Fritz von Hoffmeister: Frontoffizier von 1914 bis 1918 - 1939 Verstoßung aus der Wehrmacht


Kurt Erich Friedrich Hoffmeister kam am 11. Mai 1886 in Stettin als erstes Kind der Eheleute Eduard und Johanna Hoffmeister geb. Kiehnle auf die Welt  Eduard, war zu der Zeit in Stettin als Hauptmann im Generalstab des II. Armeekorps stationiert.

Kindheit und Schulverdruss


Die allererste Mitteilung über das freudige Ereignis widmete der Vater Eduard seinem Monarchen. Er beeilte sich regelrecht, um noch am gleichen Tage die glückliche Botschaft dem Großherzog von Baden (1826-1907) schriftlich vorzulegen: „Euerer Königlichen Hoheit bin ich so glücklich, allerunthertänigst melden zu können, daß uns mit Gottes gnädigstem Beistand vor einer halben Stunde ein prächtiger, kräftiger Junge geboren wurde.“ 

Im Vertrauen auf die ihm immer wieder von höchsten Gnaden offenbarten Sympathiebeweise wagte Eduard einen langgehegten Herzenswunsch in Worte zu fassen : „Euere Königliche Hoheit haben mich zuerst und in langen häufigen Gesprächen mit dem Gedanken vertraut gemacht, zu heirathen, - standen meinen Bemühungen in dieser Richtung so nahe, nahmen dann an meiner Verlobung und Verheirathung einen solch warmen ungewöhnlichen Antheil, daß mir bei dem entscheidenden Einfluß, den Euere Königliche Hoheit auch auf mein ganzes übriges Geschick ausgeübt haben und noch ausüben, häufig der Gedanke kam und lieb wurde, wenn wir Kinder bekämen und  es ein Junge würde, Euere Königliche Hoheit um die Gnade zu bitten, Pathenstelle zu übernehmen.“

Er vergaß auch nicht, hinzuzufügen: „Mit Gottes Hülfe wird er ja ein braver Mensch werden und wie eine gute Vorbedeutung möchte ich ihm den Schutz desjenigen mit auf den Lebensweg geben, der mir so viel, ja in langen Jahren Alles gewesen ist.“

Der Großherzog war für Eduard und bereits auch für dessen Vater, den Hofkupferstecher, von einem außergewöhnlichen Wohlwollen erfüllt und begleitete mit Gunstbezeugungen von Beginn an dessen Laufbahn. Spontan bekundete er in einem Telegramm der nunmehrigen Familie seine nicht hoch genug zu schätzende Zustimmung. Eduard, natürlich ungemein erfreut, antwortete ihm umgehend, dass die Taufe am 26. Juni, mittags stattfinden sollte. Die Übernahme der Patenschaft für den erstgeborenen Sohn war ein Ausdruck höchster Wertschätzung für den bürgerlichen Hauptmann in der badischen Armee unter preußischem Oberbefehl, der gerade mal 34 Jahre alt war.

Großherzog Friedrich I. von Baden 
Quelle: Wikipedia

Oberstleutnant von Tresckow, der bereits zusammen mit Eduard dem Großherzog bei dessen Kur in Kissingen Gesellschaft leistete, war schon seit geraumer Zeit ein enger Vertrauter von Eduard. In Vertretung des Regenten agierte er dann wunschgemäß als Pate beim evangelischen Taufakt. Eduard beeilte sich dem Großherzog seinen überquellenden  Dank auszusprechen „für die zum Ausdruck gelangte Höchste Gnade“, auch für das „reiche Pathengeschenk, [und...] gebe Gott, daß unsere redliche Mühe, ihn zu einem ordentlichen tüchtigen und Euerer Königlichen Hoheit Namens und Schutzes würdigen Menschen zu machen, erfolgreich sei.“ 

Großherzog Friedrich I. als nunmehr nomineller und hoch verehrter Pate gab den Ausschlag für die ab sofort gebräuchliche Namensgebung des Stammhalters, später setzte sich die Kurzform Fritz durch, er nannte sich selbst so und alle Anverwandten taten es auch, wobei auch noch andere Spitznamen gebräuchlich wurden. Ausschließlich, aber nicht generell fand der gegebene Namen Friedrich eine Aufnahme nur in amtliche Schriftstücke.


Quelle: v.H.


Handschriftlich auf der Rückseite vermerkt:

"5 Monate zähl ich,
16 Pfund wieg ich,
Fritzchen heiß ich
und lieb bin ich.

Den 10. Oktober 1886."

Quelle: v.H.

Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle


Am 30. Dezember 1888 informierte Eduard den Großherzog aus Einbeck, seinem Militärstandort, über eine erfreuliche Entwicklung seines Nachwuchses: „ Fritz ist schon ein strammer Junge geworden und macht uns viel Freude.“ Ein Jahr später schilderte er in einem Brief weitere Fortschritte: „Meine Frau und Fritz sind wohl und munter, letzterer ist ein strammer Junge und macht uns trotz seiner reichlichen Unart viel Freude.“

Die Brüder. Links Fritz, rechts Hans.
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle

Das kindliche Leben verlief weitgehend in den vorgezeichneten Bahnen einer preußischen Garnison. Eine schmerzliche Zäsur bildete indes der sehr frühe Tod des zweitgeborenen kleinen Kurt. Er starb bereits als Säugling. Im Februar 1890 kam Hans, der nächste Sohn zur Welt und komplettierte die Familie.

Auf dem Bild: links Fritz, zusammen mit seinem Bruder Hans
Quelle: v.H.

Der jugendliche Fritz besuchte von Herbst 1893 bis zum Herbst 1896 die Volksschule in Neubreisach/Elsass, anschließend bis zum Herbst 1897 das Gymnasium in Freiburg und wechselte darauf bis zum Herbst 1899 an das Gymnasium in Mülhausen/Elsass. Der häufige Schulwechsel war bedingt durch Beförderungen seines Vaters, die wechselnde Garnisonen im Elsass nach sich zogen. Die deutsche Militärpräsenz erhielt im Reichsland Elsass erhöhte Priorität und wurde nach dem Krieg von 1870/71 besonders stark erweitert.

[Bereits nach der siegreichen Schlacht von Sedan im Krieg gegen Frankreich hatte die badische Regierung in einer Denkschrift an Bismarck den Beitritt Badens zum Norddeutschen Bund vorgeschlagen. Im Gegensatz zu Württemberg und Bayern gab das Großherzogtum seine Militärhoheit endgültig an Preußen ab. Am 25. November 1871 wurde in Versailles eine Militärkonvention mit dem Königreich Preußen unterzeichnet. Die im Krieg gegen Frankreich zugeteilte Korpsnummer XIV blieb dann den badischen Truppen erhalten.]

Die Zeit in Weißenburg


Im Herbst 1899, zu Beginn des neuen Schuljahres, beschlossen schließlich die Eltern Fritz in die Obhut eines Professor Wissmann in Weißenburg/Elsass zu geben. [Weißenburg hatte zu der Zeit etwa 6700 Einwohner] Der Vater war dienstlich stark gefordert, erklomm beständig höhere Chargen und hatte daher entsprechend wenig Zeit für seinen Sohn. Die Mutter war vom Temperament und der permanenten Lernunwilligkeit ihres Sohnes überfordert. 

Eduard versah seinen Dienst in der elsässischen Kleinstadt inzwischen als Oberst, Herr Professor Wissmann mit Frau Gemahlin waren der Familie wohlbekannt, so dass man Fritz ohne Bedenken deren Fürsorge anvertrauen konnte. Die Eltern erachteten eine strenge Hand und stete Aufsicht zur schulischen Kontrolle ihres Sohnes als unbedingt erforderlich. Schulprobleme und einhergehende Unarten sollten ein Ende finden, das Gymnasium in Weißenburg verbunden mit häuslicher Zucht im Hause Wissmann schien ihnen dafür das ideale Umfeld zu sein. 

Quelle: ebay



Johanna, die Ehefrau von Eduard, wohnte weiterhin mit ihrem Sohn Hans in Baden-Baden und zwar in der Maria-Alexandra-Straße 12. Sie war in das gesellschaftliche Leben der mondänen Kurstadt voll integriert, welche ungleich mehr bot als die verschlafene Kleinstadt Weißenburg. Ihr Gemahl Eduard verblieb in der Elsässer Garnison und ab dem Herbst 1899 besuchte auch Fritz, wie beschlossen, das dortige Gymnasium, Domizil bezog er nun bei Prof. Wissmann samt Frau. Vater und Sohn besuchten den Rest der Familie an Wochenenden, soweit sich dies ermöglichen ließ.

Gänzlich unvermutet änderte sich die eingerichtete Konstellation, denn am 13. Juli 1900 erhielt Eduard die Order, als Kommandeur das neu gebildete 4. Ostasiatische Infanterie-Regiment zu übernehmen mit gleichzeitigem Marschbefehl nach China. Diese ehrenvolle Funktion bedeutete für Eduard ein Wendepunkt der militärischen Laufbahn. Er war nun der Chef einer Expedition auf dem Weg zur Bekämpfung des Boxeraufstandes im fernen China. Eduards Frau Johanna und Fritz durften als Begleitung zu den groß zelebrierten Verabschiedungen nach Berlin und anschließend nach Bremerhaven mitkommen. Sein Sohn Hans, der dafür wohl noch zu klein war, musste derweil in Baden-Baden zu Hause bleiben.

Eduard absolvierte in Berlin Termine und Besprechungen mit militärischen Planungsstäben zur Organisation des Chinaeinsatzes, für Fritz hatte er währenddessen ein regelrechtes Unterhaltungsprogramm ausgearbeitet. Während der Vater noch mit Fachfragen beschäftigt war, machte sich Fritz mit Limbach, dem Burschen von Eduard, auf zur Entdeckungstour in die Hauptstadt des Reiches. Zuerst stand ein Besuch des Panopticums auf der Liste. [Das Panopticum war ein Berliner Wachsfigurenkabinett der Gebrüder Castens, ausgestellt wurden u.a. bedeutende Gestalten der Geschichte, medizinische Monstrositäten sowie Angehörige fremder Völker].

Der 1. August sah am Morgen eine Visite des Aquariums vor, nach einem Mittagessen wanderten Fritz und Limbach zum Schillertheater, gespielt wurde gerade Zar und Zimmermann. Am 2. August suchten beide gemeinsam die Siegesallee auf. 

[Ein von Wilhelm II. 1895 in Auftrag gegebener Prachtboulevard im östlichen Teil des Tiergartens. 32 Baudenkmäler aus Marmor stellten sämtliche Markgrafen und Kurfürsten Brandenburgs und Könige Preußens zwischen 1157 und 1888 dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg ordnete de Alliierte Kommandantur die Einebnung der Allee an. Die Statuen befinden sich heute in der Festung Spandau.]

Nachmittags war das Kolonialmuseum an der Reihe. [Es existierte von 1899 bis 1915 in Moabit und bot Informationen und Ausstellungsstücke über Eingeborene und deren Lebensweise in den deutschen Kolonien].

Am 3. August schließlich machte sich die Familie auf den Weg nach Bremerhaven, von dort sollte die Phönicia, der Truppentransporter für das 4. Ostasiatische Infanterie-Regiment, ablegen. In seiner Kabine auf dem Schiff fand Eduard noch einen angehefteten Zettel mit besten Wünschen seiner Gemahlin, auch gezeichnet „von Fritzel, meinem Stolz und meiner Hoffnung“, wie es Eduard in seinem Chinatagebuch noch festhielt. Er verabschiedete sich bewegt von Frau und Sohn und vermerkte nach der Abreise auf dem Truppentransporter: „Ein letzter Kuß! Ein letztes Lebewohl!

Eduard hatte sich noch nicht richtig in China niedergelassen, da gierte die Restfamilie in Baden-Baden nach Neuigkeiten des Vaters aus dem fernöstlichen Land. Fritz beeilte sich deshalb schon am 5.9.1900,  seinem Vater mitzuteilen: „Wir haben uns auch schon auf das „Badische Tagblatt“ abonniert, damit wir sofortige Nachricht von den Wirren in China haben (es kostet 8 Mark)." [Die Bezeichnung über die Auseinandersetzungen in China als „Wirren“ setzte sich im Sprachgebrauch der Presse durch.]

Zur abgesprochenen Besuchsregelung notierte Fritz am 30. September 1900 in einem Brief: „In 14 Tagen werde ich zum ersten Mal über den Sonntag nach Baden-Baden gehen. Ich darf nämlich alle 4 Wochen die Mutter besuchen.“ In einer Information über Schulvorgänge am Weißenburger Gymnasium gebrauchte er drastische Worte: „Herr Direktor wird dieses Jahr sein fünfzigjähriges Jubiläumsfest feiern, dann kratzt er ab. Sonst weiß ich nichts neues.

Eduard hatte sich in China gerade etwas etabliert, da musste er bereits wenig Erbauliches über seinen Sohn Fritz aus der Heimat vernehmen, mit erkennbarem Nachdruck bekräftigte er am 8. Oktober  den seiner Meinung nach unvermeidlichen Aufenthalt von Fritz unter der Aufsicht von Prof. Wissmann in Weißenburg: „Also Fritzel ist nicht glatt versetzt! Davon hatte er mir nichts geschrieben. [...] ich denke Professor Wissmann wird schon Sorge tragen, daß er tüchtig anfaßt. Es scheint mir die gewählte Lösung: Unterbringung von Fritzebizler im Pensionat Wissmann nicht nur die beste, sondern überhaupt die einzige mögliche, um ihn zu fördern und ihm zu helfen.

Während seiner militärischen Aktivitäten in China wurde Eduard unablässig per Briefbotschaften über häusliche Disharmonien mit Fritz konfrontiert, weitaus mehr als mit Auffälligkeiten seines Sohnes Hans. Dessen Werdegang verlief in wesentlich ruhigeren Bahnen. Eduard bemühte sich im Fernen Osten seine Führungsrolle in der Erziehung, so weit es überhaupt möglich war, zu behaupten, um im  Kontakt zu Fritz, weniger zu Hans, die Kontrolle zu behalten.

In der Trennungsphase musste das Tagebuch etliche Einträge über das Betragen von Fritz aufnehmen. Eduard trachtete danach, in der Fernbeziehung beständig seiner Vaterrolle zu genügen. Schriftliche  Standpauken und Lektionen zur Disziplinierung von Fritz fanden ihre Niederschrift, verbunden mit klaren Maßregeln. Auch Auffälligkeiten im Verhalten und Benehmen ließen Eduards Gedanken in der Garnisonsstadt Paoting-fu, [heute: Baoding, eine Großstadt mit über 11 Mio Einwohnern] wo das Kontingent seines Regiments untergebracht war, bedenklich rotieren.

Eduard setzte weiterhin große Erwartungen in die erzieherischen Fähigkeiten von Herr und Frau Wissmann und er versprach sich dabei endlich ein erfreulicheres schulisches Weiterkommen seines Sohnes. Im Verlauf des Tagebuchs fanden sich ständig Äußerungen über die Entwicklung von Fritz. Am 25. November 1900 konnte er immerhin zufrieden feststellen: „Fritzel hat thatsächlich Respect vor dem Professor und wird denke ich, so auch in der Schule etwas leisten. Daß es ihm in Weissenburg wieder so gut gefallen hat, kann ich mir lebhaft denken; es ist auch für einen Jungen seines Schlages ein idealer Aufenthalt.“

Am 3. Dezember 1900 lösten Nachrichten von Fritz aus der Heimat einige Freude aus, Eduard markierte lobende Worte, eine bemerkenswerte und kurze Charakterisierung seines Sohnes floss  dabei auch aus seiner Feder. Anerkennung fanden auch die Bemühungen der Wissmanns: „Die 3 Kärtchen von Fritzel sind gleich nett und geben ihn genau, wie er ist: einfach und praktisch, dabei ein wenig hausbacken und altklug, aber ohne Ziererei. Gott erhalte ihn auf der Bahn, auf die ich ihn gesetzt habe. Er hat das Zeug dazu, ein Prachtmensch zu werden, aber auch zum Gegentheil. Viel, ja alles hängt bei seiner Art, von seiner Umgebung und dem Umgang ab, den er hat, und da glaube ich, daß gerade das Wissmannsche Haus auf ihn wohltuend einwirken wird. [...]

Wenn er nur streng genug gehalten, zum Lernen fest genug angefaßt wird! Für seine seelische und Gemüthsentwicklung scheint Frau Wissmann von wohltuendem Einfluß, denn er hat sie gern und lobt sie und das ist bei einem so flüchtigen und egoistischen Geschöpf, wie Fritzel ist, immerhin viel, sogar sehr viel.“

Auch die Augenstörungen von Fritz waren für Eduard ein Thema und er sah sich zu einem Kommentar veranlasst::„Gott sei Dank, daß es mit dem Auge nichts schlimmes war! Die Kurzsichtigkeit von Fritzel kann nicht groß sein und will mir die Nothwendigkeit eines Augenglases für denselben nicht recht einleuchten, namentlich da die Gefahr vorliegt, daß er mit demselben kokettiert und Allotria treibt, geschweige denn seine Augen verdirbt. Wenn nur Professor Wissmann auf das äußerste aufpaßt, daß Fritzel auch nur für den Schulbesuch und nur um Geschriebenes an der Tafel zu lesen, den Zwicker trägt.

[Das Tragen von Brillen lief gemeinhin dem Verständnis von Offizieren im Kaiserreich zuwider, es war in weiten Kreisen geradezu verpönt, ungern gesehen und wurde als Schmach empfunden, daher setzte sich auch im Offizierskorps mehr und mehr die Mode des Monokels durch, was den Trägern eine zusätzliche elitäre Attitüde verlieh.]

Der Brief von Prof. Wissmann hat mir viel Freude gemacht und sehr gefallen; er beurtheilt den Jungen thatsächlich richtig und seine Behandlung scheint die geeignete zu sein. Wenn die Sache nur auch vorhält und so gut weiter geht! Gott gebe seinen Segen dazu.

Daß sich Fritzel jetzt schon gern auf den jungen Herrn aufspielt, ist an sich nichts unnatürliches: es sind die Flegeljahre, in die er jetzt hineintritt. Wenn er dabei nur frisch und natürlich bleibt und nicht geckig und, wozu bei ihm eine besondere Gefahr vorliegt, hochmüthig wird.

Am 14. Januar 1901 meldete sich Eduard trotz einiger Bedenken in der festen Überzeugung: „Und Fritz der gut Bu! Wenn er nur fleißig ist und nicht übermüthig, frech und vorlaut wird! Das ist bei seiner ganzen Anlage immer eine Gefahr bei ihm. Ich habe gerade und trotz allem das  Vertrauen, daß er bei Wissmann‘ s besser wie irgendwo anders aufgehoben ist.“

Eduard empfand dabei eine wesentliche Entlastung für sich selbst, das war neben der teilweise empfundenen Hilflosigkeit seiner Frau gegenüber dem unwilligen Sohn, auch ein Hauptgrund für die Wahl des Professors: „Auf die Dauer wäre es ja mit mir auch nicht so weiter gegangen, denn ich war durch meinen Dienst und das Arbeiten mit Fritzel wie in einem Schraubstock drin und konnte mich nicht rühren.

Diese Hingabe und Aufopferung hätte ja, das muß ich kecklich [veraltet: keck, kess] aussprechen, kein Oberst und kein Regimentskommandeur auf der ganzen Welt für seine Buben gehabt, wie ich, und manchesmal bedurfte ich der ganzen Spannkraft, ohne daß ich weiter darüber mich ausgesprochen hätte! Gott segne ihn!“  Die Häufigkeit der Besuche von Fritz aus Weißenburg nach Baden-Baden betrachtete Eduard für vollauf ausreichend und er sprach es deutlich aus: „Daß Fritz nur alle 4 Wochen kommt ist für ihn sehr gut, wenn es auch für Euch etwas hart ist. Bei seinen Temperament würde ihn aber ein öfterer Besuch zu stark zerstreuen!

Die Fülle unangenehmer Nachrichten aus Baden-Baden über seinen Sohn bestärkte Eduard in einem Brief vom 2. Februar 1901 Prof. Wissmann anzumahnen, konsequente Maßnahmen anzuwenden. Als Beleg bekam seine Frau eine Abschrift in Eduards Tagebuch. Er bestand dabei nachdrücklich auf eine strikte Führung, stete Aufsicht und entschiedene Kontrolle seines zu Schlendrian neigenden Sohnes.

Nach Kaisers Geburtstag, wohl im Februar 1901, verkündete Fritz Überraschendes: „Ich lerne hier furchtbar, jeden Tag bis 10 Uhr. Abends bin ich entsetzlich müde, aber das hilft alles nichts. Ich muß etwas lernen. Ich fühle auf einmal ein Lerngeist in mir. Die Folge davon war das ich im Lateinischen eine genügende Arbeit geschrieben habe. Griechisch kann ich dagegen immer noch nicht recht, es macht mir furchtbare Mühe, dies einfältige Zeugs zu begreifen.“

Daneben äußerte sich Eduard: „Hoffentlich sieht er [Fritz] ein, daß die Arbeit und das Lernen eine Nothwendigkeit und ein Segen ist und verwendet auf seine Thätigkeit den nöthigen Ernst. Ich weiß es und habe das feste Vertrauen, daß er in dieser Richtung bei Ihnen in den besten Händen ist.

Noch wichtiger ist aber, und namentlich bei ihm noch viel wichtiger, erachte ich den Ausbau des inneren sittlichen Menschen - seines Charakters. Er war schon einmal durch den Umgang mit älteren Schulgenossen, die ihm allerlei Schlechtes und vielleicht kaum selbst recht verstandenes vorerzählten und vorrenomirten, im Begriff, vom rechten und kindlichen Wege abzuirren.

Ich habe ihn dauernd mit Hülfe meiner Frau in eindringlichster Weise zurechtgerückt und eingerenkt. Er bedarf aber hierin, namentlich im Hinblick auf seine reife körperliche Entwicklung fortgesetzter Einwirkung und Ueberwachung und zwar nicht nur dessen, was er thut, sondern auch dessen, was er denkt und schreibt, [...]

Auch eine Neigung zur Unbescheidenheit und dazu, vor den Leuten eine Rolle oder sich auf zu spielen, möge nicht außer Acht gelassen werden! Daß er ein Augenglas trögt, ist mir nicht recht! Aber nicht wahr, nur zum nothwendigsten Gebrauch in der Schule!

In einem Brief von Hans, die Datierung stammte vom 20. Februar 1901, er hatte darin plaudernd nicht dicht halten können, erfuhr Eduard die Geschichte eines fatalen Vorfalls bei dem Fritz der Hauptakteur war: „Vor einiger Zeit hatten wir einen großen Schrecken ausgestanden. Fritz war mit einigen Buben in Weißenburg spazieren gegangen. Und wie es das Verhängnis wollte kamen sie am Weiher vorbei. Fritz ging auf das nur wenig eingefrorene Wasser und brach ein. 

Er entging der Gefahr dadurch, daß er den Westenhofer [enger Freund von Fritz in Weißenburg] mit ins Wasser zog und dadurch auf's Trockene kam. Er war natürlich ganz naß und mußte sich umziehen. Sonst ging die Sache gut vorüber. Fritz bekam nicht einmal eine Erkältung. Das war vor 8 Wochen.“

Zum großen Familienereignis, der Konfirmation von Fritz im April 1901, sah sich Eduard veranlasst, den langen Postwegen geschuldet, bereits am 1. Januar 1901 eine Suade mit ernsthaften Appellen abzuschicken. Darin war gar alles verpackt, was Eduard am Herzen lag und für den Werdegang seines Sohnes von Bedeutung erachtet wurde. An erster Stelle fand sich die Ermahnung zum Dank gegenüber den  Eltern und der Großmutter [Lina Kiehnle, Mutter von Johanna], dabei sollte immer der nötige Respekt verbunden sein.

Ein Hauptaspekt in Eduards Moralpredigt zielte auf die schulischen Bemühungen von Fritz, dabei bezog er sich noch auf die mit aller Kraft investierten elterlichen Mühen: „Mit welch unerschöpflicher Geduld hat deine Mutter sich gequält mit Trägheit und Uebelwollen und wie habe ich  [...] dir fast bis zum unerträglichen jede Minute und die letzte Kraft gewidmet, die mein Beruf mir übrig ließ!

Ein schlechter Umgang, in dem sich Fritz nach des Vaters Meinung bewegte, sorgte für Rüffel. Dafür bot sich aus der Ferne die Gelegenheit, eine saftige Rüge mit einer ebenso drastischen Erinnerung vom Stapel zu lassen: „Weißt du noch, wie du, ein noch ganz unreifer Junge, in lotterige Gesellschaft gerathen und im Begriff warst, an deiner Seele zu verderben [...] und wie ich dann in meiner Stube dich unter Thränen bat und beschwor, den schlechten Umgang zu meiden, umzukehren, so lange es noch Zeit ist, und ein braver Mensch zu werden?

Nach jedem Verweis, damit dieser nicht in den Wind gesprochen und nicht in Vergessenheit geriet, folgte in der Konfirmationsbelehrung ein schriftlicher Refrain in eindringlicher und nahezu theatralischer Formulierung: „Denke daran, wenn du vor den Altar trittst.

Am 26.2. 1901 schilderte Fritz seiner Mutter Einzelheiten über die Vorbereitungen des näher rückenden christlichen Festes, dabei erwähnte er auch Vorfälle in China, in die Eduard verwickelt war: „Gelt der Vater hat einen Sieg über die Chinesen davongetragen. 200 getötet, 5 Fahnen erbeutet. Ich freue mich sehr darüber, sonst hätte er uns, wenn er zurückgekommen wäre, womöglich aus schlechter Laune zum Empfange durchgehauen.“

Fritz bekundete am 5. März, er war noch keine 15 Jahre alt, in einem ausführlichen Brief, anerkennend und leicht ironisch schriftliche Glückwünsche zum Sieg seines Vaters im Gefecht von Kuan-tschang. Er begann als Einleitung mit den fünf Zeilen eines Schlachtengedichts von Theodor Körner, Fritz bezog sich dann auf den ausdrucksstarken fünften Vers, den er auf seinen Vater bezog:

Vater, ich rufe dich!
Brüllend umwölkt mich der Dampf der Geschütze,
sprühend umzucken mich rasselnde Blitze;
Lenker der Schlachten, ich rufe dich!
Vater, du führe mich!

