindest generell besser behandelt als Mannschaftsdienstgrade. Als Beleg erzählte Eduard am 2. Januar 1919 nach dem Krieg in einem Brief, dass er mit einem Offizier gesprochen habe, der zwei Jahre in Gefangenschaft war. Dieser führte aus: „Im großen und ganzen hatten es die Offiziere, falls sie keine Fluchtversuche machten, ganz gut."
[Die Besserbehandlung der gefangenen Offizieren gegenüber Mannschaften entsprach der privilegierten Stellung der Offiziere gegenüber Mannschaften im russischen Heer. Nach der Haager Landkriegsordnung erhielten gefangene Offiziere dieselbe Besoldung oder Gage, wie sie die Offiziere gleichen Dienstgrades in dem Lande zusteht, wo sie gefangen gehalten wurden. Ihre Regierung war zur Erstattung verpflichtet. In der Regel waren es 50 Rubel monatlich. In jeder Hinsicht bestand zwischen den Offiziersdienstgraden und den Mannschaften eine tiefe Kluft. Prinzipiell war den Offizieren jeglicher Kontakt mit den Mannschaften verboten und durch die unterschiedlichen Haftbedingungen ergaben sich auch kaum Berührungspunkte. Die ausgesucht gute Behandlung der Offiziere ging mitunter gar noch über die Bestimmungen der Haager LKO hinaus.]
Hans geriet in Kriegsgefangenschaft
Die umfangreichen Nachforschungen nach dem Verbleib von Hans blieben kurzfristig ergebnislos. Die Ungewissheiten liefen zwischen den Familienangehörigen postalisch hin und her, bis Ende Dezember endlich eine erlösende Nachricht eintraf. Es war eine Karte von Hans aus dem Lager Jekaterinburg mit einer Notiz über seine Gefangenschaft, zuvor war er in Tschita inhaftiert gewesen. Eduard meldete die frohe Botschaft sogleich am 27. Dezember seiner Schwiegertochter Maria: „Freue mich unbeschreiblich und unsäglich, daß Hans noch lebt und in russ. Gefangenschaft ist. So hoffe ich bestimmt auf ein Wiedersehen!“
[In der Anfangsphase des Krieges wurden die Offiziere nach ihrer Festsetzung teilweise sogar bewirtet. Offiziere rauchten zusammen und spielten Karten mit den Kommandanten. Das änderte sich aber rapide, besonders bei den gefangenen Soldaten mit Mannschaftsdienstgraden, bei den Offizieren eher weniger. Im Laufe des Krieges nahm die Zahl der Gefangenen enorm zu und die Bedingungen verschlechterten sich zusehends. Die Lager befanden sich dann allgemein in einem katastrophalen Zustand. Die russischen Behörden waren mit der in kurzer Zeit gefangenen Gegner überfordert. Einfache Holzhütten und teilweise Erdbaracken dienten als Unterkünfte.
Es mangelte an Betten, Decken und anständiger Kleidung. Der Transport zu den Lagern erfolgte im Zug, die Gefangenen waren in Viehwaggons untergebracht, die mit einfachen Holzpritschen ausgestattet waren. Ungeziefer und fehlende Sanitäreinrichtungen machten die Reise zur Tortur. Bereits während der Fahrt brachen die ersten Epidemien aus - meist Fleckfieber. Wer am Bestimmungsort ankam hatte oft noch mehrere Kilometer Fußmarsch vor sich.]
Am 1. Januar 1915 sandte Fritz auf einer Feldpostkarte Neujahrswünsche an seine Mutter, dabei konnte er sich einen leicht ironischen Ton über das Los seines Bruders nicht verkneifen und bemerkte in Anspielung auf die Bewunderung für Russland, die Hans empfand: „Meine liebe gute Mutter! Ein herzliches Prost Neujahr. Gestern die Nachricht von Hans bekommen. Gott sei Dank! Nun geht sein Wunsch Rußland kennen zu lernen, sogar kostenlos in Erfüllung. Er ist fein raus, denn den Gefangenen geht es sehr gut, wenn auch Sibirien etwas sehr weit ist [In der Behandlung der gefangenen Offiziere waren 1914 und in der ersten Hälfte 1915 noch keine Unregelmäßigkeiten bekannt]."
Man hörte nun lange nichts von Hans, es mochte an den Haftbedingungen und den öfteren Verlegungen in andere Lager gelegen haben. Jedenfalls räumte Eduard am 21. August 1915 ziemlich besorgt ein: „In Tschita soll Flecktyphus ausgebrochen sein; eine sehr ernste Sache!“
Erster Fluchtversuch aus dem Lager Irkutsk
Hans konnte die Gefangenschaft nicht ertragen, sein Drang nach der Heimat, der Familie und sein Ehrgefühl ließ ihn an nichts anderes als an eine mögliche Flucht denken. Sein persönlicher und unbändiger Ehrgeiz gesellte sich hinzu. Ständig dachte er über Möglichkeiten einer erfolgreichen Flucht nach und evaluierte alle potenziellen Risiken. Im Lager traf er zu seiner Genugtuung und Freude einen weiteren fluchtwilligen Offizier, den Rittmeister [Hauptmann] Max Graeff vom Husaren-Regiment König Humbert Nr. 13, Garnison Diedenhofen/Lothringen.
Nun konnten sie gemeinsam einen Ausbruch organisieren. Als deutsche Offiziere sahen sie es als ihre Vaterlandspflicht an, der Gefangenschaft zu entkommen und wieder zu ihren kämpfenden Einheiten zurückzukehren. Zudem gab es in der deutschen Bevölkerung Auffassungen welche eine Kriegsgefangenschaft als eine Art Drückebergertum betrachtete. In der Heimat urteilte man in einigen Kreisen sehr hart über Kriegsgefangene, besonders über solche, die unverwundet in Gefangenschaft geraten waren. Dieses Attribut konnte sich Hans als künftiger Diplomat kaum anhängen und es war sicher ein wesentlicher zusätzlicher Impetus für seine ständigen Fluchtgedanken.
[Im preußischen Militärsystem galt zudem als unbeschriebenes Gesetz: Jeder Kriegsgefangene ist an seinen Fahneneid gebunden, er ist weiterhin Soldat und soll sich, wenn möglich, durch Flucht aus der Gefangenschaft entziehen. Bei allen kriegsführenden Parteien ist die Auffassung gültig, dass Fluchtversuche als ehrenwerte Unternehmen zu bewerten sind. Dies galt in hohem Maße für Offiziere. Das Gebot war freilich in der Theorie motivierend, aber die Realitäten in den russischen Lagern standen dieser Weisung in den meisten Fällen krass entgegen.]
Jegliche schriftlichen Worte aus der Gefangenschaft waren ein neues Lebenszeichen und hielten immer wieder die Hoffnung auf eine wie auch geartete Rückkehr wach. Unter dem Datum vom 15. Mai 1915 sandte Hans eine lang ersehnte Kunde in die Heimat, auf den ersten Blick erschien die Sendung als eine hübsche touristische Ansichtskarte mit dem Motiv einer orthodoxen Kirche. Die Rückseite offenbarte neben dem Adressenfeld einen schwer lesbaren Text, Hans bedankte sich über eine Nachricht seiner Mutter und erwähnte darauf noch seinen Vater, die Großmutter [Lina Kiehnle, Mutter von Johanna] und Fritz, worüber blieb hingegen im wahrsten Sinne weitgehend im dunkeln.
Die Karte fiel der Zensur zum Opfer und wurde, in recht anschaulichem Modus, willkürlich geschwärzt. Die Zensoren sollten in erster Linie jene Nachrichten unterbinden, die staatliche, im besonderen aber militärische Komplexe berührten. Dies traf in diesem Falle keineswegs zu, beim Inhalt handelte es an sich und auch aus russischer Sichtweise um rein familiäre Banalitäten.
Zur Aufhellung von Gefangennahme und versuchten Fluchten trug der rudimentär entzifferbare Inhalt, auch infolge einer zunehmend verblassenden Schrift, indessen keine wesentliche Aspekte bei. Für die Familie bedeutete das Poststück jedoch eine derart wertvolle Eröffnung aus dem fernen Sibirien, dass die Angehörigen sogar das Datum und das zeitliche Eintreffen am Abend notierten. Zugleich dokumentierte die Karte auf ostentative Weise die Prozeduren der russischen Zensurbehörden, die oft nach Gutdünken verfuhren, wobei auch Nichtigkeiten zur Unlesbarem wurden.
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Quelle: R.A. Achim Jaroschinsky, Halle
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Text, soweit entzifferbar:
„15.V.15
Liebe Mutter! Herzlichen Dank für deine liebe Karte über die ich mich so sehr freute. Hoffentlich ist Vater .....Großmutter u. Fritz .....
Hans“
Rechts oben wurde handschriftlich vermerkt: „er[halten] 7. August 1915 Samstag abend [ ! ]“ Dies bedeutete für den Weg der postalischen Information aus der Gefangenschaft nach Heidelberg eine extrem lange Laufzeit, welche vielfach aber eher die Regel als eine Ausnahme darstellte, oft erreichten die Sendungen ihr Ziel überhaupt nicht.
[Ein fundamentales Medium der Kriegsgefangenen und „vice versa“ für die Angehörigen in der Heimat stellte der Postverkehr dar. Dieser offenbarte eine eindringliche Dokumentation von Gefühlen, Nöten, Sorgen und Hoffnungen. Sehnsucht zur Familie und der Heimat beherrschte die Vorstellungen der Lagerinsassen. Die Post der Gefangenen verkündete ein Lebenszeichen und einen gesundheitlichen Zustand bzw. einen verletzten oder unverletzten Befund, die Gefangenen empfanden es in ihrer Gedankenwelt auch als eine Flucht aus dem Lageralltag.
Die verordneten Regularien ließen nur eine offene Korrespondenz zu, das Briefgeheimnis war außer Kraft gesetzt. Die wahre Situation mit äußerst knappen Worten zu schildern, gestaltete sich nicht einfach. Bestimmte Themen waren tabu, darunter gehörten politische Entwicklungen, der Kriegsverlauf und Zustände im Lager. Kontakt durfte nur mit Angehörigen der Familie aufgenommen werden. Dazu wurden meist Vordrucke bereit gestellt.
Kontrolliert wurden durchweg alle Postsachen, die Zensur spielte eine entscheidende Rolle, dies bezog sich etwa auf die Zeilenanzahl und die Lesbarkeit. Kurzschrift, Ziffern, Codes und Geheimzeichen waren verboten. Die Zahl des genehmigten Postausgangs aus einem Lager war unterschiedlich und oft willkürlich festgelegt, in der Regel waren drei bis vier Karten im Monat erlaubt. Bei misslungenen Fluchtversuchen setzten die Lagerverwaltungen empfindlichen Restriktionen ein, bis zur völligen postalischen Kontaktsperre, dies traf auch Hans und seine Kameraden.
Die Zeitspanne der Postwege von und zu den Kriegsgefangenen war zumeist extrem lang. Dies führte häufig zu Missverständnissen mit großer Tragweite. Oft erreichten nur wenige Sendungen ihr Ziel. Da alle ein-und ausgehende Gefangenenpost mehrfach zensiert wurde, waren die Zensoren vielfach überlastet und vernichteten zur Beschleunigung ganze Stöße von Postsachen. Noch im Dezember 1916 musste die russische Regierung die vielen Klagen als berechtigt anerkennen.]
Hans und Rittmeister Graeff wurden schließlich in das Gefangenenlager Irkutsk verlegt. Edwin Erich Dwinger, der Autor seines autobiografischen Romans Die Armee hinter Stacheldraht befand sich seit Frühjahr 1917 als blutjunger Fähnrich in eben diesem Lager, das nach dessen Aussage außerhalb der Stadt lag. Dwinger beschreibt anhand seiner Tagebuchnotizen exemplarische Realitäten im Bereich dieser restringierenden Einrichtung, in der Hans und sein Kamerad nur kurz zuvor einige Zeit verbrachten. Die Erinnerungen Dwingers enthalten aufschlussreiche Details.
Die Unterbringung erfolgte in einer Steinbaracke, eine erste dringende Aufgabe galt der Vernichtung zahlreicher Ratten, welche nicht beseitigte Typhustote unter den Gefangenen als willkommene Nahrung begrüßten. Anfangs lobt der Autor im Vergleich zu bisher erlebten Lagern die faktischen Verhältnisse: „Es kommen keine Übergriffe vor, fast keine Mißhandlungen.“ Ein Vorfall, der nach dem Modus Potemkin ablief war dann allerdings wenig verwunderlich: Alle Anlagen wurden gründlich gesäubert, die Abortgruben geleert, die Lagerhöfe gekehrt und Kranke tatsächlich in das Lazarett aufgenommen.
Ursächlich war der Besuch der Schwedin Elsa Brandström, welche für das Rote Kreuz angezeigte Standorte in Augenschein nahm. Ein Kamerad Dwingers bedeutete ihr aber unbeobachtet, dass nur ihretwegen derartige Sauberkeit vorherrsche. So war es dann auch, nach der Abreise Brandströms verschlimmerten sich die Zustände in einem eklatanten Prozess. Dwinger fasste es in Worte: „Unsere Kranken erschienen wieder, die Küche schwamm alsbald in ihrem alten Schmutz, statt des uns zustehenden Fleisches gibt es wieder Köpfe und Hufe und Genitalien. Chlorkalk für die Abortgruben wird nicht mehr ausgegeben. Fast automatisch werden auch die Posten grob, scharf, gehässig.“
Derartige Ausprägungen, mehr aber noch ihr unbändige Streben nach Freiheit ließ die beiden einen Ausbruch planen und nach der Absendung einer Nachricht von Hans am 15.5. an die Heimat, auch unumstößlich verwirklichen. Die Realitäten Russlands, besonders in der größeren Reichweite von Irkutsk widersetzten sich ihren projektierten Intentionen. Nach erfolgter aber letztlich durchwegs gescheiterten Flucht.
Beide wagten im Mai 1915 einen Ausbruch, den die einträchtigen Gefährten sicher erst nach der Absendung der Nachricht von Hans vom 15.5. realisierten. Nach der erfolgten aber vergeblich durchgeführten Flucht und der darauf verhängten verschärften Inhaftierung wäre mit sofortiger Wirkung jegliches Privileg zum Schreiben und Versenden einer Karte aus dem Lager kassiert worden. Nach der missglückten Flucht, die zu auffällig war und schnell aufgedeckt wurde, fielen sie in der Nähe von Tschita in die Hände der Russen. Die böse Folge waren verschärfte Haftbedingungen in Einzelzellen. Auf ihrem Gewissen lastete zwar schwer die Vorstellung, dass nach einem gelungenen Ausbruch gewöhnlich auch die Zurückgebliebenen Sanktionen zu erwarten hatten. Dennoch blieben sie unbeirrt bei ihrem Vorhaben.
Aus dieser ersten Flucht sammelten sie wertvolle Erfahrungen und nutzten diese weiterhin unbeirrt für einen zweiten Ausbruch im Frühsommer 1915. Mit aller Sorgfalt wurde dieser geplant und zunächst auch erfolgreich durchgezogen. Der Oberarzt d.R. Rudolf Mohr aus dem sibirischen Lager Dauriya, in der größeren Region der Metropole Tschita, konnte einige Details darüber von den dort später Inhaftierten Graeff und von Hoffmeister in Erfahrung bringen.
Danach nutzten beide während einer erlaubten Badbenutzung einen unbewachten Augenblick, um aus dem Fenster zu klettern. Sie hielten sich danach längere Zeit in der Stadt auf und sondierten ausreichend die Lage. Nach einigen Wochen erschien die Zeit reif zu sein und sie fuhren mit der sibirischen Bahn in die Nähe der mongolisch/chinesischen Hoheitsgebietes. Dabei fielen beide zunächst auch nicht auf. Sie stiegen kurz davor aus dem Zug, um die Passkontrolle zu umgehen, wurden dann aber an der grünen Grenze gefasst weil sie beim Verlassen der Bahn bemerkt wurden.
Die Ergreifung von geflüchteten deutschen Offizieren hatte bei den zuständigen Militärbehörden höchste Priorität, wenn schon deren Flucht nicht verhindert werden konnte. Offiziere waren Entscheidungsträger im Krieg, deshalb wurden alle Mittel und Wege in Bewegung gesetzt, dass weder eine Flucht gelingen konnte oder die Ausbrecher möglich rasch wieder gefasst wurden. Den Lagerkommandanten war auch durchaus bewusst, dass sie bei Nachlässigkeiten in der Bewachung oder gar bei erfolgreichem Fluchten von Soldaten der Mittelmächte oder gar von deren Offizieren disziplinarische Maßnahmen zu erwarten hatten. Es war schließlich die Aufgabe der Militärbehörden, die Gefangenen in einem Lager mit allen zur Verfügung stehen Sicherheitsmaßnahmen zu verwahren. damit die Internierten sich nicht nach gelungener Flucht wiederholt in Gegner verwandelten.
Im sibirischen Gefangenenlager Dauriya
Dwinger wurde im Winter in dieses Lager verbracht, er nennt zwar nicht explizit den Ort Dauriya, aber er erwähnt die Region Transbakaikalien und aus seiner Biografie ist zu entnehmen, dass er in diesem öden und verlassenen Ort einsaß. Nüchtern beschreibt er seine Eindrücke: „Das Land liegt vor uns wie ein Meer, das in starker Dünung erstarrte. […es] steht nackter Boden hervor, manchmal Felsgrund. Nirgends ein Strauch, bis an den Horizont kein Baum.“
[Dauriya befindet sich in der Region Transbaikalien, nahe der chinesischen Grenze, zwischen dem Baikalsee und dem Oberlauf des Amur. Das Dorf liegt im Zabaykalsky Distrikt im östlichsten Winkel des russischen Reiches. Die Niederlassung mit nur wenigen Einwohnern wurde im Jahre 1900 gegründet als Station gleich neben der Trans-Baikal-Eisenbahn. Die Siedlung liegt 50 km südwestlich der nächstgrößeren Stadt, Zabaykalsk.]
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| Quelle: GoogleMaps |
[In winterlichen Zeiten 1917 erreichte Dwinger mit seinen Kameraden dieses Lager. er beschreibt die Einheit als einen gewaltigen Komplex mit angegliederten Offizierslager, von den Mannschaften durch einen Stacheldrahtzaun getrennt, die ganze Anlage u mit einem übermannshohen Bretterzaun umfasst, bekrönt mit Stacheldraht und an den Ecken Postentürme.. Empfangen wurden die neuen Insassen nach Dwingers Beschreibung von etwa 200 bis 300 Offizieren, darunter viele Österreicher, vom Kadett bis zum Obersten. Der Autor vergaß nicht zu erwähnen: „Sie sehen alle verhältnismäßig gut gekleidet aus, nicht so verlumpt wie wir. Ihre Gesichter sind wohl hager, nicht so grau wie unsere.“
Obgleich als Fähnrich, also im Range eines Nachwuchsoffiziers, begibt sich Dwinger mit seinen alten Kameraden, alle nicht im Offiziersstand in die Mannschaftsquarttiere. Die Verhältnisse sind die bereits gewohnten, reichlich üble, nämlich zwei Pritschenreihen übereinander, ungeheizte Öfen, primitive Lampen ohne Öl. Infolge eisiger Nächte in der Steinkaserne holen sich etliche Gefangene ein Blasenleiden. Immerhin war es wieder gestattet nach Hause zu schreiben. Erlaubt sind monatlich vier Karten und ein Brief.]
Nach erbärmlichen Erfahrungen im Lager der Mannschaften wechselte Dwinger mit einem Freund, ebenfalls Fähnrich in der Bereich der Offiziere, der streng abgetrennt war. Die Bedingungen waren kein Vergleich zu den vorherigen Verhältnissen. Dwinger steht damit auch im Einklang mit Aussagen anderer ehemaliger Gefangener. Hans und Hauptmann Graeff erlebten die Vorzüge von Beginn ihrer Einlieferung trotz anfänglicher Separathaft.