Gott, dir ergeb ich mich!
Wenn mich die Donner des Todes begrüßen,
wenn meine Adern geöffnet fließen;
dir mein Gott, dir ergeb ich mich!
Vater, ich rufe dich!

[Theodor Körner, 1791-1813, deutscher Schriftsteller und Freiheitskämpfer war 22 Jahre alt, als er bei einem Gefecht als Mitglied des Lützow'schen Freikorps in den Befreiungskriegen fiel. Kurz vor seinem Tod verfasste er das von Fritz zitierte Gedicht.]

Lieber Vater! 
Mit diesem schönen Liede beginne ich den Brief. Daß du das Lied liebst, weiß ich, denn du hast schon einmal hier dich an einem Sonntag nach der Kirche darüber lobend ausgesprochen, denn du hast es mit verschiedenen Psalmen während der Kirche gelesen. Und nicht aus Zufall habe ich das Lied gewählt, denn vor ein paar Tagen stand in der Zeitung: Kolonne Hoffmeister wurde von 3000 Chinesen angegriffen. Die letzteren aber wurden unter Verlust von 300 Mann und 5 Fahnen zurück geschlagen!

Ob dich wohl in diesem Kampfe auch die Donner des Todes begrüßt haben? Ich glaube aber, so gefährlich war es nicht. Übrigens aber gratuliere ich dir sehr zu deinen Erfolgen, denn es wäre sehr kläglich gewesen, wenn du nicht vor den Feind gekommen wärst, da hätten dich ja alle ausgelacht, ohne an die Mühen und Strapazen zu denken, welche du da drüben ausgestanden hast. Ich sehe dich schon im Geiste, wie du in Berlin durch die Siegesallee reitest, hinter dir das 4. Regiment mit den erbeuteten Fahnen. Oh, ich wäre so froh, wen ich an deiner Seite gegen die Chinesen kämpfen könnte. [...]

Also das Konfirmationsfest rückt immer näher. Es sind jetzt nur noch 3 Wochen. Ich muß mich jetzt sehr in Acht nehmen und keine Dummheiten mehr machen. Der Pfarrer Resch hat auch schon an Mutter einen Brief geschrieben. Er schreibt darin, daß ich nach Weihnachten viel ernster und aufmerksamer geworden bin.[...] Zum leidigen Umstand des Tragens einer Brille meinte Fritz noch: „Ich trage den Zwicker auch nur in der Geometriestunde. Er ist aber furchtbar schwach No 32 auf dem einen. No 28 auf dem anderen Auge.

Informative Berichte von seinem Aufenthalt bei den Wissmanns in Weißenburg fanden auch den Weg zu seiner Mutter an die heimatliche Adresse in Baden-Baden. Er lieferte Neuigkeiten aus dem elsässischen Städtchen und über seinen Aufenthalt in der Pension Wissmann, es ging um  beabsichtigte Heimfahrten und zuweilen verlor er auch Worte über das wenig geliebte Gymnasium. Natürlich standen auch Fragen zur bevorstehenden Konfirmation an. Diese Feier musste allerdings ohne Anwesenheit des Vaters stattfinden, der mittlerweile in China militärische Erfolge feierte.

Eine zutiefst erfreuliche und vor allen Dingen eine seltene und ungewohnte Nachricht, konnte Fritz noch vor den Pfingstferien [26. Mai 1901 war Pfingstenabsetzen: „ich bin sehr freudig erregt, den ich habe die beste lateinische Arbeit geschrieben. (0 Fehler)."

Ein Aspekt beschäftigte Fritz mehr als ausgiebig und dies teilte er seiner Mutter zu Beginn des Jahres 1901, die Briefe sind leider undatiert, äußerst unverhohlen mit: „Aber ein Umstand betrübt mich sehr, das sind meine Kleider. Ich habe ja nur eine Hose und wenn diese zerrissen sein wird, was übrigens bald geschieht, habe ich gar nichts mehr zum Anziehen.

Darum ist es notwendig, daß du mir absolut noch einen Anzug kaufst. Ich kann doch nicht wie ein Bettelbube immer im selben zerrissenen und abgeschabten Anzug herumlaufen. Er sieht furchtbar aus.“ Im nächsten Brief setzte Fritz noch eins drauf: „Es ist unbedingt nötig, das du mir erlaubst wenigstens eine Hose machen zu lassen. Wenn du mir aber nicht die Erlaubnis gibst, bin ich gezwungen mir von meinem (geringen) Taschengeld eine Hose machen zu lassen, den ich habe die Spötteleien und Neckereien jetzt satt.“

Es war klar, dass seine Mutter derlei Auslassungen unverzüglich nach China weiterleitete. Eduard war empört und er brachte am 21. März 1901 einen kurzen Brief auf den Weg mit Glückwünschen zum Geburtstag von Fritz, die Abschrift dazu findet sich im Tagebuch. Darin hieß es überdeutlich: „Werde fleißig und brav! Laß all das Getue mit Kleidern und Hosen! Das sind Nebensachen und Jämmerlichkeiten! Laß die dummen, geckenhaften Jungen reden, was sie wollen! Vor denen bleibt ja noch kein Hund stehen!

Höre mich Fritzel, höre deinen Vater. Lerne, sei um Gotteswillen bescheiden und werde ein tüchtiger Mensch! [...] Glaube mir doch mehr, wie jedem hergelaufenen Geck, der nichts ist und nichts wird!

Am 9. April 1901 schilderte Fritz den genauen Ablauf seiner Konfirmation [in der Weißenburger Johanneskirche aus dem 12. Jh.]. In Verbindung mit den Feierlichkeiten wurde er wie alle anderen einzeln zum Pfarrer Resch vorgeladen, der ihm eindringliche Gebote vorhielt und ermahnte: „treu und fest den Glauben der Väter zu bewahren, um mich nie meiner Religion zu schämen, aber auch nicht andere (Andersgläubige) zu verspotten.

Er erinnerte mich daran, daß ein Volk immer dann am stärksten war, wenn es glaubte. Dies könne man nicht allein bei den Israeliten und Römern, sondern auch bei den Deutschen (im Jahre 1813 in den Freiheitskriegen) sehen. Er erzählte mir, daß ich in meinem Leben, noch viele schwere Stunden und Versuchungen durchmachen müßte, welche aber, wenn ich glaubensstark wäre, leicht überwinden würde.“

Der nächste Satz des Pastors enthielt eine zumindest zweifelhafte Auffälligkeit, bei der er im Ton etwas daneben geraten war. Fritz benannte die Worte des Pastors: „Er erzählte mir, daß der Offiziersstand die größten Versuchungen biete und daß schon viele junge Leute untergegangen sind.“ Man kann sich vorstellen, dass Eduard, der als Oberst seine Pflicht im fernen China erfüllte, von dieser Aussage nicht sonderlich erbaut gewesen war. Sicher wusste der Pastor von der Mission des Vaters und hatte gewiss Kenntnis vom Berufswunsch des Sohnes.

Gleichzeitig konnte Fritz dabei noch geschickt die für ihn mehr als erfreuliche Zeugnisvergabe einflechten, hatte er doch diesmal wirklich angenehme Nachrichten zu verbreiten, die man kaum von ihm erwartete: „Mein Zeugnis war besser als das vorige und ich bin sogar einen hinauf gekommen.

Nach einer erteilten Rüge seines Vaters war Fritz gezwungen am 9.4. 1901 als Erwiderung eine Entschuldigung anzubringen: „Ich habe auch deinen anderen Brief erhalten. Die erste Wendung: Wen du nicht nach China gegangen wärst u.s.w,, mußt du nicht  als frech auffassen. Ich habe es eben so geschrieben, ohne daran zu denken, daß der Brief soweit fortgeht. Wenn es dich aber beleidigt hat, so thut es mir leid und ich werde mich das nächste Mal mehr in Acht nehmen und auf den Ausdruck achten.

Fritz in festlichem Anzug. Rückseitig: "Zum Andenken an Deinen Urenkel Fritz. Weißenburg, den 28.IV.1901."
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle.

Am 6. Mai 1901 konnte Eduard nicht umhin, auf eine Nachricht von Hans und über das dabei erwähnte Eismalheur von Fritz einen Kommentar abzugeben: „Gott sei Dank ist der Unfall mit Fritzel glücklich verlaufen, hoffentlich zieht er sich eine Lehre daraus und beherzigt das Sprichwort, wenns dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis.“

Unter gleichen Datum folgten aus China ernsthafte Worte, mit denen sich Fritz wieder einmal einen massiven Tadel einhandelte: „Der Brief von Fritzel an dich [an Johanna, von Fritz aus Weißenburg], worin er seinen Unfall auf dem Eis erzählt, ist schlurig geschrieben und wimmelt von orthographischen Fehlern. Es wäre viel besser, wenn der Junge weniger lange Briefe schriebe oder schmierte. [...] Sonst ist er wenigstens bescheiden und handelt nicht nur von Geld und Kleidern, was mich angenehm berührt. Er ist des Aufhebens nicht werth und ich habe ihn zerrissen.“ Eduard musste ziemlich verärgert über das Schreiben von Fritz gewesen sein, dass er derart affektiv reagierte. 

In einen Schreiben vom 4. Juni 1901 ging Fritz auf die Vorgänge in China ein: „Ich habe auch eine Karte von dir (vom 16.4. 1901) erhalten, für welche ich mich sehr bedanke. Ich glaube jetzt wird es doch bald Frieden geben und du wirst diesen Brief in Europa oder wenigstens auf deiner Heimreise bekommen. Aber sobald die Truppen zurückgezogen sein werden, werden die Chinesen wieder von vorn anfangen und sich wieder empören. 

Ein zweitesmal wirst du dich aber nicht melden, sondern es andern überlassen, sich Lorbeeren zu pflügen [pflücken], was ja gerade das 4. Regiment ganz besonders gethan hat. Das Vaterland kann stolz sein auf sein 4. (Ostasiat) Infanterieregiment und seinen Kommandeur.“ Dabei zog Fritz einen interessanten Vergleich heran und glänzte mit seinen Schulkenntnissen: „Ich muß an den polnischen Aufstand denken., bei welchem wir jetzt in der Geschichte sind, wo ja auch das 4. Regiment sich so ausgezeichnet hat.“

[Der Novemberaufstand von 1830/31 war die erste größere Erhebung in Polen, welcher die Unabhängigkeit des Landes vom Russischen Kaiserreich zum Ziel hatte. Die Polen konnten sich gegen die russische Übermacht in  der Schlacht bei Ostroleka nicht behaupten und erlitten eine Niederlage. Die Schlacht wurde später zu einem Symbol des gescheiterten Aufstandes. Der deutsche Dichter Julius Moser verherrlichte in dem Gedicht „Die letzten Zehn vom vierten Regiment“ die Tapferkeit der polnischen Aufständischen. Diese wurden damit sprichwörtlich zum heiligen Rest einer großen und tapferen Armee.]

Im gleichen Brief fühlte sich Fritz bemüßigt, den Vorwürfen seines Vaters den Wind aus den Segeln zu nehmen, er wähnte sich völlig missverstanden und war nachdrücklich bemüht, einiges zurecht zu rücken: „Du mußt nach deinen Briefen zu schließen, überhaupt eine furchtbar schlechte Meinung haben und denken ich sei der größte Geck. Dem ist aber nicht so und hoffentlich wirst du dich selbst bald überzeugen können.“

Am 25. Juni 1901 konnte Eduard endlich wieder hoffnungsvolle Einträge seinem Tagebuch anvertrauen. Auch ein lang von ihm gehegter Wunsch schien sich zu erfüllen: „Fritzel gefällt mir jetzt in allem sehr viel besser, er hat mir geschrieben und sein liebes Bild geschickt: ein Mordskerl! Nun habt ihr es so weit gebracht, daß Fritz Offizier werden will!-  nun zunächst muß er das Abiturexamen machen, anders gehts überhaupt nicht.“ Der Aufenthalt im Hause Wissmann schien nun doch allmählich Früchte zu tragen, Eduard fand sich in der angenehmen Verfassung, seit seiner Ankunft in China erfreuliche und positive Entwicklungen an seinem Sohn zu entdecken.

Fritz weilte insgesamt zwei Jahre in Weißenburg unter der straffen, aber zunächst einigermaßen erfolgreichen Anleitung und Oberaufsicht des Prof. Wissmann samt Frau und besuchte das dortige Gymnasium. Nach seiner Rückkehr in die heimatlichen Gefilde von Baden-Baden war die Familie wieder glücklich vereint, nachdem Eduard nach erfolgreichen Taten schon im Sommer China den Rücken gekehrt und die Heimreise angetreten hatte. Fritz besuchte darauf vom Herbst 1901 bis zum Herbst 1902 wenig begeistert das Gymnasium in der Kurstadt und noch vom Herbst 1902 bis zum Herbst 1903 das Gymnasium in Karlsruhe [Großherzogliches Gymnasium in der Bismarckstraße]. Zwischenzeitlich, genau am 17. Juli 1902 wurde Eduard wegen herausragender militärischer Verdienste in China in den erblichen Adelsstand erhoben.

Die gymnasialen Aufenthalte nach dem Schulbesuch in Weißenburg waren letztendlich nicht von einer großen Nachhaltigkeit geprägt, denn ab dem Herbst bis zum Dezember 1903 war daher noch ein besonderer Unterricht in Karlsruhe angesagt. Um zum Beruf des Offiziers zu gelangen war prinzipiell ein Reifezeugnis eines deutschen Gymnasiums oder einer Oberrrealschule notwendig.

Der Besitz des Abiturs befreite auch von der Fähnrichsprüfung als Eignungstest zum Offizier. Dies traf jedenfalls für Fritz nicht zu. Es gab allerdings eine Alternative, nämlich die Absolvierung einer Art von Privatunterricht. Dabei wurde in speziell verdichteten und konsequenten Intensivstunden die Prüfungsfächer in relativ kurzer Zeit regelrecht eingepaukt. Ein umfassendes Wissen war dadurch natürlich nicht garantiert, aber es reichte vorerst zum Bestehen des unbedingt erforderlichen Examens. Für die Heeresreformer erwies sich jedoch alsbald die Bildungsfrage für die Streitkräfte als ein fundamentales Anliegen.

Fritz hatte sich schon in früher Jugend mit dem Gedanken an eine soldatische Laufbahn angefreundet. Spätestens während der Konfirmation machte sich dies evident bemerkbar, sogar der Pastor sah sich dabei bemüßigt, Fritz auf die angeblichen Gefahren einer solchen Stellung hinzuweisen. Ausschlaggebend waren natürlich die Laufbahn und Position seines Vaters, Eindrücken diverser Garnisonen sowie ein gewichtiger militärischer Bekanntenkreis. 

Zudem lockten ein nahezu feudales Standesbewusstsein, ein exklusives soziales Milieu in gehobenen Gesellschaftskreisen und ein überzeugender Auftritt in preußischer Uniform. Eine zuzügliche Qualität sah Fritz in der Zielsetzung als Kavallerist, da mag bereits der Wunsch entstanden sein, den legendären badischen Leibdragonern, die er in Karlsruhe vor Augen hatte, anzugehören. 

Erfolgreiche Schritte zum Offizier

Derart genügend unterrichtet und ausgestattet trat Fritz im Dezember 1903 in Berlin zum Fähnrichsexamen an. Die Bezeichnung zeigt den Weg zum Fähnrich auf, aber noch keineswegs den Erwerb dieser Charge. Die preußische „General-Inspektion für das Militär-Erziehungs-und Bildungswesen“ dirigierte die Führung, Aufsicht und Kontrolle aller Unterrichts-und Erziehungsangelegenheiten für das gesamte deutsche Heerwesen. Der Entschluss zu einer Laufbahn als Offizier, explizit zielgerichtet als stolzer Dragoner einer Eliteeinheit, hatte sich in der Vorstellungswelt von Fritz eingenistet, die folgenden Schritte entsprachen seinem inneren Gebot. Einige Voraussetzungen mussten die Bewerber hingegen mitbringen.

Grundsätzliche Bedingung war eine gesunde körperliche Belastbarkeit, eine exzellente Erziehung, Herkunft und Gesinnung [ ! ] Geprüft wurden mündliche und schriftliche Kenntnisse schulischer Art. Ein großer Stellenwert wurde der deutschen Sprache beigemessen. Daneben wurden Grundkenntnisse in einer alten und einer modernen Sprache geprüft, das bezog sich auf Latein und Französisch. Schriftliche Aussagen betrafen noch Mathematik, Geographie und Geschichte. Trotz aller vorherigen gymnasialer Querelen bestand Fritz das sogenannte Fähnrichsexamen und konnte sich nun ernsthaft qualifizieren.

Sein Vater, der im April 1902 zum Generalmajor ernannt wurde, durfte dabei keinen irgendwie gearteten Einfluss ausüben, wie man vielleicht annehmen könnte. Protektion bei Laufbahnen von Offizieren waren in der preußischen Armee in hohem Maße verpönt und entsprachen keinerlei Gepflogenheiten. Dennoch, abgesehen von der überstandenen Prüfung, der Status als Sohn eines hochrangigen Befehlshabers und damit als Angehöriger einer Offiziersfamilie verschaffte Fritz auch später ein nicht zu unterschätzendes Renommee, etwa Grußbotschaften hochrangiger Vorgesetzter an seinen Vater auszurichten. Ein Faktum, welches Fritz in eine durchaus vorteilhafte Lage versetzte. Mit dem positiven Eignungstest in der Tasche und beifälliger Beurteilung hatte Fritz die erste Wegstrecke zum begehrten Wunschziel glücklich durchschritten. 

Im Heer des deutschen Kaiserreiches bezeichnete man Kandidaten zum Berufsoffizier, wie Fritz, als Fahnenjunker. Für ihn öffnete sich eine erste Tür. Nun baute sich das nächste Hindernis auf, nämlich die Aufnahme in die badischen Leibdragoner, der lang gehegten Wunschvorstellung, deren Treiben in Karlsruhe Fritz schon als Schüler stets vor Augen hatte. Dazu musste er sich die Erlaubnis zur Aufnahme in die exklusive Einheit erst einmal beim gerade amtierenden Regimentschef einholen. Diese Hürde nahm er problemlos, eine Ablehnung während des gleichzeitigen Wirken seines Vaters als Kommandeur einer Brigade in Karlsruhe wäre einem Affront gleichgekommen. 

Nach der erwartungsgemäß erhaltenen Genehmigung trat Fritz als Fahnenjunker am 9. Januar 1904 die vorgeschriebene Dienstzeit von sechs Monaten in der 1. Eskadron des 1. Badischen Leibdragoner-Regiment Nr. 20 in der Karlsruher Kaserne an. Auf dem Programm stand fortan ein umfangreiches Truppenpraktikum an. Zur  Ausbildung gehörte nun die intensive Aneignung des Soldatenhandwerks auf allen Ebenen und zwar in den Rängen der Mannschaften als auch der Unteroffiziere. Ständige Exerzier-und Felddienstübungen waren die Regel, Schonung konnte er in keiner Weise erwarten, die Ausbilder schliffen die Fahnenjunker mit Vorliebe. Auch das Schlafen in den Mannschaftsunterkünften zählte zum Ablauf in der Karlsruher Kaserne. Drei Monate trug Fritz auch deren  einfache Uniform. Die ganze Zeit war Fritz in den harten Dienstalltag eingebunden. Er wurde mit den wesentlichen Vorschriften, mit Waffen und Material vertraut gemacht, das heißt diese wurden regelrecht eingetrimmt.

Fritz während seiner sechsmonatigen Dienstzeit bei den Leibdragonern in einfacher Uniform der Mannschaften. Neben ihm liegt die Schirmmütze mit Reichs- und Landeskokarde.
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle



Am 16. Januar leistete er in einer heiligen Zeremonie den verpflichtenden Fahneneid. Die Vereidigung erfolgte nach dem Vorlesen der Kriegsartikel und konfessionsweise Vorbereitung durch Geistliche in den Kirchen, mit der Hand auf der Fahne. Der Schwur galt dem Kaiser des Deutschen Reiches. Bedingungslos wurde auf die Persönlichkeit höchsten Wert gelegt. Der Eid war ein feierliches Gelöbnis bei dem man Gott zum Zeugen in der festen Absicht anrief, das gegebene Versprechen zu halten.

Die Kaserne der Badischen Leibdragoner lag in der Karlsruher Weststadt in der Kaiserallee 12. Die Gebäude wurden 1843 für das Regiment erbaut. Das Offizierskasino befand sich in der Kaiserallee 16. Heute ist eine Kindertagesstätte darin untergebracht.
Quelle: ebay

Der Text lautete: „Ich [Vor-und Zuname] schwöre zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen einen leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser Wilhelm II., meinem obersten Kriegsherrn, in allen und jeden Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs-und Friedenszeiten, und an welchen Orten es immer sei, treu und redlich dienen, Allerhöchsten Nutzen und Bestes fördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es einem rechtschaffenen, unverzagten, pflicht-und ehrliebenden Soldaten eignet und gebühret. So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“

Der Großherzog von Baden war Dienstherr für Unteroffiziere und Mannschaften, auf ihn wurden diese auch vereidigt, mit einer zusätzlichen Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber dem Kaiser. Die Offiziere unterstanden dem preußischen König und Deutschen Kaiser und legten ihren Eid auf ihn ab. Erst an zweiter Stelle kam der Großherzog von Baden, dem gegenüber sie sich verpflichteten.

Die Kriegsartikel, erlassen im September 1902 bestanden aus 28 Absätzen und wurden den jungen Soldaten in Dauerschleife wieder und wieder eingebläut, damit diese ständig aufgenommen, regelrecht verinnerlicht wurden und auf Dauer haften blieben.. Die Regeln enthielten die Pflichten der Soldaten, ferner Belohnungen für treu erfüllte und Strafen für verletzte Gebote. In Artikel 1 hieß es: „Eingedenk seines hohen Berufes, Thron und Vaterland zu schützen, muß der Soldat stets eifrig bemüht sein, seine Pflichten zu erfüllen. Der Dienst bei der Fahne ist die Schule für den Krieg; was der Soldat während seiner Dienstzeit gelernt hat, soll er auch im Beurlaubtenstand sich erhalten. [...]"

In Artikel 6 wurde noch besonders festgehalten: „Die Pflicht der Treue gebietet dem Soldaten, bei allen Vorfällen, im Krieg und Frieden mit Aufbietung seiner Kräfte, selbst mit Aufopferung des Lebens, jede Gefahr von Seiner Majestät dem Kaiser, dem Landesherrn und dem Vaterlande abzuwenden.“

Die Kavallerie-Einheit der Karlsruher Dragoner war als ein ausgesprochenes Eliteregiment bekannt, der nominelle Chef war immer der amtierende Großherzog von Baden, die Offiziere standen in der gesellschaftlichen Skala der Residenzstadt ganz oben. Als Leibregiment wurden im 17. und 18. Jahrhundert diejenigen Regimenter genannt, deren Regimentschef der regierende Landesherr war. Die Bezeichnung Leibregiment wurde ähnlich we Garderegiment zu einem Ehrentitel.

Im Werk zur Geschichte der Badischen Leibdragoner heißt es:
Die Badischen Leibdragoner entstanden als im Jahre 1803 mit Teilen der bayerischen Pfalz eine Chevauleger-Eskadron zu Baden gelangte. Sie erhielt den Namen „Leichte Dragoner-Eskadron“. 1809 stand das Dragoner-Regiment von Freystedt. 1818 bekam es die Nummer 1 und 1819 die Nummer 2. Im Jahre 1848 in der Revolution versagten drei Eskadronen den Dienst und meuterten, [welches als Schandfleck des Regiments in der Erinnerung haftete]Der treu erwiesenen 4. Eskadron verdankte das Regiment seine Geschichte, die dann bis auf das Jahr 1903 zu datieren ist.

Nachdem in den Jahren 1850, 1855 und 1856 das Regiment unter dem Namen 1. Reiter-Regiment, 1. Dragoner-Regiment und 1. Leibdragoner-Regiment geführt wurde, erhielt es 1871 die endgültige Bezeichnung 1. Badisches Leibdragoner-Regiment Nr. 20. Harte Kriegsjahre stählten das Regiment frühzeitig und machten es in den Händen tapferer Kommandeure zu einer Waffe, für die selbst Napoleon nach der Schlacht bei Leipzig die Worte fand: „Dem Regiment folgt die Achtung der ganzen französischen Armee.“

Wann und wo auch gekämpft wurde, immer hat sich das Regiment bewährt. Die Schlachten bei Aspern und Wagram (Juli 1809), an der Katzbach (August 1813) sowie bei Nuits (Dezember 1870) sind Beispiele opferreichen Einsatzes. Die Garnison wurde verschiedentlich gewechselt. Seit dem 1. April 1897 verblieb es bis zum Weltkrieg in Karlsruhe. Im Verband der 6. Kavallerie-Division hat das Regiment 1914 in jeder Beziehung höchste Aufgaben erfüllt und Lob und Anerkennung verdient.

Quelle: Wikipedia

Dabei stand Fritz unter ständiger Beobachtung. Nach überstandener Dienstzeit erfolgte ein Gutachten über Würdigkeit und Befähigung und die  Ausfertigung eines entsprechenden Dienstzeugnisses. Dieses Dokument fiel zur Zufriedenheit aus, denn Fritz wurde am 9.7. 1904 zum Unteroffizier ernannt und zur Kriegsschule Metz kommandiert. Jetzt sah sich Fritz in einer Uniform, welche seinen nunmehrigen Rang durch Insignien deutlich hervorhob. Es stand nun nichts mehr im Wege, Fritz als nunmehriger Aspirant zum Offizier machte sich auf zum nächsten vorgeschriebenen Bestimmungsort, den der Kriegsschule Metz. Der Besuch und die Ausbildung an einer derartigen Anstalt war für alle angehenden Offiziere durchwegs obligatorisch.

[Die Kriegsschule Metz wurde nach dem Krieg 1870/71 und der anschließenden Annexion Elsass-Lothringens als eine Kaiserliche Militärakademie gegründet. Es wurde schnell offensichtlich, dass eine derartige Einrichtung notwendig war, um Offiziere auszubilden, die in Standorten des annektierten Reichslandes oder in benachbarten Regionen, wie etwa Karlsruhe, zugeteilt waren. Die Bedrohung blieb konstant und am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatte Metz dadurch eine dominante Rolle unter den Kriegsschulen des Reiches übernommen.

Mit der Bildung des Reichslandes Elsass-Lothringen durch das Deutsche Reich wurde in Frankreich die Revanche zu einem mit Nachdruck verkündeten Ziel. Es herrschte völlige Einmütigkeit über die Forderung nach Rückgabe der 1871 verlorenen Provinzen. Im Deutschen Reich war man sich dessen voll bewusst, Metz wurde daher zur größten Festung Europas ausgebaut und im Elsass eine ausgeprägt starke Militärpräsenz eingerichtet. In den benachbarten Exerzierplätzen und Kasernen, zu denen auch die Garnisonen Karlsruhes zählten, wollte man für alle Eventualitäten wohl gerüstet sein, deshalb fanden ständig ausgedehnte Wehrübungen statt.

Das deutsche Reich beherbergte zehn Kriegsschulen, darunter Metz mit etwa 120 Schülern. Zu Beginn eines Schuljahres fand eine Prüfung statt, das Ergebnis bestimmte dann die Zuordnung zu einer Leistungsklasse. Der Betrieb wurde äußerst streng reglementiert. Die genehmigte und rare Freizeit war stark beschränkt. Als Zapfenstreich galt jeden Abend 22:00 Uhr, eine Ausnahme bildeten lediglich die Samstage, hier war der Ausgang bis 23:00 Uhr erlaubt.

Das Ziel der Kriegsschulen war die praktische und fachwissenschaftliche Ausbildung der Offiziersanwärter aller Waffengattungen. Vor der Zulassung zur Offiziersprüfung war der Besuch einer Kriegsschule fest verpflichtend und dazu musste noch eine sechsmonatige Dienstzeit bei der Truppe abgeleistet werden, die Fritz bereits bei den Badischen Leibdragonern erfolgreich absolviert hatte. Die Leitung der Kriegsschule unterlag einem Stabsoffizier als Direktor. Der Lehrplan war strikt gegliedert und umfasste Taktik, Heeresorganisation, Waffenlehre, Unterweisung zu Befestigungsanlagen, Geländelehre sowie das Aufnehmen von Planzeichen und Dienstkenntnisse. 

Zu den körperlichen Aktivitäten gehörten Exerzieren, Schießen, Turnen, Fechten und Reiten. Der Tag war mit feldmäßigen Übungen und theoretischem Unterricht komplett ausgefüllt. Schriftliche Prüfungen prägten oft genug den Alltag. In den Forts von Metz wurden Feldmanöver abgehalten um die Taktikkurse in die Praxis umzusetzen. 

Ganz wesentlich, wenn nicht sogar hauptbestimmend war die Übermittlung der Führungsprinzipien und Wertvorstellungen. Ein hohes Ziel der Kriegsschulen galt der zielgerichteten Bildung eines ausgewiesenen Standesbewusstseins. Dazu stand im Zentrum aller Bestrebungen der originäre Ausspruch des Kaisers, „daß nur in der unbedingten Eingebung an die Person und den Dienst des Allerhöchsten Kriegsherrn der Offizier für seinen Beruf heranreift.“

Daher bezog sich die Aufmerksamkeit der Kriegsschulen in der Unterweisung der Offiziere zu selbständigem Handeln, Verantwortungs-und Pflichtbewusstsein und Entwicklung von Eigeninitiativen. Zu den gültigen Paradigmen gehörten Selbstdisziplin, Härte gegen sich selbst, noch mehr als gegen andere, Verleugnung zu Gunsten von Staat und Kaiser, ebenso Tapferkeit ohne Wehleidigkeit. Unbestritten galt als Richtschnur: Wehrdienst ist Ehrendienst für Kaiser und Reich. Politisch verstanden sich die Kriegsschulen als Bollwerk gegen die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie, die als grundsätzliche Störfaktoren im Reich angesehen wurden. 

Grundsätzlich wurde auf die Persönlichkeit der Offiziere größten Wert gelegt. Dazu zählten Ausdauer, Selbständigkeit, Orientierungsvermögen, schnelles Anpassen an die jeweilige Situation, weitgehende eigene Initiative auch ohne Führung. Alle diese Eigenschaften wurden durch eine sorgfältige geistige und körperliche Ausbildung in den Kriegsschulen vermittelt und spielten auch während der späteren militärischen Laufbahn  die Hauptrolle. Derartige Führungsprinzipien hatten ihren Anteil an der beträchtlichen operativen Überlegenheit der preußischen Armee des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.]


Quelle: v.H.


Handschriftlich hinzugefügt: "Die besten Grüße Fritz"
Quelle: v.H.


Nach planmäßiger Teilnahme am anspruchsvollen Programm der preußischen Einrichtung konnte Fritz nach einem angesetzten und wiederum erfolgreich bestandenen Examen vor der Ober-Militär-Prüfungs-Kommission das Zeugnis der Reife zum Fähnrich am 11.8. 1904 in den Händen halten. Mit dem Besitz dieses Dokuments erfolgte am 15.9. 1904 dann die formelle Resolution zum Fähnrich mit dem begleitenden Patent E, damit hatte Fritz sein selbst gestecktes Ziel und eine erste Stufe zum stolzen Offizier im Leibdragoner-Regiment erklommen. Der Buchstaben E im Alphabet von A bis Z in Verbindung des Patentes ergab das Leistungsergebnis. Das Patent E stand an fünfter Stelle in der Reihenfolge und galt als durchschnittlich gute Note als Abschluss des Offizierslehrgangs auf der Kriegsschule.

[Der Fähnrich trug die Uniform der Unteroffiziere und anfangs die Seitenwaffe der Mannschaften wie Bajonett oder Säbel, diese jedoch mit dem Offiziersportepee. Das Portepee war eine Handschlaufe am Bajonett und galt als Standeszeichen für Offiziere und Feldwebel. Die Mütze des Fähnrichs war mit der Kokarde der Offiziere versehen.]

[Unter einem Offizierspatent versteht man nach heutigem Sprachgebrauch eine Ernennungsurkunde. Durch das Patent wurde die Berufung zum Offizier wirksam und glaubhaft gemacht. Das Datum der Ausfertigung legte die Rangfolge im Dienstalter fest. Als Auszeichnung konnte es vordatiert werden, womit die Karriere des Inhabers beschleunigt wurde. Alle Patente wurden mit dem großen Prägesiegel versehen. Patente bis zum Oberleutnant waren ohne Unterschrift, ab Hauptmann aufwärts wurden diese stets vom Kaiser unterzeichnet.]

Vor der endgültigen Ernennung zum Leutnant stand ihm jedoch noch eine Barriere bevor, Fritz musste ein in der preußischen Armee traditionell ausgeübtes Wahlverfahren über sich ergehen lassen, durchgeführt von allen Offizieren seines künftigen Regiments. Die regelrechte Ernennung zum Leutnant konnte nur dann erfolgen, wenn das Offizierskorps des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20 Fritz als Bewerber in ihre illustren Reihen ausgewählt und durch „Kooptation“ aufgenommen hatte. Auch dieses Verfahren überstand Fritz und konnte dann endlich am 18. August das begehrte kaiserliche Patent zum Leutnant in den Händen halten.

[Bei der Offizierswahl handelte es sich um eine Auslesetradition der preußisch-deutschen Streitkräfte, die Prozedur bestand seit dem Jahre 1808, als ein Teil der preußischen Heeresreform unter Gerhard von Scharnhorst, Neidhard von Gneisenau und Hermann von Boyen. Die Auswahl diente dazu, dass nur Angehörige offizierfähiger  Bevölkerungsteile wie Adelige, dominierende Bürgerliche und Grundbesitzer aufgenommen wurden. Die Offizierswahl fungierte letztlich zum Schutz des auserlesenen Korpsgeistes gegen nicht erwünschte Personen. Vielfache Ablehnung erlebten Elemente mit nicht eindeutig monarchischer Gesinnung und vor allem jüdische Anwärter.]

[Der preußische Leutnant wurde in der Gesellschaft nahezu wie ein junger Gott angesehen. Ein Leutnant stand im Ansehen allemal über einem Professor. Er verkörperte Eleganz, Ehre, Mut und Ritterlichkeit. Das deutsche Offizierskorps hielt strikt Abstand zum einfachen Volk. Vor der Beförderung zum Leutnant musste der Aspirant noch seine Wahl durch sämtliche Offiziere des Regiments über sich ergehen lassen. Sie achteten genau darauf, dass keine „unwürdigen“ Anwärter in ihren edlen Kreis einsickerten. Jeder Offizier war zudem verpflichtet, die Standesehre zu wahren und zu verteidigen. Diese war nicht nur etwas persönliches und individuelles, sondern Gemeingut des gesamten Korps.

Leutnants bekamen einen kargen Sold. Ein standesgemäßes Leben verpflichtete jedoch zu angemessener Wohnung, dem Unterhalt eines Burschen und der Teilnahme an gesellschaftlichen Verpflichtungen, dazu kamen oftmals noch erhebliche Aufwendungen im Offizierskasino dazu. Ein zusätzliches monatliches Privateinkommen war damit unerlässlich, alle nicht geringen Ausgaben zusammen setzten ein reiches Elternhaus voraus und selektierten dadurch automatisch den Offiziersnachwuchs.]

Der Leutnant als junger Offizier erfuhr war in höchstem Maße eine öffentliche Anerkennung, er besaß Ansehen und Ausstrahlung und musste zudem nicht den langjährigen Weg und die die Hürden einer akademischen Ausbildung durchlaufen. Der Offizierstand, zu dem Fritz nun gehörte, gewann nach der Jahrhundertwende immer mehr an Bedeutung, nicht nur als Berufsgruppe, sondern „expressiv verbis“ als repräsentative Gesellschaftsschicht. Die gesamte Armee stellte sich als ein separates System dar, wobei gesondert abgehoben, das kaiserliche Offizierskorps eine elitäre Einheit bildete.




Patent als Leutnant mit dem in das Papier eingeprägte  Hohenzollern-Wappen.
Quelle: v.H.
Text:

"Nachdem Seine Königliche Majestät von Preußen unser allergnädigster König und Herr resolviret [resolvieren: beschließen] haben, den Fähnrich im 1. Badischen Leib-Dragoner-Regiment No 20 - Friedrich von Hoffmeister - zum Leutnant der Kavallerie in Gnaden zu ernennen und zu bestellen, so thun Allerhöchst Dieselben solches auch hiermit und in Kraft dieses Patents dergestalt: daß Seiner Königlichen Majestät und Dero [herrschaftl.: Ihr, Ihrem] Königlichem hohen Hause derselbe ferner getreu, hold [zugetan] und gehorsam sein, seiner Charge [militärische Bezeichnung für den Dienstgrad] gebührend wahrnehmen, was ihm zu thun und zu verrichten obliegt und aufgetragen wird, bei Tag und bei Nacht, zu Lande und zu Wasser, fleißig und treulich ausrichten, bei allen vorfallenden Kriegs-Begebenheiten sich tapfer und unverweislich [ehrenhaft] verhalten, wie es seiner Eidespflicht gemäß ist, übrigens aber auch alle mit dieser Charge verbundenen Praerogative [Vorrechte, Privilegien] und Gerechtsame [veraltet: Befugnisse, Privilegien] genießen solle.

Des zu Urkund haben Allerhöchst Dieselben dieses Patent und Dero Insiegel bedrucken und autorisiren lassen.

So geschehen und gegeben Wilhelmshöhe, den 18. August 1905 P. [Patent]

Patent
als Leutnant
der Kavallerie für den bisherigen Fähnrich
von Hoffmeister."

Von Offizieren, besonders den Mitgliedern exklusiver Einheiten wie den badischen Leibdragonern, wurde ein aufwändiger Lebensstil erwartet. Da half bei vorhandener geringer finanzieller Ausstattung oft nur eine Verschuldung, zumeist aber die Unterstützung wohlhabender Eltern. Riskante Glücksspiele und teure Trinkrunden waren in den Kasinos vielfach ausgeübte Gepflogenheiten. Die Einkommens zwischen einem Leutnant und etwa einem General waren eklatant. Der Leutnant musste sich mit einem Sold von ca. 1100 Mark im Jahr begnügen, während ein General, je nach Rangstufe, über 11 000 bis 12 000 Mark verfügen konnte.

Zurück in der Karlsruher Kaserne der Badischen Leibdragoner warteten auf Fritz die Dienstpflichten des frisch gekürten Leutnants. Für Kavallerietruppen war eine Wehrpflicht von drei Jahren in der „Schule der Nation“, wie es im kaiserlichen Reich bedeutungsvoll hieß, vorgeschrieben. Der Eintritt in die Einheiten erfolgte jeweils immer im Oktober. 

Die Grundausbildung der Mannschaften war grundsätzlich von ausgesuchter Härte geprägt, dabei erhielten die Rekruten auf den Kasernenhöfen jegliches militärisches Rüstzeug in Körper und Köpfe oft regelrecht eingehämmert. Dazu gesellte sich noch in den Einheiten der Kavallerie Belehrungen zur Reiter-Pferd-Beziehung in jeder Hinsicht. Der Leutnant als Offizier stand dem Soldaten persönlich am nächsten. Sie führten ihren Zug, dies war eine Truppe variabler Größe von bis zu 60 Soldaten, der als Einheit in einer Kompanie auftrat.

Die jungen Offiziere teilten im Gelände, mehr noch in einem möglichen Kriegseinsatz alle auftretenden Bürden und Gefahren mit den ihnen anvertrauten Soldaten. Diese wegweisende Vorbildfunktion wurde in den Kriegsschulen allen Aspiranten innerlich tief vermittelt, die Fürsorgepflicht für Untergebene wurde als ein fundamentales Dogma instruiert. 

Für das kriegswichtige Vorgehen von Kavalleristen galt eine Felddienst-Ordnung, eine überarbeitete und neu gegliederte wurde im Jahre 1908 eingeführt. Der Leutnant übte mit seinem Zug im Gelände Methoden der Aufklärung, Abwägung der Feindeslage, Nachrichtenübermittlung, Marschsichrungen in Bezug auf die Vorhut und Nachhut, Seitendeckung sowie Taktiken der Verschleierung, und der Aufstellung von Vorposten für die reitende Truppe. Ein wesentlicher Aspekt gehörte der Planung und Ausführung von Attacken mit der entsprechender Gliederung und Staffelung der angreifenden Einheit. Die Lehren aus der Praxis blieben zuvorderst ständig ausgetragenen Manövern und Wehrübungen vorbehalten, von Krieg war noch keine Rede.

Parade in Karlsruhe, Postkarte vom Januar 1907. Vermutlich Übung für die folgenden Festlichkeiten zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar. Fritz in vorderer Reihe rechts, siehe Pfeil. Die Einheit tritt geschlossen in Paradeuniform auf.

Text auf der Rückseite: 
"[Poststempel] 7.1.07 
Ihre Excellenz Frau von Hoffmeister
Heidelberg, Neue Schloßstraße 9

Die besten Grüße sendet Dir Dein Sohn Fritz.
Mir geht es gut. Dieses Bild ist Ecke Stephanienstraße aufgenommen." 

[Ein Höhepunkt war in jedem Jahr Kaisers Geburtstag, der immer in den Garnisonen mit aufwändigen militärischen Aktivitäten begangen wurde, besonders die Stadt Karlsruhe, als Residenz, musste sich dementsprechend präsentieren. Am 27. Januar fanden Militärparaden statt, natürlich mit musikalischer Begleitung. Die Anforderungen und Bedingungen im Kasernenbereich waren durchwegs spartanisch. In den Vorbereitungen zu Kaisers Geburtstag wurden die Zügel im wahrsten Sinne nochmals angezogen. Für die vorgesehene Truppenschau wurde lange und extensiv auf den Exerzierplätzen geprobt, ständig standen Marschübungen, ausgerechnet nach dem Weihnachts-und Neujahrsurlaub auf dem täglichen Dienstplan. Die Mannschaften mussten stundenlang das Leder der Marschstiefel, die sogenannten „Knobelbecher“, die Koppel und Patronentaschen polieren. Für die Offiziere standen dafür ihre Burschen zur Verfügung. Die Straßen wurden beflaggt und Hymnen und Lobpreisungen angestimmt. In der Hauptstadt herrschte ungeteilte Festtagsstimmung.

Die Offiziere traten dem Anlass entsprechend in Galausrüstung auf. Die Paradeuniform war eine exklusive und prächtige Bekleidung der Militärangehörigen und wird bei bestimmten Anlässen wie etwa Zeremonien, Paraden und Ehrenwachen als verpflichtende Bekleidung getragen. Bei den badischen Dragonern gehörte zu dieser Uniform die auffällige Helmzierde. Dies ist ein Federbusch, der auf der Spitze des Helmes angebracht ist.

Auf der Vorderseite des Paradehelms war ein Greif montiert, welcher das badische Wappen in den Krallen hält. Der Greif ist das Wappentier von Baden. Es stellt ein Fabelwesen dar. Der Rumpf des Greifs ähnelt dem eines Löwen und der Vorderleib dem eines Adlers mit Flügeln und Krallen. Der Kopf ist ebenfalls der eines Adlers, jedoch mit Ohren.]

Offiiziershelm der Badischen Leibdragoner
Quelle: Wikipedia

Herrenreiter in Uniform

Kavalleristen, wie die badischen Leibdragoner, pflegten eine elitäre Souveränität. Trotz der waffentechnisch bedingten Tendenzen einer Nivellierung im 19. Jahrhundert führte die Kavallerie weithin als exklusive Waffeneinheit ein selbstbewusstes Dasein. Ein Dienst in den berittenen Einheiten galt als besondere Ehre. Vor allem Adlige fanden sich in der Kavallerie wieder, die so die jahrhundertealte Reitertradition ihres Standes fortsetzten und pflegten.

Fritz besaß eine auffällige und ausgeprägte Liebe zu Pferden, verbunden mit einer bemerkenswerten Passion für Pferderennen. Diese Leidenschaft bestimmte seine Tage in der Gleichförmigkeit des Kasernenlebens. Im Rennsport brachte es Fritz zu ansehnlichen Erfolgen und etlichen Auszeichnungen. Bei der Teilnahme an einem Offiziers-Jagdrennen am 11. Juni 1907, die Entfernung betrug 2000 m, gewann Fritz mit seinem Pferd Cigarette als Sieger den Ehrenpreis des Großherzogs.

Fritz konnte sich dank der Unterstützung seines wohl situierten Vaters und seiner begüterten Mutter ein eigenes Reittier leisten, wie die siegreiche  Cigarette, auch sein Pferd namens Vana brachte es zu ehrenvollen Preisen. Wer in einem Kavallerieregiment diente, wie Fritz bei den badischen Leibdragonern benötigte für ein Reit-oder Rennpferd monatlich an die 600 M, was bereits für eine ausgesprochene Distinktion zu anderen Armeeangehörigen sorgte. Fritz inszenierte sich in diesem stolzen Selbstverständnis als erfolgreicher Offiziers-oder Herrenreiter in einem Eliteregiment und einer damit ausgewiesenen singulären gesellschaftlichen Stellung im Umfeld der badischen Residenz mit entsprechender Beliebtheit bei der Damenwelt.

[In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg lag der Schwerpunkt der Pferderennen auf dem Gebiet des Amateursports. Offizier-und Herrenreiter-Rennen waren die Zugnummern und eine Attraktion für die gehobene Gesellschaft. Die Turniere waren reine Veranstaltungen der herrschenden Schicht. Die Damen flanierten und zeigten die neueste Mode, verbunden mit dem aktuellen Klatsch und Tratsch aus Hof-und Garnisonskreisen.

Die Offiziersreiterei galt als Symbol kühnen deutschen Reitergeistes und gleichzeitig als überaus erfolgreicher Zuschauermagnet. Fußball war noch nicht populär. Dementsprechend wuchs das Ansehen der daran teilnehmenden Offiziere, besonders wenn sie so erfolgreich waren wie der Leutnant Fritz von Hoffmeister. Dieser errang bei zahlreichen Rennen etliche Preise. Seine erfolgreichsten Pferde waren Cigarette und Vana.


Sie ritten in Uniform, im Kaiserreich auch ein Zeichen für das kulturell bestimmende Militärwesen. Am 11. Juni 1907 nahm Fritz an einem Offiziers-Jagdrennen teil, die Strecke betrug 2000 m, belegte er mit seinem Pferd Cigarette als Sieger den ersten Platz und empfing dafür den Ehrenpreis des Großherzogs. Im Juni 1909 fand in Karlsruhe das Großherzog-Friedrich-Jagdrennen statt. Hierbei war Fritz jedoch vom Pech verfolgt. Das Karlsruher Tagblatt vom 22.6. 1909 berichtete: „Bei diesem Rennen stürzte Lt. v. Hoffmeister D.-R. 20 [Dragoner-Regiment Nr. 20]." Beim Prinz-Max-Jagdrennen um den Ehrenpreis Seiner Großherzoglichen Hoheit des Prinzen Maximilian von Baden in Karlsruhe Oktober 1909 holte Fritz den zweiten Platz auf seiner Stute Vana. Die Distanz betrug 2500 m. Dafür bekam er den Ehrenpreis vom Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs in Karlsruhe. Das Karlsruher Tagblatt hob den Schlussgalopp hervor: „Vana übernimmt die Führung von Anfang an [...], galt als Favorit und schien siegessicher, als der Distelfink kurz vor dem Ziel ihm hart zusetzte und mit Kopflänge den 1. Platz zu sichern wusste.“

Eine seltene Aufnahme zeigt eine Postkarte vom März 1908 [Poststempel, Tag unleserlich]. Hier sind Fritz und Hans als Angehörige unter den Offizieren der badischen Leibdragoner gemeinsam auf einem Bild zu sehen, mit einem Pfeil gekennzeichnet, Fritz hinten stehend im hellen Uniformrock. Rechts stehend Ferdinand von Regenauer, einer der Autoren der Geschichte des Regiments.

Postkarte an seinen Bruder Hans, nicht datiert aber Poststempel vom 30.4.1909. Text: 
"Hans v. H.
Göttingen, Burgstraße 19
Mein lieber Hans! Viel Glück zur Mensur! 
[Eine Mensur ist ein traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf mit scharfen Waffen zwischen zwei männlichen Mitgliedern verschiedener Studentenverbindungen.] Ich bin wieder gesund und vergnügt. Viele Grüße. Auf Wiedersehen Dein Fritz."
Auf der Bildseite notiert: "'Vana" Preisspringen auf dem 'Karlsruher Exerzierplatz'"
Quelle: v.H.


Eine andere Auszeichnung: Kerzenstand aus Silber, Höhe 21 cm
Am Sockel auf einer Seite eingraviert: "II. Preis 
Prinz-Max-Jagd-Rennen"
Auf der gegenüberliegenden Seite: "Karlsruhe 
1909"
Dies war das Prinz-Max-Jagd-Rennen um den Ehrenpreis Seiner Großherzoglichen Hoheit des Prinzen Maximilian von Baden.
Quelle: v.H.


Bei den Acherner Rennen im Juni 1910 zum Preis von der Windeck holte Fritz den dritten Platz mit seinem Hengst The Lieutenant. Der Lauf ging über 3200 m. Am 10. Juli 1910 nahm Fritz an den Pferdeläufen des Markgräfler Rennvereins teil. Bei diesem sportlichen Wettbewerb sicherte sich Fritz wiederum einen zweiten Platz mit einem Preisgeld von 300 M auf dem Pferd The Lieutenant. Im Oktober 1910 erreichte Fritz beim Hardtwald-Jagdrennen der Stadt Karlsruhe einen dritten Platz auf seiner Stute Vana.

[Jagdrennen waren sehr beliebt. Sie führten über eine Querfeldeinroute innerhalb oder direkt im Anschluss an die Rennbahn. Die Distanzen konnten sich ab 3000 m bis zu 7200 m erstrecken. Die Jagdrennen besaßen neben den Jagd-und Hürdensprüngen auch zahlreiche Naturhindernisse wie Baumstämme, Wasser-und Trockengräben, Wälle, Auf-und Absprünge, Wasserdurchquerungen sowie abrupte Richtungswechsel und verlangten vom Pferd großes Sprungvermögen und extreme Wendigkeit.

Daraus resultierte ein hohes Verletzungsrisiko für Pferd und Reiter. Jagdrennen stellten daher immer für unerschrockene und sehr gute Reiter eine gewaltige Herausforderung dar. Diese extreme Sportart war eine Domäne der Offiziere aus den exklusiven Kavallerietruppen. Gleichzeitig dienten solche Rennen auch einer militärischen Weiterbildung. Ein Offizier, der im Renntempo gegen respektable Hindernisse ritt, bewies Mut und Einsatzfreude, dasselbe konnte auch im Krieg von hoher Wichtigkeit sein, wenn eine  Einheit unter feindlichem Feuer zur Attacke geführt wurde.]