Die beiden verschworenen Offiziere waren dabei etwa 60 km von der Station Mandschuria, bereits in der Mongolei, entfernt. Dauriya, gelegen an der sibirischen Eisenbahn, war dabei das nächst gelegene erreichbare Lager, dort wurden die beiden Geflüchteten dann für kurze Zeit eingeliefert. Im Lager waren ca. 8000 Gefangene interniert, darunter etwa 200 Offiziere. [In unterschiedlicher Literatur wird von 10 000 Gefangenen gesprochen, darunter 3000 Offiziere, und wird deshalb auch als Offizierslager bezeichnet.] Dauriya wurde öfters von ehemaligen Gefangenen als vorbildliches Lager beschrieben. Besonders die Freundlichkeit und das Entgegenkommen des Kommandanten machten Eindruck. In den Erinnerungen waren auch diverse Aktivitäten der Insassen noch lebendig. In der Frankfurter Zeitung vom 14. Dezember 1916 erschien ein Beitrag mit dem Titel Daurija. Aus einem sibirischen Gefangenenlager. Dieser bestätigte derlei Aussagen nochmals voll und ganz.
Ein Dr. Heinz Busch schilderte die Verhältnisse, Zustände und Qualitäten ziemlich ausführlich und bezeichnete Dauriya gar als ein „Dorado“ unter den Lagern in Russland. Den Standort allerdings beschrieb er als reichlich trostlos: „Es war eine Welt für sich, dieses Gefangenenlager, nicht abgeschlossen durch hohe Mauern und Drahtzäune, sondern durch die tausend Kilometer weiten Flächen Sibiriens abgeschlossen von jeglicher Kultur.“
Des weiteren definierte er die Einrichtung der Unterkünfte als äußerst bescheiden, leidlich ausgestattet mit eisernen Bettgestelle waren diese nur mit Brettern belegt, zudem fehlten Strohsäcke und Decken. Ein Lob des Autors betraf die Nahrung, er nannte sie „verhältnismäßig gut“ und fügte noch an: „wer Geld hatte, konnte sich neben dem gelieferten Essen manche Leckereien leisten.“ Nach seinen Ausführungen kämen von außerhalb Chinesen ins Lager zur Abhaltung von regelrechten Märkten, ferner blühte ein reger Tauschhandel. Wohlgemerkt, alle diese Wohltaten galten ausnahmslos für Offiziere.
Die Offiziere erhielten pro Monat 50 Rubel, entsprechend internationaler Abmachungen und dem Sold, den gleichrangige russische Offiziere erhielten. Die Zuwendungen mussten vom deutschen Staat beglichen werden. Sie konnten mit dem ausgehändigten Geld in nahegelegenen Orten Geschäfte aufsuchen und dafür Nahrungsmittel einkaufen. Gleichgesinnte Gruppen von Offizieren schlossen sich selbst zu einer eigenen Küche zusammen und versorgten sich somit selbst. Ein Koch aus den Mannschaften bereitete Gerichte zu, die sich von denen der gemeinen Soldaten in gravierender Weise unterschieden. Die elitäre Rangordnung der Offiziere bestand in der Gefangenschaft unvermindert weiter. Der Tisch der Offiziere in Gefangenschaft war oftmals besser gedeckt als bei den Angehörigen in der Heimat.
Die deutschen und österreichisch-ungarischen Insassen, die sogar ihre militärischen Abzeichen behalten durften, vertrieben sich die reichlich vorhandene Zeit oft mit Exerzieren und Spielen. Zweimal in der Woche bot ein bunter Abend ausgesprochenen deutschen Humor und ausufernde Fröhlichkeit, wobei besonders die aufmerksam zuschauenden russischen Wachmannschaften sich dermaßen amüsierten, so dass sie vollends ihre Aufgaben vernachlässigten. Die gemeinschaftlichen Aktivitäten bewegten sich sich auf einem erstaunlich hohem Niveau.
Es bildeten sich Sportgruppen und eine Theatergesellschaft. Konzerte mit Gesang, Darbietungen mit Violine und Laute fanden statt. Daneben wurden berufliche Fachkurse mit richtigen Abschlüssen eingerichtet. Auch bestand die Möglichkeit zum Erlernen von Fremdsprachen. Die Bandbreite war unerschöpflich. Kaum verwunderlich, dass dieses Lager bei ehemaligen Gefangenen in lobenswerter Erinnerung verblieb. Das Nonplusultra war ein Dampfbad, welches jeder Offizier einmal im Monat genießen durfte, eine Annehmlichkeit von der die Mannschaften nur träumen konnten.rubel
Der Lagerfriedhof wurde in vorbildlicher Weise gepflegt und Einzelgrabmale für verstorbene Lagerinsassen angefertigt. Auffällig an diesem Ort, wie auch in anderen russischen Lagern, war die enorme Diskrepanz der Lebensumstände von Offizieren und Mannschaften. Während die Offiziere beim russischen Kaufmann anschreiben ließen, aßen die einfachen Soldaten beispielsweise eingefangene Hunde. Die Offiziere erhielten sogar die Möglichkeit, einmal wöchentlich ein Dampfbad zu genießen.
Der Oberarzt d. R. Rudolf Mohr, ebenfalls als Kriegsgefangener festgehalten, verfasste einen sehr anschaulichen Aufsatz, Erinnerungen an Hans von Hoffmeister. Dauria im Sommer 1915, seine Eindrücke über die Einlieferung und den Aufenthalt der beiden geflüchteten Offiziere Graeff und von Hoffmeister zusammenfassend. Veröffentlicht wurde seine Abhandlung in der Kriegszeitung Nr. 1. Mitteilungen über unsere im Kriege teilnehmenden Korpsbrüder (Universitätsbibliothek Greifswald).
Mohr war ehemals im Corps Pomerania aktiv und mit Hans, der dem Corps Saxonia angehörte und ebenfalls das Band des Corps Pomerania trug, gemeinschaftlich eng verbunden. Als Leidensgenosse berührte ihn die Geschichte der beiden im fernen Sibirien besonders und er notierte etliche Details aus der Erinnerung, denn seine zeitnahen Aufzeichnungen gingen in den Wirren der Gefangenschaft verloren.
Die Nachricht über die neuen Ankömmlinge, die gleich in verschärften Einzelarrest verbracht wurden, entfachte naturgemäß die Neugier bei den übrigen Lagerinsassen über das Los der zwei Offiziere "und wir im Lager anwesenden Deutschen, 16 an der Zahl, hatten ein großes Interesse daran, zu erfahren, wer die Herren seien, und warum sie im Arrest der Garnison untergebracht seien."
Der Kommandant machte auf Mohr den besten Eindruck, er wurde von ihm „als feiner, liebenswürdiger Russe“ beschrieben, der vor dem Krieg in Berlin studiert hatte und gut Deutsch sprach, auch „unterschied [er] sich in vielem von seinen anderen Landsleuten. So ließ er, wie schon bei früheren Anlässen, so auch bei diesen neuen Ankömmlingen sofort zu, daß den beiden Herren das Essen aus unsrer reichsdeutschen Küche geschickt werden konnte. [...] Die Mahlzeiten wurden ihnen hinübergerbacht; einer unserer Burschen machte täglich den etwa 800 m langen Weg aus dem Offizierslager zum Arrestgebäude.
[...] Und bei dieser Gelegenheit erfuhren wir die ersten Einzelheiten. Es war zwar streng verboten, daß der Bursche den Herren das Essen direkt in die Zelle hineinreichte, das sollte stets durch den bewachenden Posten geschehen; auch war zunächst verboten, Rauchmaterialien in die Zelle zu schicken; aber wie das bei ähnlichen Anlässen immer geschah, fanden sich doch Mittel und Wege, um diese Vorschriften zu umgehen. So brachte uns der Bursche zunächst einmal die Namen der beiden Herren, es waren die Rittmeister Graeff und der Leutnant von Hoffmeister.
[...] Ich kam unter Aufsicht des Kommandanten in die kleine, etwa 1 1/2 m breite und 4 1/2 m lange Zelle; darin stand nur eine Holzpritsche und ein Holzschemel mit einem Waschbecken. Das kleine etwa 1 m breite, 45 cm hohe Fenster der Zelle lag etwa in 2 m Höhe an dem oberen Teile der Fensterwand, so daß man keinen Ausblick hatte."
Angetan war später auch der Autor in der Frankfurter Zeitung von der Person des Lagerchefs, den er als eine „gütige Gestalt“ bezeichnete, der viel „deutsche Kultur gesehen und von ihr gelernt“ hätte. Sicher eine ungewöhnliche Charakterisierung eines Lagerkommandanten unter den gängigen Oberhäuptern russischer Gefangenenlager. Als ein Fazit konnte der Schreiber durchaus feststellen: „Das Leben war an und für sich wohl erträglich." Ohne Zweifel bildete Dauriya damit im Bestand der Lager im Zarenreich eine Ausnahmeerscheinung, gerade wenn man etwa die berüchtigte Anlage von Irkutsk als Vergleich heranzieht.
Alle positiven Aussagen über Dauriya stammen aus dem Mund von Offizieren und gelten wohlgemerkt ausschließlich für das abgesonderte Offizierslager. Der Bereich für Mannschaften war in jeder Hinsicht ungleich schlechter angelegt, hier herrschten die gleichen unsäglichen Zustände wie sie allgemein in Lagern Russlands die Regel waren, dazu zählte auch die hinreichend bekannte Stätte in Irkutsk, die bereits zuvor den beiden Entschlossenen als Aufenthalt und behaftet mit unliebsamen Erinnerungen, gedient hatte.
Weil Hans dem Kommandanten eine vermeintliche Magenverstimmung meldete, durfte ihn der deutsche Oberarzt besuchen. Das Leiden war indes nicht von Bedeutung. Hans und seinem Mitgefangenen ging es hauptsächlich um eine lang entbehrte Kontaktaufnahme mit deutschen Landsleuten, sie hatten derlei Interaktionen schon zu lange schmerzlich vermisst. Die übrigen Offiziere im Lager waren wiederum an Neuigkeiten über die Fluchten und deren Begleitumständen der beiden interessiert.
Mohr beschrieb seine Eindrücke beim Besuch von Hoffmeisters in dessen Einzelhaft: „Ich fand in der Zelle den schlanken mit einem Civilanzug aus verschiedenen Mustern bekleideten Leutnant von Hoffmeister. Sein langer, dunkler, struppiger Vollbart gab ihm zu der zusammengesetzten Kleidung ein reichlich romantisches Aussehen.“
Als weitere Vergünstigungen für die Gefangenen konnte der Oberarzt noch erreichen, dass das leidige Tabakverbot aufgehoben wurde. Mohr sagte über das Verdikt: „Bis dahin durften die beiden Arrestanten nicht rauchen, weil man fürchtete, daß ihnen mit diesen Dingen auch vielleicht schriftliche Mitteilungen von draußen zugestellt werden könnten.“
Überdies wurde ein täglicher Ausgang an die frische Luft von einer Stunde gewährt. Der Oberarzt notierte auch: "Herr Lt. Hoffmeister sprach fast fließend russisch; indessen der Kommandant bemerkte, daß der deutsche Akzent in der Aussprache nicht zu verkennen sei."
Die größte Freude löste jedoch die Genehmigung aus, dass Graeff und von Hoffmeister künftig gemeinsam in einer großen Zelle hausen durften. Perfekter konnte es für die beiden nicht kommen, die Verbindlichkeit des verständigen Kommandanten fand die breite Zustimmung aller Gefangenen.
Der Fluchtwille der beiden war unterdessen ungebrochen, hatten sie doch bereits zwei Ausbrüche hinter sich gebracht, wobei alle beide wieder festgesetzt wurden. Dies sagten sie auch dem russischen Lagerkommandanten unverhohlen ins Gesicht, als dieser sie scherzhaft fragte, ob sie nochmals ausrücken wollten. Beider Antwort erfolgte ohne langes Nachdenken: „Sofort bei der nächsten Gelegenheit. [...] Mit dem Maxim Gorki!“ [populärer Name für Züge auf der sibirischen Eisenbahn, die nur Wagen der 4. Klasse führten und auch für Gütertransporte genutzt wurden].
Obgleich es für entflohene deutsche Offiziere nahezu unmöglich und ebenso wenig ratsam war, in näherer oder weiterer Entfernung eines Gefangenenlagers einen Zug zu nutzen, wobei noch hinzukam, dass die Stationen scharf bewacht wurden. Der Verfasser meinte zu diesem heiklen Thema noch im Dezember 1916 - die Verhältnisse dürften sich nicht verändert haben, im Gegenteil - in der Frankfurter Zeitung: „Im allgemeinen scheiterten die Fluchtversuche an den ungeheuren Entfernungen.“ Eine Tatsache, die Max Graeff und Hans sicher auch recht bald wahrnahmen. Ohnehin konnte das Zweigespann keine konkreten Ausbruchspläne evaluieren, da beide kurzfristig- nicht gerade zur ihrer großen Freude - in ein entschieden raueres Lager umziehen mussten.
Der Lagerchef wurde von einem Ausbruchsversuch oder gelungenen Flucht der beiden hingegen verschont, dies hätte für ihn unweigerlich ein Disziplinarverfahren der Militärbehörden bedeutet. Die beiden deutschen Offiziere mussten schon kurz darauf das Lager Dauriya in Richtung Irkutsk verlassen. Offenbar wurden die Haftbedingungen für die beiden in dem einsamen sibirischen Ort an höherer Stelle als zu locker angesehen.
[In den ersten zwei Kriegsjahren wurden Gefangene häufig von Lager zu Lager verschoben, so dass sie teilweise wochenlang unterwegs waren und sie daher nur vereinzelt oder überhaupt keine Post erhielten, das gleiche galt auch für die Mitteilungen aus den Lagern.]
Dritter Fluchtversuch - Repressive Einzelhaft
Infolge wurden die Haftbedingungen in Irkutsk verschärft. Oftmals waren willkürliche Akte der Lagerkommandanten für eine verschärfte Verlegung in den Arrest verantwortlich. Die Härte der Verbüßung war je nach Lust und Laune des Einweisers von großen Unterschieden geprägt und konnte von einer Dauer von acht Tagen durchaus auch aus einem Zeitraum von Wochen bestehen. Die Einschließung bestand gewöhnlich aus einem Aufenthalt in kleinen, dunklen Zellen, ohne Licht, von Ungeziefer verseucht und mit einem Eimer in der Ecke, der als Abort diente.
Dieses absolute und bedingungslose Haftsystem verursacht eine totale Sperre der Kommunikation mit den Angehörigen in der Heimat. Das war auch der Grund, dass monatelang kein Lebenszeichen von Hans in Heidelberg eintraf. In diesem Straflager trafen die beiden Kameraden auf einen weiteren Fluchtwilligen, den Oberleutnant Ludwig von Werner, aus dem Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 13, Garnison Saarlouis. Dieser hatte von den bestehenden künftigen Fluchtplänen der beiden weiterhin fest entschlossenen Wind bekommen, aber auch von ihren vergeblichen Versuchen erfahren. Dennoch ließ auch er sich von den Überlegungen und Vorhaben motivieren und schloss sich ihnen aus innerer Überzeugung an.
Die letzte fehlgeschlagene Flucht und die Enttäuschung darüber überwand Hans hinlänglich unkompliziert und ohne Schwierigkeiten. Die folgenschweren Dimension aller Abläufe nach unmittelbarem Beginn des Krieges ertrug Hans mit einem erstaunlichen innerem Gleichgewicht. In russischer Gewalt bezeugten merkbare Verhaltensweisen seines Naturells überzeugende Charaktermerkmale. Das betraf sowohl den Aufenthalt in kompromisslosen Gefangenenlagern als auch die Planung und Ausführung von Fluchten. Fehlschläge schreckten ihn keineswegs ab, als stressresistenter Optimist fühlte er sich unablässig ermutigt, neuerliche Fluchtversuche zu wagen.. Strikte Selbstdisziplin zeichnete ihn aus, dazu paarte sich unbändiger Ehrgeiz, verflochten mit starker Durchsetzungskraft.
Nicht zu übersehen war eine ausgeprägte Geselligkeit mit offenkundig emotionaler Stabilität. Seine frei gezeigte Zuversicht suchte unentwegt nahen Kontakt zu Mitgefangenen, dabei erwies sich Hans offen kooperativ, hilfsbereit und entwickelte sichtbare Empathie. Seine Offenheit gegenüber Herausforderungen bewies er etwa in der Neigung zur russischen Sprache und der Kultur des zaristischen Reiches, die ihm im Lagerleben und bei Fluchten oftmals wertvolle Dienste leisteten.
Bei Hans trat vorweg ein absichtsvoller Wagemut hervor, evident bewiesen in einer riskanten Kommandoaktion und wiederholten Fluchtversuchen. Manifest erschien sein Hang zu Aktivität und dynamischer Diversifikation. Dabei ging er stetig planend und sorgfältig reflektierend vor. Patriotische Leitbilder über Kaiser und Reich beherrschten seine Gedankenwelt. Bestimmend hierin war das Elternhaus, vor allem sein Vater als Garant preußischer Tugenden, dann die Gemeinschaft in den studentischen Corps sowie der Werdegang zum Reserveoffizier in einer soldatischen Kameradschaft und nicht zuletzt sein leider nur kurz ausgeübter Status als Attaché im Auswärtigen Amt.
Der nunmehrige Dreierbund agierte nun als verschworene Schicksalsgemeinschaft. Die Kameraden, die sich gesucht und gefunden hatten, trachteten nun gemeinsam der Gefangenschaft zu entfliehen, um wieder nach Deutschland zu ihren Einheiten und Familien zu kommen.
Mitte November 1915 berichtete sein Bruder Fritz, zu der Zeit als Oberleutnant im Elsass in Stellungskämpfe verwickelt, dass er von einem erneuten Ausbruch erfahren habe. Die Nachricht von einer wiederholten Flucht der drei Gesinnungsgenossen aus einem Gefangenenlager verbreitete sich rasch und Fritz meinte darob am 14. November 1915: „Meine liebe Mutter! Schrecklich tust du mir wieder leid durch die neue Nachricht von Hansens Flucht. Es ist wieder die Ungewißheit, die ein Mutterherz natürlich sehr erschüttert. Durch das lange Ausbleiben von Nachricht und weil ich das Temperament von Hans ja kenne, schwante mir schon lange Böses. Hans hat es einfach nicht ausgehalten und ist begünstigt durch Kenntnis der Sprache ausgebrochen. Nun braucht man ja nicht gleich das Schlimmste denken, was meiner Ansicht -ich habe noch immer recht behalten - keineswegs ausgeschlossen ist.
Entweder haben sie ihn wieder erwischt und festgesetzt, was man wohl rausbringen müßte oder er ist wirklich über die Grenze gekommen und hält sich in China auf und kann natürlich, weil alles versperrt ist, keine Nachrichten schicken.
Jedenfalls ein Umkommen durch wilde Tiere [...] halte ich für ausgeschlossen und daß er in Ketten arbeitet, auch, denn die Russen sind sehr anständige Leute [nicht mehr bei wiederholten Fluchten!]. Also wollen das Beste hoffen, aber es wäre schon besser gewesen, er hätte uns diese Aufregungen und den neuen Kummer infolge der Ungewißheit erspart.“
Für Graeff und von Hoffmeister war es bereits der dritte Versuch. Er fand im Sommer 1915 statt, angeschlossen hatte sich nun auch der Oberleutnant von Werner. Aber es sollte nicht gelingen, der Ausbruch endete im Fiasko und alle drei landeten wieder im Lager Irkutsk. Von Mai bis September 1915 fanden damit für Graeff und von Hoffmeister immerhin drei vereitelte Fluchten statt, für den Oberleutnant von Werner war es das erste Unternehmen im Verbund mit den neu gefundenen Freunden. Zum Dreigespann gesellte sich noch ein Dr. Genz hinzu, der allerdings nicht fluchtbereit war. Die Russophilie von Hans hatte im Jahre 1915 wohl einen ersten nachhaltigen Dämpfer erlitten. Es gibt keine sicheren Belege, dass die ersten beiden Fluchten aus dem Lager Irkutsk erfolgten. Für den dritten, aber erfolglosen Ausbruch deuteten alle Fakten darauf hin, dass dieser aus einem Gefangenenlager in Irkutsk unternommen wurde.
Eine Bekannte konnte der Familie von Hoffmeister am 2. Januar 1916 mitteilen, dass sie über Umwege von der Rotkreuz-Schwester Frau von Walsleben erfahren hatte, dass diese „ihren Sohn gesehen und gesprochen hat. Sie hätte ihm eine Bettstelle, Stuhl u. Holzschemel gekauft.“[Man kann sich leicht vorstellen, wie karg die Unterbringung zuvor war!]