Fritz in Paradeuniform auf seinem Pferd, die Satteldecke mit den Insignien des Regiments. Beschriftet: "'Cigarette' in alter Frische Dein Fritz"
Quelle: v.H.

Fritz errang nach erfolgreichen Rennen viele Preise. Es existiert eine große Silberplatte, Durchmesser 37 cm. In der Mitte graviert:

"Preis von Deidesheim
Gestiftet von Bassermann-Jordan
Stutensee 8.XI.1908
'VANA' [Name seines Rennpferdes]"

Über dem Text das Stadtwappen von Deidesheim




Foto unbezeichnet und undatiert. Vermutlich bei einem Jagdrennen als Leutnant. Im Hintergrund sind Zivilisten in Reiterkleidung zu sehen.
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle

Ein weiteres Bild eines Offiziersrennens in Achern übermittelt eine Postkarte vom Juli 1910, dabei Fritz in voller Aktion auf seinem Pferd The Lieutenant.
Text:
"[Poststempel] 3.7.1910
Seine Exzellenz Herrn General von Hoffmeister
Heidelberg i. B Neue Schloßstr. 9

Mein lieber Vater!
Aus dem schönen Badenweiler, wo es mir ausnehmend gut gefällt, sendet Dir die herzlichsten Grüße. Dein treuer Sohn Fritzchen  Hotel Römerbad."

Auf der Bildseite, mit einem Pfeil gekennzeichnet und geschrieben: "Fritzchen"
Quelle: v.H.

Zwischen seinen Rennerfolgen konnte Fritz noch ein ausgefallenes Debüt genießen. Am 16. Oktober 1910 veranstaltete der Badische Luftschiffahrt-Verein Karlsruhe an der Durlacher Allee einen Ballonaufstieg mit Teilnehmern des Leibdragoner-Regiments. Die Badische Presse widmete dem singulären Ereignis einen ausführlichen Artikel: „Die Mitfahrenden Rittmeister Freiherr von Lessing, Oberleutnant von Ernest [übrigens der spätere Mitautor der Regimentsgeschichte] und Leutnant von Hoffmeister bestiegen die Gondel und als letzter folgte der Führer, Oberleutnant Ernst. [...] Gegen 11 Uhr waren die Vorbereitungen beendet und nun erhob sich der Ballon unter dem Tusch der Musikkapelle und den Hochrufen des Publikums in die Lüfte. Lebhaft erwiderten die Balloninsassen die Abschiedsgrüße.“

Der aufgestiegene Ballon hieß „Clouth V“, es war der größte, unter den vorhandenen Flugkörpern, der an den Start ging. Ein Kölner Unternehmen war verantwortlich für die Namen der Ballons, Franz Clouth gründete im Jahre 1897 eine diesbezügliche Fertigungsstätte, in der Folge wurden auch Luftschiffe produziert. Das Militär war verständlicherweise an der technologischen Entwicklung äußerst interessiert. Dies war auch mit ein Grund für die Beteiligung von Angehörigen der badischen Leibdragoner an diesem spektakulären Unternehmen.

Auf der Hochschule der Kavallerie


Eine anschließende Sonderausbildung bot die Kavallerie-Telegraphenschule in Berlin, wohin Fritz am 22. November 1909 abkommandiert wurde.  Fritz gefiel es in Berlin und er fühlte sich im Kreise der neuen Kameraden ausnehmend wohl, er teilte dies auch seiner Mutter mit. Am 15. März 1910 lief der Lehrgang aus, von dessen Kombination aus technischem Wissen und Pferdesport hatte er sicherlich wertvolle Erkenntnisse aus Theorie und Praxis gewonnen.

Text:
[Poststempel] Berlin 9.3.10
Ihre Exzellenz
Frau General von Hoffmeister
Heidelberg i/B.
Neue Schloßstr. 9

Meine liebe Mutter!
Besten Dank für Deinen Brief. Mir geht es sehr gut und das Ende kommt leider immer näher. Viele Grüße an Vater. Dein Fritz"

Die Postkarte zeigt Fritz als Dragoner inmitten von Offizieren verschiedener Einheiten der Kavallerie wie Husaren, Ulanen und Dragoner. Wie dem schriftlichen Gruß zu entnehmen ist, fiel Fritz der Absicht sichtlich schwer. Er ist auf dem Bild der zweite von links stehend, mit Kreuz markiert.

[Die „Militär-Telegraphenschule“ wurde 1887 gegründet, ab 1899 hieß sie „Kavallerie-Telegraphenschule“, sie befand sich im Treptower Park in Berlin. Es handelte sich um eine Lehranstalt zur Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren der Kavallerie im Telegrafendienst. Aufgabe der Telegrafentruppen war der Bau eigener und die Störung gegnerischer Telegrafenanlagen im Krieg, von der Kavallerie im Felde  mitgeführte telegrafische Gerätschaften dienten zum Zurücksenden eigener und dem Abfangen feindlicher Depeschen. Ab 1899 wurde eine eigene Spezialformation gebildet, daraus entstand die spätere Nachrichteneinheit. Die Telegrafentruppe bestand aus sechs preußischen, einem sächsischen und zwei bayerischen Bataillonen. Das preußische Telegraphen-Bataillon 4, zu dem Fritz kommandiert wurde, unterstand dem XIV. Armeekorps [rein badisch] mit Standorten in Karlsruhe und Freiburg.]
Die Unterweisung an der Telegraphenschule war eine Zusatzausbildung, denn nach Beendigung des Lehrgangs in Berlin wurde Fritz zu einer intensiven Qualifikation für Kavalleristen befohlen. Vom 1. Oktober 1911 bis zum 31. August 1913 musste Fritz im Militär-Reiterinstitut Hannover eine harte Lehrzeit hinter sich bringen. Gleichwohl war es ein betont bedeutungsvolles Kommando, da man nur die besten Offiziere in diese exklusive Einrichtung des Heeres entsandte. In dieses Eliteinstitut wurden ausgesuchte Angehörige aus allen Kavallerieeinheiten entsandt, dazu gehörten Ulanen, Husaren und Dragoner.

Seit dem Jahre 1890 galt  die Bestimmung, dass jährlich ein Offizier je Kavallerieregiment zur erstklassigen Ausbildung an das renommierte Reiter-Institut in Hannover abkommandiert wurde. Das Exerzierreglement setzte seit dem Jahre 1909 die grundsätzlichen Maßstäbe. Es handelte sich dabei um eine elementare Schulungsvorschrift nach den modernsten Regeln eines militärischen Reiterunterrichts. Darin enthalten waren neben den unerlässlichen Maßnahmen im Felde, realitätsnahe Gefechtseinsätze sowie erforderliche Verhaltensregeln und Kommandos der Truppenführer.

Abteilungsliste der Offizier-Reitschule. Offiziere im 2. Jahr (Abteilungen A - E).
Quelle: v.H.

Fritz hatte sich bereits als Herrenreiter in vielen anspruchsvollen Pferderennen mehr als ausreichend bewährt, sein Erfahrungsschatz in der Reitkunst schuf für den Reitunterricht in Hannover eine unschätzbare Voraussetzung. In dieser Ausleseeinrichtung sollte er die letzten Feinheiten verinnerlichen, dazu gehörte als charakteristisches Lehrfach das Verhalten des Pferdes mit dem Kavalleristen in der kriegerischen Auseinandersetzung. Gerade das operative Verhalten bei Attacken gegen den Feind genoss in der Unterrichtung höchste Priorität.

[Das Militärreiter-Institut Hannover, ursprünglich als Königlich Preußisches-Reit-Institut bezeichnet, entstand 1860 durch Verlegung der preußischen Militärreitschule aus Schwedt/Oder nach Hannover. Dort wurde 1876 im Vorort Vahrenwald eine allen Zwecken der militärischen Reitkunst dienende Kaserne errichtet.

Das Militärinstitut, das der „Kavallerieinspektion“ unterstand, diente der theoretischen und praktischen Ausbildung von Pferd und Reiter für den Einsatz in Kavallerieeinheiten. Das Ziel der Lehre war die exzellente Beherrschung der grundlegenden Techniken des Reiters. Dabei stand die Kommunikation zwischen Mensch und Tier und das Lernen der Körpersprache an vorderer Stelle, damit eine Vertrauensbildung durch ein harmonisches Zusammenspiel entstehen konnte. Die Herausbildung einer Geländesicherheit der Pferde war ein primäres Gebot. Das Institut war das ausgesprochene Zentrum der soldatischen Reit-und Reitlehrerausbildung im Deutschen Kaiserreich, das gleichzeitig auch erheblichen Einfluss auf den allgemeinen und öffentlichen Reitsport ausübte.]

Bezeichnet: "Die Dragoner". Dragoner aus verschiedenen deutschen Einheiten auf der Kavallerieschule. Fritz ist im Bilde der dritte von rechts.
Quelle: v.H.

Fritz vor den Fahrrädern stehend.
Quelle: v.H.

Im Verlauf des Unterrichts an der Kriegsschule Metz bildeten sich immer wieder Gemeinschaften gleichgesinnter Offiziersanwärter unterschiedlicher Waffengattungen. Die Anhänger einer derartigen Sektion trafen sich regelmäßig während der gering gewährten Freizeit in den Brauereien und Gasthäusern von Metz um Karten zu spielen, Klavier zu hören etc. als eine Art informeller Club. Die freundschaftliche Aspekte mündeten in einen fruchtbaren Dialog. Der Kameradenkreis, dem Fritz angehörte, charakterisierte sich als Die Gents, ein zweifellos adäquater Terminus. Unter den 18 Akteuren befanden sich acht Adelige, darunter ein Graf zu Rantzau. Populär wurde in solchem Rahmen Oswald Boelcke (1898-1916), später legendärer und hochdekorierter Jagdflieger, der gleichfalls die Kriegsschule Metz besuchte, als Mitstreiter einer Gruppe, die sich als Die Clique bezeichnete. Fritz ist der fünfte von links.
Quelle: v.H.



Text:
[Poststempel Hannover 12.11.11. Die Rillen auf der Karte rühren vom Poststempel auf der Rückseite.]
Ihre Exzellenz
Frau von Hoffmeister
z.Zt. München
Grand Hotel Leinefelder

Meine liebe Mutter!
Mir geht es recht gut! War eben in der Kirche. Wünsche Euch viel Vergnügen in München. Morgen großer Ball der Reitschule. Komme Weihnachten nach Hause! Gruß an Vater, dessen Artikel ich mit Freude in der 'Zeit" gelesen habe."

Auf der Bildseite am Rand mit Bleistift notiert: "Grüße Dein Fritz"
Quelle: v.H.

Die erwähnte Publikation Zeit konnte bislang trotz aufwendiger Recherchen sowohl in der Staatsbibliothek Berlin (SBB) als auch in der Bayerischen Staatsbibliothek München (BSB) nicht ermittelt werden.

Zwischenzeitlich erschien im Jahre 1912 eine Rangliste der Offiziere im Badischen Leibdragoner-Regiment.
Quelle: Rangliste der Königlich Preußischen Armee pp. für 1912, Berlin 1914

Quelle: v.H.

Ausbildung im Gelände, Überspringen von Hürden und Wasserläufen
Quelle: v.H.

Auch seiner Großmutter schickte Fritz eine Feldpostkarte aus Hannover, abgebildet sind drei Offiziere auf dem Pferd, der linke davon ist Fritz. Auf das Bild schrieb er daneben: "Bei einem Morgenspazierritt im Walde!"

Text auf der Rückseite;

"[Poststempel 12.5.12]

Frau Lina Kiehnle, Karlsruhe i/B.
Stefaniestraße 2

Meine liebe Großmutter!

Herzlichen Dank für Dein Geschenk und Deinen lieben Brief! Mir geht es wieder soweit gut und werde ich wieder anfangen für mich spazieren zu reiten. An Pfingsten bleibe ich hier, da die Urlaubszeit nur kurz. Viele Grüße an Hans, Dein Enkel Fritz."

Unter dem Poststempel vom 21.6.1912 schrieb Fritz seiner Mutter: „Geht mir sehr gut! Habe mr ein neues Pferd gekauft. Hoffentlich habe ich dieses Mal Dusel.“ Auch das Vergnügen kam während der strengen Ausbildung nicht zu kurz. Dazu konnte Fritz auf einer am 23.11. 1912 abgeschickten Karte vermelden: „Mir geht es recht gut! Noch 4 Wochen bis Weihnachten! Ich lasse Vater gute Besserung wünschen. Gestern der erste Ball auf der Reitschule! Viel Geselligkeit jetzt.

Karte der Militär-Reitschule, Poststempel Hannover 23.11.12

Text auf Rückseite:

"Ihre Exzellenz
Frau von Hoffmeister
Heidelberg i/B
Ziegelhäuserlandstr. 43

Meine liebe Mutter! Besten Dank für die Karte! Mir geht es recht gut! Noch 4 Wochen bis Weihnachten! Ich lasse Vater gute Besserung wünschen. Gestern der erste Ball auf der Reitschule. Viel Geselligkeit jetzt.
Auf Wiedersehen Dein Fritz"

Quelle: v.H.



Leutnant Fritz von Hoffmeister auf der Reitschule Hannover
Quelle: v.H.

In Hannover erhielt Fritz im Februar 1913 eine für sich sprechende Bildkarte von seinem Regimentskameraden Freiherr von Rosen auf der dieser ein spektakuläres Ereignis schilderte:

Sr. Hochwohlgeb.
Herrn Leutnant v. Hoffmeister
Karlsruhe, d. 23.2. 13

Lieber „Bijou!“ [den bezeichneten Spitznamen verwendend]
Erst jetzt danken meine Frau u. ich Dir vielmals für Deine Karte. Die Grüße erwidern wir mit den gleichen Wünschen. Karlsruhe hat große Tage hinter sich, wie Du aus der Karte ersiehst.

Eine bedeutungsvolle Fotokarte sandte sein Freund und Offizierskamerad Freiherr von Rosen aus Karlsruhe, auch wieder mit dem im Regiment gebräuchlichen Spitznamen Bijou als Anrede.

Text auf der Rückseite:

"Sr. Hochwohlgeb.
Herrn Leutnant von Hoffmeister
Hannover Offz Reitschule Leib Drag 20
Karlsruhe, d. 23.2.13

Lieber Bijou!
Erst jetzt danken meine Frau u. ich Dir vielmals für Deine nette Karte. Die Grüße erwidern wir mit den gleichen Wünschen. Karlsruhe hat große Tage hinter sich, wie Du aus der Karte ersiehst.
Ob wir dieses Jahr wohl ein Rennen gewinnen oder im Biwak unser Geld verdienen werden? Leider lügen die Zeitungen so, wie oft, daß man nicht weiß, woran man ist.
Es grüßt Dich Dein Rosen.
"
Quelle: v.H.

[Im Jahre 1913, es war das silberne Thronjubiläums des Kaisers, verlobte sich am 11. Februar in Karlsruhe sein jüngstes Kind und einzige Tochter Prinzessin Viktoria Luise mit Prinz Ernst August von Hannover. In Würdigung dieser Feierlichkeit zeigte die Ansichtskarte den Kaiser bei der Abnahme badischer Formationen, die zu den Einheiten der preußischen Armee zählten. Im Bild vorne ist der Kaiser zu sehen, die angetretenen Verbände abschreitend und dabei salutierend.]

Unfälle mit Pferden während der strengen Ausbildung waren unvermeidlich und an der Tagesordnung. Fritz berichtete am 28. Juni 1913 seinem Vater von einem derartigen Missgeschick: „Mein lieber Vater! Mir geht es ganz gut und mein Kopf ist wieder in Ordnung. Allerdings bin ich in einer Pechserie, denn heute morgen fiel ich über das Koppelrick [Hindernis aus zwei seitlich an Pfosten angebrachten übereinander liegenden Stangen] und fiel so auf den Rücken, daß mir die Luft ausging und ich liegen blieb, doch spüre ich sonst nichts, außer Muskelschmerzen im Rücken.

Daß Hans [sein Bruder] wieder krank ist , tut mr leid. Ich habe mir in Karlsruhe eine Wohnung gemietet. Wenn es geht, drücke ich mich um das Manöver [Sommermanöver mit ausgedehnten Erprobungen der Wehfertigkeiten]. Das Wetter ist recht kühl und zum Dienst angenehm.“

Auf die Postkarte ist ein Foto von Fritz mit einem kleinen Hund geklebt. Neben dem Foto "Fritzchen". Eduard schrieb handschriftlich oben links daneben: "Ein prächtiges Paar! H."
Quelle: v.H.

[Neben regionalen und realistischen Übungen gab es mit dem Kaisermanöver das alljährliche Großereignis. Es fand üblicherweise immer im September statt. Es war das bedeutendste und umfassendste Militärmanöver, das in Gegenwart des Kaisers stattfand. Die teilnehmenden Landstreitkräfte wurden zumeist von zwei der größten militärischen Gruppierungen, den Armeekorps, gebildet. Diese Manöver stellten für die Beobachter im In-und Ausland eine Beurteilungsgrundlage über den Kampfwert der deutschen Armee dar.]

Nach der Rückkehr in die angestammte Garnison der Badischen Leibdragoner in Karlsruhe begann der Alltag des Kasernenlebens. Das Regiment bildete einen regelrechten Mikrokosmos, gerade für die Offiziere, man blieb in vertrauter Runde Gleichgesinnter unter sich. Das Kasino blieb der gesellige Versammlungsort, in dem es stets hoch her ging. Das Geld floss locker dahin, die Offiziere pflegten einen luxuriösen Lebensstil, wobei die Einheiten der Kavallerie in der öffentlichen Wertigkeit ganz oben rangierten. Der Dragoner galt in Karlsruhe als Idealtypus des kaiserlichen Militärs, wobei der Anteil des Adels einen stattlichen Prozentsatz erreichte.


Der Bewegungsspielraum hielt sich in engen Grenzen, das Leben wechselte zwischen Kasino, öffentlichen Gaststätten und dem Kasernenhof. In der Regel fand am Vormittag ein ausgiebiges Exerzieren statt, um 13:00 Uhr nahm man im Kasino das Mittagessen ein. Der Nachmittag gehörte dem Dienst  mit den anvertrauten Mannschaften, ausgefüllt u.a. mit Schießübungen und sportlichen Aktivitäten. In den Sommermonaten hieß es immer wieder „Ab ins Gelände“. Kleinere und mittelgroße Manöver unterbrachen das strenge Reglement, aus Regimentern und Brigaden bildeten sich zwei bis drei Kavalleriedivisionen und zogen zu Gefechtsübungen ins Feld..


Die Dienstzeit in der Kavallerie dauerte für die Mannschaften drei Jahre. Das Augenmerk in der Ausbildung richtete sich auf das Verhalten im Felde, den Gefechtseinsatz, Maßregeln in der Kampfbereitschaft und Kommandostrukturen. Die Dragoner bildeten die leichte Kavallerie und setzten schlanke, fast zierliche Pferde ein,  gleichgeartete Merkmale galten für die Dragoner. Diese Kriterien erfüllte Fritz in vorbildlicher Weise. Diese Fusion garantierte eine hohe Geschwindigkeit, welche bei Attacken einen unschätzbaren Vorteil verhieß. Auch bei Patrouillen zur Aufklärung oder Verschleierung bewährten sich Pferd und Reiter.


Die kleinste Einheit der Kavallerie war eine Eskadron, diese bestand gewöhnlich aus etwa 160 Mann und über 170 Pferden sowie drei Wagen. Fünf Eskadrons bildeten ein Regiment, zwei Regimenter eine Brigade und drei Brigaden eine Division. Bei den Leibdragonern führten nur die Mannschaften eine Lanze, aber nicht die Offiziere. Die neuen Stahlhelme wurden ab dem Frühjahr 1916 eingeführt, nachdem diese in den Sturmbataillonen ihre Tauglichkeit bewiesen hatten. Die Gliederung der Heereskavallerie im August 1914 wies sechs Kavalleriedivisionen mit 28 Kavalleriebrigaden auf, zu diesen gehörten das Leibdragoner-Regiment Nr.20 und das Dragoner-Regiment Nr. 21 (Bruchsal).


Die Ausbildung der den Offizieren anvertrauten Mannschaften bewegte sich auf einem ausgesprochen hohen Niveau in strikter Befehlsausübung. Dazu gehörte ein gehöriges Übermaß an schulischem Reiten mit allen Aspekten, gedrillt wurden geschlossenes Exerzieren sowie ständige Attacken bis zur absoluten Verinnerlichung. 

Die beständigen Schulungen mit ausgeführten Fertigkeiten im Felde sorgte für eine wachsende Optimierung der Ausbildung, wodurch die Mannschaften nach dem zweiten Dienstjahr gänzlich durchtrainiert waren. Das Training ging gleichsam wie im Schlaf jedem Einzelnen in Fleisch und Blut über und wurden auch in den ersten Gefechten des kommenden Krieges folgerichtig angewandt. Aus der Sicht des entbrannten Krieges betrachtet erwies sich diese ausgeprägte Qualifikation allerdings sehr bald als ein Relikt von Konfrontationen vergangener Zeiten. 


In Hannover hatte Fritz einen rigorosen, aber auch angenehmen Aufenthalt verbracht und viele Freundschaften geschlossen. Das bewiesen Karten und Briefe, gerichtet an seine Mutter, der Vater befand sich derweil auf einer seiner ausgedehnten Reisen. Eine ausgeprägte Beliebtheit bei seinen reitenden Kameraden brachte ihm im Kasino und in der Freizeit den Spitznamen Bijou ein, etwa in der Bedeutung von Juwel, Schmuckstück, Schatz.


Die Rüdt von Collenberg           


Im Dunstkreis des badischen Hofes verhieß eine Regel für junge adelige Damen, darunter auch die Freiin Maria Rüdt von Collenberg, dass diese erst nach einer absolvierten persönlichen und konventionellen Vorstellung bei der Großherzogin Luise [geb. Prinzessin von Preußen, 1856-1907] in die Gesellschaft eingeführt wurden.  Mit dem bloßen Auftritt war es hingegen noch nicht getan, es folgte ein eingehendes Interview über den familiären Hintergrund, die Ausbildung, die Interessen und die Gesinnung der jungen Damen. Zumeist waren die Familien der Aspirantinnen, zumal sie in Baden seßhaft waren, der Großherzogin wohlbekannt, dessen ungeachtet nutzte sie gerne die günstige Gelegenheit um Details in Erfahrung zu bringen. Nach erfolgreichem Auftritt und zustimmender Affirmation wurden die jungen Damen als „hoffähig“ akzeptiert. Zu künftigen glanzvollen Festlichkeiten unter der Ägide des Herrscherpaares konnten sie dann mit offiziellen Einladungen rechnen.

Die Begrüßung hatte nach der geltenden Hofetikette zu erfolgen, ein formvollendeter Knicks gehörte unbedingt dazu. Von den beiden Regimentern des Großherzogs, den Leibgrenadieren und den Leibdragonern wurden de Offiziere zu den Hofbällen abgeordnet. Derartige Galas fanden in den Wintermonaten statt, in denen keine größeren Übungen und Manöver abgehalten wurden. 

Nach erfolgreicher Beendigung der konsequenten Reiterausbildung in Hannover begann für Fritz der Dienst in der Kaserne. Zwischenzeitlich ergab sich auch die Gelegenheit, das Leben in der Metropole in vollen Zügen zu genießen, sobald seine Aufgaben als Offizier es zuließen. Höfische Feste waren die klassischen Krönungen im gesellschaftlichen Leben der Residenzstadt. Zu solch einer Sternstunde empfing die Freiin Maria Rüdt von Collenberg eine direkte Einladung von ganz oben: „Auf Allerhöchsten Befehl Ihrer Königlichen Hoheiten des Grossherzogs und der Grossherzogin hat der Ober-Hofmarschall die Ehre Freiin Marie Rüdt von Collenberg [fälschlicherweise Marie] zum Ball am Mittwoch den 11. Februar 1914 um 8 Uhr im Grossherzoglichen Palais (Herrenstrasse) einzuladen.“ [Das Erbgroßherzogliche Palais ist beute Sitz des Bundesgerichtshofes]. 

Neben den Einladungen vom Großherzoglichen Hofe veranstalteten auch die exklusiven Leibregimenter eigene Festlichkeiten, zu denen auch die hoffähigen jungen Damen geladen wurden. 

Quelle: v.H.

Quelle: v.H.

Bei einer solchen feudalen und distinguierten Vorstellung im höfischen Rahmen, etwa bei einem festlichen Ballereignis, galten die auf Herz und Nieren geprüften Debütantinnen dann auch als heiratsfähig. Zu den förmlichen Empfängen durften dabei als Tanz- und Gesprächspartner die Angehörigen der beiden Karlsruher Regimenter auftreten, wobei sich solche Arrangements in den Einheiten durchaus großer Beliebtheit erfreuten. Die Offiziere der beiden Leibregimenter des Großherzogs - die Leibgrenadiere und die Leibdragoner - erhielten ebenso die vom Hofe ausgesandten Einladungen  zu glanzvollen Empfängen und hielten sich zu Partnerwahlen bereit.

[Das Tanzvergnügen bei diesen Veranstaltungen war eher nebensächlich, allein schon wegen des großen Andrangs. Im Mittelpunkt standen  gesellschaftliche Interaktionen. Die Hofküche und der Hofkeller sorgten für ein exquisites Buffet. Spätestens um Mitternacht wurde der Hofball aufgelöst. Das Großherzogspaar zog sich zurück, was natürlich für die  Gäste das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch bedeutete.]

Auf diese Weise lernten sich der Leutnant Fritz von Hoffmeister, als Offizier der stolzen badischen Leibdragoner und die Freiin Maria Rüdt von Collenberg aus altem Adel kennen und lieben. Am 20. März 1914 schließlich landete ein Telegramm der Brautleute bei den Eltern von Fritz in Heidelberg: „soeben verlobt hurra maria fritz.“ Eduard brachte noch gerührt eine Notiz unter der freudigen Nachricht an: „Anscheinend alles gut geordnet! Vater. [...] Bewegt! Adieu! Vater.“

Fritz in stolzem Eifer, beeilte sich unverzüglich angemessene Verlobungsanzeigen mit folgendem Text zu versenden: „Meine Verlobung mit Maria Freiin Rüdt von Collenberg, einziger Tochter des verstorbenen Königlichen Generalmajors a.D. Eduard Freiherrn Rüdt von Collenberg und seiner Frau Gemahlin Frieda, geb. Lang beehre ich mich ergebenst anzuzeigen.“

Quelle: v.H.

Quelle: v.H.


[Im Kaiserreich wurde ein adeliger Titel wie Freiherr oder Graf üblicherweise vor den Vornamen gesetzt um die Standeszugehörigkeit zu betonen. Es war aber auch schon damals üblich. den Titel mit dem Nachnamen zu kombinieren, wie in den Einladungen von Fritz. Nach dem Ende der Monarchie wurde in der Weimarer Republik 1919 beschlossen, dass der vorherige Titel nur noch ein bloßer Bestandteil des Namens sein sollte. Hieß es zuvor Freiherr Heinrich von Rüdt, so verlangte das Gesetz nun die Bezeichnung Heinrich Freiherr von Rüdt.]

Aus dem großherzoglichen Schloss trudelten Gratulationen ein. Am 27. März beglückwünschte Prinz Max von Baden telegrafisch den Vater des Bräutigams: „ich danke ihnen herzlich für die freudige mittheilung und sende ihnen und den verlobten unsere wärmsten glückwünsche.“ Am 28. März folgte der Großherzog mit einem Telegramm: „mit unserem besten dank für die erfreuliche mittheilung verbinde ich meinen herzlichsten glückwunsch an sie und ihre frau gemahlin zur verlobung ihres ältesten sohnes.“

Die Deutsche Tageszeitung versorgte am 9. April 1914 unter der Rubrik Hof und Gesellschaft ihre Leser zusätzlich mit Informationen über den familiären Hintergrund der Verlobten: „Maria Freiin Rüdt von Collenberg in Karlsruhe verlobte sich mit dem Leutnant im Badischen Dragoner-Regiment Fritz v. Hoffmeister.

Quelle: Deutsche Tageszeitung, 9. April 1914, Rubrik Hof und Gesellschaft

Sie entstammt dem unterfränkischen Uradel, der 1589 den erbländisch-österreichischen Freiherrnstand empfing, und ist die jüngste Tochter des verstorbenen Generalmajors Eduard Freiherrn Rüdt von Collenberg und dessen Gemahlin Frieda, geborene Lang. Leutnant v. Hoffmeister ist ein Sohn des Generalleutnants z.D. Eduard v. Hoffmeister, der lange Jahre dem Garde-Füsilier-Regiment angehörte, die Chinaexpedition mitmachte und sich durch seine Orientreisen und die darüber herausgegebenen Schriften bekannt geworden ist.“

[Die Rüdt von Collenberg waren ein später reichsunmittelbares fränkisches Adelsgeschlecht, das erstmals ab dem 13. Jh. in Diensten des Klosters Amorbach bezeugt wurde.. Als reichsunmittelbar, auch reichsfrei, wurden im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reich diejenigen Personen und Institutionen bezeichnet, die keiner anderen Herrschaft unterstanden, sondern direkt und unmittelbar dem Kaiser untergeben waren.

Das Geschlecht trat seit 1197 unter dem Namen de Amorbach auf. Die Stammreihe begann im Jahre 1322 mit Wipertus de Amorbach, dessen Söhne und Enkel den Beinamen „dictus Ruede“ annahmen. Sie lebten als steuerbefreite Landwirte im Gau Wingarteiba und leisteten in kaiserlichen Heeren Reiterdienste. Wingarteiba war ein mittelalterlicher Gau. Er lag im Südwesten des späteren Herzogtums Ostfranken zwischen dem östlichen Odenwald und dem Unterlauf der Jagst, im Norden des heutigen Baden-Württemberg.

Ein 793 erwähnter Gaugraf de Wingarteiba, Ruudi, soll möglicherweise der Familie zugerechnet werden können, welches ein ungewöhnlich hohes Alter des Geschlechtes darstellen würde. In der Folgezeit erscheint der Name Rud mit zunehmender Häufigkeit als Teilnehmer und Zeuge auf Urkunden. Im Laufe der Zeit änderte sich der Namen zum heutigen Rüdt. Auch zum Rittergeschlecht derer von Cronberg, beheimatet im Taunus, bestanden einige verwandtschaftliche Beziehungen, belegt ist u.a. eine Verbindung im 16. Jh. mit Franz von Cronberg und im 17. Jh. mit Hartmut XIV. von Cronberg.

Zur Entstehung von Namen und Wappen gibt es zwei Sagen, deren Aussagen darin übereinstimmen, dass neugeborene Knaben des Ritters von Collenberg als Rüden im Main ertränkt werden sollten, jedoch vom heimkehrenden Vater gerettet wurden und seitdem den Namen Rüdt von Collenberg und den Rüdenkopf im Wappen tragen.

Um 1250 erhielten die Rüdts die Collenburg als Lehen. 1285 schenkte Weiprecht dem Kloster Amorbach einen Teil des Zehnten von Gönz [heute ein Ortsteil des Marktes Weilbach im Landkreis Miltenberg]. Im Gegenzug erlaubten ihnen der Abt des Klosters zu Bödigheim und der Bischof von Würzburg, die Burg Bödigheim bei Buchen mit Kapelle zu bauen.

Der ursprüngliche Stammsitz der Rüdt von Collenberg, jetzige Ruine, bei Stadtprozelten am Main, auf einer Ansicht aus dem Jahre 1847
Quelle: Wikipedia

Die neu erbaute Burg wurde von der Familie bewohnt, die fortan den Namen Rüdt von Bödigheim führten. Sie stellten im 14. und 15. Jh. Mainzer Amtmänner und Burgmannen auf der Burg Wildenberg. Die Linie Rüdt von Collenberg auf der Collenburg starb 1635 aus, die Bödigheimer Linie nannte sich dann wieder Rüdt von Collenberg. Seit 1712 befinden sich Burg, Schloss und Park Bödigheim unverändert im Besitz der freiherrlichen Familie Rüdt von Collenberg.]

Wappen der Familie Freiherrn Rüdt von Collenberg

Eine Seitenlinie der Rüdt von Collenberg erbaute das Schloss Eberstadt nahe Buchen. Die Familie von Hoffmeister bewohnte noch während des Ersten Weltkrieges das Schloss, die Mutter von Maria sogar noch  bis zu ihrem Tod im Jahre 1926. Die zukünftige Ehefrau von Fritz war eine geborene Freiin Rüdt von Collenberg. Durch eine Verkettung familiärer Umstände fiel das Schloss Eberstadt in die Hände entfernter Verwandter, die es heute noch besitzen. Eine zeitweilige Bewohnerin des Schlosses war die bekannte Romanautorin Juliana von Stockhausen, eine geborene Rüdt von Collenberg.

Auguste Wilhelmine Albertina, geb. 25.10.1698 als Freiin von Saint-André. Verheiratet mit Ludwig Gottfried Freiherr Rüdt von Collenberg, geb. ? gest. 20.2.1773. Diese Eheleute sind die Begründer der 4. Eberstädter Linie, die mit den Brüdern Gottfried und Heinrich, welche im Ersten Weltkrieg fielen, ausgestorben ist. Das Bild befindet sich im Schloss des Geschlechts von Saint-André in Königsbach bei Bretten.

Quelle: von der Becke-Klüchtzner, E. Stamm-Tafeln des Adels des Großherzogthums Baden, Baden-Baden 1886. Seite 387.


Schloss Eberstadt bei Buchen
Quelle: Wikipedia

Im Jahre 1323 erwarb Eberhard Rüdt Güter bei Eberstadt, die das Mosbacher Stift innehatten und siedelte sich auf diese Weise an. 1386 errichtete Eberhard Rüdt III. eine Wasserburg. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Burg durch allerlei An-und Vorbauten, die wie üblich in Fachwerk ausgeführt waren.

Ungefähr um 1500 bezeichnete man die Burg in Lehensbriefen immer als Schloss. Im 30-jährigen Krieg wurde die Anlage von durchziehenden kaiserlichen Truppen stark in Mitleidenschaft gezogen und geplündert. Zwanzig Jahre später nahm Johann Ernst Rüdt von Collenberg, alleiniger Erbe und Herr sämtlicher Rüdt‘scher Güter im Odenwald und Bauland, eine völlige Umgestaltung des alten Anwesens vor und gab ihm damit die heutige Form.

Vom ursprünglichen Bauwerk blieben die Keller, der nördliche Turm, der sogenannte Wehrturm mit drei Metern dicken Mauern und der kleine Innenhof mit den beiden Türmen, erhalten. Die Wassergräben wurden um die Mitte des 19. Jh. zugeschüttet und nur der kleine Teich im Garten ausgespart. Der an der Außenseite, den Innenhof umschließenden Mauer eingelassene Wappenstein mit dem Rüdenkopf dürfte um 1440 entstanden sein, er wurde 1921 vor dem Schloss ausgegraben als eine Wasserleitung gelegt wurde.]

Maria Freiin Rüdt von Collenberg, die spätere Ehefrau von Fritz wurde am 27.3. 1891 in Straßburg geboren.

Maria, die spätere Gemahlin von Fritz, geb. 27.3.1891 in Straßburg, mit ihrer Großmutter Rüdt.
Quelle: v.H.


Maria mit ihren Brüdern Gottfried und Heinrich
Quelle: v.H.


Maria mit ihren Brüdern Gottfried und Heinrich sowie ihrer Mutter Frieda, geb, Lang
Quelle: v.H.



 
Frieda, geb. Lang, Mutter von Maria, geb. 18.5.1862
Mit Bleistift beschriftet: "Mutterle 1864"
Quelle: v.H.



  
Frieda, 1892
Quelle: v.H.


  
Das Ortsschild der Gesamtgemeinde Collenberg
Quelle: Google

Die Gemeinde entstand am 1. April 1971 im Rahmen der Gebietsreform in Bayern durch die Zusammenlegung der beiden Gemeinden Fechenbach und Reistenhausen. Der Ort wurde dann nach der Burg und dem Geschlecht der Rüdt von Collenberg benannt. Im Gemeindewappen ist auch ein Rüde oben rechts eingelassen. Damit existiert der Namen des Geschlechtes auch als Ortsbezeichnung weiter.



Einträge in der Rüdt‘schen Familienbibel über die Eltern von Maria: „Hausvater. Eduard Alexander Freiherr Rüdt von Collenberg, Hauptmann und Kompagniechef im Inf. Regt. No 130 am 17. Juli 1849 in Mannheim geboren."
"Hausmutter. Friederike Stephanie Marie Freifrau Rüdt von Collenberg geborene Lang, geboren am 18. Mai 1862 in Karlsruhe."

Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle




In der Rüdt'schen Bibel finden sich weitere zeitübliche Einträge zur Familie: "Eltern der Hausmutter. Heinrich Lang Oberbaurath u. Professor an der Hochschule in Karlsruhe, geb. 20. Dezbr 1824 zu Neckargemünd, gest. d. 4. September 1893 in Karlsruhe."

Heinrich Lang


Von 1842 bis 1846 studierte der Sohn eines Schlossermeisters am Polytechnikum Karlsruhe Architekture bei Heinrich Hübsch und Friedrich Eisenlohr. Im Januar 1850 legte er die Staatsprüfung ab und wurde Baupraktikant und Assistent, 1852 Lehrer und 1855 Professor am Polytechnikum.

1868 wurde er zum Baurat und außerordentliches Mitglied der Großherzoglichen Baudirektion und 1878 zum Oberbaurat ernannt. Von 1880 bis zu seinem Tode 1893 war er im Vorstand des Polytechnikums (seit 1885 Technische Hochschule) und 1870/71, 1878/79 sowie 1893 Direktor derselben. 

Seine besonderen Verdienste als Architekt liegen im Bereich des Schulhausbaus, den er bezüglich Hygiene, Differenzierung und Gestaltung der Schulräume modernisierte. Noch heute dienen zahlreiche seiner Schulgebäude ihrem ursprünglichen Zweck. Zudem war er mit der Planung des Chemischen-technologischen Instituts (1880/81) und am Ausbau des Polytechnikums zur Technischen Hochschule beteiligt. Wohnhäuser, Villen, Geschäftshäuser und Hotels rundeten sein Schaffen ab.

Heinrich Lang, Porträt von Franz Würbel, ca. 1880
Quelle: Wikipedia


In Karlsruhe engagierte sich Heinrich Lang als Gewerbeschul- und Ortsschulrat und wurde zum Stadtverordneten gewählt. 1880 wurde er von Kaiser Wilhelm I. zum außerordentlichen Mitglied der Akademie des Bauwesens in Berlin berufen.

Eintrag in der Familienbibel Rüdt: "Trauung am 24. April 1888 in Karlsruhe im ehemaligen Haus der Hausmutter. Hochzeitswerk Psalm 121."

Ein Beispiel seiner zahlreichen Bauten: Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Quelle: Wikipedia

Eduard Freiherr Rüdt von Collenberg, 1849-1911. Vater von Maria, Gottfried und Heinrich, in preußischer Galauniform.

Eduard Freiherr Rüdt von Collenberg, 1849-1911
Quelle: v.H.


Zum Vater dieses Eduard ist in der Familienbibel notiert: „Rudolf Wilhelm Freiherr Rüdt von Collenberg. Groß. badischer Stallmeister u. Grundherr auf Eberstadt, geb. 20. Februar 1814, gest. 30. Dezember 1876 - Eberstadt

[Die herrschaftliche Organisationsform der „Grundherrschaft“ war eine vom Mittelalter bis zum Jahre 1848 und der „Bauernbefreiung“ vorherrschende rechtliche, wirtschaftliche und soziale Besitzstruktur im ländlichen Raum. Die „Grundherrschaft“ bezeichnet dabei die Verfügungsgewalt des Herrn über die Bauern auf der Grundlage der Verfügung über das Land.

Die „Grundherren“ von Eberstadt waren die Freiherren Rüdt von Collenberg mit dem „Herrensitz“ Schloss Eberstadt, sie gewährten den Bauern Schutz und überließen einen Hof zur Nutzung. Dafür waren die Bauern zu Gegenleistungen verpflichtet und mussten regelmäßig Abgaben leisten. Dies geschah meist im Herbst nach der Ernte, indem die Bauern dem „Grundherren“ einen Teil des Ertrags überlassen mussten.

Im 19. Jh. setzten allmähliche Reformgesetze ein, unter den Auswirkungen der französischen Revolution und dem Einfluss Napoleons. Aber erst zögerliche Neuerungen nach 1848 brachten einen Durchbruch bei der Aufhebung bäuerlicher Abhängigkeit, viele grundherrschaftliche Verhältnisse konnten sich allerdings noch Jahrzehnte behaupten. Durch die revolutionären Verhältnisse von 1918/19 wurden allerdings auch die letzten halbfeudalen Strukturen endgültig beendet.]



 
Ordensverleihung für Eduard von Rüdt, persönliche Unterschrift des Kaisers
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle


Text: "Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. haben dem Oberstleutnant Eduard Freiherrn Rüdt von Collenberg, kommandirt nach Württemberg beim Stabe des Infanterie-Regiments Alt-Württemberg (3. Württembergischen) No. 121, Unsern Königlichen Kronen-Orden dritter Klasse verliehen und ertheilen demselben über den rechtmäßigen Besitz dieser Auszeichnung das gegenwärtige Beglaubigungs-Schreiben mit Unserer eigenen Unterschrift und dem beigedruckten Königlichen Insiegel. Berlin, den 15. Januar 1900.

Wilhelm
."


Verabschiedung aus der Armee mit gleichzeitiger Ernennung zum Generalmajor. Persönliche Unterschrift von Kaiser Wilhelm II.
Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle

Text: "Ich habe Ihnen auf Ihr Mir vorgelegtes Gesuch vom 5.v.Mts. den Abschied mit Ihrer Pension bewilligt. Indem Ich Ihnen dies bekannt mache, verleihe Ich Ihnen in gnädiger Anerkennung Ihrer treuen und guten Dienste hierdurch den Charakter als Generalmajor. Berlin, den 16. Februar 1907.
Wilhelm
An den Obersten z.D. Frhrn. Rüdt v. Collenberg, Kommandeur des Landwehrbezirks Hannover
."

Eduard von Rüdt mit seiner Ehefrau Frieda (Friederike), die Eltern von Maria, Heinrich und Gottfried.
Quelle: v.H.


Nach einer angemessenen Verlobungsdauer rückte die Vermählung von Fritz mit Maria in den Fokus der Familie, dafür wurden umfangreiche Vorkehrungen getroffen, die aber erst nach der Beseitigung einiger Hindernisse, die im preußischen Militärsystem verankert waren, ausgeführt werden konnten.

[Für eine Ehe wurden von preußischen Offizieren wenigstens ein Jahresgehalt von 4000 M erachtet, welches aber erst dem älteren Hauptmann zukam. Angehörige einer niedrigeren Charge, wie Leutnant oder Oberleutnant konnten nur den Bund der Ehe schließen, wenn die sogenannte „Heiratskaution“ hinterlegt wurde. Erst nach dieser Leistung konnte eine mögliche Erlaubnis zur Verehelichung erteilt werden. Die Offiziere unterhalb eines Hauptmanns hatten eine in mündelsicheren Papieren bei einem Notar hinterlegte Heiratskaution von 60 000 Mark zu stellen, die nicht angegriffen, sondern von der er nur über die Zinsen verfügen durfte. Bei einem Leutnant entsprach dies einem weit mehr als zwanzigfachem Monatsgehalt. 

Erst der Hauptmann war von der Kaution befreit. Auch für recht wohlhabende Familien bedeutete der geforderte Betrag eine nicht unerhebliche Belastung. Allein dieser Faktor sorgte dafür, dass Eheschließungen von Leutnants nur in begüterten Schichten die Regel waren. Diese Einrichtung hatte einen durchaus sinnvollen Grund. Die Zinserträge sollten die wirtschaftliche Lage der Offiziersfamilien verbessern und im Todesfall die Versorgung der Witwen sichern. Es handelte sich dabei um eine Art staatliche private Lebensversicherung.]

Die Eltern von Fritz waren dank ihrer Vermögensverhältnisse durchaus in der Lage, den geforderten Betrag aufzubringen. Eine weitere zu überwindende Klippe war der Erhalt eines vorherigen Konsenses zur Verheiratung. Dafür bedurfte es der Genehmigung des Regimentschefs. Neben der finanziellen Voraussetzung war die „standesgemäße“ Abstammung der Braut von elementarer Wichtigkeit. Bei der uradeligen Herkunft von Maria stellte dies allerdings kein Hindernis dar. Die erforderliche Erlaubnis ging somit problemlos, am 20.5. 1914, vier Wochen vor der eigentlichen Eheschließung über die Bühne.

Nun sprach nichts mehr dagegen und der Weg war geebnet. Am 17. Juni 1914 wurde schließlich vor dem Standesamt Eberstadt bei Buchen die Ehe des Friedrich Kurt Erich von Hoffmeister, evangelisch, mit der Freiin Maria Stephanie Friedericke Rüdt von Collenberg, katholisch, amtlich bestätigt. Es handelte sich dabei abermals um eine gemischtreligiöse Verbindung, wie bei seinen Großeltern Louis und Caroline. Man einigte sich auf einen Passus, dass die Söhne, die aus dieser Ehe entstanden, evangelisch und die Töchter in der katholischen Religion erzogen werden sollten. Zur groß zelebrierten Festlichkeit verschickte Frieda, die Mutter von Maria, zahlreiche Einladungskarten an eine großen Kreis von Verwandten und engen Bekannten.

Frau Lina Kiehnle [Mutter von Johanna und Großmutter von Fritz]
Quelle: v.H.


Ihre Exzellenzen Herrn General von Hoffmeister nebst Frau Gemahlin
Quelle: v.H.

[Exzellenz von lat. hervorragend. Im deutschen Kaiserreich stand der vor dem Namen gebräuchliche Titel nur Ministern, Botschaftern, Gesandten, Wirklichen Geheimräten, Oberpräsidenten, Militärchargen ab Generalleutnant und Vizeadmiral zu. Die Ehefrauen der Genannten waren gleichfalls berechtigt diesen Titel zu führen.]

Quelle: Bezirksmuseum Buchen

Das Foto aus dem Bezirksmuseum Buchen ist bezeichnet: „Das Brautpaar nach der standesamtlichen Trauung am 18. Juni 1914 beim Verlassen des Rathauses in Buchen.“ Tatsächlich erfolgte die Eheschließung am 17. Juni in Eberstadt. Allerdings zeigt die Aufnahme unbestritten das Portal des Buchener Rathauses.

Die illustre Feier fand dann einen Tag später, am 18. Juni auf Schloss Bödigheim bei Buchen statt. Es handelte sich um eine ungemein brillante  Hochzeitsgesellschaft.

Zur Feier gaben sich Verwandte aus der Linie Rüdt-Bödigheim die Ehre ihrer Anwesenheit, wie die Grafen und Freiherren Rüdt von Collenberg, diese hatten auch ihr prachtvolles Schloss für die Geselligkeit zur Verfügung gestellt. Nur dieses Bauwerk bot den genügend opulenten Rahmen für die große Gästeschar.

Für die aufwendig gestaltete Menükarte wählten die Brautleute ein krönendes stilisiertes Allianzwappen mit den heraldischen Merkmalen der Wappen beider Familien, für die Rüdts ist das der Rüde und für die Hoffmeisters ein Anker.

Speisekarte mit simplifiziertem Allianzwappen.
Quelle: v.H.


[Ein Allianzwappen beschreibt die Darstellung zweier Wappen, deren Träger durch eine Allianz, hierbei, durch eine Heirat verbunden wurden. Die beiden Wappen werden immer unter der Rangkrone des Ehemanns vereinigt. In diesem Fall steht eine Krone mit fünf Zacken darüber, eine Freiherrnkrone besitzt eine siebenzackige Krone. Das Allianzwappen symbolisiert die legitime Verbindung von Mann und Frau und steht damit auch für ein Kennzeichen der betreffenden Generation innerhalb der Familie.]

Die Hochzeitsgesellschaft am 18. Juni 1914 auf Schloss Bödigheim.
Foto aus Sport im Bild Nr. 33, S. 1018, 1914.


Eine eindrucksvolle Gästeliste bereicherte die Feier zur Hochzeit von Fritz und Maria, es erschien nahezu wie ein gesellschaftliches Spiegelbild der Karlsruher Residenz. Es fanden sich darunter die Kameraden aus dem Leibdragoner-Regiment, ferner befreundete Hofdamen, Vertreter aus Regierung und Verwaltung und natürlich eine Vielzahl von Verwandten und Bekannten. Der Aufmerksamkeitswert reichte bei der hohen Auflage der beliebten Ilustrierten „Sport im Bild“ weit über das Großherzogtum Baden in das Deutsche Reich und die Habsburger Doppelmonarchie hinein. Der Adel dominierte die Versammlung. Die Personen wurden oben ab der letzten Reihe aus namentlich aufgeführt, dabei wurden die Termini „Baron“ und „Freiherr“, obwohl gleichbedeutend, nach Belieben angewandt. Die Personen wurden aus der letzten Reihe aus aufgeführt. Das Foto fertigte Karl Weiss aus Buchen am 18. Juni 1914. 

Danach gaben sich die Ehre:
„Lt. [Leutnant] Heinrich Freiherr Rüdt v. Collenberg, Lt. v. Harbou, Lt. v. Werner, Gottfried Rüdt v. Collenberg, Lt. v. Fries, Fhr. Gleichenstein, Stadtvikar Ebert, Lt. v. Fiebig, Rittm. Benkiser, Attaché Hans v. Hoffmeister [aufragend in der zweiten Reihe von oben, fünfter von links, rechts neben ihm die folgenden drei Damen] Baronin Neveu, Gräfin Netty Andlaw, Frl. v. Fries, Graf Louis Rüdt v. Collenberg, Baroneß Lilly Schönau, Fhr. Rolf Seldeneck, Frl. v. Selchow, Oberlt. v. Hadeln, Baronin Ellie Rüdt v. Collenberg, Lt. Epner, Lt. v. Regenauer [Regimentskamerad, später einer der Verfasser der Regimentsgeschichte], Reg.-Baumstr. Koch [hoher Beamter, zuständig für Bauplanung, Ausführung und Überwachung beim Städtebau und Raumordnung], Reg.Assessor Mayer, Ritttm. v. Poser, Baron St. Abdree, Hauptm. Baron Albrecht Rüdt v. Collenberg, Lt. Baron v. Rosen [Regimentskamerad und enger Freund von Fritz]. Baronin v. Rosen, Baronin St. André, Fr. Benkiser, Baronin Gleichenstein, Fr. Duffner, Baroneß Hildegard Schönau, Rittm. Bürklin, Oberlt. Fhr. Kurt Rüdt v, Collenberg, Baron Ernst Rüdt v. Collenberg, Oberst Koch, Oberlt. Graf Gessler [Kommandeur der Badischen Leibdragoner]. Div.-Pfarrer Stump, Lt. v. Klöden, Lt. Graf Münster, Lt. v. Podewils, Baron Adelsheim, Lt. Heinrich. [In der untersten Reihe sitzend:] Frau Mehlis, Baronin Dora Rüdt von Collenberg, Exz. Generallt. z.D. v. Hoffmeister, Gräfin Rüdt von Collenberg, das junge Paar, Baronin Frieda Rüdt v. Collenberg, Exz. Frau v. Hoffmeister, Baronin Sybilla Rüdt v, Collenberg, Gräfin Münster."