Die erwähnte Magdalene von Walsleben, welche die Gefangenenlager vom Ural bis Sibirien aus Wohltätigkeit besucht hatte, nahm dann persönlich Kontakt zu Eduards Frau auf und erzählte ihre selbst erlebten Eindrücke. Von seiner Gemahlin übernahm Eduard die überraschende Botschaft und äußerte gegenüber seiner Schwiegertochter Maria in einem Feldpostbrief vom 5. Januar 1916: „Soeben kommt von meiner Frau die Nachricht, daß Frl. v. Walsleben Hans gesehen und gesprochen hat. Er lebt also u. Ist gesund, wenn auch anscheinend aller Bequemlichkeiten beraubt! Das ist scheußlich unangenehm, besonders für ihn! Er lebt aber u. man wird erfahren, wo er ist, und kann ihm nun vielleicht doch helfen! Ich bin ganz glücklich!"
Diese überaus engagierte und mit voller Empathie ausgestattete Frau von Walsleben taucht ebenfalls in den Erinnerungen Dwingers in seinem autobiografischen Roman Die Armee hinter Stacheldraht auf. Der Verfasser beschreibt, daß die Instrumente des Lagerorchesters in Dauriya „zum größten Teil vom blonden Engel [Elsa Brandström] und einer prächtigen deutschen Schwester, einem Fräulein von Walsleben, stammen.“
[Schon bald nach Beginn des Krieges gelang eine enge Zusammenarbeit zwischen den Rotkreuzgliederungen im Deutschen Reich mit den neutralen Rotkreuzgesellschaften Schwedens und Dänemarks als Vermittlern, der Zentrale des internationalen Roten Kreuzes in Genf, sowie Kontakte zum russischen Roten Kreuz und dem türkischen Roten Halbmond. Dabei gewährte man Schwestern vom Roten Kreuz Reisen und den Zutritt zu allen Gefangenenlagern im Russischen Reich. Dadurch konnten erfolgreiche soziale Projekte eine segensreiche Wirkung entfalten. Hochbegehrte Liebesgaben fanden den Weg in die letzten sibirischen Internierungsstätten, darunter zählten etwa Medikamente, Lebensmittel, Decken, Schuhe und Bekleidungsstücke.
Bei Hilfseinsätzen in den russischen Gefangenenlagern konnte Schweden vorweg bemerkenswerte karikative Erfolge erzielen. Im Ersten Weltkrieg blieb Schweden offiziell neutral, betrieb aber regen Handel mit dem Deutschen Reich, was zu einer begrenzten Blockade durch die Ententemächte führte. Die Bevölkerung war durchgehend deutschfreundlich eingestellt.
Die kulturelle Bevorzugung Deutschlands zeigte sich vorab in der Politik, dem Deutschen Reich wurde eine „wohlwollende“ Neutralität zugesichert. Dadurch ermöglichte sich eine internationale Hilfstätigkeit Schwedens in Russland, speziell des Roten Kreuzes. Die schwedische Gesandtschaft in Sf. Petersburg organisierte politische Maßnahmen für humanitäre Einsätze zum Wohle deutscher und österreichisch-ungarischer Kriegsgefangener.
Die Neutralität lebte und Schweden zogen mit der Rotkreuz-Armbinde ins Feld. 1915 reisten 77 schwedische Helfer des Roten Kreuzes nach Sibirien um sich sozial für Gefangene einzusetzen. Ihr Empfang in Russland war nicht überwältigend. Sie wurden wegen Deutschfreundlichkeit, sogar wegen Spionage angeklagt, verhaftet und befanden sich in Lebensgefahr. Das Engagement war nicht einfach und oft mit Risiko beladen.
Im gleichen Jahr brach auch Elsa Brandström, 1888-1948, die Tochter des schwedischen Militärattachés in St. Petersburg in die unwirtlichsten Ecken des russischen Reiches auf, um tätige Hilfe zu leisten und wenigstens eine Grundversorgung in den Lagern zu gewährleisten. Für Brandström begann eine jahrelange Odyssee, die sie ihren Angaben zufolge mit 700 000 Gefangenen in Kontakt brachte. Elsa Brandström erwarb sich durch ihre uneigennützigen Einsätze einen Ruf als „Engel von Sibirien“, sie wurde mehrmals für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen.
Magdalene von Walsleben agierte in vorderer Reihe in dem von Elsa Brandström errichteten Hilfswerk des Roten Kreuzes, u. a. die medizinische Grundversorgung der Gefangenen in Russland sicherzustellen. Daneben wirkten noch die karitativen Schwestern Anni Rothe, Alexandrine Gräfin von Üxküll, Annemarie Wenzel, sowie der Pastor Eduard Juhl.]
Die Geschichte des Freiherrn von Trenck
Um die Januarmitte 1916 traf bei Maria endlich eine ewig erhoffte Nachricht von Hans ein, wiederum aus dem Gefangenenlager Irkutsk. Diese Postsendung war überhaupt die erste Meldung von Hans nach einem über fünf Monate dauernden bangen Hoffen. Die Nachricht befand sich auf der Rückseite einer vorgedruckten Standardkarte, die zwischenzeitlich von den Zensurorganen eingeführt und für Kriegsgefangene bedingungslos vorgeschrieben war. Am linken Rand hieß es auch entsprechend in russischer Schrift. Sinngemäß: „Bekanntmachung. Auf der ausgehenden sowie der eingehenden Karte der Kriegsgefangenen sind ausschließlich offene Mitteilungen erlaubt“. Der Inhalt der Karte erschien zunächst reichlich kryptisch. Eduard konnte dank seiner profunden Geschichtskenntnisse jedoch das aufgeführte Rätsel lösen, worauf er begeistert über den Einfallsreichtum seines Sohnes reagierte.
Die Karte stellte eine Enthüllung mit einer verblüffend genialen Aussage vor. Hans verwob seine vergangenen Taten mit einer Analogie zu den Wagnissen des Freiherrn von Trenck in dessen bekannter Geschichte. Die Postsache mit der verklausulierten Erzählung passierte überraschend ohne nachträgliche Eingriffe die drakonischen Zensurbehörden, obwohl auf der Postsache Ziffern auftauchten. Die römische II bei Friedrich hätte den Zensoren evtl. Vermutungen über eine Armeeformation liefern können. Die Karte fand jedenfalls unbeschadet den Weg nach Heidelberg mit der inhaltlichen Demonstration einer geradezu märchenhaften Parabel.

Vorgedruckter Text an der rechten Seite (sinngemäß):
„Bekanntmachung: ein- und ausgehende Karten der Kriegsgefangenen müssen ausschließlich offen beschriftet werden."
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| Quelle: R.A. Achim Jaroschinsky, Halle |
Text:
„Liebe Maria!
Wie geht es euch allen? Gruß dem Baron Trenck, Friedrichstr. II, Berlin - du kennst ihn ja auch -, ich ließe ihm für seinen liebenswürdigen Vorschlag zu arbeiten, danken; ich habe es 3 mal versucht und es ging nicht. Nunmehr lese ich u. rauche und denke an euch u. so geht die Zeit herum. Was macht Inge? [erstgeborene Tochter seines Bruders] Und der glückliche Vater? Gruß Hans"
Die Zusammenhänge erschienen nach der Auflösung durchaus klar erkennbar. Mit der Friedrichstraße II in Berlin gab Hans einen Hinweis auf den preußischen König Friedrich II. und übermittelte die Episode des Barons Trenck, welcher die Schwester des preußischen Königs liebte. Der Monarch ließ ihn deshalb in der Festung Küstrin festsetzen. Aus der Haft nutzte Trenck dreimal vergeblich eine Möglichkeit zur Flucht, wobei er jedoch jedesmal wieder aufgegriffen wurde.
Eduard war beeindruckt, ja geradezu begeistert, sowohl über die Erfindungsgabe seines Sohnes und natürlich besonders, dass es ihm den Verhältnissen entsprechend leidlich erging. Frohen Herzens berichtete er seiner Frau am 16. Januar 1916: „Also er lebt u. zwar jetzt in Irkutsk, das ist außer allen Zweifel, hat 3 x versucht zu entwischen und ist 3 x gefaßt worden. Gott sei Lob u. Dank. Deshalb hat er auch in seiner Meldung an Maria von Baron Trenck gesprochen!“ Die Eltern von Hans atmeten auf und die Erleichterung war unbeschreiblich.
Eduard bemerkte noch im letzten Satz seines Briefes: "Gewiß ist der unter strenger Contrôle [...]." Man konnte es fast annehmen, dass aus diesen Worten eine offensichtliche Genugtuung und Erleichterung sprach und sein starker Wunsch der Vater des schriftlich fixierten Gedankens war. Der pointierte Ausdruck in der Verwendung des französischen Wortes mit der Prämisse auf eine strenge Aufsicht stärkte in Eduard die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte. Wie sich jedoch bald herausstellen sollte, hegte der Vater vergebliche Erwartungen. Der eiserne Wille von Hans gemeinsam mit seinen gleichgesinnten Freunden erlahmte auch in der Irkutsker Lagerhaft nicht.
Die drei im gemeinsamen Los vereinten Offiziere verband eine enge Partnerschaft, keiner von ihnen wurde je in dem geneinsamen Entschluss zur Flucht schwankend. Obwohl sie aus unseliger Erfahrung hinlänglich wussten, welche Repressionen sie bei einer Ergreifung zu erwarten hatten, beharrten sie unerschütterlich auf ihrer untereinander getroffenen Entscheidung. Mit unbändiger Willenskraft und kaum geminderter Frustrationstoleranz überstanden sie alle gegen sie verhängten strafbewehrten Sanktionen ohne an Geist und Gemüt zu zerbrechen.
[Berüchtigt waren die Haftbedingungen in Irkutsk. Unwillige und nicht konforme Gefangene und gerade auch geflüchtete und wieder aufgegriffene Offiziere waren strengen Haftverschärfungen in Einzelzellen ausgesetzt.]
Bis Jahresende bestanden keine Chancen für einem erneuten Ausbruch. Im März traf noch ein seltenes Lebenszeichen über Hans ein. Sein Vater Eduard, der ein ausgesprochen enges Verhältnis zum großherzoglichen Haus von Baden hatte, teilte mit, dass er am 14. März 1916 ein Telegramm vom Großherzog erhalten hatte: Ein Vetter des Monarchen hatte in Erfahrung gebracht, dass der Leutnant von Hoffmeister in der Baracke 28 des Lagers Irkutsk in Einzelhaft verbringe.
[Eine Einzelhaft wirkt sich auf längere Zeit äußerst destruktiv aus. Soziale Interaktionen sind unmöglich, dazu kommt der Reizentzug, der Häftling wird von Eindrücken total abgeschirmt. Die Menschen werden emotional extrem instabil, Apathie und Depressionen treten auf. Die Einzelhaft hat damit ausgeprägte Auswirkungen auf die geistige und körperliche Gesundheit sowie die soziale Verhaltensweise.]
Dazu meinte sein Vater einigermaßen nüchtern: „Das ist gewiß sehr schwer, besonders für Hans, es ist aber die Folge seines mißlungenen Fluchtversuchs und hätte bei uns wohl zu einer ähnlichen Maßregel geführt.“
Auf monarchischer Ebene entsprachen derartige gegenseitige Informationen gängigen Gepflogenheiten und beruhten auf Gegenseitigkeit trotz mörderischem Kriegsverlauf, die Urgroßmutter von Zar Nikolaus war eine geborene Prinzessin Wilhelmine von Baden. Der eingegangene Report vom großherzoglichen Haus bestätigte glaubhaft die schweren Haftbedingungen und Repressalien.
Ende Juni 1916 lief wieder eine Nachricht von Hans aus dem Gefangenenlager bei seiner Familie in Heidelberg ein. Der Nachrichtenfluss von Hans aus dem Lager Irkutsk hatte sich auch nach der ersten Strafverschärfung erfreulich verbessert. Ein Grund dafür war eine Lockerung der verhängten Strafen. Sein Bruder Fritz konnte seine Mutter nämlich unter dem Datum vom 20. August 1916 mitteilen: "Freue mich, daß von Hans dauernd Nachricht kommt." Auf diesem Weg traf auch die Information einer Infektion ein, ebenso drängende Heimwehgefühle. Derartige Erwähnungen riefen bei Fritz indes nur leichten Spott hervor: "[...] ja Lungenpilz habe auch ich und möchte gern nach Hause." [Aspergillose ist eine Schimmelpilzinfektion durch Aspergillus-Arten.]
[Mangel an staatlichen Hygienemaßnahmen und unzureichende Sanitätsdienste waren für zahlreiche Seuchen verantwortlich. In den Gefangenenlagern traten diese gehäuft auf. Eine typische Lagerinfektion war der Flecktypus. Lungenpilz war dabei eher eine harmlosere Infektion und kaum tödlich.]
In einem Feldpostbrief vom 30.12.1918, Eduard war mit der Auflösung seiner Truppen in Litauen beschäftigt, berichtete er seiner Frau über seine gegenwärtige Lektüre, der Lebensgeschichte des Freiherrn von Trenck, bei der er übrigens ziemlich kritische Abstriche machte. Zwei Jahre nach dem unglücklichen Tod seines Sohnes bemerkte er zum Schluss: "Natürlich liegt für mich das Hauptinteresse [des Trenck-Buches] darin, immer Hans zu sehen, wie er sie 10 000 Meilen entfernt gelesen und sich daran ein Vorbild genommen hat. Ich denke sie für dich nach Hause zu bringen! Er hat das beste erwählt!"
1916: Die sensible Region Äußere Mongolei
Das politische Konstrukt der Äußeren Mongolei im berichteten Zeitraum macht es notwendig, darauf näher einzugehen, auch weil es Reaktionen Russlands, wenn auch nicht verständlich, näher aufzuklären hilft. Die Äußere Mongolei, eingeklemmt zwischen den Mächten Russlands und Chinas, war ständig einer Expansionspolitik beider Staaten ausgesetzt. Die aufgeführten Angaben stammen weitgehend von Alexander Makarov, der eine Abhandlung über die Rechtsstellung der Äußeren Mongolei verfasst hatte, erschienen 1937 im Max-Planck-Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht.
Seit dem 17. Jahrhundert bildete die Äußere Mongolei einen nominellen Bestandteil des chinesischen Reiches. Bedingt durch ihre geographische Lage wurde die Region in der Zeit des Ersten Weltkrieges besonders zu einem bestrebten Objekt der Pekinger Regierung, das Gebiet chinesisch zu kolonisieren und die Ausübung ihrer Regierungsbefugnisse zu stärken. Dem standen jedoch Ambitionen Russlands gegenüber, das Land seinem politischen Einfluss zu unterstellen. Um die Jahrhundertwende fing die chinesische Regierung auf allen Ebenen an, aktiv zu werden.
Das Eindringen des eigentlichen China in die Mongolei stieß auf heftigen Widerstand der mongolischen Nomadenstämme. Seit Beginn der aktivistischen Politik der Pekinger Regierung hatten sich die mongolischen Fürsten mehrmals an den russischen Vertreter in Urga mit der Bitte um Hilfe gewandt. Abgeordnete der Mongolei wurden 1911 in St.Petersburg empfangen und ihnen eine gewisse Unterstützung versprochen. Ebenfalls im Jahre 1911 wurde ein Programm beschlossen, nämlich dass Russland eine Vermittlungsaktion zwischen der Mongolei und China in die Wege leiten sollte auf der Grundlage der Beibehaltung der mongolischen Autonomie, aber unter Vermeidung völliger Lostrennung von China.
Nach etlichen Disputen kam es zu einem russisch/mongolischen Abkommen, das von China wiederum nicht anerkannt wurde. Im Herbst 1913 endlich ist die russisch/chinesische Deklaration in Peking unterzeichnet worden, sie enthielt von der Seite Russlands die Anerkennung der chinesischen Souveränität über die Äußere Mongolei und deren Autonomie seitens Chinas. Die Verhandlungen gestalteten sich im Laufe als äußerst aufwendig und schwierig. Allerdings wollte die russische Regierung China nur eine Suzeränität (Oberhoheit eines Staates über einen anderen Staat) zugestehen. Es ging ständig hin und her, keine Seite war mit den Ergebnissen zufrieden.
Im November 1913 ist die russisch/chinesische Deklaration in Peking unterzeichnet worden. Sie enthielt die Anerkennung der chinesischen Suzeränität über die Äußere Mongolei seitens Russlands und deren Autonomie seitens Chinas. China übernahm die Verpflichtung, die Autonomie der Äußeren Mongolei in allen Fragen der inneren Verwaltung, des Handels und der Industrie zu respektieren ,keine Streitkräfte dahin zu schicken und das Land auch nicht zu kolonisieren. Ein chinesischer Würdenträger durfte in Urga die chinesischen Interessen wahrnehmen. Es hakte jedoch weiterhin erheblich.
Die Nachricht über die russisch/chinesische Deklaration verursachte bei den Mongolen tiefe Enttäuschung. Diese wollten noch immer eine völlige Unabhängigkeit des mongolischen Staates erzielen. Es kam infolge zu Dreierverhandlungen, also von China, Russland und der Mongolei. Diese wurden in Kjachta 1914 eröffnet, also gerade an dem Ort an der Grenze, von wo aus Hans und seine Kameraden von Russland in die Äußere Mongolei flüchteten. Die Gestaltung war ununterbrochen extrem schwierig. Nach monatelangen Verhandlungen gelang im Juni 1915 die Unterzeichnung eines Dreierabkommens von Vertretern aus China, Russland und der Äußeren Mongolei. Es erwies sich allerdings infolge als wenig stabil.
Gemäß Art. 10 des Dreierabkommens sollte ein Dignitaire Chinois (Chinesischer Würdenträger, Diplomatensprache) in Urga eine Kontrolle über die Tätigkeit der mongolischen Regierung ausüben, damit die Grenzen der mongolischen Autonomie nicht überschritten und die Suzeränitätsrechte Chinas nicht verletzt würden. Eine Einmischung in die mongolischen autonomen Angelegenheiten verboten sich die russische und die chinesische Regierung gegenseitig. Die Kontrolle der äußeren Beziehungen des mongolischen Staates stand nicht nur China, sondern auch Russland zu, dem die Beteiligung an der Behandlung politischer und territorialer Fragen zugesichert war.
Eine wirkliche Autonomie von Russland und China wurde nicht erreicht. Die Konferenz legte schließlich fest
> Die Äußere Mongolei erkennt die Oberhoheit (Suzeränität) Chinas an.
> China und Russland erkennen die Autonomie der Äußeren Mongolei an.
>. Die Äußere Mongolei schließt mit ausländischen Mächten keine
keine Verträge über politische oder territoriale Belange ab.
Damit stand letztendlich fest, dass sich die Äußere Mongolei nach den Dreierabkommen in der russischen Grenzstadt Kjachta unter der Souveränität Chinas befand, während Russland ein Protektorat ausübte. Es handelte sich dabei um einen komplizierten Balanceakt, der sich de facto als zunehmend labil erwies.
Im Endeffekt war die Konferenz ein Erfolg der russischen Diplomatie und spiegelte eine aggressive Expansionspolitik wider. Eine Hauptrolle spielte Alexander Miller, der Generalkonsul Russlands in Urga, der sich in der Folge äußerst selbstbewusst aufführte und den mongolischen Beamten wenig Respekt entgegenbrachte, diese sogar für inkompetent hielt. Das zaristische Reich sicherte sich einen riesigen Einfluss auf den Gebieten des Postwesens, des Telegrafendienstes und den Eisenbahnen, untermauert auch durch entsprechende Handelsverträge. Russische Truppeneinheiten, zusammen mit Militärberatern, wurden in der Region stationiert. Ein Kontingent von hundertfünfzig sibirischen Kosaken wurde als Schutz dem Generalkonsulat in Urga zugestanden. Es wurde eine mongolische Militärbrigade aufgestellt und desgleichen Waffenlieferungen aus Russland organisiert.
Frau Prof. Sizova aus der National Research University Higher School of Economics in Moskau machte in ihrem Aufsatz über die Rolle der russischen Konsuln in der Äußeren Mongolei treffende Aussagen: "... the consulates possessed an exterritorial right and consular jurisdiction." Dies betraf ausdrücklich auch den politischen Sektor: "... the consuls also served as diplomatic representatives and political agents", was im Normalfall eher ungewöhnlich für Konsuln zutraf. Ihre Kompetenzen reichten weit: "... the consuls were quite autonomous in decision-making."
Ab dem Jahre 1913 spielte Alexander Miller die Hauptrolle als Generalkonsul in Urga. In den Verhandlungen von Kjachta 1915 wird dieser als "offensive" beschrieben. Daneben war noch Vladimir Lavdovsky als Vizekonsul im Urgaer Konsulat tätig. Der Generalkonsul hatte als bestätigter "diplomatic agent" für Russland alle Fäden in der Hand, er spielte auch in der Tötung der Drei eine zumindest, gelinde ausgedrückt, umstrittene Rolle.
Letzte Flucht aus dem Lager Troizkosawsk
[Anfang November 1916 wurde wieder einmal eine Verlegung der drei Schicksalsgenossen vorgenommen. Eine erneute Internierung verhieß das Gefangenenlager Troizkosawsk. Es diente vornehmlich als Sammelplatz für Offiziere der Mittelmächte und lag in gottverlassener und einsamer sibirischer Landschaft.
Troizkosawsk befindet sich in der Region Transbaikalien in unmittelbarer Nähe von Kjachta, einer Stadt mit damals ca. 10 000 Einwohnern. In einem sandigen Bergtal des Selengagebirges stehen die wenigen Häuser am rechten und linken Ufer des Flüsschens Kjachta, gleichnamig mit der nahen Stadt. Troizkosaesk war Sitz des Befehlshabers der transbaikalischen Kosaken. Es liegt nur 4 km von der chinesisch/mongolischen Grenze entfernt. Diese große Nähe ist an für sich schon eine provokative Einladung zu Fluchtversuchen. Es ist eine Überlegung wert, warum die russischen Militärbehörden die hinreichend erfahrenen Ausbruchsexperten ausgerechnet an diesen Ort verbannt hatten.
1728 entstand etwas nördlich von Kjachta zum Schutz der Handelswege die Festung Troizkosawsk, benannt nach der Dreifaltigkeit sowie dem Vornamen des russischen Diplomaten serbischer Abstammung Sava Lukitsch Ragusinski-Wladislawitsch. Der Ort liegt 4 km von der damals chinesischen Grenze entfernt. 1934 erfolgte ein Zusammenschluss beider Niederlassungen unter dem Namen Kjachta.]
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| Troizkosawsk. Der Ort, an dem sich das letzte Lager befand, aus dem die drei Offiziere geflohen sind. In einem alten Lexkon wird Troizkosawsk als "großer wohlgebauter Ort mit Kirchen und steinernen Gebäuden [üblicherweise Holzbauten], freundlich und schmuck wie keine andere sibirische Stadt." Quelle: Bulstrode. A Tour in Mongolia. |
Nach Verbüßung des Einzelarrests in Irkutsk wurden die drei Offiziere am 7. Oktober 1916 in das einsam gelegene sibirische Lager Troizkosawsk in Transbaikalien an der mongolische Grenze zu China verlegt. In diesem ausgesprochenen Verbannungsort hielten es die drei nur kurze Zeit aus. Zum Überleben auf der Flucht hatten sie einiges von den ihnen zustehenden monatlichen Verpflegungsgeldern angespart, damit sie unterwegs Nahrungsmittel in der Mongolei erwerben konnten. Sicher hatten sie sich auch Informationen bei mongolischen Händlern eingeholt oder sich besorgen lassen, bevor sie gemeinsam beschlossen in die Freiheit verheißende Mongolei aufzubrechen.
Hans war bereits Attaché und hatte ein Jurastudium erfolgreich beendet. Er hatte sich auf das Völkerrecht verlegt, dafür sprach schon seine begonnene - leider nicht beendete - Dissertation über die Dardanellenfrage. Man musste davon ausgehen, dass er wohl über die historischen und politischen Hintergründe der Region informiert war und daher natürlich auch die Souveränitätsanspruche Chinas über dieses Gebiet kannte. Es erscheint aber fraglich, ob er über das vor einem Jahr geschlossene Abkommen zwischen China, Russland und der Äußeren Mongolei Kenntnis hatte, da er zu der Zeit in Irkutsk streng isoliert inhaftiert war. Sobald sie die Grenze überschritten hatten, wiegten sich alle drei in vermutlicher Sicherheit.
Die Energie und der unbändige Wille von Hans und seinen Mitstreitern in der Lagerhaft erlahmten keineswegs. Mit unermüdlicher Aktivität wurden sofort wieder Pläne für einen Ausbruch geschmiedet. Am 8. November 1916 war es soweit, also bereits nach vier Wochen einer erneuten Gefangennahme nach erfolglosem Fluchtversuch. An diesem schicksalshaften Tag gelang den drei Kameraden eine spektakuläre und vor allem erfolgreiche Flucht aus dem strengen sibirischen Verbannungsort Troizkosawsk. Für Hans war es nun bereits der eindrucksvolle vierte Versuch. Seine Mutter hielt in ihrem Notizbuch fest, dass der Ausbruch an einem Mittwoch zwischen 18 und 19 Uhr stattfand.
[Spektakulär ist die Tatsache, dass die drei Fluchtwilligen zeitgleich einen Mitgefangenen hatten, der es später in Österreich und auch international zu großem politischen Einfluss brachte. Es handelte sich um den Juden Otto Bauer, 1881-1931, den Begründer des Austromarxismus. Wie Hans, auch Leutnant d. R. geriet er früh in russische Gefanpgenschaft und wurde im Herbst 1915 in das Lager Troizkosawsk verlegt.
Bauer sah sich schon früh als Anhänger der Sozialdemokratie, im Lager verfasste er eine grundlegende politisch-theoretische Arbeit „Das Weltbild des Kapitalismus“. In der Einleitung hieß es: „Die Studie, die ich hier der Öffentlichkeit übergebe, ist ein Teil einer größeren Arbeit, die ich im Jahre 1916 in dem sibirischen Kriegsgefangenenlager bei Troizkosawsk, nächst der mongolischen Grenze, geschrieben habe.“
Auf Veranlassung der russischen Militärbehörden wurde Bauer im Juli 1917 nach Petrograd verbracht, wo er engen Kontakt zu den Menschewiki pflegte. Er war der festen Überzeugung, dass der Weltkrieg eine solche Dynamik entfaltete, die notwendigerweise in soziale und nationale Revolutionen umschlagen müssten. Seine zunehmend pointierte Anschauungen hatten ihn zu einem überzeugten Anhänger einer reinen Lehre des „marxistischen Zentrums“ werden lassen.
Bauer stieg damit endgültig als Theoretiker in die erste Reihe der Sozialistischen Internationale auf. Von 1918 bis 1919 war er Außenminister der Republik Deutschösterreich. Bauer galt auch als geistiger Vater des „roten Wien“. Im Laufe der Jahre übte er erheblichen Einfluss auf die Innen-und Außenpolitik Österreichs aus, aber auch im internationalen Sozialismus.
Bauer emigrierte 1934 zuerst nach Brünn, später nach Brüssel und Paris.]
Es war einigermaßen bemerkenswert, dass Otto Bauer ein Lagergenosse im letzten Aufenthalt der drei Fluchtwilligen war. Ein potenzieller Kontakt während der kurzen Zeit von etwa vier Wochen im Lager war eher unwahrscheinlich und wäre wohl eher unerquicklich verlaufen, zu konträr waren die gegenseitigen politischen Auffassungen. Die Ideen Bauers galten nach dem Verständnis der preußischen Offiziere „par excellence“ als offen staatsfeindlich. Die Anwesenheit eines überzeugten Sozialisten, der für eine politische Neuordnung eintrat, waren schon unterschwellig erste Anzeichen einer kommenden Zeitenwende mit künftigen Auseinandersetzungen. Unbestritten ist jedenfalls, dass Bauer die Flucht der Drei hautnah erlebte, es handelte sich immerhin um einen nicht alltäglichem Vorgang im Lager, der alle Insassen berührte. Umso größer war die Betroffenheit, als die widerrechtliche Tötung der Drei bekannt wurde.
Da das Lager nicht weit von der mongolischen Grenze entfernt lag, hatten die Flüchtlinge eine vergleichsweise kurze Strecke zurückzulegen, um auf vermeintlich sicheres und neutrales Territorium zu gelangen. Sie schlichen über die nahe Trennlinie zur Äußeren Mongolei, gerade im Bereich des Ortes, wo vor eineinhalb Jahren die Dreierkonferenz stattfand, bei der China die Souveränität über die Äußere Mongolei zugestanden wurde. Dieser Fakt war sicher ein positiver Aspekt, der ihre Flucht begünstigte. Gleichwohl ist nicht anzunehmen, dass ihnen diese Tatsache wohl bekannt war, da sie zu der Zeit in einem Irkutsker Gefangenenlager einsaßen.
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| Die Fluchtstrecke von Kjachta/Troízkosawsk nach Urga (Ulan Bator, damals staatsrechtlich chinesisches Territorium, heute Mongolei, die erste Station ihrer Flucht) |
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| 8500 Kilometer fern seiner Heimatstadt Heidelberg war Urga die erste glücklich erreichte Fluchtstation (heute: Ulan Bator [russischer Terminus]. Ulaan Baatar ist die von den Mongolen bevorzugte Schreibweise). |
[Die mongolischen Einwohner standen ihnen äußerst wohlwollend gegenüber. Deutsche hatten eine guten Ruf im Lande, Widrigkeiten waren daher keine zu erwarten. Das Verhältnis des Deutschen Reiches zur Mongolei war ausgesprochen gut, deutsche Kapazitäten sorgten seit dem 18. Jahrhundert für eine fruchtbare gegenseitige Bereicherung auf wissenschaftlichen und kulturellen Gebieten. Der Mythos des fernen Landes und die Erben Dschingis Khans übten eine magische Faszination aus.
Bereits im Jahre 1776 erschien aus der Feder des preußischen Forschungsreisenden Peter Simon Pallas (1741-1811) das Werk: Sammlung historischer Nachrichten über die mongolischen Völkerschaften. Im 19. Jahrhundert fanden zunehmend Reisende und Schriftsteller den Weg in die Mongolei. Bahnbrechend waren nach der Jahrhundertwende und danach die Aufenthalte und Berichte von Hermann Consten (1878-1957).
Von Moskau aus, wo er Anthropologie sowie die russische und mongolische Sprache erlernte, reiste Consten 1906 zu Forschungszwecken in die Mongolei. Dabei beschäftigte er sich mit geografischen, kartografischen, archäologischen und ethnologischen Themen. Er fand Zugang als Berater bei mongolischen Fürsten. Während Exkursionen dokumentierte er die Lebensweise, Geschichte und religiösen Bezugspunkte der einzelnen mongolischen Stämme.
Consten war dabei ein wichtiger Informationsgeber für die kaiserliche Gesandtschaft in St. Petersburg. So berichtete er regelmäßig über regionale Machtverschiebungen und die Bestrebungen Chinas, Japans und Russland in der heiklen Region Äußere Mongolei Fuß zu fassen. Das Vertrauensverhältnis ging gar so weit, dass er 1911 den mongolischen Titel Gung, eine Art der Nobilitierung empfangen durfte. Consten entwickelte sich zu einem echten Mongoleispezialisten und verfasste mehrere Bücher über seine intensive Forschungen.]
Nachdem die kleine Gruppe mit zwei angeheuerten Fluchthelfern, die auch Pferde bereitstellten, unbemerkt die Grenze überwunden hatte, ritten die Verschworenen im eisigen Winter, der oft Tagestemperaturen unter - 20° C aufwies. Nicht nur die klimatischen Verhältnisse machten ihnen zu schaffen, auch die schroffe Geographie setzte ihnen zu. Südlich von Kjachta erstreckt sich die Bergkette Hentiyn Nuruu, auch Kentai genannt, bis nach Urga, das auf 1450 m Höhe liegt. Kjachta/Troizkosawsk liegt allein schon 760 m hoch. Ab dem Fluchtpunkt waren dauernd Höhen zu überwinden mit ständiger Erwartung extremer Strapazen. Umgebende Berge und Erhebungen waren teils über 1500 m hoch, dazwischen fanden sie auf der ausgedehnten Hochebene Halbwüste und Steppe. Sicher hatten sie auch die eindrucksvollen Sanddünen bei Khongor passiert. Bei dieser Gewalttour durchquerten sie auch kleine Ansiedlungen, wo Gelegenheit zum Aufstocken von Proviant und Trinkwasser bestand. Dabei musste auch für Übernachtungsplätze gesorgt werden.
Fortbewegung und Kommunikation machten keine Schwierigkeiten, da Hans und Oberleutnant von Werner Russisch beherrschten, welches die Mongolen auch durchwegs verstanden und auch sprachen. Außerdem waren die begleitenden Fluchthelfer eine wertvolle Hilfe. Mit Aufbietung aller Ressourcen und körperlich ausgelaugt überwanden sie eine Strecke von ca. 350 km in einem aufgewandten Zeitraum von etwa 6 bis 7 Tagen, immer in eiligen Schritten unterwegs mögliche Verfolger vermutend. Sie erreichten glücklich das Herzstück der Äußeren Mongolei, die Stadt Urga. Dort angekommen, empfanden die Geflüchteten ein befreiendes Gefühl großer Sicherheit. Die Freude es endlich geschafft zu haben, sollte jedoch nur kurz vorhalten.
Die Drei, die sich im Lager Irkutsk gefunden hatten, bildeten eine besondere Koalition. Hans war der jüngste, neben zwei gestandenen Berufsoffizieren war er Leutnant d. R. und zudem Akademiker mit unübersehbaren studentischen Fechtspuren im Gesicht und gleichzeitig als Attaché Angehöriger des AA in Berlin. Dies sollte ihm noch eine zusätzliche Schlüsselrolle beschaffen.
Eine ausführliche und subtile Reiseplanung
Aus der Schilderung eines Begleiters der späteren Karawane in Richtung Peking ergaben sich äußerst aufschlussreiche Fakten. Ein Gewährsmann in Kalgan übermittelte am 25. Dezember 1916 dessen Augenzeugenbericht Demnach hielten sich die Drei nahezu zwei Wochen im Dienstgebäude des chinesischen Residenten in Urga auf. Die Präsenz diente zuvorderst zur Erholung überstandener Strapazen von der Flucht aus dem sibirischen Gefangenenlager über die Grenze in die für sicher gehaltene Äußere Mongolei.
Dabei hatten sie zwei Fluchthelfer, die mit den Gegebenheiten der Wegstrecke vertraut waren. Es handelte sich um einen Russen und einen Chinesen, die dafür noch einen stattlichen Wegezoll von 200 Rubeln forderten. Die Verpflichtung des Russen stellte sich bald als Verhängnis heraus. Der Berichterstatter erwähnte nämlich: „Ich glaube, daß dieser Russe nach Erfüllung seines Versprechens die 3 Offiziere an den russischen Konsul verraten hat.“ Damit nahm das Unheil seinen Lauf .Während der Anwesenheit im Amtssitz heckte das verschworene Kollektiv ein Konzept für ihr Weiterkommen nach Peking aus. Gemeinsam diskutierte Beiträge formulierten sie handschriftlich auf dem authentischen Briefpapier des chinesischen Residenten, gerichtet an die Kaiserliche Gesandtschaft in Peking:
Eure Exzellenz! nicht datiert.
Eure Exzellenz melden wir gehorsamst, daß es uns gelungen ist aus Troizkossawsk zu entfliehen und Urga zu erreichen. Seine Exzellenz der Herr Gouverneur von Maimatschin hat uns hier aufgenommen, und wird uns zum Weiterkommen behilflich sein. Wir werden mit einer schnell reitenden Karawane am 25. M. hier aufbrechen und sollen nach 18 - 20 Tagen in Kalgan sein [ in Nordchina, 160 km nordwestlich Peking, an der Hauptstrecke der Karawanen bis Peking].
In der Hoffnung, daß Eure Exzellenz uns zur Weiterreise in die Heimat behilflich sein können, machen wir zur Ermöglichung vorbereitender Schritte folgende Angaben:
Max Graeff, Rittmeister im Husaren Regt König Humbert, No 13 in
Diedenhofen, geb. 19.9. 84, 1,73 groß, schlank, blond, 4 Wochen alter
bl. Vollbart, Gesicht oval, Nase gebogen, Mund gew., bes. Kennzeichen:
Narbe am rechten Zeigefinger, erbsengroßer Fleck (Schmerz) am linken
Ohr.
Ludwig v. Werner, Oberlt im Jäg. Regt z. Pferde No 13, Saarlouis, geb. 20.8. 85, 1.90 groß, breit, hellblond, 4 Wochen alter rötl. Vollbart, Gesicht
oval, Nase u. Mund gew. Augen hellblau, Kennzeichen keine,
Sprachkenntnis: geläufig franz. u. engl. ziemlich gut russisch, leidl.
italienisch
Hans v. Hoffmeister, Lt. d. Res im bad. Leib Drag. Regt. No 20 u. Attsche
am Ausw. Amt in Berlin, geb. 19.2. 90, 1.77 groß, schlank, braun, 4 W.
alter brauner Vollbart, Gesicht oval, Nase u. Mund gew. Augen grau.
Bes. Kennzeichen 3 etwa 3 cm lange Schmisse auf linker Stirnseite,
Backe und l. Mundhälfte, Sprachkenntnis: geläufig franz. u. engl.
ziemlich gut russisch
Wir besitzen, um bis Peking zu kommen, noch genug Geld, sind aber dann auf Unterstützung von zu Hause, bzw., wenn das nicht möglich sein sollte, auf Staatsgelder angewiesen. Adressen derjenigen Angehörigen, durch welche am besten Geld zu beschaffen wäre sind:
Rittm. Graeff. Comtesse Henriette Bejarry, Lausanne, Hotel Cecil.
[alte franz. Adelsfamilie]
Oberlt. v. Werner. Kölniische Zeitung, Köln
Lt. v. Hoffmeister. Exzellenz v. Hoffmeister Heidelberg
Ohne Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse haben wir uns unser Fortkommen von Peking am leichtesten auf ausländische Pässe vorgestellt. Rittm. Graeff würde am liebsten als Schweizer reisen. Wenn ein derartiger Pass in Peking nicht zu beschaffen ist, so glaubt er ihn bekommen zu können durch ein Telegramm an seine Cousine Bejarry, mit nachfolgenden Inhalt: Passeport et lettres d‘ affair perduls, toutdesuite autres avec photo per tiocca.
Max Oberlt. v. Werner, Lt. v. Hoffmeister würden am liebsten als Amerikaner reisen, jeder einzeln, aber wenn möglich in Begleitung eines wirklichen Amerikaners, z.b. als Diener oder Reisegefährten. Lt. v. Hoffmeister hat aber hierbei Bedenken wegen seiner 3 Schmisse.
Wir werden in Kalgan bei den Österreicher Heinrich (od. Henrick) Weinhändler , früher in Urga, oder falls dieser nicht mehr dort, bei dem Chinesen K.P. Kinnen, p. Adr. Anderssen, Meyer b. Kalgan, vorsprechen. Letzterer ist ein Freund des Arztes des hiesigen Gouverneurs und soll durchaus zuverlässig sein.
Eure Exzellenz bitten wir uns an eine dieser Adressen befehlen für unser weiteres Verhalten zu senden. Chiffreschlüssel für eine eventuelle chiffrierte Nachrichten : „An die Front“.
Mit der Versicherung der vorzüglichen Hochachtung haben wir die Ehre zu sein
Eure Exzellenz gehorsamste
M. Graeff Rittmeister Hus. Rgt. 13
Ludwig von Werner Oblt im Jäger Rgt zu Pferde No 13
Hans von Hoffmeister Lt d. Res. Leibdrag Regt. 20 und Attache im Auswärtigen Amt in Berlin
Tod in der Wüste Gobi
Nach einem sicher ruhigen und erholsamen Aufenthalt nach den überstandenen Strapazen der Flucht im Amtssitz des Resident Commissioner Chien Lu in Urga, stellte dieser in hoch zu schätzender Anerkennung seiner großen Hilfsbereitschaft einen militärischen Konvoi für die Weiterreise auf der tausendjährigen Karawanenstraße in Richtung Kalgan und Peking [Kalgan,heute: Zhangjiakou, eine Stadt mit über vier Mio Einwohnern, gelegen im Nordwesten Chinas] bereit.