Quelle: Sport im Bild, Nr. 33, S. 1018, 1914

[Sport im Bild war die erste deutsche Sportillustrierte, im Titelzusatz hieß es noch „Illustrierte Wochenschrift für Sport, Gesellschaft, Theater“. Später wurde der Titel geändert in „Das Blatt der guten Gesellschaft“. Die Zeitschrift erschien wöchentlich von 1895 bis 1934. Erscheinungsorte waren Berlin und Wien. Im Jahre 1912 hatte die Publikation eine beachtliche Auflage von 125 000 Exemplaren und war damit äußerst publikumswirksam im Deutschen Reich und der Habsburger Doppelmonarchie. Im Laufe der Jahre wurde die Zeitschrift zunehmend elitär und setzte auf Themen wie Mode, Gesellschaft und „vornehme“ Sportarten wie Pferderennen, Golf, Tennis, Polo und Jagd.]

Ein Höhepunkt in der festlichen Runde bildete sicher ein Hochruf, den der Vater von Fritz ausbrachte. Eduard war sich seiner Stellung gegenüber dem Brautpaar und seiner Funktion als General durchaus bewusst und sah sich daher zu einer kurzen Rede zur versammelten Runde bemüßigt. Wortgewandt, entsprechend seinem militärischen Verständnis, richtete er poetisch angehauchte Worte an das Brautpaar: „In Liebe habt Ihr Euch gefunden, sie allein hat Euch zusammengeführt! Die Liebe ist es auch, die es uns Eltern leicht werden ließ, freudigen Herzens Euren Weg zu bereiten [Heiratskaution!]. So nehmt Euch denn bei der Hand und schreitet getrost hinaus durch leuchtende Fluren und sonniges Land!

Aus der großherzoglichen Familie, die gerade zur Sommererholung auf Eberstein-Schloss bei Baden-Baden weilte, trafen noch am gleichen Tag telegrafische Glück-und Segenswünsche ein, unterzeichnet von der Oberhofmeisterin Gräfin Andlaw, dazu noch ungezählte Gratulationen hochgestellter Würdenträger des badischen Staates, von Regimentskameraden, Staatsbeamten, Freundinnen aus Adelskreisen von Maria, Hofdamen und Bekannten.

Text: "18.6.14 Eberstein Schloß
Exczellenz General von Hoffmeister, Bödigheim
Königliche Hoheit Großherzogin Luise sendet beste Glück- und Segenswünsche zur Verheiratung Ihres Herrn Sohnes. Andlaw"
Quelle: v.H.

Ausflugstour in Köln, Halt vor dem Dom, mit Kreuz gezeichnet Maria und Fritz
Quelle: v.H.


Die Hochzeitsreise führte das neuvermählte Paar in das belgische Blankenberge an der Nordsee, ein exklusiver Badeort mit einem zu der Zeit mondänen Belle-Epoque-Zentrum, welches von 1870 bis 1914 geschaffen wurde. Eine Attraktion war der Casino-Kursaal, Maria besaß dazu für den 4. Juli 1914 eine Eintrittskarte. An Unterhaltungen bot der Ort einen Strand mit einer Seebrücke, die prachtvolle Promenade an den Gestaden bot eine zusätzliche unterhaltsame Zerstreuung.


Quelle: v.H.

Im Juli verbrachte Eduard mit seiner Frau zeitgleich einen Urlaub, sie genossen die Bergluft im Sport-Hotel Metropole in Wengen/Berner Oberland. Eduard äußerte sich in einem Schreiben vom 26. Juli 1914 an Fritz und Maria sehr angetan über den Aufenthalt, die Umgebung und das Hotel: „Hier ist es sehr schön, wirklich. Auch sonst alles - Hotel, Verpflegung, Spaziergänge - uns so zusagend wie möglich. Ein Ort, wo man gerne für längere Zeit seine Zelte aufschlägt.

Auch über die zwischenzeitlich entstandene kritische politische Situation am Ende des Monats Juli 1914 fühlte sich Eduard ziemlich beunruhigt und fand dazu ausführliche Worte, als erfahrener Militärstratege stellte er  Mutmaßungen über weitere mögliche Entwicklungen an. Die unselige Verkettung der Bündnissysteme und das Attentat in Sarajewo schufen eine Konstellation, die nach seiner Meinung zwanghaft zu einem größeren Konflikt führen musste. Seine schriftlich ausgedrückten Befürchtungen, die bereits in den politischen Schaltzentralen die Gemüter in Wallung brachten, sollten sich alsbald in schrecklicher Weise erfüllen.

Der Weg in den Krieg - Kampfhandlungen in Lothringen

Die Hochzeit mit allen Komplexitäten wie "Heiratskaution", „Heiratserlaubnis“ und pflichtmäßiger „standesgemäßer“ Gemahlin im Verbund aller Festlichkeiten und anschließender Flitterwochen war glücklich überstanden. Fritz war jetzt gar mit fränkischem Uradel verbunden. Der beginnenden Ehe war hingegen bedingt durch die politischen Umstände, ein äußerst begrenzter Zeitraum beschieden.

Maria, 1914, im Jahr der Vermählung mit Fritz
Quelle: v.H.


In den ersten Augusttagen 1914 ergingen gegenseitige Kriegserklärungen, von Österreich-Ungarn gegen Serbien, es folgten Russland, Frankreich und Großbritannien und natürlich das Deutsche Reich. Jetzt war es soweit. Der Erste Weltkrieg war entbrannt. Das junge Paar konnte ihr frisches Eheleben gerade mal sechs Wochen genießen, da musste Fritz sich in den Krieg verabschieden. Das verhieß lange zeitliche und noch dazu teils weite räumliche Trennungen voneinander.

[Am 1. August wurden Generalmobilmachungen angeordnet. In Frankreich um 16:55 Uhr. Das Deutschen Reich beeilte sich und verkündete als Reaktion ihrerseits um 17:00 Uhr, gerade fünf Minuten später, das selbige Ergebnis. Keine der beteiligten Mächte glaubte auf eine frühe Mobilmachung verzichten zu können. Diese Mobilisierungen trugen zu einer weiteren Eskalation in der Krise bei.]

Am 2. August lautete der Befehl an das Regiment: „Ab ins Feld!“ Als erste Einheit der Garnisonsstadt Karlsruhe verließ das Leibdragoner-Regiment am 3. August die Stadt. Im Verbund der 6. Kavallerie-Division sollte es an der entstehenden Westfront einen wesentlichen Anteil zur Sicherung und Verschleierung des deutschen Aufmarsches leisten. Für den Leutnant Fritz bedeutete dies ein Abschied aus der Garnison Karlsruhe, wo er als erfolgreicher Offiziersreiter glänzte und zuletzt mit seiner Gemahlin das Leben in der Gesellschaft im Bereich des Hofes als Angehöriger des Leibdragoner-Regiments genießen konnte. 

Die Autoren des Werkes über die Geschichte der Badischen Leibdragoner beschreiben den Aufbruch mit eindrucksvollen Worten: „Willig und freudig wirkte es an diesem letzten Sonntag in der Heimat, alles zum Abmarsch vorbereitet, damit in kommenden Tagen gezeigt werden konnte, daß jahrelange Mobilmachungsarbeiten nicht umsonst gewesen waren.

So zogen am frühen Morgen des 3. August die Leibdragoner von vielen begrüßt und geleitet nochmals durch das flaggengeschmückte Karlsruhe, um gegen den Erzfeind im Westen zu marschieren. Früh 7 Uhr wurde die 1. Eskadron, [zu welcher der Leutnant Fritz gehörte] mit dem Regimentsstab auf dem Güterbahnhof verladen. [...]

Unter Hurrarufen setzten sich die Züge in Bewegung. Bei Germersheim wurde der Rhein überschritten. Noch einmal zeigte uns Sommersonnenschein Rebhügel und reich bestandene Felder der Pfalz. [...] Dann folgte lothringisches  Land, an dessen Westgrenze spät in der Nacht die Eskadrons in Diedenhofen ausgeladen wurden und zum ersten Male Kriegsunterkunft in den Räumen einer  Brauerei und in einem Exerzierhaus bezogen.“

Schon kurz darauf, am 5. August, erfolgte für Fritz die Beförderung zum Oberleutnant. Die Ernennung wurde am gleichen Datum wirksam wie das damalige Avancement zum Leutnant im Jahre 1905. [Die Beförderungen in der deutschen Armee ergingen vor dem Krieg nach dem Dienstalter, und zwar immer am gleichen Datum und waren, nach späteren Begriffen, durch extrem lange Zeiträume geprägt. Bei eindrucksvollen Verdiensten wurden  bei Beförderungen auch Vordatierungen vorgenommen, so dass die nächsthöhere Rangstufe schneller erreicht werden konnte.]

Von Widrigkeiten des schon zu Beginn wild tobenden Krieges berichtete Fritz am 6.8. 1914 seiner gerade angetrauten Ehefrau: „Mein liebes Wunzele! Sind weit vorgedrungen!. Seit 23. [Juli] keine Nachricht von zu Hause. Furchtbar anstrengend, immer nur Biwak, wenig zu essen, ab und zu Granatkugeln. Alle munter und vergnügt. Auf Wiedersehen dein Fritz.“

[Biwak ist ein behelfsmäßiges Feldlager im Freien, derartige Unterkünfte findet sich zuweilen auch in Zelten oder Hütten.

Die Grundeinheit der berittenen Truppen bildete die Eskadron, auch Schwadron genannt, in einer Stärke von etwa 160 Mann, 170 Pferden und drei Wagen. Je fünf Eskadrons formten ein Regiment. Zwei Regimenter ergaben eine Brigade und drei Brigaden eine Division. In den Krieg zogen üblicherweise nur vier Eskadrons, die fünfte verblieb in der Heimat, um als Ersatzeskadron zu agieren. 

Die Aufgabe des Ersatzeskadrons bestand darin, den Ersatz an Kavalleristen für das Frontregiment sicherzustellen. Hierzu wurden Reservisten und Ungediente eingezogen und einer militärischen Ausbildung unterworfen. Die Ersatzeinheit meldete auch den Verlust bei Verwundung, Tod und Vermisstenstatus des Soldaten an seine nächsten Angehörigen und stellte somit auch ein Bindeglied zwischen Felde und Heimat dar.

Die Mannschaften der Leibdragoner waren mit Lanzen bewaffnet, die Offiziere trugen als Seitenwaffen einen Säbel und eine Pistole, daneben noch den Karabiner mit Bajonett.]

Als Oberleutnant geriet er schon bald, nämlich am 8. August in erste Kampfhandlungen bei Spincourt, gelegen im Maasland der Region Lothringen. Im gleichen Gebiet und nur zwei Tage später ging es bei Pillon gegen den Feind. 

[Die Schlacht in Lothringen tobte schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges äußerst heftig.. Spincourt und Pillon sind französische Gemeinden und gehören zum Arrondissement Verdun.]

In der Geschichte der Leibdragoner findet Fritz eine namentliche Erwähnung. Der Angriff der 1. und 5. Eskadron der Leibdragoner bei Landres, ebenfalls in Lothringen, auch noch im August 1914, erfuhr eine lebhafte Schilderung: „ [...] im Galopp folgten die Eskadrons, und in wildem Lauf, waren die 1. Eskadron unter Oberleutnant von Hoffmeister, dicht auffolgend die 5. Eskadron unter Rittmeister von Lessing, ging es über die Brücke gegen den Feind, der im Tal vergeblich versuchte, mit den Karabinern Widerstand zu leisten.

Stolz auf ihren Sieg, mit 1 Offizier, 3 Mann und der Kommandoflagge eines Generalkommandos als Beute und 2 aus Gefangenschaft befreiten deutschen Infanteristen kehrten die Eskadrons zum Regiment zurück.“ Diese Bravourleistung von Fritz erfolgte klassisch nach den in der preußischen Armee gelehrten Führungsprinzipien, dabei hatte er sich nämlich völlig selbständig und in überzeugender Eigeninitiative der vorhandenen Situation angepasst und unverzüglich gehandelt. Diese schneidige Attacke von Fritz erzeugte einen langen und nachhaltigen Eindruck bei den Leibdragonern und wurde noch bei seiner Beerdigung von einem Regimentskameraden ehrend hervorgehoben.

Fritz war daraufhin am 15.8. 1914 in die Schlacht bei Longwy verwickelt. [Die folgende Konfrontation fand an der Westfront bei der Festungslinie Montmedy-Longwy statt. Dabei konnten die deutschen Truppen die Franzosen in erbitterten dretägigen Kämpfen vom 22. bis 25. August auf die Maas und die Nordostfront von Verdun zurückdrängen. Die Schlacht bei Longwy war eine der sogenannten Grenzschlachten. Eingeleitet wurde sie durch einen Angriff der deutschen 5. Armee unter Führung des Kronprinzen Wilhelm aus dem Raum Arlon bis Diedenhofen.]

Während Fritz tollkühne Attacken ritt schlug der Krieg in seiner Familie erbarmungslos zu. Ein Sohn von Marias Mutter und somit ihr geliebter Bruder Heinrich Freiherr Rüdt von Collenberg fiel am 20. August 1914 bei der Erstürmung der Höhen von Brudersdorf in der Nähe von Saarburg in Lothringen, der Krieg war gerade mal etwas über zwei Wochen alt.

Heinrich von Rüdt, Bruder von Maria
Quelle: v.H.



Heinrich von Rüdt
Quelle: v.H.


Quelle: v.H.


Badische Presse, Datum nicht erkenntlich

Schon geraume Zeit vor Beginn des Krieges wurden von erfahrenen Militärstrategen eine Abschaffung der teuren „Luxuseinheiten“ Kavallerie gefordert. Die Modernisierung der Waffentechnik auf allen Gebieten zwang zu einem Umdenken der herkömmlichen Kriegsführung. Vorschläge setzten auf eine Umwandlung zu einer „berittenen Infanterie“. Traditionalisten bestanden dagegen weiterhin auf unveränderte Einsätze der Kavallerie.

Trotz aller aufwendig geführten Diskussionen über neue Taktiken erfolgte vor dem Krieg doch noch eine Rückbesinnung auf die lange Zeit bewährte Angriffsform einer berittenen Attacke und stellte damit mithin eine letzte große Perspektive dar. Die Realitäten in den ersten Monaten des Krieges sorgten jedoch mit Nachdruck  bald dafür, dass notgedrungen entgegen jeglichem Traditionsverständnis eine Neubewertung auf den Schlachtfeldern einsetzen musste.

Vom 30. August bis zum 2. September stand Fritz in schwerem Feuer in der Schlacht an der Maas. Nachdem die Franzosen eine Offensive in das Reichsland Elsass-Lothringen eröffnen konnten, gingen die Deutschen zum Gegenangriff über. Vom 7. bis zum 10. September dauerten anschließend die Gefechte am Rhein-Marne-Kanal, wobei Fritz mit seiner vormarschierenden Einheit in offensiven Kämpfen stand.

[Um einen befürchteten Zweifrontenkrieg zu verhindern wurde vor dem Krieg der sogenannte Schlieffenplan entwickelt. Er bildete die Grundlage für den Aufmarsch im August 1914. Danach sollte zunächst Frankreich geschlagen werden, um die Armeen nach Osten zu führen. Die Operationen an denen Fritz im Westen beteiligt war, standen mit dieser Operation in Verbindung. Nach den Ausführungen der Pläne stießen die deutschen Truppen durch Belgien unter Missachtung dessen Neutralität gegen Nordfrankreich vor.

Die geplante Umfassung von Paris gelang jedoch nicht. Mit britischer Unterstützung konnten französische Streitkräfte im September 1914 den deutschen Vormarsch stoppen. Die Vorstellung von einem raschen Kriegsende erwies sich damit schnell als Illusion. Stattdessen erstarrte ab Herbst 1914 die Front von der Kanalküste bis zur Schweizer Grenze in einem dichten System von Schützengräben.

Alfred Graf von Schlieffen, 1833-1913, war preußischer Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes und Urheber des nach ihm benannten Planes. Kernpunkte des Plans war eine massive Truppenkonzentration auf dem rechten deutschen Flügel gegen Frankreich, er sah eine Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs vor, sowie eine Entblößung der Ostfront, da man die russische Mobilmachung als sehr langsam verlaufend erwartete.]

Das Debakel an der Marne, der Schlieffenplan misslang.
Quelle: bulletin-1.ch


Die ersten erbitterten Kampfhandlungen an der Marne im Herbst 1914 stellten eine frühe Entscheidungsschlacht zum Nachteil des Deutschen Reiches dar. Das Konzept des Schlieffenplans konnte nicht realisiert werden und Deutschland sah sich in der Folge schon zu Beginn des Krieges mit zwei, später sogar mit drei Fronten (Alpenkrieg als dritte Front) konfrontiert.

Ende September erging an das Regiment in Verbindung mit der 6. Kavalleriedivision der Befehl zum Abtransport nach Belgien, wobei der Kavallerie ein Aufklärungs-und Sicherungsdienst zufiel. Bereits am 23. September 1914 wurde Fritz für zahlreiche durchgestandene Einsätze mit dem Ritterkreuz 2. Klasse mit Schwertern des Ordens vom Zähringer Löwen ausgezeichnet.

Quelle: v.H.

[Die Auszeichnung wurde 1809 durch Erbgroßherzog Karl von Baden begründet. Das Ritterkreuz 2. Klasse wurde im Krieg 6754 mal verliehen und war damit als außergewöhnlich hohe Ehre zu bewerten.]

Am 4. Oktober stieß die 1. Eskadron unter dem Kommando von Oberleutnant von Hoffmeister gegen Tournai-Lille-Frelinghien vor, Orte an der französisch-belgischen Grenze. In der Geschichte der Badischen Leibdragoner schildert ein Untergebener von Fritz sehr anschaulich die Begegnung vor dem Feind, die ein glücklich verlaufendes Ende fand. Die Durchführung der Patrouille stand im Zusammenhang mit dem Gefecht um Lille. Kurz darauf, vom 5. bis zum 6. Oktober fand eine harte Feindberührung  bei Deulemont [franz. Gemeinde im Departement Nord, Region Hauts-de-France, in der Nähe von Lille] statt.

[Aufgrund der Militäroperationen ab Mitte September 1914 bewegten sich die gegnerischen Armeen beinahe parallel nordwärts in Richtung auf die Nordsee im sogenannten  „Wettlauf zum Meer“. Die Begegnungen begannen nach der Marneschlacht. Die Kanalküste an der Straße von Dover und deren Kontrolle war für den britischen Nachschub und somit für den weiteren Kriegsverlauf für die Alliierten von entscheidender Bedeutung. 

Die allgemeine Offensivschwäche auf beiden Seiten führte zum Scheitern aller geplanten Umfassungsmanöver. Den Alliierten gelang es die Fronten zu stabilisieren und somit eine Niederlage abzuwenden. Das deutsche Heer konnte die kriegswirtschaftlich wichtigen Gebiete sichern und verteidigen, aber die Aussicht auf einen schnellen Sieg war nach dem Scheitern des Schlieffenplans und eintretendem Stillstand mit beginnendem Stellungskrieg in weite Ferne gerückt.]

In der Geschichte der badischen Leibdragoner wird bereits am folgenden Tag eine Aktion geschildert: „Am Morgen des 7. Oktober 1914 meldete eine Patrouille von Linselles aus starke Besetzung von Quesnay und lebhafte Truppenbewegung auf Straße Wambrechies - Quesnay [Orte in der Gegend von Lille].

Bei einem derartigen Vorstoß fiel Dragoner Brändle, Dragoner Weißenberger wurde schwer, Sergeant Eichstätter leicht verwundet. Gefreiter Madelski brachte die Meldung zurück. Das Regiment entsandte nun zunächst Leutnant d. Res. von Fries (Lothar) mit 1 Unteroffizier und 14 Reitern der 5. Eskadron zur Sicherung auf Wambrechies und Oberleutnant von Hoffmeister mit 1 Unteroffizier und 14 Reitern der 5. Eskadron auf Lille.

Leutnant d.Res. von Fries erhielt bei Wambrechies heftiges Feuer (Meldereiter Dragoner Kopf und Burk). Die Patrouille wurde hart östlich Flers von feindlicher Infanterie beschossen und von Radfahrern bis Gegend Hem verfolgt.“

Die beschriebene Unternehmung war immer noch mit der  Schlacht um Lille verflochten. Der Besitz der Stadt war für die Sicherung des Nachschubs von primärer Bedeutung. Der Plan, das XIV. Armeekorps, [badischer Großverband] mit den Leibdragonern, weiter nach Norden, Lille umfassend, nach Westen anzusetzen, wurde realisiert. Unter dem Schutz von Artilleriefeuer drangen deutsche Truppen in die Stadt ein. Lille kapitulierte.

[Die Gefechte waren Vorboten der Schlacht von Armentieres, die vom 13. Oktober bis Anfang November 1914 dauerte. Sie war in operativer Hinsicht eng mit der nördlicher geführten ersten Flandernschlacht verwoben, führte aber außer der Festlegung der zukünftigen Front zu keinem relevanten Ergebnis und diente auf beiden Seiten nur zur Bindung der gegnerischen Reserven.]

Vom 8. bis zum 14. Oktober befand sich das Kampfgebiet, in dem Fritz agierte, in Flandern, und zwar im Gebiet von Dünkirchen, beim Ort Bailleul [französische Gemeinde im Departement Nord, Region Hauts-de-France]. Die Auseinandersetzungen bei Bailleul standen in Beziehung zur ersten Schlacht um Arras [Stadt in der Region Haut-de-France].  Seit dem 25. September marschierte die neugebildete französische 10. Armee nördlich der Somme auf und versuchte ins deutsche Hinterland zu stoßen. Das XIV. Armeekorps mit den badischen Leibdragonern hatte auf diesem Kriegsschauplatz einen wesentlichen Anteil an den Kämpfen. Am Abend des 9. Oktober flaute die Schlacht ab, ohne dass eine Entscheidung herbeigeführt wurde. Die Autoren der Regimentsgeschichte dokumentieren für den 13. Oktober 1914, dass die 28. Kavallerie-Brigade die übergeordnete Einheit der Leibdragoner, verstärkt durch einen Zug reitender Abteilung des Feld-Artillerie-Regiments 8 am Bahnhof Bailleul zur Verfügung der 3. Kavallerie-Division bereitstand. An diesem Tag begann der Versuch der feindlichen Kräfte den Nordflügel des deutschen Westheeres zu umfassen.

In der folgenden Beschreibung erwähnten Regenauer und Ernest, dass nach der eingegangenen Nachricht vom Anmarsch feindlicher Kräfte aus der Gegend von Poperinghe [Stadt in Westflandern, bei Ypern] die Brigade zur Abwehr zum Einsatz kam.. Sie stellte sich nördlich von Bailleul kampfbereit, unternahm Patrouillen zur Aufklärung auf Reninghelst [Dorf in Westfflandern]. Die Aufklärung wurde angeführt von Oberleutnant von Hoffmeister mit 12 Reitern der 5. Eskadron. Leutnant von Fries ging mit 12 Reitern der 1. Eskadron auf Westontre [Gemeinde in Westflandern] vor.

Die Patrouillen geschahen vor dem Hintergrund der ersten Flandern-Schlacht, diese dauerte vom 20. Oktober bis zum 18. November 1914 und entwickelte sich direkt aus dem nach der Schlacht an der Marne einsetzenden „Wettlauf zum Meer“. Den Verbänden der Entente gelang es, deutsche Durchbruchsversuche abzuwehren, welche auf die französische Kanalhäfen Calais, Dunkerque und Boulogne zielten. Im Gedächtnis Deutschlands verblieb dabei vor allem der Opfergang junger Kriegsfreiwilliger, der Anlass zum „Mythos von Langemarck“ gab.

Gerade mal zwei Tage später musste sich Fritz vom 15. bis zum 29. Oktober in einer scharfen Begegnung wiederum bei Lille bewähren. Nach häufigen kühnen Einsätzen und anfänglichen Reiterattacken erhielt Fritz bereits am 15. Oktober 1914 das Eiserne Kreuz II. Klasse.

[Der Besitz des Eisenbahnknotens von Lille war für beide Seiten zur Sicherung des Nachschubs wichtig, um das Rennen nach Flandern zu gewinnen. Unter dem Schutz von Artilleriefeuer gelang es den deutschen Truppen die Stadt einzunehmen. In andauernden Kämpfen ab dem 15. Oktober konnte die deutsche 6. Armee, die Stadt Lille sichern und Angriffe der Engländer vor dem südwestlichen Vorfeld von Lille abschlagen. Franzosen und Engländer organisierten daraufhin keine Rückeroberung von Lille.]

In der Schlacht um Lodz


[Die Schlacht um Lodz tobte vom 11. November bis zum 5. Dezember 1914 zwischen der deutschen IX. Armee unter August von Mackensen  und der II. und V. Armee Russlands um die Stadt Lodz im Weichselland. Es handelte sich um eine Reihe separat ereignisreicher Begegnungen im österreichischen Kronland. Ungeachtet der gescheiterten russischen Offensive gegen Ostpreußen bei Tannenberg, war die Entschlossenheit der gegnerischen Kräfte ungebrochen, den Krieg auf deutsches Territorium zu tragen.

Hierbei stellten die Russen ihre II. und V. Armee südlich von Ostpreußen auf. Generalstabschef Erich Ludendorff wollte die russische Offensive verhindern, sein Ziel war es, zwischen deutschem Gebiet und dem Gegner einen Puffer einzurichten, um weitere Bedrohungen abzuwenden.
Am 11. November starteten die deutschen Truppen ihren Vorstoß, es gelang ihnen die Infanterie des 5. sibirischen Korps nahezu komplett niederzuwerfen. Bis zum 17. November gewann die deutsche IX. Armee die Oberhand und verdrängte in Folge die russischen Verbände.