Dessen ungeachtet stand China 1916 dem Deutschen Reich freundschaftlich gegenüber. Das Verhältnis zu Russland war dagegen von frostiger Distanz geprägt. Neben den hegemonialen Bestrebungen des Zarenreiches in der Äußeren Mongolei addierte sich noch die Besetzung der Mandschurei, wobei Russland ein faktisches Protektorat nach seinen Vorstellungen einrichtete. Das Nachbarland offenbarte sich daher in den Augen Chinas als einen fortwährenden, hemmungslosem Aggressor. In ihrer fast germanophilen Vorstellungswelt - trotz des vergangenen blutig beendeten Boxeraufstandes - wirkte auch noch Sun Yat-sen, 1866-1925, chinesischer Revolutionär und Staatsmann, der Deutschland als Modell für das neue China pries.
Die deutschen Offiziere winkte ein sicherer Weg mit chinesischen Soldaten. Ein Gefolgsmann aus diesem Kommando, der „seinen Namen zunächst nicht genannt haben möchte“ und übrigens als einziger und dadurch wertvoller Augenzeuge verblieb, schilderte dem deutschen Konsulat in Kalgan in nüchternen Worten den Ablauf der Reise in einsamer Landschaft. Ein Mitarbeiter der Vertretung übersetzte die Erzählung, wobei diese an die Kaiserliche Gesandtschaft in Peking gelangte und weiter kolportiert wurde.
Zu Beginn seines Berichtes merkte der Konsulatsbeamte nach den Ausführungen des chinesischen Gewährsmannes noch an, dass die Offiziere am 10. November nach gelungener Flucht in Urga eintrafen.. Dies konnte jedoch nicht stimmig sein, der Ausbruch aus dem Lager Troizkosawsk geschah am 8. November. Die Entfernung bis Urga beträgt etwa 350 km. Eine realistische Zeitspanne zur Überwindung dieses unwegsamen Geländes mit Hilfe von Pferden und zwei Fluchthelfern wären zumindest sechs Tage gewesen.
Der Konsulatsbeamte erwähnte am 25. Dezember, dass der Informant vor vier Tagen in Urga ankam und er von ihm die Papiere und Briefschaften des Leutnants Hans von Hoffmeister erhalten hatte, er meinte dazu: „Ich halte es für sicherer, diese Papiere der Kaiserlichen Gesandtschaft nicht mit der Post zu übergeben, sondern sie bei meiner Rückkehr nach Peking abzuliefern.“
Der redselige Chinese setzte sich bereits am 24. November zusammen mit neun Landsleuten, ebenfalls Soldaten, auf Reitkamelen in Richtung Süden auf der uralten Karawanenstraße in Bewegung. Wie verabredet folgten dann am 25. gleichen Monats die drei Deutschen auf Pferden und holten die vorauseilende Kolonne am 26. November ein, um sich anzuschließen und einzugliedern. Die Offiziere tauschten die Pferde mit Reitkamelen, sie erschienen unter dem Schutz von zwei chinesischen Soldaten. Diese kehrten aber nach dem Treffen mit der Gruppe nach Urga zurück. An Waffen trugen zwei der drei - vermutlich die beiden älteren Berufsoffiziere Hauptmann Graeff und Oberleutnant von Werner - Revolver mit Patronen, die zuvor in Urga beschafft wurden.
Der zur Verfügung gestellte Geleitschutz war ein erforderliches Gebot und in vieler Hinsicht unentbehrlich. Räuberische Horden machten Reisen in der Äußeren Mongolei beständig unsicher und lauerten im Hinterhalt auf Beutezüge, oft verschwanden vollständige Karawanen von der Straße.. Mit etwas Glück kamen die Betroffenen mit Lösegeld davon. Abgesehen von derlei Gefahren erwiesen sich die Lebensumstände, darunter fielen auch mehr als ungewöhnliche Mahlzeiten, von seltsamer Eigenart. Häufig begleiteten Läuse, Flöhe und Wanzen die Nachtruhe. Einen wahren Sinn ergaben die Nachtwachen, nicht nur wegen mongolischer Meuten, sondern auch durch bedrohliche Nähe von Raubtieren wie Wölfen und sogar Bären. Wie sich aber alsbald und unerwartet erwies, stellten ihnen keine mongolischen Räuberbanden und auch keine wilden Tiere nach.
Die erste Bestimmung war Kalgan, am Ende der Karawanenstraße. Im Winter schafften Kamele diese Strecke gewöhnlich in 20 bis 30 Tagen, je nach den waltenden Umständen. Der Geleitzug setzte Baktrian-Kamele ein, auch als mongolische Kamele oder in Deutschland als Trampeltiere bekannt. Im Gegensatz zu den arabischen Kamelen weisen diese zwei Höcker auf. Weil sie vor allem gegen Kälte weitgehend unempfindlich sind, bestimmten sie von November bis April das Bild der Karawanen in den Ebenen und Wüsten der Mongolei.
Nach dem Anschluss der drei Kameraden zog die Karawane zügig weiter. Hans übergab derweil seine persönlichen Papiere und Auszeichnungen [unklar was hier gemeint ist, es gab ein Eisernes Kreuz, aber dies gab Hans bereits an Dr. Genz vor seiner Flucht aus dem Lager Irkutsk] an den Zeugen, weil er der Meinung war, diese gut verwahrt zu wissen, da der Vertrauensmann ein chinesischer Staatsbürger war. Die Expedition ritt eine geraume Zeit - es müssen etwa zehn Tage gewesen sein - unbehelligt in eisiger Kälte immer in Richtung Kalgan, Peking Erhebliche Unruhe verbreiteten indes Erzählungen der einheimischen Bevölkerung, dass nachweislich Kosaken in der Gegend umher streiften und nach flüchtigen Kriegsgefangenen Ausschau hielten. Dies ließ bereits starke Befürchtungen aufkommen, dass eine zielbewusste und vorsätzliche Aktion der Russen dahinter stecken könnte.
Es waren nicht allein bloße Gerüchte. Die aufgeschnappten Schilderungen bewahrheiteten sich leider schnell, denn am 5. Dezember 1916 tauchten unversehens sechs bis sieben - genau konnte sich der Begleiter nicht mehr erinnern - gnadenlose sibirische Kosaken zu Pferde auf. Die Bande hatte noch zusätzlich drei mongolische Scouts in ihren Reihen. Dies diente jedenfalls bereits als weiterer Beleg für eine systematische und durchaus geplant durchgeführte Strategie der Verfolger.
Die Kosaken gaben bereits in einer Distanz von 20 bis 30 Schritten Warnschüsse ab, um den Tross zum Halten zu zwingen. Wegen der dicken Pelze über ihren Uniformen konnte der Chinese nicht erkennen, ob ein Offizier oder zumindest ein Unteroffizier als Befehlshaber beteiligt war. Beim Näherkommen hielten sie ihre Gewehre in bedrohlichem Anschlag und schickten sofort die chinesischen Soldaten auf eine Seite, die deutschen Offiziere aber wiesen die Sibiriaken mit erhobenen Händen auf eine gesonderte Stelle.
Ein drastische Befehlston erzwang die sofortige Befolgung. Der Fortgang ereignete sich in Windeseile, von wenigen verbalen Interaktionen begleitet, die von Seiten der Deutschen völlig erfolglos blieben. Nach der befohlenen Aufstellung tasteten die sibirischen Kosaken die Taschen der ergriffenen Offiziere ab. Wertgegenstände konnten sie keine erwarten, allerdings fanden sie auf Anhieb bei Rittmeister Graeff einen Revolver mitsamt Patronen.
Eine Gegenwehr war zu diesem kritischen Zeitpunkt unmöglich und erschien auch ohne jede Aussicht auf Erfolg, der offensive Gewaltstreich gelang der brutal vorgehenden russischen Soldateska koordiniert. Die Kontrollen durch die Übeltäter waren kaum beendet, da ertönte schlagartig das Kommando zum Feuern, und wie es den Anschein hatte, durchaus in Befehlsgewalt geübt. Die Kugeln suchten und fanden treffsicher ihre Ziele. Ein schneller Tod bereitete schließlich im Fernen Osten die lange Reise der Unentwegten. Ein ohne Zögern gelenkter und vollstreckter Akt von endzeitlicher Dramatik.
Graeff und Hans erlagen bereits nach einem Treffer, Oberleutnant von Werner starb nach zwei Schüssen. Nach der Schilderung des im Gefolge der Offiziere beteiligten chinesischen Soldaten wurde die Exekution nicht von der kompletten sibirischen Kosakenmeute verübt, sondern wohl nur von einem oder zwei ausgesuchten Schützen, eine Annahme resultierend aus der Anzahl der abgegebenen Schüsse. Dies konnte man durchaus wiederum als einen Hinweis für eine Steuerung der Untat deuten.
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Landschaft bei Turin, auch als Tuerin bezeichnet, nördlicher Rand der Wüste Gobi. Quelle: Richard Mortel |
Die gleichfalls bewaffnete chinesische Eskorte blieb - obgleich in der Mehrzahl - untätig, sei es aus Furcht vor der aggressiven Einschüchterung oder wahrscheinlicher, um einen schweren diplomatischen Konflikt wegen gegenseitigen Schusswechsels mit russischen Soldaten zu vermeiden. Die chinesische Regierung hatte sich später für die Passivität beim Überfall bei der Kaiserlichen Gesandtschaft entschuldigt, die in dieser Form auch akzeptiert wurde.
Nach der chinesischen Zeitung Cheng-chin-shih-pao vom 24. Dezember ereignete sich die Untat in einer Entfernung von 10 000 Li [die Einheit Li, auch chinesische Meile genannt, entspricht ungefähr 500 m]. Diese Meldung war bewusst überspitzt und dramatisierend, um dem Vorfall ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Die Distanz von Urga nach Turin beträgt etwa 250 km. Die Abteilung war vom 25. November bis zum 5. Dezember 1916 in der Äußeren Mongolei unterwegs.
Das Vorhaben zu der aufwändigen und anstrengenden Tour zielte primär auf die Hauptstadt Chinas. Die Entfernung vom Endpunkt der Karawanenstraße in Kalgan nach Peking misst nur noch etwa 100 km. In der chinesischen Metropole befand sich die Kaiserliche Gesandtschaft, an diese richteten die Drei vordem ihren Brief aus der chinesischen Residenz in Urga. Dort konnten sie auf Instruktionen hoffen und weitere Hilfestellungen erwarten, zumal Hans als künftiger Kollege im Auswärtigen Amt mit zwei Kameraden auftauchen wollte.
Das Bestreben der Drei galt vornehmlich Tientsin, diese Stadt besaß eine deutsche Konzession in einem seperaten Sektor mit vertrauter, nahezu heimischer Umgebung, hier wäre für die Reisenden völlige Sicherheit in westlicher Zivilisation garantiert gewesen. Das erhoffte Hauptziel, gelegen noch in weiter Ferne, war allerdings immer noch das Deutsche Reich mit den vertrauten Truppenteilen der drei Offiziere, um ferner in Erfüllung preußischer Tugenden an entscheidenden Kriegsplätzen zu dienen. [Tientsin, heute Tianjin, eine Stadt mit 13 Mio Einwohnern. In Tientsin bestand von 1899 bis 1917 eine deutsche Konzession, neben anderen europäischen Mächten. Es handelte sich um einen kolonialen Besitz in einem bestimmten Sektor der Stadt.] Die Entfernung von Peking nach Tientsin beträgt auch nur ca. 100 km. Nach dem Ende der Kamelreise in Kalgan erschienen ihnen Peking und Tientsin als leicht und schnell erreichbare Ziele.
Der Überfall ereignete sich nach eingelaufenen Informationen in öder Landschaft beim Dorfe Munktu, unweit der Telegrafenstation T’ao-lin [mongolisch Turin], im Bezirk Che Cheng Wang Hasho, noch in der Äußeren Mongolei gelegen, ein anderer Bericht benannte die Region als Tsetsen Khanat Bezüglich der zurück gelegten Strecke war der Tatort etwa 400 km vom Gebiet der inneren Mongolei entfernt, es geschah auf der berühmten und legendären Karawanenstraße von Urga nach Kalgan. Es handelte sich dabei um einen Teil des ältesten und meistbenutzten Überlandwegs zwischen dem Fernen Osten und Europa. Nahezu alle Güter der Mongolei, vorwiegend Pelze, legten diese Strecke nach Kalgan und von da zum Hafen von Tientsin, dem Hauptsitz bedeutender westlicher Handelshäuser zurück. Turin liegt am nördlichen Rand der Wüste Gobi. Es war die dritte Telegrafenstation nach Ude und Panj-kiang aus Richtung Kalgan. Die Angaben in den Presseorganen, die von einer Stelle „in der Äußeren Mongolei, nahe der Grenze zur inneren Mongolei“ sprachen, waren in der Richtung zur Äußeren Mongolei korrekt, aber keineswegs nahe daran. Der Tatort ist damit sicher an einer Stelle bei Turin (chines. Taolin), die auf der Karawanenstraße von Urga nach Kalgan liegt, zu lokalisieren.
Die Kosaken luden nach der verübten Schandtat die Leichen der drei Offiziere auf ihre Kamele und nahmen sie dann mit nach Turin, der nächsten Telegrafenstation, in naher Umgebung der begangenen Hinrichtung. Die Mörder hatten ursprünglich die gesamte Mannschaft mitführen wollen, genehmigten ihnen dann aber nach Mukden zu ziehen, jedoch mit nachdrücklichen Weisung, dort weitere Befehle abzuwarten. Einer von den mongolischen Führern musste sie jedoch begleiten. Letzterer informierte später den Mitarbeiter des Konsulats in Mukden. Was mit den Leichen in Turin dann geschehen ist, wusste der Informant jedoch nicht.
Im Endeffekt kamen die Opfer in Urga an. Es erschien mehr als unwahrscheinlich, dass die sibirischen Kosaken eine solche Mühe auf sich genommen hatten. Warum auch? Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt. Mit Sicherheit wurden die Leichen von einer chinesisch/mongolischen Abordnung nach Urga transportiert, unter der Obhut Chinas standen sie unverändert weiterhin, die chinesischen Amtsträger fühlten sich verantwortlich, nachdem sie schon nicht den Überfall verhindern konnten. Außerdem handelte es sich bei den Todesopfern um einen Unterpfand und Beweis für einen russischen Frevel in mehrfacher Hinsicht. Dabei betrieb die Eskorte - es mag die gleiche wie beim Hinweg gewesen sein - diesmal 250 km in umgekehrter Richtung, immerhin einen beachtlichen logistischen Aufwand, dem ausreichend Wertschätzung zu würdigen war.
Eine zweijährige Kriegsgefangenschaft in den Weiten Sibiriens war glücklich überstanden und nach drei gescheiterten Fluchtversuchen aus unbarmherzigen Lagern war ein weiterer Ausbruch schließlich erfolgreich gelungen. Bei Hans und Hauptmann Graeff war es bereits die vierte Aktion, für Oberleutnant von Werner die dritte Flucht. Alle drei wähnten sich erleichtert und regelrecht entlassen, ein neutrales Land erreicht zu haben. „Endlich“ sprach für einen Ausdruck einhelliger Freude. Doch weit entfernt von jeglicher Befreiung, ereilte alle drei ein tödliches Los. Ihr Ende war das bittere Resultat einer lange in sibirischer Gefangenschaft gehegten Hoffnung.
Die in Urga ausgestellten chinesischen Pässe [ ! ] der Offiziere übernahm der Mitarbeiter des Konsulats und gab sie im Yamen [chin. Bezeichnung für einen dienstlichen Amtssitz] des Residenten ab, der aber gerade abwesend war. Die persönlichen Papiere von Hans wollte er dann direkt übergeben und deshalb lieber die Rückkehr des chinesischen Vertreters abwarten. Zur besonderen politischen Situation der Äußeren Mongolei warf eine letze Aussage des Gefolgsmannes ein markantes Schlaglicht: Er, der gesprächige Chinese, habe nicht vor, nach Urga zurückzukehren, wo er als Privatbeamter [altertümlich: Angestellter in nicht staatlicher Wirtschaft] in einer russischen Firma tätig war. Er ziehe es dagegen vor, aus dem Dunstkreis Russlands in seine Heimat Shansi zu gehen. Das erschien wenig verwunderlich, da er wohl Repressalien oder schlimmeres von russischer Seite befürchten musste. Zu eindeutig und belastend war diese Zeugenaussage, es fand nicht die Spur eines Kampfes statt. Ein Faktum, das nicht unbedingt einer Deutung der Kosaken gefiel.
Der abgelaufene Tathergang kam keinesfalls einem spontanen und überraschendem Komplott gleich. Allein zum abgegebenen Kommando zu den finalen Schüssen regte sich ein schlimmer Verdacht, dass tatsächlich doch ein Instruierter Offizier oder mindestens ein Unteroffizier die Befehlsgewalt beim Übergriff ausübte und man deshalb unweigerlich an eine übergeordnete Steuerung denken musste.
Die Erhebungen zu den Abläufen in der Äußeren Mongolei gestalteten sich aufwendig und außerordentlich zeitintensiv. Eine überraschende Information lieferte Mr. Michael Weng, Leiter der East Asia Library der renommierten Yale-Universität, USA. Sein Hinweis auf die Peking Gazette, die bereits am 23. Dezember erschien, enthielt Angaben, welche in der deutschen Presse nicht zu lesen waren. Dieses Blatt tauchte dann nochmals im Archiv des Auswärtigen Amtes auf.
Ein zusätzlicher Verweis des erwähnten Mr. Weng auf die Shanghai Library und der dort verwalteten The China Press Database brachte indes keine neuen Erkenntnisse. Ebenso wenig erfolgreich erwiesen sich Nachforschungen in Moskauer Archiven. Dazu zählten das Russische Staatliche Militärarchiv, das Staatliche Archiv der Russischen Föderation und das Russische Militärhistorische Archiv, deren erolglose Nachrichten zunehmend die Frustrationstoleranz strapazierten. Die Recherchen fanden im August 2021 statt, durchgeführt von Constantin, Urgroßneffe von Hans mit seinem Moskauer Freund, dem Rechtsanwalt Dmitri Igorewitsch Zagmatow. Die Kontaktaufnahmen mit den russischen Archiven gingen noch vor dem Krieg mit der Ukraine über die Bühne.
Auch Anschreiben an die Nationalarchive der Volksrepublik Chinas und der Republik Mongolei blieben ohne jegliche Resonanz. Zumindest China hätte Material besitzen müssen, wie später das Archiv des AA anhand von chinesischen Zeitungsartikeln bewies. Am weitaus ergiebigsten und tiefgründigsten in vielerlei Hinsicht dokumentierte das deutsche Außenamt Personalien von Hans mit aussagekräftigen Unterlagen sowie mit Dokumenten über die Abläufe dieses düsteren Kapitels des Ersten Weltkrieges.
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| Quelle: Bulstrode, A Tour in Mongolia |
Karte der Äußeren Mongolei mit Teilen Russlands und Chinas zum Zeitpunkt der Flucht. Die Bezugsorte sind markiert.
1. Troizkosawsk. In diesem Ort Transbakaliens befand sich das Gefangenenlager, aus dem die Drei erfolgreich entfliehen konnten.
2. Kjachta. Russische Grenzstadt, Handelsplatz. Hier wurden die Verträge zwischen Russland, China und der Äußeren Mongolei wegen dessen Autonomiestatus abgeschlossen.
3. Urga (Ulan Bator). Hauptstadt der Äußeren Mongolei, Sitz des chinesischen Residenten und des russischen Generalkonsuls.
4. Turin, chin. Taolin. Erste Telegrafenstation nach Urga. Bereits hier, In unmittelbarer Nähe bei der kleinen Siedlung Munktu, endete die Reise für die deutschen Offiziere.
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Lama-Kloster in Turin. Quelle: American Museum of Natural History, New York Der unsägliche Vorfall bei Turin erzeugte eine übrige Brisanz, weil dieser in einer gleichsam sakralen Sphäre begangen wurde. Im Dunstkreis befand sich nämlich ein bedeutendes buddhistisches Kloster mit einer dienenden und huldigenden Einheit von rund 2000 Mönchen. Als der Kasus ruchbar wurde, kam der Überfall Im Bewusstsein gläubiger Mongolen einer Schändung gleich und sorgte in der Region für Entsetzen und Empörung. |
5. Ude. Die nächste Telegrafenstation nach Turin.
6. Uralter Weg und ein Teilstück der Seidenstraße, für die Karawanen von Urga nach Kalgan und entgegengesetzt, ca. 1000 km.
7. Kalgan. Endpunkt und Anfang der Karawanenstraße. Mittelpunkt der Chahar-Region.
8. Peking. Hauptstadt Chinas und Regierungszentrale. Residenz der deutschen und russischen Gesandtschaft.
9. Tientsin. Das primär vorgesehene Fluchtziel mit deutscher Konzession (Kolonie). Standort eines kaiserlichen Konsulats. Im nahe gelegenen Hafen Tanggu bestand ein Zugang zum Gelben Meer.
Intensive Aktivitäten in den beteiligten Vertretungen
Bereits etwa zwei Wochen nach dem Vorfall erreichte eine Botschaft die Kaiserliche Gesandtschaft in Peking mit dem Inhalt, „daß einem heut aus Urga eingetroffenem Telegramm zufolge“ drei deutsche Offiziere in der Äußeren Mongolei erschossen wurden. In der Folge setzte ein reger diplomatischer Notenaustausch ein. Involviert waren der chinesische Amtssitz in Urga, das russische Generalkonsulat, in der gleichen Stadt, die deutschen Konsulate in China, das „Waichiapu“ [eine Art chinesisches Außenministeriums], die Kaiserliche Gesandtschaft, schließlich noch die zaristische Gesandtschaft, beide in Peking. Dabei sparten die Beamten teils nicht mit einer drastischen Ausdrucksweise. Der chinesische Resident in Urga Chien Lu legte sogleich empörten Protest beim russischen Generalkonsul ein, der mit der bekannt rücksichtslosen Replik bedacht wurde.
Vorsorglich informierte man das Konsulat in Tientsin mit deutscher Niederlassung, wo sichere Obhut zu erwarten war.. Aus gleichem Anlass kontaktierte die Kaiserliche Vertretung den kommandierenden Chahar-General in Kalgan mit der Bitte „sich den Offizieren anzunehmen und für ihre Weiterkunft [altertümlich] zu sorgen“. Allein, in die Gunst dieser Unterstützungsmaßnahmen kamen die deutschen Offiziere nicht mehr. Die Ereignisse am Rande der Wüste kamen allen Absprachen zuvor, und das nach nicht einmal nach ungefähr einem Drittel der vorgesehenen Strecke, der lang ersehnte Weg in die Heimat blieb ihnen verwehrt. Die informierten Empfänger in Kalgan und Tientsin ahnten davon nichts, sie warteten vergebens, erst nach geraumer Zeit wurde die Untat in den Repräsentanzen und in den Medien ruchbar und sorgte für Empörung oder ausgesprochen Hybriden Reaktionen, je nach involvierter Nation. Der deutschen Vertretung lag noch daran, Herrn Chien Lu, dem Residenten in Urga für die Unterstützung der Offiziere „den Dank der Kaiserlichen Gesandtschaft zum Ausdruck zu bringen.“
Die Chahar sind ein mongolischer Volksstamm, das erwähnte Gebiet lag für die Reisenden geografisch außerordentlich günstig, nördlich von Kalgan [heute: Zhangjiakou, eine Stadt mit über vier Mio Einwohnern] unc bis zur Grenze der Äußeren Mongolei reichend. Die Gesandtschaft bedankte sich noch ausdrücklich beim chinesischen Residenten in Urga für die Organisation der Reise und der Bereitstellung einer militärischen Eskorte.
Trotz sorgfältigster Planung konnte ein tragisches Verhängnis auf der Reise nicht verhindert werden. Etwa zwei Wochen nach der Tat vermerkte die Kaiserliche Gesandtschaft, „daß einem heut aus Urga eingetroffenen Telegramm zufolge“ drei deutsche Offiziere in der Äußeren Mongolei erschossen wurden. Der Sachverhalt verursachte ziemlichen Wirbel und Irritationen, worauf ein reger diplomatischer Notenaustausch einsetzte.
Beteiligt waren die chinesische Residenz in Urga, sowie das dortige russische Generalkonsulat, ferner die Kaiserliche und Zaristische Gesandtschaft in Peking, das Waichiapu [Außenamt der chinesischen Regierung], alle deutschen Konsulate und schließlich noch das State Department in den USA. Besonders die chinesischem und deutschen Stellen sparten dabei nicht mit einer drastischer Wortwahl.
Kaum waren Fakten über den Vorfall durchgedrungen legte der chinesische Resident in Urga beim russischen Generalkonsul Alexander Miller „gegen diese Schandtat“ Protest ein, dieser wurde ihm unverzüglich mit der bekannt unrühmlichen Replik zurückgewiesen. In Peking war man indes nicht untätig. Am 20. Dezember hielt der Kaiserliche Gesandte von Hintze in einer Notiz fest: „ich sehe mich veranlaßt, hiergegen scharfen Protest einzulegen und daß die Regierung der chinesischen Republik auch ihrerseits protestiert.“ Zur gleichen Zeit haben auch das Auswärtige Amt und darüber die Nachrichtenagentur Wolffs Bureau für die in-und ausländische Presse die erforderlichen Informationen erhalten.
Eine formelle Demarche „gegen diese brutale Neutralitätsverletzung“ hatte das Waichiapu, welches ebenso durch ein Telegramm unterrichtet wurde, jedoch bislang, beim russischen Gesandten in Petrograd, noch nicht eingelegt. Die chinesische Regierung hielt sich damit zunächst bedeckt, zum einen, weil es für andere flüchtende Kriegsgefangene zum Nachteil gereichen würde. Die Regierungsstelle hielt in dieser Angelegenheit außerdem in jeder Hinsicht eine Rücksprache und eine Einigung mit der Kaiserlichen Gesandtschaft für ratsam. Eine offizielle Protestnote, gerichtet an den umittelbaren Nachbarn Russland, barg immerhin einen nicht absehbaren diplomatischen Konfliktstoff.
In der Kaiserlichen Gesandtschaft und weiter in den Berliner Regierungsstellen, mehr noch im der obersten Heeresleitung, erkannte man umgehend - neben der verständlichen Empörung über die individuellen Schicksale - ein verwertbares Potenzial für das Deutsche Reich. In einer Randnotiz zu einem Bericht über den Vorfall hieß es unzweideutig: „Falls Friedensverhandlungen [zwischen China und Russland] bis dahin gescheitert, weiteste Veröffentlichung in hiesiger und amerikanischer Presse zur Brandmarkung russischer Brutalität u. Verletzung Neutralität.“
Diese günstige Gelegenheit galt es, in einer gegen Russland gerichteten Agitation, auszuspielen. Die Schwächung des Zarenreiches bestimmte durchwegs die Intentionen des Deutschen Reiches. Im Fokus der Botschaft stand vordergründig die veröffentlichte Stimmung in den bislang noch neutralen Vereinigten Staaten von Amerika, darauf deutete auch die bewusste Unterstreichung der Anmerkung hin. Der Krieg befand sich akut in einer ständig eskalierenden Phase. Dem Deutschem Reich ermögliche dieser bekannt gewordene Fall in seiner Propaganda dem russischen Gegner erkennbar einen skrupellosen Bruch des Völkerrechts zur Last legen, zusätzlich begleitet von einem scheußlichen Kriegsverbrechen an deutschen Offizieren. Die Beweggründe lagen auf der Hand, das hieß Zweifel schüren an den Wertmaßstäben eines Partners der Entente.
Die zu Tage getretenen Fakten traten mehr als eindeutig hervor und waren zudem durch einen chinesischen Augenzeugen belegt. Auch eine groteske russische Rechtfertigung änderte nichts daran .In dieser von deutschen Regierungsstellen und den Militärbehörden gewünschten Sprachregelung tendierte dann auch die allgemeine Presselandschaft. In den USA allerdings, geschah dies - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eher verhalten. Der verschärfte deutsche U-Boot-Krieg im Verlaufe des Jahre 1916 ließ die Spannungen beträchtlich anwachsen. Die Ressentiments gegen das Deutsche Reich hatten mittlerweile im Kampf um die Meinungsbildung der US-Bürger schon bald die Oberhoheit gewonnen.
Am 20. Dezember 1916 hielt der Kaiserliche Gesandte in einer Notiz fest: „Ich sehe mich veranlaßt, hiergegen scharfen Protest einzulegen und daß die Regierung der chinesischen Republik auch ihrerseits bei der russischen Regierung protestiert.“ Und weiter: „Da die Äußere Mongolei einen Bestandteil der chinesischen Republik bildet, stellt dieser Mord eine brutale Verletzung der chinesischen Neutralität dar.“ Selbstverständlich wurde auch unverzüglich das Auswärtige Amt in Berlin informiert, die Nachrichtenagentur Wolffs Bureau verbreitete den unerhörten Rechtsbruch an die Presse im In-und Ausland.
Am 23. Dezember 1916 war noch ein zusätzlicher Staat am Ereignis in der Äußeren Mongolei beteiligt, nämlich die USA. Diese fungierten noch als Schutzmacht und Vermittler für das Deutsche Reich. Die chinesische Regierung leitete die Informationen über die Affäre daher an das State Department. Von da gelangten sie offiziell an die Kaiserliche Botschaft in Washington.
[Die Schutzmacht USA vertrat hier Angehörige der österreich-ungarischen Doppelmonarchie und des Deutschen Reiches während des Krieges zwischen diesen und Russland als sogenannte Schutzmachtvertretung.]
Am 25. Dezember publizierte die Zeitung Pei shing kung min jih eine krasse Rechtfertigung der Mordtat, die nach russischer Meinung durchaus nach anerkannten gesetzlichen Richtlinien zu beurteilen sei. Durch das gewaltige Aufsehen, den der Fall in der Zwischenzeit hervorrief, sahen sich die russischen Instanzen gezwungen eine, wenn auch völlig fadenscheinige Gesetzesvorlagen anzubringen, die jedoch nach der Veröffentlichung in besagtem chinesischen Blatt vollkommen von Rechtsexperten der Gesandtschaft ad absurdum geführt wurden.
Das deutsche Konsulat in Mukden [heute Shenyang, mit über 7 Mio Einwohnern, im Nordosten Chinas, früher als Mukden, Hauptstadt der Mandschurei bekannt] übermittelte am 27. Dezember 1916 eine Meldung der Zeitung Ceng ching shih pao vom 26. gleichen Monats, „dass in der Verhandlung mit der russischen Gesandtschaft in Peking das Waichiapu die gesetzliche Bestrafung der russischen Mörder verlangt habe.“
Unmissverständlich verbreitete die Gesandtschaft am 27. Dezember, die von der Zeitung aufgestellten Forderungen: „Für uns geht aber aus allem hervor, daß die Russen unbekümmert um alle Verträge den festen Willen zu haben scheinen, die Äußere Mongolei zu annektieren. Hoffentlich läßt es unsere Regierung an der festesten Energie bei der wegen Untat der russischen Regierung aufzunehmenden Verhandlungen nicht fehlen - derartiges darf sich auf keinen Fall wiederholen.“ [Maschinenschrift]
Die Untätigkeit chinesischer Soldaten beim Überfall sibirischer Kosaken war natürlich ein Thema, welches die kaiserlichen Beamten in der Pekinger Vertretung und in den Konsulaten beschäftigte. Am gleichen Tag zitierte dann jedenfalls die Gesandtschaft aus der gleichen Zeitung:
„China hat den Vorfall an Deutschland mitgeteilt und sein Bedauern ueber die Machtlosigkeit der Eskorte ausgedrueckt.“ Es blieb nichts anderes übrig als diese Entschuldigung pflichtschuldigst anzunehmen. Eine Notiz am Rande der Note vermerkt noch „je 1 chin. Copie an alle Consulate“ und „ab 29.12. 1916“ Darunter fielen auch Städte mit deutschen Niederlassungen:
Shanghai, Tientsin, Amoy [heute Xiamen, Hafenstadt an der Südostküste Chinas, 1.7 Mio Einwohner], Canton, Hankau [heute zum Stadtgebiet von Wuhan gehörend, über 8 Mio Einwohner], Tsinanfu [Kiautschou, deutsche Kolonie], Nanking, Tschifu [heute: Zhifu in Südchina, 6.5 Mio Einwohner]
Man kann davon ausgehen, dass eine Forderung nach Bestrafung völlig ergebnislos blieb. Die revolutionären Unruhen in Russland nahmen am Ende des Jahres 1916 dermaßen zu, dass derartige diplomatischen Querelen wirkungslos versiegten, kurze Zeit später, in den Februaraufständen 1917 wurde die zaristische Regierung ohnehin weggefegt.
Das Verhältnis Chinas zu Russland war wegen der gesamten politischen Situation in der Äußeren Mongolei ohnehin schon mehr als angespannt. Die chinesische Regierung lavierte deshalb vorsichtig und hielt sich mit einem auf Regierungsebene abgegebenen Protest zunächst zurück. Nach Abwägung aller Fakten und der eindeutig erwiesenen Verletzung der Neutralität, auch nach Rücksprache der deutschen Vertretung, entschloss sich das Waichiapu zu einem scharfen Einspruch.
„Das Waichiapu hat den hiesigen Gesandten in Petrograd sofort telegraphisch angewiesen bei der russischen Regierung zu protestieren, andernfalls hat das Waichiapu in einer Note an den russischen Gesandten in Peking endgültig Verwahrung eingelegt und erklärt, daß die ganze Verantwortung für diesen Vorfall der russischen Regierung zur Last fällt.“
Neben einem Kaiserlichen Generalkonsulat in Shanghai gab es im berichteten Zeitrahmen noch folgende Konsulate, in der Nennung mit heutigem Namen, darunter Städte mit teilweise mehreren Mio Einwohnern. Es handelte sich um eine große Zahl von deutschen Vertretungen, dies wies auf die Bedeutung hin, die man der Republik China zumaß:
Amoy - Xiamen, Hankau - Wuhan, Harbin, Itschang - Yichang, Jünnanfu - Yünnan, Kanton - Guangzhou, Mukden - Shenyang, Nanking - Nanjing, Pakhoi-Hoihan - Beihai, Swatau - Shanton, Tientsin - Tianjin, Tschangscha- Changsha, Tschengtu-Tschungking - Chongqing, Tschifu - Yantai, Tsinanfu - Jinan.
Der tatsächliche Tatort blieb eine gewisse Zeit zweifelhaft. Aus der Sicht der Vertretung bestand großes Interesse an einer einwandfreien Lokalisierung der wirklichen Stelle des Überfalls. Es diente zur notwendigen argumentativen Beweisführung. Naturgemäß kam es anfangs zu Falschmeldungen. Das deutsche Konsulat in Mukden äußerte zum Tatort eine bestimmte Vermutung und teilte diese am 27. Dezember der Kaiserlichen Gesandtschaft mit (Maschinenschrift) : „Wenn es wahr ist, dass die russischen Mordbrenner die ruchlose Tat in dem zur Provinz HELUNGKIANG gehörigen mongolischen Räuberbezirk KULUN begangen haben, so haben wir mit vollem Recht die Mitschuld auf das Konto des verrussten [ ! ] chinesischen Beamten „Pi gui fang“, Gouverneur von HEILUNGKIANG, zu setzen.
„Pi gui fang“. von dem bekannt ist, dass er als Mann „Yüan shih kat‘s“ seit Jahren in russischem Solde steht, hat den Russen durch freche Verletzung deutscher Rechte es leicht gemacht eine Gewalttat auf die andere zu häufen. Je drastischer die Mittel sind, die wir gegen diese Kreatur zur Anwendung bringen, desto eher wird der russischen Gewaltherrschaft in der Provinz HEILUNGKIANG das Genick gebrochen.“
Die Kaiserliche Gesandtschaft sah sich dann allerdings veranlasst diese Behauptung später zu revidieren und räumte dann dazu ein, dass der verdächtige Bezirk Kulun Helungkiang, der als besonders berüchtigt bekannt war, nicht als fraglicher Tatort in Frage kam, und stellte dann letztlich dazu fest: „Es dürfte eine Verwechslung vorliegen, da Kulun der chinesische Name für Urga ist.“
Die Aussage des Konsulats in Mukden über die genannte Provinz in der Äußeren Mongolei warf trotz der Falschmeldung beispielhaft ein bezeichnendes Licht auf die russische Präsenz und dadurch waltende Konstellationen und Strukturen, welche regelrecht die vorhandene politische Situation bestimmten. Das Konsulat lenkte das Augenmerk auf organisierte Machenschaften russischer Agitatoren mit korrupten chinesischen Machthabern. Das erstrebte Ziel der imperialen Mitarbeiter des Zarenreiches war eine zunehmende Einflussnahme zu einer endlichen Annektierung der umstrittenen Äußeren Mongolei.
Die chinesische Regierung hatte nach Abwägung aller Formalien und nach der Rücksprache mit der Kaiserlichen Gesandtschaft in Peking sich schließlich für eine unverkennbare Demarche entschieden. Per Telegramm wurde die deutsche Vertretung darüber in Kenntnis gesetzt. Diese reagierte darauf mit Genugtuung, nun „hat die chinesische Regierung in Petrograd protestiert und hiesigem Gesandten unter Verwahrung erklärt, daß alle Verantwortung bei dem Vorfall russischer Regierung zur Last falle.“
Nach Beendigung gegenseitiger telegrafischer Noten und Austausch von Informationen handelte es sich im Januar 1917 letztendlich noch um die offizielle Bestätigung der Tötungen. Am 10. Januar ging es schließlich um die standesamtliche Beurkundung der Todesfälle als Formordnung [altertümlich] man zog dazu den bereits zitierten Augenzeugenbericht eines chinesischen Gefolgsmannes als Beweis hinzu. Eine amtliche Notiz verwies jedoch in den vorliegenden speziellen Fällen auf die jeweilige Zuständigkeit: „Da die Mongolei zum Konsularbereich Tientsin gehört, die standesamtliche Beurkundung der Todesfälle anheim gestellt [altertümlich: dorthin angewiesen]."
Memorandum der Kaiserlichen Gesandtschaft
Das tragische Ereignis in der Äußeren Mongolei erzeugte in den kaiserlichen Repräsentationen eine erhebliche Unruhe. Unter anderen Nachrichtenblätter erregte eine chinesische Zeitung die besondere Aufmerksamkeit der deutschen Vertretung im Peking. Diese schilderte kurz die vergangene Episode und ging dann auf „folgende Nachricht aus diplomatischen Kreisen“ ein. Es handelte sich um ein von Russland lancierter Deutungsversuch:, den man als offizielle Stellungnahme werten muss.
1.) China muss in Erfüllung seiner Neutralitaetspflichten wegen dieses
Vergehens der russischen Soldaten bei dem russischen Gesandten in
Vorstellung gehen.
2.).Die Russen sind der Ansicht, dass diese Angelegenheit nach
russischem Recht zu behandeln sei, da nach den Bestimmungen des
internationalen Rechts ueber Kriegsgefangene, diese, wenn sie nach
den Gesetzen der feindlichem Macht zuwiderhandeln oder heimlich
fliehen, nach den Gesetzen der feindlichen Macht zu behandeln sind.
Die Erschiessung der entflohenen deutschen Kriegsgefangenen durch
die Russen muss daher als gerechtfertigt anerkannt werden.
3.) China hat den Vorfall an Deutschland mitgeteilt und sein Bedenken
ueber die Machtlosigkeit der Eskorte ausgedrueckt.
An der Übersetzung finden sich noch Kommentare, wie „Mord ist eine russische gesetzliche Staatseinrichtung“ und „Frechheit der russischen Behsuptung.“
Dieser Artikel def chinesischen Zeitung vom 25. Dezember 1916 wurde zu Recht von den deutschen Diplomaten als russische Stellungnahme aufgefasst. Darin fanden sich abstruse und pseudogesetzliche Winkelzüge zum tödlichen Vorfall in der Äußeren Mongolei, die Repräsentanten des Deutschen Reiches sahen sich zu einem massiven Manifest veranlasst, allein als diffamierter Kriegsgegner, aber auch um Solidarität mit China zu zeigen. Die Argumentation Russlands war derart haarsträubend, dass die Gesandtschaft diese in jeglicher Hinsicht zerpflückte und der ganze Inhalt zu einer deutlichen Ansage gegen Russland geriet. Am Anfang der mehr als umfänglichen Ausführung notierte noch ein Mitarbeiter der Gesandtschaft am Rande: „an alle Consulate zur Verbreitung.“ Die Note diente als fest gefügte Sprachregelung an Repräsentanten im Deutschen Reich als auch im Ausland, sei es für die Presse oder politische Funktionsträger.