Im Verlauf gab der Feind seine Offensivpläne in Richtung Ostpreußen auf und zog sich auf Lodz zurück. Die russischen Einheiten bauten eine starke Verteidigung um Lodz auf, entsprechend mäßig fielen die deutschen operativen Bemühungen aus. Nur drei Divisionen gelang es, im Süden der Stadt vorzustoßen. Diese Durchbruchskämpfe begleitet von eisiger Kälte galten als ein Vorbild im deutschen Heer. Der Gefahr einer Einkesselung unter zeitgleichem Rückzug entgingen die deutschen Verbände allerdings mit starken Verlusten, dennoch galt es als wichtiger Befreiungsschlag. 

Ab dem 24. November verfestigten sich die Fronten und eine Eroberung der Stadt war fehlgeschlagen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen bot sich ein uneinheitliches Bild, beide Seiten hatten erhebliche Verluste erlitten und konnten gleichfalls ihre taktischen Ziele nicht erreichen. Die Russen gingen darauf zur Defensive über. Um die Flanke ihrer drei Armeen zu sichern, nahmen sie eine Rücknahme der Front bei Lodz vor. Die Gründe lagen für sie in der ungünstigen Lage der Stadt mit auftretenden Nachschubproblemen. Am Abend des 6. Dezember 1914 rückte die deutsche XI. Armee in Lodz ein. Bis Mitte Dezember konnte die Front in Westgalizien halbwegs stabilisiert werden. Ein weiteres Vordringen der Russen auf das Reichsgebiet konnte damit unter beträchtlichen Verlusten verhindert werden.]

Ab November 1914 wurde das Leibdragoner-Regiment an die Ostfront verlegt und geriet dabei geradewegs in die Schlacht um Lodz, um die dort eingesetzten österreichisch-ungarischen Waffenbrüder zu unterstützen, die in Schwierigkeiten geraten waren. Im Weichselbogen erkannte die Führung der deutschen 9. Armee, die von Warschau ausgehende Gefahr. Dort hatte das russische Oberkommando eine massive Ansammlung von 12 bis 14 Armeekorps eingesetzt, um auf Wien oder Berlin vorzustoßen. Dabei entstand die Bezeichnung „russische Dampfwalze“. Es war genau der gleiche Kriegsschauplatz zu dem auch sein Bruder Hans, zur nämlichen Zeit entsandt wurde. Dieser kam allerdings auf eigenen Wunsch in diese heiß umkämpfte Region.

In der Geschichte der Leibdragoner heißt es dazu: „Bei den Feuergefechten um Lodz vom 10. bis zum 27. November 1914 war Fritz von Hoffmeister als Oberleutnant der 5. Eskadron unter Rittmeister von Lessing, zusammen mit dem Leutnant d. R. Huber, Leutnant von Engelberg und dem Assistenzarzt Dr. Schuler im Einsatz.“

Die deutsche 9. Armee stieß im Raum Thorn in die nördliche Flanke der „Russischen Dampfwalze“. Stark anhaltende Kämpfe führten zu einer allmählichen Stabilisierung der Front in Polen. Ein weiteres Vordringen der Russen auf das Reichsgebiet konnte damit unter ungeheuren Verlusten verhindert werden. Zur Rückeroberung der verlorenen Gebiete durch die Mittelmächte kam es erst nach der Winterschlacht in den Karpaten neun Monate später im Sommer 1915.

Fritz geriet dabei mit seinen Männern in ernste Begegnungen auf den Schlachtfeldern Galiziens. Am 11. November tobte ein Waffengang bei Lubraniec, den deutschen Kräften gelang es dabei, die Infanterie des feindlichen Korps fast vollständig aufzureiben. Einen Tag später folgten die Auseinandersetzungen bei Borzymie. [beide Orte befinden sich in der Nähe von Lodz]. Zu besonders schweren Zusammenstößen kam es am 15. November beim Ort Unislawice Grodno am 13. November und Kutno [Stadt in Zentralpolen, in der Nähe von Lodz].
 
Offizierskasino in Lubraniec.
Quelle: Ivens, Meine liebe kleine Frau

[Ebenfalls am  11. November starteten deutsche Truppen eine Offensive unter den Generälen Mackensen und Ludendorff gegen den Abschnitt des V. sibirischen Korps um den Goplosee herum nach Osten auf Lubraniec. Den deutschen Kräften gelang es, die Infanterie des feindlichen Korps fast vollständig aufzureiben.

Das Zentrum der 9. Armee rückte mit zwei Korps in Richtung auf Kutno gegen die russische Nord-und Nordostfront von Lodz vor. Durch die Schlacht von Kutno waren die russischen Korps, die den Flankenschutz der Hauptarmee bis zur Weichsel auszuüben hatten, völlig verdrängt worden. Für die Deutschen handele es sich nun darum, schnell tiefer in die Flanke der Russen hinein zu stoßen.]

Schwere Feindberührungen erlebte Fritz wieder vom 22. bis zum 24.11. 1914. General Fritz Litzmann erzwang mit seinen Truppen aus bereits abgeschnittener Position im Kessel von Lowitsch bei minus 20 Grad in der Nähe der Stadt Brzeziny den Durchbruch in die russische Front. Dafür wurde ihm der Orden Pour le Mérite verliehen, zugleich erhielt er den Ehrentitel „Der Löwe von Brzeziny“.

Auf einer Feldpostkarte vom 28. November offenbarte Fritz schonungslose Einzelheiten über seinem Fronteinsatz in Russland: „Mein lieber Vater! Schon seit drei Wochen in Rußland, fürchterliche Strapazen, nichts zu essen, Kälte, fortgesetzt im Feuer, große Verluste. Vor einigen Tagen Hans frisch und munter angetroffen. Ich gar nicht für den Winter ausgerüstet. Geschwollene Füße! [...] Mein Bursche, mein Handpferd mit der Baggage bei einem nächtlichen Überfall verloren, selbst knapp entkommen. Hier fürchterlicher Dreck und Ungeziefer. Große Schlacht im Gange.

Als ob die bisher überstandenen Strapazen zusammen mit grauenvollen Erlebnissen nicht schon genug gewesen wären, da erwartete Fritz noch eine ausgesprochene Hiobsbotschaft. Der unmittelbare Kommandeur von Hans, Major Wilsdorff, sandte am 4.:Dezember 1914 an ihn eine Meldung, die Betroffenheit auslöste: „Zu meinem Bedauern muß ich Ihnen leider mitteilen, daß Ihr H. Bruder seit dem 26. v. M. vermißt wird. Am gen. Tag hat er sich zu einer besonderen Unternehmung freiwillig gemeldet und ist seitdem nicht zurückgekehrt.“

In einem Feldpostbrief vom 11.12. 1914 an Maria beschrieb Eduard die Ungewissheiten über das Schicksal seines Sohnes Hans. Im gleichen Schreiben kam er auch auf Fritz zu sprechen: „Ach wenn nur Fritzel zurück wäre! Dann hätte ich doch ein bisschen Trost. Ich bin so furchtbar überlastet, daß ich am Tage gar keine Zeit habe, traurig zu sein und an H. [Hans] u. Fr. [Fritz] zu denken. Dann kommt aber die Nacht, und da kann ich nicht schlafen.“

Am gleichen Tag erfuhr Fritz Einzelheiten über den riskanten Einsatz von Hans, dessen Einheit sich in der Nähe befand. Er gab diese Information sofort weiter. Das Los von Hans blieb jedoch zunächst gänzlich ungeklärt. Sein eigenes Befinden schilderte Fritz in tristen Worten: „Daß ich noch am Leben bin, ist das reinste Wunder. Sitze die letzten 14 Tage, da erfrorene Füße, die aber wieder gut sind, hier in diesem elenden Nest, 5 Wochen, dieselben Kleider an, in einem stinkigen Loch mit einer Polenfamilie zusammen, nur auf Stroh wegen des Ungeziefers.“

Unter dem Datum vom 13. Dezember sprach Fritz seinem Vater wegen des Schicksals seines Bruders etwas Mut zu, er schrieb aus dem  Dorf Popowek im Gebiet Lodz: „Wollen die Hoffnung nicht sinken lassen. Es wäre zu fürchterlich. Ich selbst bin, besonders bei der milden Witterung, wieder ganz mit meinen Füßen in Ordnung und gehe heute Abend gleich 48 Stunden in den Schützengraben.

Die Sache ist hier auch zum Stehen gekommen. Es wird in der Welt ein trauriges Weihnachten geben. Wie geht es dir? Glaubst du an einen baldigen Frieden? Draußen donnern die Geschütze. Wollen feste hoffen. [...] Maria, der guten, geht es den Umständen entsprechend recht gut [Schwangerschaft]. Sie hat mir so viel warme Sachen und Eßwaren geschickt, daß mir nichts fehlt. Für sie ist der Anfang ihrer Ehe auch recht schwer. Am meisten leid tut mir bei der fürchterlichen Ungewißheit bei Hans, die arme Mutter und vor allem die gute Großmutter [Mutter von Johanna] auf ihre alten Tage, die doch so sehr an Hans hingen!. Es ist entsetzlich.“

Die Autoren Ernest und Regenauer schreiben in der Geschichte der Leibdragoner: „Vom 17. Dezember 1914 bis zum 25. Februar 1915 erfolgte ein erneuter Vormarsch verbunden mit den Kämpfen an der Nawka [Fluss in Zentralpolen], Pilica [linker Nebenfluss der Weichsel] und Rylsk [Ort in Zentralpolen] in der Umgebung von Lodz.“

Fritz erlebte darauf Kampfhandlungen an der Rawka [Fluss in der Nähe von Lodz] und Bzura [Nebenfluss der Weichsel] vom 16. Dezember 1914 bis zum 12. Januar 1915. Diese Kämpfe stellten einen weiteren und letzten Versuch dar, mit der 9. Armee Warschau vom Westen her zu erreichen. Das Ringen an der galizischen Front dauerte fort. An der unteren Nida [Nebenfluss der Weichsel] machten deutsche Truppen in einem Gefecht am 22. Dezember über 2000 Gefangene. Im Raum von Tomislav und an der Rawka-Bzura-Linie wurde weiter schwer gefochten.

Der Vater von Fritz und Hans war übrigens zwischenzeitlich nach 8 1/2 Jahren im vorläufigen Ruhestand [z.D.] überraschend reaktiviert und als Generalleutnant an die Südstellung der Festung Metz in Lothringen beordert worden.

In der Geschichte der Leibdragoner heißt es weiter über Unternehmungen von Fritz im Kampfgeschehen um Lodz: „Eine unter dem Oberleutnant von Hoffmeister zusammengestellte Schützenabteilung des Regiments löste am 27. Dezember das Dragoner-Regiment 21 [Garnison Bruchsal] an der Pilica ab.“

Ein zwischenzeitlich eingetroffenes Lebenszeichen von Hans löste ziemliches Erleichtern und natürlich Freude aus. Am 1. Januar 1915 wünschte Fritz auf einer Feldpostkarte seiner Mutter Prost Neujahr und drückte dazu auch sein Aufatmen über die glückliche Botschaft aus. Er konnte sich dabei aber nicht verkneifen beiläufig eine leicht ironische Äußerung fallen zu lassen: „Gestern die Nachricht von Hans bekommen. Gott sei Dank! Nun geht sein Wunsch Rußland kennen zu lernen, sogar kostenlos, in Erfüllung.“

Eine unschöne Erinnerung an die Schlacht in Galizien verblieb Fritz als ständiges Andenken. Ein strenger Winter mit herrschender Eiseskälte während dauernder Kampfhandlungen führte bei ihm  zu Erfrierungen an beiden Füßen. Der  Durchbruch von Brzeziny war extrem hart, es herrschten Temperaturen von etwa  -20°, dies potenzierte noch die erlebten bedrohlichen Episoden und machten die erlittenen Blessuren zu einer bösen Erinnerung.

[Die gewaltige Schlacht in Galizien war eine Reihe von separat angesetzten großen Kampfhandlungen. Die Auseinandersetzung um Lodz entbrannte vom 11. November bis zum 5. Dezember 1914 zwischen der deutschen 9. Armee unter General von Mackensen und der 2. und 5. Armee des russischen Heeres. Trotz der in der Schlacht bei Tannenberg gescheiterten Offensive der Russen im August 1914 im Raum Ostpreußen zu Beginn des Krieges war die Entschlossenheit des russischen Großen Generalstabs ungebrochen, den Krieg auf deutsches Territorium zu tragen. Die Schlacht In Galizien markierte im Winter 1914/15 einen Wendepunkt an der Ostfront. Das österreich-ungarische Kronland wurde Schauplatz einer Durchbruchschlacht. 

Die österreichischen Truppen zogen sich fluchtartig zurück. Eine sehr große Anzahl ihrer Angehörigen geriet in russische Gefangenschaft. Die Schlacht schädigte die Armee erheblich, zerstörte einen großen Teil des Offizierskorps und nahm Österreich wichtige Gebiete ab. Für die schwer angeschlagene k.u.k -Heeresmacht war das Unternehmen um Lodz ein Fiasko, sie konnte sich von ihrer Niederlage an der Ostfront nicht mehr richtig erholen. Die  russischen Erfolge gaben auf heimischen Boden Veranlassung zu groß angelegten nationalen Feierlichkeiten. Nach dem Ende der Kampfhandlungen bot sich ein differenziertes Bild. 

Beide Seiten hatten starke Verluste erlitten, ohne dass strategische Ziele erreicht wurden. Der russische Angriff auf Posen und Schlesien war gescheitert, da er noch zu Beginn gestört worden war. Am 6. Dezember wurde Lodz geräumt, obwohl die Russen diese Stadt erfolgreich verteidigt hatten. Am Abend des gleichen Tages rückte die deutsche XI. Armee in Lodz ein. Bis Mitte Dezember 1914 konnte die Front in Westgalizien notdürftig stabilisiert werden.]

Inmitten der Gefechte bei den Flüssen Rawka und Bzura, diese dauerten noch bis zum 19. Februar an, holte man Fritz aus seinem Regiment heraus und schickte ihn wegen seiner Erfrierungen vom 12. Januar bis zum 23. Februar 1915 zu einer Revierbehandlung [im Sanitätsbereich der Kaserne] nach Karlsruhe. Die Probleme an den Füßen waren doch wohl eine weitaus größere Beeinträchtigung als vermutet. Fritz sollte damit sein Stammregiment bis zum Ende des Krieges nicht mehr sehen, eine Tatsache, die er so bestimmt nicht erwartet hatte.

Schon vor Beginn des Heilverfahrens spukten in seinem Kopf Pläne, trotz der Erlebnisse in Galizien, zu seinem Regiment an die Ostfront zurückzukehren. Dies war auch wenig verwunderlich, er trachtete danach sich unbedingt seinen Leibdragonern wieder anzuschließen, von denen er plötzlich getrennt wurde. Die Leibdragoner waren wie eine zweite Familie und seine Heimat im Krieg. Fritz sah sich dabei bemüßigt, derart vorherrschende Überlegungen seinem Vater mitzuteilen. Dieser Drang an den alten Kriegsschauplatz beunruhigte Eduard von Anfang an und er war deshalb ständig bemüht, seinen Sohn mit Engelszungen von diesem Vorhaben abzubringen. 

In einem Brief vom 15. Februar 1915 äußerte er seine Bedenken recht deutlich: „Ach Fritzel, ich habe schwere Sorgen um dich, weil du wieder nach Rußland willst.“ Am 20. Februar legte er nochmals nach: „Oh, mein lieber Fritzel! Ich denke immer zwischendurch an dich u. was nun aus dir wird.“ Am 21. Februar, als es unabänderlich schien und eine mögliche Verschickung bevorstand, eröffnete er ihm sorgenvoll. „Adieu, mein lieber, mein goldiger herziger Fritzel! Ob ich dich wieder sehe?

Eduard konnte sich kaum beruhigen und war reichlich verstört über das Vorhaben von Fritz, erneut gegen die Russen in Stellung zu gehen. Ein Grund in Eduards Vorstellungen mag der Bewegungskrieg gewesen sein, der im russischen Kriegsschauplatz noch in voller Dynamik ablief. In der Westfront hingegen war das Geschehen völlig in den Stellungskrieg übergegangen. Das empfand Eduard für seinen Sohn offensichtlich weit weniger gefährdend weshalb er ihm von der Ostfront dringend abriet. 

Eine einfache Erklärung konnte auch die große räumliche Entfernung gewesen sein, welche familiäre Treffen nicht gerade erleichterte. Mehr als erstaunlich und einigermaßen schwer erklärlich erschien jedenfalls das gemeinsame Streben aller männlicher Familienmitglieder zur russischen Erde, wie von einem Magneten angezogen und dabei noch von einer seltsamen Faszination für dieses Land erfüllt. Bei Eduard war das Streben schon in jungen Jahren ausgeprägt. Für Hans sollte es gar zum Verhängnis werden. Nun kam noch Fritz hinzu, den es aber hauptsächlich nur zu seinen Kameraden und den gewohnten Umgang hinzog.

Am 26. Februar 1915 informierte Fritz seinen Vater telegrafisch mit einer freudigen Botschaft: „Gratuliere dem Großvater zur Enkelin. Mutter und Tochter wohl.“ In einer zusätzlichen Feldpostkarte zum gleichen Anlass konnte er eine gewisse Enttäuschung aber nicht verhehlen: „Schade, daß es kein Bub ist; -  nun das nächste Mal.“ im gleichen Text bestätigte Fritz, dass sein Regiment wieder nach Galizien verladen wurde, er aber vorerst weiterhin wegen des Aufenthalts im Lazarett seiner Karlsruher Garnison zum Nichtstun verdammt war.

Text: Nachts 
Herrn v. Hoffmeister
Verny Metz
Gratuliere dem Großvater zur Enkelin. Mutter und Tochter wohl.
Fritz"



Am 11. März 1915 sollte die Taufe von Ingeborg, so lautete der gewählte Name der neugeborenen Tochter, stattfinden. Nachdem Eduard eine Einladung erhalten hatte, sah er sich, seiner militärischen Verantwortung gehorchend, zu einer Absage gezwungen. In seinem Anschnitt wüteten gerade ausgedehnte Feindseligkeiten und damit blieb ihm wegen zwingender Präsenz als Kommandeur keine andere Wahl. In einem Feldpostbrief vom 5. März erklärte er es unbeschönigt: „ [...] du kannst versichert sein, daß ich freudig und auf Flügeln käme. [...] Aber sieh, die Sache ist hier [Raucourt, Lothringen] sehr ernst geworden u. ich habe durch das schier unerträgliche feindl. Artilleriefeuer - zahllose neue amerikanische Munition!!! - täglich nicht unerhebliche Verluste.“

Maria mit der neugeborenen Inge, 1915
Quelle: v.H.

Frieda mit Inge (Frieda, geb. Lang, Tochter des Heinrich Lang, Oberbaurat in Karlsruhe)
Quelle: v.H.



Raucort ist eine kleine Gemeinde an der Straße von Nomeny nach Metz. Das Lothringer Dorf erlitt erhebliche Zerstörungen, in näherer und weiterer Umgebung fanden schwere Kämpfe statt, bei denen Eduard als Befehlshaber unmittelbar beteiligt war. Deshalb war er auch zu dem Zeitpunkt derTaufe seines ersten Enkelkindes unabkömmlich.

Fritz war unterdessen im Drang nach Rückkehr zu seinem Regiment ungebremst, er teilte seinem Vater mit, dass seine Verlegung an die Ostfront im Raum stünde. Eduard war über diese neuerliche Nachricht erwartungsgemäß nicht erbaut und entgegnete dazu reichlich enttäuscht und unverzüglich: „Deine liebe Karte vom 9.3. ist heute hier einpassiert u. hat mir leider die Nachricht gebracht, daß du am 28.3. wieder nach Rußland abdampfen wirst.“ 

Eine durchaus positive Nachricht von Fritz, datiert am 13. März, erzeugte bei Eduard wahre Lobeshymnen und es erschien ihm wie ein Lichtstrahl im wilden Kampfgeschehen, nahezu euphorisch erwiderte er: „Mein herrlicher Fritzel! Alles was ich von dir bekomme, so auch deine Karte von gestern, atmet einen gesunden, frohen Geist. Es ist mir ungelogen, eine wahre Freude, deine Schrift zu lesen, denn sie bringt mir immer Botschaft nicht nur von meinem lieben Sohn, sondern auch von einer praktischen, mir geistig tatsächlich verwandten Persönlichkeit.“ Eine angeblich charakterliche Ähnlichkeit mit ihm selbst schien für Eduard eine extra Erwähnung wert zu sein. Im Brief folgten noch praktische Hinweise zu finanziellen Anlagen und die schwierige Situation in seinem Frontabschnitt.

Aber auch in diesem gefühlvollen Schreiben konnte Eduard sein beständiges Missfallen über die Pläne von Fritz nicht verleugnen und er drückte nochmals sein tiefstes Bedauern über eine mögliche Verladung nach Russland aus: „Mein lieber Junge! Furchtbar schwer wird mir der Gedanke, dich bald wieder so ferne zu wissen und deshalb möchte ich dich gerne noch einmal sehen. Ich bin Euch beiden bisher immer vormarschiert, vielleicht auch zum letzten Ende, zum Tode. Und der ist hier höllisch nahe.“ in dieser Notiz wurde deutlich, dass in den großen Entfernungen für Eduard doch tatsächlich ein Hauptargument gegen einen Einsatz von Fritz an der Ostfront lag.


Stellungskämpfe im Elsass

[An der zum Stellungskrieg erstarrten Westfront begannen britische und französische Truppen nach mehreren gescheiterten Durchbruchsversuche im Frühjahr 1915 eine gemeinsame Offensive in der Champagne. Die englische Armee versuchte ab dem 10.3. die Front der Deutschen bei Neuve-Chapelle zu durchbrechen und auf Lille vorzustoßen. Da die Angriffe aber auf relativen schmalen Frontabschnitten vorgetragen wurden, konnten die Deutschen alle entbehrlichen Einheiten an die bedrohten Linien werfen und einen Durchbruch verhindern. Aufgrund der enorm hohen Verluste beim Angriff brachen die Alliierten die Schlacht Ende März 1915 ab.]

Am 10.4. 1915 berichtete Eduard von seinem Frontabschnitt in Lothringen und klang dabei mehr als optimistisch: „Aber Fritzel, sonst geht es gut, u. zwar nicht nur bei uns, sondern auch in Rußland. Ich glaube bestimmt, daß die Offensivkraft der Franzosen endgültig erschöpft ist u. ihnen auch die Engländer nicht wesentlich mehr dazu verhelfen können.“

Es war wohl eine Verlegung für Fritz nach Russland vorgesehen, aber in der Zwischenzeit hatte man im Entscheidungsbereich neue Aufgaben für ihn gefunden, wohl eher zum Bedauern von Fritz. Eine Versetzung zum Stab der 12. Landwehr-Division geschah gemäß einer Verfügung des stellvertretenden Generalkommandos vom 13. April 1915. Die Order verhieß nunmehr Einsätze in den elsässischen Kriegsschauplätzen und da der Krieg hier im Gegensatz zur Ostfront bereits nahezu festgefahren  war, bedeutete dies für Fritz die Beteiligung in anhaltenden  Stellungskämpfen. 

Eduards Wunsch ging im Gegensatz zu den Vorstellungen von Fritz in Erfüllung und er mag ob dieser glücklichen Fügung mehr als zufrieden gewesen sein, weite Entfernungen innerhalb der Familie fielen weg und spielten zunächst keine Rolle mehr. Fritz musste sich neu orientieren, ohne die Kameradschaften und den Rückhalt seines Stammregiments, es kamen ungewohnte Strukturen sowie bislang noch unbekannte Offiziere und Soldaten auf ihn zu. 

[Als Stellungskrieg bezeichnet man, im Gegensatz zum Bewegungskrieg, eine defensive Form der Kriegsführung, die von statischen Frontverläufen geprägt ist. Charakteristisch ist hier die Sicherung der Fronten durch ausgedehnte Systeme von Befestigungen, weshalb es sich im Ersten Weltkrieg im Westen um reine Grabenkriege handelte. Die Folgen waren ineffektive Sturmangriffe mit hohen Verlusten, wochenlangem Trommelfeuer und Giftgaseinsatz. Die Gegner standen sich in befestigten Gräben und Bunkern gegenüber.]

Eduard zeigte am 15. April offenkundige Genugtuung  und signalisierte  Fritz zu seiner Versetzung: „Deine Nachricht eben erhalten. Freue mich deiner neuen Bestimmung, von der ich glaube, daß sie gut ist. Mein Segen u. meine Gedanken begleiten dich.“ Am gleichen Tag informierte er noch Maria darüber: „Soeben die Karte von Fritzel erhalten über seine Kommandierung nach dem Oberelsaß. Freue mich über die Lösung und denke, es ist gut so.


Quelle: v.H.


Am 30. April 1915 traf die Familie ein weiterer furchtbarer und unerwarteter Schlag. Gottfried, der zweite Bruder von Maria wurde an diesem Tag im äußersten Norden Frankreichs in der Region Pas-de-Calais lebensgefährlich verwundet und starb kontemporär an seiner schweren Verletzung. Die beiden Söhne von Frieda und die Brüder von Maria mussten im Krieg, der noch kein Jahr alt war, in jugendlichem Alter  allzu früh ihr Leben auf dem Schlachtfeld lassen und damit über die Familie unendliches Leid bringen.

Gottfried von Rüdt, Bruder von Maria, 1896
Quelle: v.H.


Gottfried von Rüdt
Quelle: v.H.




Gottfried von Rüdt
Quelle: v.H.


Quelle: v.H.


Quelle: v.H.

Quelle: v.H.


Frieda von Rüdt, 1914/15 in Trauerkleidung, wegen des Todes der Söhne im Weltkrieg?
Quelle: v.H.