Peking, den 27. Dezember 1916
(Maschinenschrift)
Russen bezeichnen die Ermordung deutscher entflohener Kriegsgefangener auf chinesischem Gebiet als nach russischen Gesetzen als gerechtfertigt. Ueber den letzten Gewaltakt der russischen Soldaten, die 3 aus russischer Gefangenschaft entflohenen deutschen Offiziere, die unter Eskorte chinesischer Soldaten auf dem Wege von Urga nach Peking waren, verfolgten und noch auf dem Gebiete der Aeusseren Mongolei bei
Tao lin erschossen, iin den letzten Tagen in der auslaendischen und chinesischen Presse bereits mehrfach berichtet worden.
Zu diesem Vorgehen russischer Soldaten, die nicht nur eine schwere Verletzung allgemein anerkannter Grundsätze des Voelkerrechts darstellt, sondern auch eine freche Verletzung chinesischer Hoheitsrechte, erfaehrt die in der Hauptstadt erscheinende: „Pei ching kung min jih pao“ in diplomatischen Kreisen folgendes:
„Die Russen sind der Ansicht, dass diese Angelegenheit nach russischen Recht zu behandeln sei, da nach den Bestimmungen des internationalen Rechts ueber Kriegsgefangene, diese wenn sie den Gesetzen der feindlichen Macht zuwiderhandeln oder heimlich fliehen, nach den Gesetzen der feindlichen Macht zu behandeln sind. Die Erschiessung der entflohenen deutschen Kriegsgefangenen durch die Russen mag daher als gerechtfertigt erscheinen.“
Diese Ansicht der Russen entbehrt nicht nur jeder rechtlichen Grundlage, zudem legt auch dem Vorfall absolut falsche Tatsachen zu Grunde. Was zunaechst die rechtliche Seite des in Frage stehenden Gewaltaktes der russischen Soldaten angeht, so ist zu bedenken, dass nach den Grundsaetzen des internationalen Rechts (siehe Haager Abkommen des Jahres 1907 ueber die Rechte und Pflichten der Neutralen Art. 13) die 3 deutschen aus der russischen Gefangenschaft entflohenen Offiziere, die sich in dem Augenblick des Ueberschreitens der russischen Grenze, sich auf dem Gebiete der souveraenen und neutralen Macht China befanden, ihre Freiheit wieder erlangt hatten und in dieser zu belassen waren.
Die Massnahmen des chinesischen Residenten in Urga, der die entflohenen Offiziere unter seinen Schutz nahm und unter Eskorte nach Peking sandte, entspricht also voellig sowohl den Bestimmungen des Voelkerrechts als auch dem Art. IX der von China am 6. August 1914 erlassenen Neutralitaetserklaerungen. Nun mag vielleicht jemand einwenden, dass die Ermordung der deutschen Offiziere nicht auf chinesischem Gebiet, sondern auf dem Gebiet der autonomen Aeusseren Mongolei stattgefunden hat.
Demgegenüber muss aber festgestellt werden, dass nach Art. II des russisch-mongolisch-chinesischen Abkommens vom 7. Juni 1915 die Aeussere Mongolei als ein Bestandteil des chinesischen Gebietes von den vertragsschliessenden Laendern anerkannt worden ist. Der vorliegende Fall ist also rechtlich ebenso zu beurteilen, als wenn sich irgendwo in einer der 18 Provinzen Chinas abgespielt haette.
Worin liegt nun das unerhoerte Vorgehen der russischen Soldaten? Man vergegenwaertige sich die Einzelheiten des Falles. Unter dem Schutz chinesischer Soldaten reisen deutsche Offiziere, die nach unsaeglichen Leiden und Entbehrungen den menschenunwuerdigen Gefangenenlagern Russlands entflohen sind, sich auf friedlichem chinesischen Gebier glauben, sich schon in Sicherheit wohlgeborgen unter dem Schutz einer souveraenen neutralen Macht. Da jagen ploetzlich bewaffnete russische Soldaten unter Verletzung der chinesischen Hoheits-und Gebietsrechte ueber die Grenze [auch die sibirische Kosakenwache des Konsulats kam sinngemäß über die Grenze] und ermorden hinterruecks inmitten der chinesischen Eskorte die 3 deutschen Offiziere.
Darf sich ein neutrales Land solche Grenzverletzungen und Missachtung seiner Hoheitsrechte ruhig gefallen lassen? Und was sagen die Russen zu dieser Freveltat nach der oben aufgefuehrten Zeitungsnotiz? Statt den Fehler anzuerkennen und China gegenüber die unverantwortliche Tat russischer Soldaten wenigstens durch Entschuldigungsworte und durch das Versprechen der zukuenftigen Verhinderung aehnlicher Faelle ein klein wenig wieder gutzumachen, behaupten sie frech: die Erschiessung der entflohenen deutschen Kriegsgefangenen durch die Russen muss als gerechtfertigt anerkannt werden.
Mit anderen Worten: Russland masst sich das Recht an, auf fremdem Hoheitsgebiet Angehoerige anderer Maechte ermorden zu lassen. Mit gleichem Recht haetten die russischen Soldaten ja vielleicht auch die begleitenden chinesischen Soldaten erschiessen koennen, indem sie behaupteten, dass diese den Angehoerigen einer feindlichen Macht Unterstuetzung geliehen haetten, und derartige Unterstuetzungen nach russischem Recht ebenfalls mit Ermordung bestraft wuerden.
Und weiter. Haette nicht ebensogut eine der auf die Offiziere abgeschossene Kugeln einen oder mehrere der chinesischen Soldaten toeten koennen? In diesem Falle aber waere das Leben chinesischer Soldaten, die in Ausfuehrung des Befehls ihrer Vorgesetzten, gestuetzt auf allgemein anerkannte Grundsaetze des Voelkerrechts fremde Fluechtlinge schuetzten, der Raub-und Mordlust russischer Barbaren zum
Opfer gefallen.
Endlich behaupten die Russen nach obiger Zeitungsmeldung, dass Kriegsgefangene die heimlich fliehen, nach den Gesetzen des Landes zu behandeln sind, von dem sie gefangen worden sind, in diesem Falle also nach dem Gesetze Russlands. Wo nach den Grundsaetzen des Voelkerrechts entflohene Kriegsgefangene, die auf dem Gebiete des Staates, der sie gefangen nahm, wieder ergriffen werden, nur disziplinarisch zu bestrafen sind und solche Kriegsgefangenen, die nach geglueckter Flucht zum zweiten Male gefangen genommen werden, ueberhaupt nicht wegen der ersten Flucht zu bestrafen sind, da wagen die Russen zu behaupten, dass die Ermordung dieser deutschen Offiziere, die nicht einmal auf russischem Gebiet, sondern vielmehr auf den Gebiet eines neutralen Staates wieder eingeholt wurden, nach russischen Gesetzen als gerechtfertigt angesehen werden muss.
Liegt in dieser Behauptung nicht das offene Zugestaendnis, dass Mord, denn anders kann das hinterlistige Erschiessen deutscher Offiziere auf chinesischem Gebiet nicht bezeichnet werden, eine russische gesetzliche Staatseinrichtung ist? Allgemein gesagt: Kann ein Land, dessen Angehoerige es wagen, die Schandtat russischer Soldaten noch zu verteidigen und als den Gesetzen des Landes entsprechend hinzustelllen, dessen Soldaten es wagen, bewaffnet das Gebiet eines souveraenen und neutralen Staates einzudringen und Mordtaten zu verueben an Leuten, die rechtmaessig den Schutz des neutralen Landes fuer sich in Anspruch nehmen und auch erhielten, noch Anspruch darauf erhoben unter die zivilisierten Nationen gerechnet zu werden?
Die Antwort auf diese Frage wird sich jemand, der auch nur wenig weiss, ohne weiteres selbst geben koennen.
Ein Bruch des Völkerrechts
Diese Tat stellte sich als ein eindeutiger Bruch des Völkerrechts dar. Die äußere Mongolei war zwar weitgehend autonom, stand nach dem Abkommen von Kjachta im Juni 1915 (gregor.) aber unter der Souveränität Chinas. Zur eindeutigen Verletzung des Vertragswerkes addierte sich zusätzlich ein unmissverständliches Kriegsverbrechen. Das kümmerte diesen allerdings nicht sonderlich. Er ließ eine beispiellose Antwort folgen, ohne den geringsten Ausdruck des Bedauerns, das Gegenteil war der Fall. Damit verstieß die Tat zugleich gegen geltende Rechtsordnungen Russlands.
[Es war nicht allein eine signifikante Missachtung des Völkerrechts, gravierend kam dazu, dass eklatant gegen die Brüsseler Deklaration von 1874 und die Haager Landkriegsordnung von 1907 verstoßen wurde. Diese enthielten Statuten der Kriegsführung wozu auch die Behandlung von Kriegsgefangenen zählte. Außerdem erschien am 20. Oktober 1914 in Russland eine Instruktion zur Behandlung von Kriegsgefangenen, in der grundsätzlich eine humane Behandlung zugesichert wurde. Ausdrücklich erschien darin der Hinweis, dass nur eine disziplinarische Bestrafung bei solchen Gefangenen auszuführen sei, die auf der Flucht gefasst wurden.
Einigermaßen bemerkenswert ist, dass ausgerechnet der russische Zar Alexander II. die Konferenz in Brüssel initiierte. Delegierte aus 15 europäischen Staaten hatten eine Vereinbarung über Gesetze und Gebräuche in Kriegen getroffen, genannt Brüsseler Deklaration. Diese fand dann Eingang in die Haager Landkriegsordnung von 1907. Darin ist in den Artikeln 4 - 20 u.a. festgeschrieben, dass flüchtende oder bei gelungener Flucht festgesetzte Gefangene nur disziplinarisch bestraft werden durften.
Überdies trafen sich im November 1915 aus aktuellem Anlass Delegierte der Gesellschaften vom Roten Kreuz Deutschlands, Österreich-Ungarns und Russlands in Stockholm zu einer Konferenz über die Fragen zur Kriegsgefangenschaft. Die Ergebnisse der Begegnung wurden den heimatlichen Regierungen zur Annahme unterbreitet. Im März 1916 ratifizierten die Mittelmächte und Russland die Beschlussfassungen und diese waren somit völkerrechtlich bindend. Die wesentlichen Inhalte entsprachen weitgehend der Haager Landkriegsordnung.]
Allein eine erneute Gefangennahme der lebenden Offiziere wäre schon eine extreme widerrecthliche Verletzung der chinesischen Neutralität gewesen und hätte für sich schon für einen schweren diplomatischen Konflikt gereicht. Die Geflüchteten weilten in Urga (Ulan-Bator) jedoch in der Obhut und im Dienstgebäude des chinesischen Residenten. Die anschließende behördliche Bereitstellung einer militärischen Eskorte durch die Wüste Gobi Richtung Peking bewies ein weiteres Mal symbolisch die souveräne Geltung der weitgehend autonomen äußeren Mongolei und damit auch von China.
Der Gewaltstreich, von Kosaken verübt, zeugte nachgerade von einer ungeheuerlichen Provokation und einem unbestreitbaren Eingriff in die Hoheitsrechte der äußeren Mongolei und indirekt auch des chinesischen Staates und potenzierte damit die beispiellose Untat noch über die eigentliche und klare Verletzung des Völkerrechts hinaus.
Die nachträgliche Artikulierung des russischen Konsuls Alexander Miller war wohl die schwerwiegendste und spektakulärste Verletzung des im Juni 1915 [gregor.] abgeschlossenen Dreiervertrags von Kjachta. Die fragilen Verhältnisse in der Äußeren Mongolei und das Auftreten des russischen Vertreters ließen schließlich den Eindruck entstehen, dass der vor eineinhalb Jahren vereinbarte Pakt bedenklich instabil geworden war. Nachdem die Untat in Deutschland ruchbar wurde, schloss sich der kaiserliche Gesandte der chinesischen Appellation mit einer entschiedenen und scharfen Verwahrung an.
Presseresonanz im Deutschen Reich...
Im Deutschen Reich wurde bereits bei Kriegsbeginn am 1. August 1914 die Pressefreiheit aufgehoben. Schon am Tag zuvor erschien ein Katalog mit ausführlichen 26 Punkten, worüber nicht berichtet werden durfte. Dazu gehörten Kriegsverluste, Nachrichten über Truppenbewegungen. Meldungen über Ausfälle an der Front, zudem auch Informationen über Notlagen der Bevölkerung.
Neben militärischen Fakten zählten auch kriegswichtige Sachverhalte aus der Wirtschaft und dem Verkehrswesen etc. Untersagt waren ebenso Meldungen über Friedensbestrebungen und der Unterdrückung fremder Völker. Beim Bundesgenossen Österreich-Ungarn galt ein ähnliches Regelwerk. Zuständig für die Überwachung waren die Zensurstellen der Militärbehörden. Propagandistisch verwertbare Nachrichten über frevelhafte Handlungen der Kriegsgegner fanden dagegen immer ein offenes Ohr und sorgten für ausführliche Veröffentlichungen..
Dazu zählten zweifellos widerrechtliche Gräueltaten, wie das Ereignis in der Äußeren Mongolei, die in den Zeitungen der Mittelmächte als willkommene und ächtende Katalysatoren eine Stigmatisierung des Zarenreiches hervorrufen sollten. Artikel in ausländischen Presseorganen verstärkten zusätzlich die Stimmung gegen die Entente.
Wolffs Telegraphisches Bureau, kurz WTB genannt, übermittelte die vom AA aus China eintreffende Nachricht und versorgte mit der eingegangenen Meldung die gesamte Presse der Mittelmächte. Der Report erzielte in der Öffentlichkeit eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit, alle Zeitungen jeglicher politischer Couleur veröffentlichten Artikel mit gleich lautendem Tenor: die russische Tat stellte einen unbestrittenen Bruch des Völkerrechts dar, verbunden mit einer Verletzung der territorialen Integrität eines neutralen Staates, sprich China.
[Wolffs Telegraphisches Bureau wurde im Jahre 1849 vom Verlags- und Nachrichtenunternehmer Bernhard Wolff in Berlin gegründet. Ab dem Jahre 1865 geriet es unter den Einfluss der Pressepolitik Bismarcks, die zunehmend bestimmend wurde. Mit der britischen Nachrichtenagentur Reuters und der französischen Havas wurden 1870 Kartellverträge zum Austausch von Nachrichten abgeschlossen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte das WTB an die 300 Mitarbeiter. Das Unternehmen bestand bis zum Januar 1935.]
Die Zeitungen publizierten vielfach eine gleich formulierte Standardmeldung, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Als Beispiel mag die Veröffentlichung in der monarchistischen Kreuz-Zeitung gelten. Die Empörung, ausgedrückt in Schlagzeilen, erreichte ein erhebliches Ausmaß, man sah die Vorgehensweise Russlands noch als schwerwiegender als die Baralong-Affäre an und beurteilte die Untat in der Mongolei im Vergleich dazu noch gravierender. Das gleichsetzende Ereignis geschah im August 1915, als englische Matrosen auf hilflos im Wasser treibende deutsche U-Boot-Männer feuerten.
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| Zeitung und Datum bislang unbekannt |
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Neue Preußische Zeitung [Kreuz-Zeitung] vom 29.12.1916 [Die Neue Preußische Zeitung/Kreuz-Zeitung, gegründet 1848 in Berlin, bestand bis 1939, erschien überregional und war das richtungsweisende Organ der konservativen Oberschicht Deutschlands. Weil die Leser zur Elite zählten, wurde die Kreuz-Zeitung oft zitiert und war sehr einflussreich.]
Zeitung bislang nicht bekannt
Die Badische-Landeszeitung vom 29.12.1916 titelte: "Ein schwerer Völkerrechtsbruch Rußlands gegen China".
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In einem abschließenden Absatz nach dem üblichen Standardtext vermutete ein Journalist richtig im Pforzheimer Anzeiger vom 30.12.1916 eine verwandtschaftliche Beziehung zu Emma Jaeger, der Wohltäterin der Stadt. [Jaeger fälschlich mit ä geschrieben]
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Im Rosenheimer Tagblatt vom 31.12.1916 wurde ein Artikel mit der gleichen Wortwahl veröffentlicht mit dem Titel "Verletzung der chinesischen Neutralität durch Rußland: Deutsche Offiziere in China von Russen erschossen".
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Inzwischen konnte die Karlsruher Zeitung vom 4.1.1917 auch einen Bezug zum Vater von Hans herstellen. Im letzten Satz irrte die Zeitung, es war nämlich bereits der vierte Versuch! |
Das SPD-Organ „Der Volksfreund. Tageszeitung für das werktätige Volk Badens“ vom 5. Januar 1917 benannte die Tat sehr artikuliert: „Die widerrechtliche Erschießung der drei entkommenen Offiziere stellt nicht nur einen schweren Völkerrechtsbruch dar, sondern bedeutet auch eine krasse Verletzung der chinesischen Neutralität.“
Mein Apparat [Fotoapparat] fehlte mir an dem Tag gerade sehr. Von diesen Herren hätte ich gern ein Andenken nach Hause gebracht, wenn auch mir selbst das Bild dieser drei echten deutschen Helden in der Gefangenschaft unvergeßlich bleiben wird. Sie sind später bei einem Fluchtversuch in der Mongolei von den Russen erschossen worden."
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Ehrentafel der Kriegsopfer des reichsdeutschen Adels 1914-1919 Gotha 1921 |
Die Aussage des desaströsen Intermezzos blieb noch lange im Bewusstsein haften. Es war von einer derart singulären Qualität, dass die Erinnerung noch Jahre danach einen publizistischen Niederschlag fand.
Im Jahre 1925 erschien von den ehemaligen Angehörigen des Leibdragoner-Regiments Ferdinand von Ernest und Kurt von Regenauer ein Geschichtswerk über ihr Leibdragoner-Regiments Nr. 20. Darin befindet sich ein ehrenvoller Nachruf auf Hans von Hoffmeister unter dem Titel:
"Schicksale der vor dem Feinde gebliebenen Offiziere, soweit sie nicht in den Reihen des Regiments gefallen sind.
Lt. d. Res. v. Hoffmeister
Im Sommer 1914 machte Lt. d. Res. v. Hoffmeister gerade seine erste Übung als Reserveoffizier beim Regiment; er trat bei Ausbruch des Krieges zum Res. Drg. Rgt. 8 [Reserve Dragoner-Regiment 8] und ritt in den Vogesen eine ganze Reihe schneidiger Patrouillen.
Als im November 1914 endgültig an Stelle des Bewegungskrieges der Schützengraben getreten war, meldete sich Hoffmeister infolge seiner Sprachkenntnisse [russisch!] als Dolmetscher an die Ostfront und wurde zum Ordonnanzoffizier bei der 41. Inf. Div. [Infanteriedivision].
In der Schlacht bei Lodz war er bei der Verfolgung der Russen immer unter den ersten, die flüchtenden Russen in ihrer Landessprache zur Übergabe auffordernd; doch allzu kühn vorstoßend, geriet er in Gefangenschaft.
Aber er konnte, geistig rege und ehrgeizig, die lange Gefangenschaft nicht ertragen; nicht einmal drei kühne, leider erfolglose Fluchtversuche und die darauffolgenden harten Strafen in Sibirischen Kasematten konnten seine Energie und Willenskraft brechen.
Anfang Oktober 1916 wurde er nach Troizkosawsk dicht an der mongolischen Grenze nach Verbüßung seiner letzten Strafe ins Gefangenenlager gebracht. Am 8. November 1916 unternahm er mit 3 Kameraden [richtig: mit 2 Kameraden, also insgesamt drei Flüchtende] seinen vierten Fluchtversuch; alle drei kamen bis Urga, der Hauptstadt der Mongolei, und hofften durch die Wüste Gobi nach Peking zu gelangen.
Schon waren sie 300 km [ab Urga südlich Richtung Peking, diese Angabe stimmte weitgehend, die Entfernung betrug etwa 250 km, mit Benutzung von Seitenpfaden auch durchaus mehr] im eisigen Winter vorgedrungen, als sie von verfolgenden Kosaken eingeholt und erschossen wurden. Seine Sehnsucht, alle seine Bemühungen, wieder für sein Vaterland kämpfen zu können, mußte er auf so tragische Weise im fernen Osten auf fremdem Boden mit dem Tode bezahlen."
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Verlustliste 1. Badisches Leib-Dragoner-Regiment Nr. 20 Erinnerungsblätter deutscher Regimenter Oldenburg / Berlin 1925.
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Ein sichtbares Memorial ist dem Oberleutnant von Werner gewidmet. Eine Tafel an der Außemwand der katholischen Pfarrkirche St. Pantaleon in Unkel (Rheinland-Pfalz) kündet: "DEM GEDÄCHTNIS des Oberleutnants im Jäger Rgt. z. Pf. 13 Ludwig von Werner geb. 20. Aug. 1885 i. Braunschweig, gest. 6. Dez.1916 in Tuerin in Mongolei, beigesetzt in Troizkosawsk in Sibirien."
Erinnern im Dritten Reich
[In der Zeit des Dritten Reiches wurden viele Titel zur russischen Kriegsgefangenschaft erstmals veröffentlicht. Das Genre war äußerst beliebt. Insbesondere behandelte der Erfolgsautor Edwin Erich Dwinger das Thema in mehreren Büchern, er war selbst Gefangener in Russland gewesen.
Edwin Erich Dwinger, 1891-1981, Schriftsteller, publizierte in der Weimarer Republik, in der Zeit des NS und in der Bundesrepublik. Er wurde als Prototyp eines nationalistischen und faschistischen Schriftstellers bezeichnet, seine Werke hatten eine Auflage von über zwei Millionen. Am bekanntesten war Die Sibirische Trilogie, die autobiographische Züge trug. Er war ebenfalls im Offizierslager Dauriya inhaftiert und floh 1917, er kämpfte auf der Seite der Weißen gegen die Rote Armee. Seine Werke hatten eine Gesamtauflage von zwei Millionen.]
Auch nahezu zwanzig Jahre nach dem schrecklichen Ereignis in der äußeren Mongolei blieb die Erinnerung daran noch lebendig. Die Fluchtgeschichte hatte während des Krieges einiges Aufsehen erregt, der Vorfall besaß ein heldenhaftes Kolorit und damit verbunden eine patriotische Botschaft. Da war es ziemlich naheliegend, dass der Nationalsozialismus versuchte, die apokalyptische Episode propagandistisch zu verwerten.
Zu diesen Zweck gelangte eine Anfrage an das Auswärtige Amt bezogen auf den bei der Flucht erschossenen Leutnant Hans von Hoffmeister. Ein Konsul namens Hans Jonas hatte zusammen mit seinem Kollegen Joachim Givens den Plan, eine Publikation über die Flucht deutscher Offiziere aus russischer Kriegsgefangenschaft zu erstellen. Beide hatten schon einige Schriften über Kriegsgefangene publiziert.
[Hans Jonas ragt dabei prominent hervor, 1893-1967. Messedirektor, Historiker und Nationalökonom. Freiwilliger des Ersten Weltkrieges. 1914-1922 in russischer Kriegsgefangenschaft. 1917-1922 Fürsorge für Kriegsgefangene in Ostsibirien. Leiter der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegs- und Zivilgefangener. 1922-1931 Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas.
1931-1945 Direktor der deutschen Ostmesse in Königsberg und Leiter des ihr angeschlossenen Wirtschaftsinstituts für Russland und die Oststaaten, zugleich Honorar-Konsul Lettlands in Königsberg.
Die Reichsvereinigung ehemaliger Kriegs-und Zivilgefangener war die größte Organisation für Kriegsgefangene im Deutschen Reich während der Weimarer Republik, Sie diente der Identitätsstiftung der vielfach als Drückeberger diffamierter Kriegsgefangenen sowie ihrer Interessenvertretung.
Daneben verfolgte die Organisation auch allgemeine gesellschaftliche Ziele wie die Aufhebung der Klassengegensätze, die Überwindung der Parteipolitik und die Schaffung einer Volksgemeinschaft. Auch deshalb ließ sich die Reichsvereinigung 1933 von den Nationalsozialisten bereitwillig gleichschalten.]
Jonas und sein Kollege Givens, ebenfalls in der Leitungsebene der Reichsvereinigung tätig, waren von ihrer Stellung her äußerst interessiert an Informationen über den vor nahezu 20 Jahren zurückliegenden Vorfall. Beide waren überzeugte Nationalsozialisten. Jonas fungierte als Vertreter Erich Kochs, des Reichskommissars für das Ostland, und war u.a. verantwortlich für Enteignungen von Industrieausrüstungen etc. großen Stils in Lettland, Estland und Litauen.
Eine literarische Verarbeitung des Dramas in der äußeren Mongolei erschien der Autorenriege Jonas und Givens geradezu prädestiniert zu sein für ein Memento mit prononcierter nationaler Aussage und einem Beitrag zur Wehrerziehung im Sinne des NS: unbeugsame, heldenhafte und treu gesinnte Offiziere fühlten sich uneingeschränkt an den geleisteten Fahneneid gebunden, auch wiederholte schwere Repressionen in Gefangenschaft konnten ihren Glauben an das Deutsche Reich bis an ihr bitteres Ende nicht brechen. Damit sollten sie zum Vorbild und zum Inbegriff aufrechten Soldatentums werden.
Das war mutmaßlich die Vorstellung, welche Jonas und Givens im Sinn hatten. Die angeforderten Informationen vom Auswärtigen Amt haben sie bestimmt ausgehändigt bekommen. Allein, es kam jedoch, aus welchen Gründen auch immer, evtl. auch dem Krieg geschuldet, nicht zur Vollendung einer einschlägigen öffentlichen Publikation, mit der geplanten Herausstellung von Ehrenhaftigkeit und Pflichterfüllung deutscher Offiziere in Kriegszeiten. Vermutlich wurde mit den eingeholten Unterlagen nur eine interne Denkschrift erstellt.
Ein literarisches Denkmal
Drei Jahre später folgte dann aber doch ein Werk mit ähnlicher Zielrichtung. Ein Gedenken und ein Ehrenmal an die unglückliche Flucht wurde im Roman Eingereist über Wladiwostok von Axel Rudolph, erschienen 1938, in einer würdevollen Beschreibung errichtet. Der Autor erzählte aus eigener Erfahrung, er flüchtete 1915 aus einem Lager in Irkutsk. Die Erzählung ist von rein fiktivem Charakter, eine junge Frau reist über Wladiwostok in Sibirien ein und versucht zu ihrem Verlobten zu gelangen, unterwegs erlebt sie den kommunistischen Unterdrückungsapparat.
Ein Absatz im Roman fällt allerdings als echter realistischer Moment auf. Es ist die Passage, welche die geflüchteten und getöteten Offiziere namentlich erwähnt und damit gleichzeitig die Sowjetunion negativ definiert:
„Max Graeff, Rittmeister im .... entziffert Helle mühsam die verwaschene Inschrift auf einem Grab. Drei schmucklose Kreuze sind es, die etwas abseits von den andern eine kleine Gruppe bilden. `Drei deutsche Offiziere, die auf der Flucht erschossen wurden´, sagt Pawel weisend. `Mein Vater hat mir die Geschichte erzählt. Rittmeister Graeff, Oberleutnant v. Werner und Leutnant v. Hoffmeister. Drei tapfere Männer, die sich nicht abfinden konnten mit dem Schicksal der Kriegsgefangenschaft. Immer wieder sind sie geflüchtet, aus Irkutsk, aus Tjumen [nicht nachgewiesen, hier romanhaft], aus Tschita [gemeint ist wohl Troizkosawk, gößere Nähe zu Tschita].
Bis man sie endlich in dieses weltverlassene Lager hier schickte. Aber die Sehnsucht nach der Heimat, der eiserne Wille ihre Soldatenpflicht zu erfüllen bis zum Äußersten, waren stärker als die niederdrückende Einsamkeit Sibiriens. Sie flohen auch hier. Waren schon glücklich jenseits der mongolischen Grenze, als eine Kosakenabteilung ihnen nachrückte und sie unter Verletzung der Grenze stellte. In dem sich entspannenden Kampf wurden alle drei erschossen.
Man hat die Leichen dann nach Troizkossawk zurückgebracht, und ihre kriegsgefangenen Kameraden haben ihnen diese Kreuze zur Erinnerung gesetzt. Genau weiß niemand ob die drei Helden wirklich hier ruhen.´ Helle neigt ehrfurchtsvoll den Kopf. Dann aber greift sie fröstelnd nach dem Arm ihres Begleiters. `Lassen Sie uns weiterfahren Pawel! Das hier ist so unsagbar traurig.´"
Rudolph war ein erfolgreicher Romanautor, sein literarische Denkmal reicht bis in die heutige Zeit. Von seinem Roman Eingereist über Wladiwostok erschien 2015 eine Ausgabe als eBook.
Rudolph spricht in seiner Schilderung von einem Kampf, der zwischen den Deutschen und ihren Verfolgern stattfand. Dies traf der Faktenlage indes nicht zu. Sicher verwandte der Autor aus dichterischer Freiheit eine dramatisierende Komponente im Verlauf der russischen Aggression.
Und ein Denkmal in Karlsruhe
In den Jahren 1926 bis 1929 wurde in Karlsruhe ein Denkmal für die Badischen Leibdragoner errichtet. Es steht am Mühlburger Tor am Beginn der Südlichen Hildapromenade vor dem heutigen Rathaus West und der Christuskirche. Das Denkmal wurde bewusst in der Nähe der ehemaligen Kaserne der badischen Leibdragoner in der Kaiserallee errichtet. Nach dem nicht weit entfernten Leibgrenadier-Denkmal auf dem alten Lorettoplatz ist es das zweite Erinnerungswerk für die beiden Leibregimenter des badischen Souveräns.
Das Denkmal zeigt einen reitenden Dragoner mit Lanze während des Ersten Weltkrieges, er trägt bereits den Stahlhelm, der 1916 eingeführt wurde. Das Denkmal schuf Kurt Edzard (1890-1972), ein Schüler von Hermann Volz. Auf der Vorderseite des Sockels befindet sich eine Krone, das Symbol des Regiments. An der Lanze ist der Reiter als Kavallerist zu erkennen. Sein Pferd hebt die Vorderhufe an (Levante).
An den beiden Längsseiten des Sockels befinden sich jeweils Inschriften, linke Seite:
„1914 - 1918
DEN IM KRIEG GEFALLENEN
VON IHREN KAMERADEN
Rechte Seite
DU STIRBST - BESITZ STIRBT
DIE SIPPEN STERBEN
EINZIG LEBT - WIR WISSEN ES
DER TOTEN TATENRUHM
EDDA"
Punkt
Die Erhebungen zum Fall der drei im tödlichen Los vereinten Offiziere fanden im Dezember 2021 einen vorläufigen Abschluss im eiskalten russischen Winter. Letzte Schlusspunkte erfolgten in einem klassischen Blockhaus, errichtet in traditioneller ländlicher Bauweise. Die Stelle lag im tief verschneiten Wald an einem stillen, völlig zugefrorenen See - Seneschkoje Osero. Vereinzelt versuchten darauf abgehärtete Eisfischer aus den eigens gebohrten Löchern ihr Essen auf die schneebedeckte Oberfläche zu ziehen.
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| Großneffe Alexander auf dem See - Autor |
Die frostig und doch idyllisch anmutende Stätte lag in der Nähe der Kleinstadt Solnetschogorsk, nördlich von Moskau in Richtung St. Petersburg. Vorherrschende bitterkalte Momente in früh endender Tageshelle weckten unweigerliche Assoziationen zum vergangenen Geschehen im fernen Sibirien, auch ein zeitlicher Abstand von mehr als 100 Jahren konnte dies nicht verhindern.
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| Dmitry, Korrespondent in Moskau, vor der Basilius-Kathedrale |
In einem Café am Roten Platz traf Dmitry, wenig später, schon im Neuen Jahr 2022 zu einer vorerst anberaumten Schlussbesprechung und einer Diskussionsrunde ein. Der Freund in Moskau war beständig bemüht aus russischen Quellen Beiträge und Informationen beizuschaffen. Die Themen im lockeren Kreis behandelten u.a. die unsichere politische Situation in der Äußeren Mongolei bis zum Dezember 1916, kurz vor der Februarrevolution 1917 [julian.]. Eine Hauptdynamik betraf das nebulöse Verhalten des russischen Generalkonsuls in Urga für die noch künftig Aspekte zu erwarten sind, die jedoch den Vorfall kaum noch wesentlich tangieren dürften.
Die ausgezeichnete Kooperation eines russischen Freundes und Vermittlers in Moskau in der Causa Hans bezeugte und bezeugt deutlich eine längst gottlob überwundenen Konfrontation zwischen den einstigen Todfeinden. Deutschland und Russland waren über lange Zeiten oft Verbündete, auch wenn sie dann, wie in der vorliegenden Episode, auf verschiedenen Seiten der Fronten standen. Folgenreich waren beide Weltkriege, welche nach dem Ende auf beiden Seiten unterschiedliche Identitäten hervorriefen. Die langwährenden kulturellen und humanitären Wurzeln erwiesen sich als starke Basis, so dass bis zum heutigen Tag mit einer Versöhnung über die Gräber hinweg eine wirkungsvolle kooperative Präsenz etabliert werden konnte.
Im Anschluss ereignete sich der Krieg mit der Ukraine. Die hegemonialen Ansprüche Russlands, sowohl in der Äußeren Mongolei als auch in der Ukraine, sind unverkennbar.
Quellen:
Kriegs-Zeitung Nr. 11, Greifswald 1915
Mitteilungen über unsere am Kriege teilnehmenden Korpsbrüder.
Erinnerungen an Hans von Hoffmeister. Dauria im Sommer 1915. Seite 2 - 5
Amtlicher deutscher Heeresbericht vom 29.12. 1916
Überschrift: Ein Völkerrechtsbruch Rußlands
Kriegschronik. Der Erste Weltkrieg im Dezember 1916.
Andrews, Roy Chapman
Across Mongolian Plains
New York 1921
Haslund, Henning
Tents in Mongolia - Adventures and Experience among the Nomads of Central Asia
London 1934
Hartmann, Edgar von
Auf tausendjähriger Karawanenstraße durch die Mongolei
Berlin 1933
Jonas, Fritz
Die rechtliche Stellung der Kriegsgefangen
Greifswald 1918
von Walsleben, Magadalene
Die deutsche Schwester in Sibirien. Aufzeichnungen einer Reise durch die sibirischen Gefangenenlager vom Ural bis Wladiwostok. Seite 65
Berlin 1919.
von Ernest, Ferdinand
von Regenauer, Kurt
Geschichte des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20. Seite 310
Berlin 1925
Rudolph, Axel
Eingereist über Wladiwostok. Passage im 7. Kapitel
Berlin 1938
Neuauflage als eBook, Hamburg 2015
Wurzer, Georg
Die Kriegsgefangenen in Russland im Ersten Weltkrieg
Göttingen 2005
Brandström, Elsa und Klante, Margarete
Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien 1914 - 1920
Berlin 1922
siehe hier auch die Stelle S. 62:
„Die Offiziere, die namentlich am Anfang die Flucht für ihre Pflicht hielten, versuchten sie am häufigsten.“
Gudaitis, Gytis
Armeen Rußlands und Deutschlands im I. Weltkrieg und die Revolution von 1918. Ein Vergleich.
Dissertation Eichstätt 2004
Davis, Gerald H.
"Deutsche Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg"
Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM) 1
Karlsruhe 1982
Givens, Joachim und Jonas, Hans
In russischer Kriegsgefangenschaft. Die kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der deutschen Kriegsgefangenen in Rußland.
Berlin 1939
Klante, Margarete
Von der Wolga zum Amur. Die tschechische Legion und der russische Bürgerkrieg
[Dokumente zur Geschichte der Kriegsgefangenen des Weltkrieges. Herausgegeben im Auftrage der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener e.V. von Givens, Joachim und Jonas, Hans, Band 1]
Berlin/Königsberg 1931
Schröder, Alfred und Karuscheit, Heiner
Das Revolutionsjahr 1917, Bolschewiki, Bauern und die proletarische Revolution.
Kapitel: "Der Winter in Russland 1916/17".
Hamburg 2017
Nachtigal, Reinhard
"Zur Anzahl der Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg".
Berlin 2008. Militärgeschichtliche Zeitschrift Bd. 67, Heft 2.
Bachinger, Bernhard und Dornik, Wolfgang
Jenseits des Schützengrabens. Der Erste Weltkrieg im Osten. Erfahrung - Wahrnehmung - Kontext. Seite 197-207.
Innsbruck 2013
Bulstrode, Beatrix
A Tour in Mongolia.
London 1920
Sizova, Alexandra A., "The Political Role of the Russian Consulates in Mongolia in the Mongolian National Liberation Movement in the Early 20th Century".
National Research University, Higher School of Economics
Moskau 2016
von Stackelberg, Traugott
Geliebtes Sibirien.
Stuttgart 1951
Meridale, Catherine
Lenins Zug - Eine Reise in die Revolution.
Frankfurt am Main, 2017.
Scheidl, Inge
Rolf Geyling (1884-1952). Architekt zwischen Kriegen und Kontinenten.
Kapitel: "Die Jahre in Sibirien"
Wien 2014.
Makarov, Alexander
Die Rechtsstellung der Äußeren Mongolei in ihrer historischen Entwicklung.
Max-Planck-Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht, 1937.
von Üxküll, Gräfin, Alexandrine
Aus einem Schwesternleben
Stuttgart 1956
Annuaire Diplomatique
Almanach de Gotha 1916
The Correspondence of G. E. Morrison 1912-1920
"To D. D. Braham, Peking 14 March 1913"
Cambridge 1978
Busch, Heinz
Daurija. Aus einem sibirischen Gefangenenlager.
Frankfurter Zeitung vom 14. Dezember 1916
Dwinger, Edwin Erich
Die Armee hinter Stacheldraht. S. 149-157
Jena 1929
Pressemitteilungen:
Zahlreiche deutsche Zeitungen mit Presseberichten über den Vorfall
US-Presse, soweit bekannt:
Indianapolis News vom 21. Dezember 1916
Tägliches Cincinnattier Volksblatt vom 21. Dezember 1916
The Boston Globe vom 21. Dezember 1916
The Brooklyn Daily Eagle vom 21.Dezember 1916
The Port Huron Times-Herald (Port Huron, Michigan) vom 21.12.1916
The Sun (New York) vom 22. Dezember 1916
Pittsburgh Daily Post vom 22. Dezember 1916
Der Nordstern (Saint Cloud, Minnesota) vom 22.12.1916
The Danville Morning News (Danville, Pennsylvania) vom 23.12.1916
The Bennington Evening Banner (Bennington, Vermont) vom 23.12.1916
Lima Republican-Gazette (Lima, Ohio) vom 23.12.1916
Der tägliche Demokrat (Davenport, Iowa) vom 24.12.1916
The Watertown News (Wisconsin) vom 10.1.1917
The Herald-Sentinel (Cordell, Oklahoma) vom 11.1.1917
The Gothenburg Times (Gothenburg, Nebraska) vom 11.1.1917
Moundridge Journal (Moundridge, Kansas) vom 11.1.1917
Inman Review (Inman, Kansas) vom 12. Januar 1917
The Lahoma Sun (Lahoma, Oklahoma) vom 26.1.1917
Kanada
The Gazette (Montreal) vom 22.12.1916
Schriftstücke und Dokumente:
Archiv des Auswärtigen Amtes
- Hans von Hoffmeister - Personalia 6243
Archiv des Auswärtigen Amtes
RAV 205-2/251
Generallandesarchiv Karlsruhe
GLA KA 456 E Nr. 5030
Unterlagen aus der Familie
Anregungen, Verbesserungen, Korrekturen und Informationen werden stets dankend akzeptiert:
vonhoffmeister@gmail.com
Dr. Alexander von Hoffmeister
Januar 2022
Kronberg im Taunus
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