[Zu Beginn des Ersten Weltkrieges zogen Kavallerieregimenter mit dem Pferd in die Gefechte. Im August 1914 unternahmen Fritz und Hans noch erfolgreiche berittene Patrouillen. Schon kurz nach dem Beginn des Krieges scheiterten solche Attacken im Feuer der Maschinengewehre und der Artillerie. Dies führte zu einer grundlegenden Änderung der Kriegführung, die Militärplaner mussten schon nach kurzer Zeit einen Wechsel in den Angriffstaktiken vornehmen. Die Folge war, dass man die großen Kavallerieverbände auflöste und deren Angehörige zumeist in Infanterieeinheiten integrierte.]

Ein erneutes Kommando verhieß für Fritz mit seinen Soldaten eine Überstellung an den schwer umkämpften Hartmannsweilerkopf in den südlichen Vogesen. Am 13. Mai teilte er die neue Mission seinem Vater mit: „Mein lieber Vater! [...] Geht mir recht gut bis jetzt und freue mich, daß es dir auch wieder gut geht. Mengelbier läßt grüßen. Hier ist es sehr interessant. Hartmannsweilerkopf.“ Die Grüße des Chefs an seinen Vater, also von General zu General, konnten sich für Fritz gewiss nur vorteilhaft auswirken.

[Theodor Mengelbier, 1867-1932, war ein preußischer Generalleutnant. Zu Beginn des Krieges beteiligte er sich aktiv an der Schlacht bei Tannenberg. Am 19. April 1915 übernahm er das Kommando über die 12. Landwehr-Division, in dessen Stab Fritz Dienst versah. Anschließend kam er an die Ostfront, an die makedonische Front und wieder an die Ostfront. Im März 1918 wurde Mengelbier noch kommandierender General des 1. Armee-Korps.]

Fritz verkündete auf einer Feldpostkarte vom 25. Mai: „Meine liebe Mutter! Besten Dank für die Karte. Geht mir recht gut! Mit dem Frieden wird es aber nichts. Ob die Italiener in die Vogesen kommen?“ Eine unheilvolle Ahnung beschlich Fritz in dieser Botschaft, Italien war unvermutet in den Krieg eingetreten. Das hieß. einem neuen Feind die Stirn zu bieten. Für Fritz sollte es alsbald eine harte Realität werden.

Ein Marschbefehl zu östlichen Kriegsplätzen folgte zu Eduards Zufriedenheit vorerst nicht mehr, die aktuelle Stellung forderte von Fritz von Beginn an äußerste Kampfbereitschaft. Vom 14. bis zum 21. Juni entwickelte sich ein massiver Feuerwechsel am Hilsenfirst, einem Berg in den Südvogesen.

Mit Poststempel vom 17.6. 1915 erreichte Maria eine Feldpostkarte von Fritz mit ausdrücklicher  Erleichterung: „Meine liebe Maria! Besten Dank für deinen lieben Brief. Mir geht es ganz gut. Froh war ich, daß du nicht mehr in Karlsruhe bist, wo jetzt Bomben geworfen wurden in den Kasinogarten.“

[Im Juni folgte die große Schlacht bei Schaulen in Litauen. In mehreren Anläufen konnten deutsche Truppen, unter ihnen das 1. Badische Leibdragoner-Regiment, welches Fritz wegen seiner Erfrierungen verlassen musste, die Stadt Schaulen am 21 Juni 1915 besetzen. Den Russen wurden schwere Verluste zugefügt, 13 000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Die deutschen Kavallerieverbände überzeugten mit glänzenden Leistungen. Das war sicher auch mit ein Grund für den Wunsch von Fritz nach einer Wiedervereinigung mit seinem geliebten Regiment.

Die Begegnungen an diesem Abschnitt der Ostfront sorgten für einen großen Rückzug der russischen Armeen von Juni bis Ende September 1915. Deren Einheiten wichen zuerst aus Russisch-Polen ins Baltikum, dann in das Gebiet des heutigen Weißrussland und in die Ukraine aus.]

[Zu Beginn des Krieges war Italien noch in ein Militärbündnis mit Deutschland und Österreich-Ungarn eingebunden und man erwartete, dass sich Italien an die Seite der Mittelmächte stellen würde. Bei Kriegsausbruch hatte Italien sich sogleich formell als neutral erklärt, da es im österreichisch-serbischen Konflikt keinen Verteidigungsfall sehen konnte. Das Land wurde in der Folge von England und Frankreich angestachelt, den Bund zu verlassen mit der Zusage immenser Gebietsgewinne nach erfolgreich gewonnenem Krieg. 

In einem 1915 in London unterzeichneten Geheimabkommen wurden den Italienern  im Falle eines Sieges u.a. Südtirol, Istrien, Triest und Norddalmatien versprochen. Alle diese Territorien gehörten noch zum Habsburgerreich. Ende Mai 1915 trat Italien dann an der Seite der Alliierten in den Krieg ein. Für Österreich war der Seitenwechsel Italiens eine Katastrophe, weil eine völlig neue Front eröffnet wurde. Bei den Mittelmächten wurde Italien fortan als verräterische Nation bezeichnet.]

Eduard ließ sich noch nicht völlig überzeugen, er befürchtete immer noch einen Standortwechsel von Fritz infolge einer Versetzung. und er eröffnete Maria auf einer Feldpostkarte vom 11. August 1915: „Mein herziges Kind, wie geht es dir und deinem Ingele? Ich denke gut, Fritzel wird wohl demnächst Rittmeister werden, soll aber bleiben, wo er ist u. ja nicht wegdrängen! Habe ihm dieserhalb geschrieben.“ In der Familie setzte sich künftig für Ingeborg die einfachere Kurzform Inge durch.    

Das Bestreben von Fritz zu seinem Stammregiment, den badischen Leibdragonern zu gelangen schwelte immer noch in ihm, darauf zielte auch die Bemerkung seines Vaters ab. Er war jetzt immerhin schon 17 Monate von seinen ehemaligen Kameraden getrennt. Diese standen ununterbrochen  im Osten in schweren Auseinandersetzungen mit den Russen, die Hauptkampfgebiete hatten sich von Galizien ins Baltikum und den Raum Ostpreußen verlagert.

Seit dem Verlassen von Fritz fochten seine früheren Mitstreiter bis dato in den Kämpfen um Prasznysz [Stadt in Polen, 100 km nötdlich von Warschau], in den Gefechten bei Memel und Tauroggen, sie waren beteiligt beim Grenzschutz in Ostpreußen, sie machten den Vorstoß nach Litauen und Kurland mit, kämpften bei Korciany [Stadt bei Memel] und unternahmen den Vorstoß nach Mitan [Stadt in Litauen] und standen in Gefechten an der oberen Windau [Fluss in Lettland].  

[Ab dem 4. August 1914 erhielt die französische Armee den Befehl, ins Elsass, das seit der Annexion von 1871 zum Deutschen Kaiserreich gehörte, vorzustoßen und die Täler und wichtigsten Städte zu erobern. Die Begegnungen an der Vogesenfront waren von 1915 bis 1917 besonders blutig. Dabei galt die Gebirgsregion im Süden als stark umkämpftes Gebiet. Militärisch wichtige Positionspunkte waren die Höhen des Hilsenfirst, Hirzstein, Sudelkopf und ganz besonders der Hartmannsweilerkopf. 

Hier wurden im Verlauf unzählige Stellungen und mit Beton verstärkte Unterstände errichtet. Die Schützengräben befanden sich teilweise nur wenige Meter voneinander entfernt. Man musste jederzeit mit einem Angriff rechnen. Dabei kamen auch von deutscher Seite Sturmtruppen mit Maschinengewehren, Minen-und Flammenwerfern zum Einsatz.]

Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe


[Karlsruhe rückte im Laufe des Jahres 1915 in die Reichweite französischer Flugzeuge und war dadurch Luftangriffen ausgesetzt. Auf diese neue Waffe war die Bevölkerung in keiner Weise vorbereitet. Der erste Überfall fand am 15. Juni 1915 statt. Nach dem Eindringen der französischen Flieger waren 30 Todesopfer und 50 Verletzte zu beklagen. Karlsruhe war als Sitz zahlreicher Militärdienststellen und Einrichtungen ein bevorzugtes Ziel der feindlichen Vorstöße. Zum anderen galten die Angriffe der „Deutschen Waffen-und Munitionsfabrik (DWM)“ und dem Eisenbahnknotenpunkt der Strecke Mannheim-Straßburg.]

Eine erfreuliche Nachricht konnte Fritz zwischen Stellungskämpfen im Oberelsass in Empfang nehmen, wie sein Vater es schon aus seinem reichen  militärischen Erfahrungsschatz angekündigt hatte, so geschah es auch, denn am 18. August 1915 wurde Fritz zum Rittmeister befördert.

[Traditionelle Bezeichnung in der Kavallerie, entspricht dem Rang eines Hauptmanns. In der im Krieg befindlichen Armee galt nicht mehr die im Frieden praktizierte Prozedur. Die Beförderungen vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten nach Dienstjahren und geschahen in vergleichsweise langen Zeitabständen. Fritz benötigte beispielsweise neun Jahre um vom Leutnant zum Oberleutnant zu gelangen. Dies entsprach der üblichen Zeitspanne. Die Beförderungen wurden  immer am gleichen Datum wie die vorherigen Ernennungen vorgenommen. 

In Kriegszeiten änderte sich die Praxis, der Not gehorchend. Fritz wurde bereits nach einem Jahr vom Oberleutnant zum Hauptmann ernannt. Ein eklatanter Mangel an Führungspersonal war der Grund. Die Front schrie förmlich nach Offizieren. Die Armee senkte dadurch die Hürden und die langen Abstände zu den Beförderungen. Dennoch, Kleinbürger und Arbeiter waren im Offizierskorps weiterhin unerwünscht, selbst dem tapferen Unteroffizier blieb deshalb die Beförderung zum Leutnant verwehrt.

Prominente Beispiele für ein schnelles Avancement im Krieg waren Ernst Jünger,1895-1998, Schriftsteller, Walter Flex, 1887-1917, erfolgreichster Autor und Lyriker im Ersten Weltkrieg, beide wurden 1915 zu Leutnants ernannt. Carl Zuckmayer, 1896-1977, ebenfalls Schriftsteller erhielt im Sommer 1917 das Patent zum Leutnant.]

Maria und Fritz im Urlaub. Rückseitig, Bleistift: "Badenweiler 15. Aug. 1915"
Quelle: v.H.

Maria mit Inge
Quelle: v.H.

Eine an seinen Vater gerichtete Feldpostkarte vom 24.9. 1915 berichtete von einem glanzvollen Ereignis: „Geht mir recht gut. Heute Parade vor dem Großherzog, der dich grüßen läßt.“ Das enge Verhältnis Eduards zum  badischen Haus machte sich hierbei wieder unverhohlen bemerkbar. Ferner meinte Fritz noch: „Die Milliardenanleihe und Bulgarien sind recht erfreulich.“

[Bulgarien lavierte zu Beginn des Krieges einige Zeit als neutrales Land zwischen den Fronten. Mit dem Versprechen auf Gebietsgewinne in Serbien trat Bulgarien an die Seite der Mittelmächte. Am 6. September 1915 kam es zu einem Bündnisvertrag mit dem Deutschen Reich. Am 15. Oktober konnte man Bulgarien als neuen Waffenbruder begrüßen. 

Das Deutsche Reich finanzierte einen großen Teil seiner Kriegskosten durch Kriegsanleihen, die zwischen 1914 und 1918 herausgegeben  wurden. Im September 1915 legte Deutschland die dritte beachtliche Kriegsanleihe von nahezu 12 Milliarden auf, auf diesen Sachverhalt wies Fritz in seinem Brief hin.]

Als nunmehriger Rittmeister durchstand Fritz vom 15. bis zum 18. Oktober 1915 das Gefecht am Sudel, ein Berg in den Südvogesen mit einer Höhe von 1012 m. Hier kam es zu schweren Stellungskämpfen.

Hans, der Bruder von Fritz war wiederholt aus einem russischen Gefangenenlager entflohen. Diese Nachricht löste innerhalb der Familie verständliche Unruhen aus, diese Umstände veranlassten Fritz zu einer Nachricht. In einem Schreiben vom 14.11. 1915 an seine Mutter stellte Fritz Mutmaßungen über die Flucht von Hans an: „Es ist wieder die Ungewissheit, die ein Mutterherz natürlich sehr erschüttert. Durch das lange Ausbleiben von Nachricht und weil ich das Temperament von Hans kenne, schwante mir schon lange Böses. 

Hans hat es einfach nicht ausgehalten und ist begünstigt durch Kenntnis der russischen Sprache ausgebrochen. [...] Also wollen das Beste hoffen, aber es wäre schon besser gewesen, er hätte uns diese Aufregungen und den neuen Kummer infolge der Ungewißheit erspart.“ Zum Schluss des Briefes kam Fritz noch auf seine finanzielle Situation zu sprechen, worauf er sichtlich stolz war: „Ich habe nun Hauptmannsgehalt mit Adjutantenzulage circa 8000 M im Jahr u. hätte ich mir auch nie träumen lassen [ca. 2000 € pro Monat, 5/2021].“

Gelegentlich traten Ruhepausen in der Kriegsdynamik ein und an den besetzten Frontabschnitten machte der Gefechtslärm Pausen. Fritz konnte bei solch günstiger Gelegenheit am 20. Dezember 1915 seiner Mutter eine erfreuliche Nachricht zukommen lassen: „Über mich wenig zu berichten. Ich sitze ruhig in Gebweiler [Gemeinde im Südelsass], wo es selten rein schießt und ist es überhaupt jetzt ruhig an der ganzen Front. Der Krieg ist wohl jetzt auf den toten Punkt angekommen und artet in einen Erschöpfungskrieg aus.“

[Das hatte Fritz zu diesem Zeitpunkt völlig richtig erkannt, auch mit seiner Wortwahl. Wegen der Furcht vor einem großen „Abnutzungs-oder Erschöpfungskrieg“ arbeiteten die Generalstäbe sämtlicher beteiligten Mächte Pläne für einen kurzen Krieg aus, der nach wenigen Wochen in einer Entscheidungsschlacht enden sollte. Aber ein Niederwerfungs- anstelle eines „Erschöpfungskrieges“ war nur auszuführen, wenn man schnell und offensiv operierte. Um den „Erschöpfungskrieg“ zu vermeiden trat man in einen „Rüstungswettlauf“ ein, der einen „Erschöpfungskrieg“ erst möglich machte.]

Ohne große Unterbrechung ging seine Einheit vom 21. Dezember bis zum 9. Januar 1916 in den sogenannten „Weihnachtskämpfen“ um den Hartmannsweilerkopf und Hirzstein gegen die Franzosen vor.

[Die erbitterten Stellungskämpfe am Hartmannsweilerkopf begannen 1915 und dauerten eineinhalb Jahre an. Im Zuge der Angriffe und Gegenangriffe war der Berg im Elsass abwechselnd unter deutscher und französischer Kontrolle. Die Kämpfe waren extrem hart, die Soldaten standen in den Schützengräben oft bis zum Knie in einem Sumpf aus Urin, Kot und Leichenteilen. Cholera und Typhus breiteten sich aus. Ein letztendlicher Sieger ging aus dem Gemetzel nicht hervor. Im Elsass wurde der Hartmannsweilerkopf auch „Berg des Todes“ und „Menschenfresser“ genannt. Es fielen bei den Kämpfen ca. 25 000 bis 30 000 deutsche und französische Soldaten.]

Zum Neuen Jahr entbot Fritz am 6.1. 1916 ein herzliches Prosit. Bedauernd meinte er noch: „Ja leider ist aus meinen Urlaub wegen der schweren Kämpfe [Stellungskrieg im Oberelsass] hier nichts geworden. Meine Hoffnungen richten sich nun auf Ende Januar. [...] Hoffentlich tritt mit dem Winter, Schnee und Nebel, Ruhe hier ein. Vorläufig sieht es aber nicht so aus. Und was wird aus Vaters Frieden vor Winteranfang?“

[Die Frage von Fritz an Ende seines Schreibens war berechtigt. Im Februar und März griffen die Franzosen in der Champagne an, doch der Durchbruch gelang ihnen nicht. An der Westfront war der Krieg dann im Laufe des Jahres 1915 in Stellungskämpfen erstarrt. Im Osten  begann am 1. Juli eine große Offensive der Mittelmächte, die zur Einnahme von Warschau, Brest-Litowsk, Grodno und Wilna führte. Die deutschen Truppen drangen bis über die Pripjet-Sümpfe [Sumpflandschaft im Süden von Belarus und im Nordwesten der Ukraine] vor. Die anschließenden Durchbruchsversuche der Russen blieben erfolglos. Auf dieses Gelingen gründete sich wohl die Hoffnung von Eduard. Doch nach der Neujahrsschlacht von Mitte Dezember bis Mitte Januar 1916 entwickelte sich der Krieg im Osten auch immer mehr zum Stellungskrieg.]

Während aktiver Kampfhandlungen wurde Fritz durch einen Divisions-Tagesbefehl vom 14. Februar 1916 als Adjutant zum Stab der 55. Landwehr-Infanterie-Brigade kommandiert. Zur gleichen Zeit erfolgte  eine Einweisung wegen eines diagnostizierten Magendarmkatarrhs in das Hilfslazarett Bürgerspital in Straßburg. Das alte Leiden machte Fritz immer wieder zu schaffen. Nach einen dreiwöchigen Aufenthalt wurde er wieder zu seiner Brigade entlassen.

[Der Adjutant war ein dem Truppenbefehlshaber zur Unterstützung beigegebener Offizier. Er hatte die Aufgabe, den Kommandeur bei seinen Führungsaufgaben, der Ausbildung und beim militärischen Geschäftsgang zu unterstützen, teilte Dienste ein, führte Tage-und Meldungsbücher und hatte Meldungen und Befehle entgegenzunehmen und zu überbringen.]

Fritz informierte am 9. März seine Mutter auf einer Feldpostkarte über seine gegenwärtige Gemütslage. Er fand sich in seinem Dienstbereich bestens aufgehoben und war auch mit seinem neuen Chef rundum zufrieden: „Geht mir bis jetzt ganz gut und fühle mich in meiner Stellung ganz wohl. Habe einen charmanten Vorgesetzten. [..] Hier im allgemeinen ruhig. Sind gespannt auf die Erfolge vor Verdun. Wann wird der Krieg zu Ende sein?“ Die Trennung von seinem Regiment, den badischen Leibdragonern, die noch im Osten kämpften, schien Fritz in der Zwischenzeit wohl überstanden haben. [Der „charmante Vorgesetzte“ war Generalleutnant August Mathy, 1868-1931.] Der Absender lautete:„Rittmeister von Hoffmeister Adjutant 55. Landw. Brig.

[Die Schlacht von Verdun war eine der längsten und verlustreichsten Schlachten zwischen den beteiligten Mächten von  1914-1918. Fast drei Viertel der französischen Armee hatten 1916 vor Verdun gekämpft. Aufgrund ihres Ausmaßes und der Heftigkeit der Kämpfe stellten die Auseinandersetzungen einen der Höhepunkte des Krieges dar. Sie vereinte in sich allein den Ersten Weltkrieg in allen seinen Komponenten und machte Verdun zu einer symbolhaften Erinnerungsstätte.

Die Kampfhandlungen begannen am 21. Februar 1916 mit einem von der deutschen Armee eingeleiteten Geschosshagel auf die Forts und die französischen Schützengräben. Während der ersten Tage durchbrachen deutsche Einheiten die Front und eroberten das Fort Douaumont. Im März griffen die Deutschen auf dem linken Maasufer an, es gelang ihnen aber nicht die französische Front zu durchbrechen und das Geschehen erstarrte in unnachgiebigem Beharren im jeweiligen eigenen Graben.]

Eintretende Gefechtspausen verlockten gelegentlich zu fröhlicher Freizeitgestaltung. Auf einer Feldpostkarte vom 16.3. 1916 verkündete Fritz: „Das Wetter ist hier sehr schön und machten Rebmann u. ich heute große Dogcart Partie [von einem Pferd gezogene zweirädriger Kutschenwagen]. Unser netter Garten wird noch fleißig bestellt. Hinterm Haus morgen bei der Division zum Schweineessen eingeladen.

Der frontnahe Gefechtslärm befreite Fritz nicht von Gedanken an seinen Nachwuchs in der Heimat. Am 16. März 1916 schilderte er seiner Mutter erfreuliche Fortschritte: „Bin gespannt auf Verdun. Ingele soll schon laufen können und zunehmen. Wann sehen wir uns wieder?“ Am gleichen Tag berichtete er auch Maria auf einer Bildpostkarte nicht nur von einem ruhigen Dienst in seiner Position, sondern geradezu von einer entspannten Gefechtspause: „Umseitig mein Quartier. Geht mir gut! [...] Unser netter Garten wird auch fleißig bestellt. Hinterm Haus morgen bei der Division zum Schweineessen eingeladen.

Rückseitig, Bleistift: "Ingele im Kühlen Krug in Karlsruhe im April 1916"
Quelle: v.H.

Unter dem Poststempel vom 8.5. 1916 gab es für Fritz wegen einer Bemerkung seiner Mutter über seine Tochter wieder einmal Gelegenheit, eine despektierliche Antwort anzubringen: „Ingele ist nicht zurückgeblieben, sondern mordsdick. Herzliche Grüße Fritz.“ Maria fügte noch hinzu: „Ingele ist heute zum ersten Mal Dogcart gefahren, sie war selig. Ich bin erfreut Fritzel wieder gesehen zu haben. 1000 herzliche Grüße u. Kuss Maria.“

Am rechten Rand mit Bleistift: "Unser Quartier und mein Dogcart"
Quelle: v.H.


Maria und Inge
Rückseitig, Bleistift: "Badenweiler Mai 1916"
Quelle: v.H.


Fritz, Maria und Inge
Rückseitig Bleistift: "Badenweiler 18. Mai 1916 Kriegswiedersehen"
Quelle: v.H.

Unten mit Bleistift: "Stab der 12. Landwehrdivision"
Fritz hinten stehend, zweiter von links
Quelle: v.H.

Fritz verblieb bei seiner Einheit, die Ruhe war trügerisch und währte nicht lange, im Oberelsass entbrannten stetige Begegnungen, in denen Fritz unmittelbar verwickelt war. Ein anstehender Fronturlaub abseits erbitterter Stellungskämpfe erschien dazwischen als frohe Kunde und war gewiss auch hochverdient. Fritz konnte gemeinsam  mit Frau und Tochter im  Mai 1916 in Badenweiler eine Atempause von andauerndem Geschützdonner genießen, es war ein gar zu seltenes Zusammensein in brisanten Zeiten auf Leben und Tod.

Am 18. Mai 1916 verschickte die kleine und so selten vereinte Familie an die Mutter von Fritz eine Ansichtskarte aus Badenweiler: „1000 herzliche Grüße von hier Dir liebe Mutter. Seit Dienstag ist Fritzel hier bis morgen Abend, das ist herrlich. Er hat viel Freude an Inge, die weiterhin so prächtig gedeiht u. ihren Papa sehr liebt.“

Am Ende des Urlaubs meldete sich Fritz am 21. Mai nochmals bei seiner Mutter und hielt fest: „Der Urlaub war sehr nett, fand Maria gut, Ingele,die wirklich reizend geworden ist, glänzend vor. Leider ist der Urlaub schon um.[...] Hier ist es ziemlich ruhig, das Wetter herrlich, nur schade, daß es noch Krieg ist. [...] Von Vater habe ich auch einen langen Brief bekommen. Er ist nicht mehr so sehr optimistisch.“ Es wurde offensichtlich, dass sich langsam bei den auf unterschiedlichen Ebenen dienenden Akteuren von Vater und Sohn ungute und skeptische Vorstellungen über den weiteren Kriegsverlauf einschlichen.

In einem Feldpostbrief vom 21.5. 1916 sah sich Fritz jedoch zu einer Entschuldigung bei seiner Mutter gezwungen, die sich über einen schriftlichen Terminus ihres Sohnes provoziert fühlte, er antwortete leicht spitz: „Eben ist deine entrüstete Karte angekommen. Ich habe deine beiden liebe Briefe erhalten. Herzlichen Dank dafür.“ Im Brief notierte Fritz noch: „Vom Vater habe ich auch einen langen Brief bekommen. Er ist nicht mehr so sehr optimistisch [über den Kriegsverlauf].“

Auch in einer weiteren schriftlichen Nachricht vom 1.6. 1916 konnte sich Fritz einen schnippischen Unterton seiner Mutter gegenüber nicht verkneifen: „Es freut mich, daß du Ingele nett findest und es ist für sie nur ein Vorteil, wenn sie dir ähnlich wird. Ich finde sie sehr herzig u. mächtig gesund. Gott Lob, nur die Beine etwas zu dick. Ob sie das auch von dir hat?“

Am gleichen Tag konnte Fritz für seine Mutter wertvolle und in der Heimat langentbehrte Lebensmittel ankündigen, im Reich herrschte durchgehend eine ernste Versorgungskrise: „Ich habe schon Auftrag gegeben, Salatöl zu besorgen. Maria habe ich auch einen 30 Pf. schweren Schinken besorgt. Es freut mich, daß du Ingele nett findest und ist es für sie ein Vorteil, wenn sie dir ähnlich wird.“

Über das laufende Kriegsgeschehen, der Poststempel ist vom 25.6. 1916, war Fritz der festen Meinung: „Der Schaden in Galizien wird auch wieder repariert und bei Verdun geht es langsam vorwärts.“

[Die Entente wollte 1916 die Mittelmächte durch abgestimmte Offensiven an beiden Fronten zermürben. Die Russen begannen am 4. Juni 1916 an der Ostfront einen Großangriff unter Führung von General Brusilow. Trotz des ausgeglichenen Kräfteverhältnisses wurden die habsburgischen Truppen von der russischen Offensive überrannt. Den Russen gelang mit der Brusilow-Offensive der größte Schlachtsieg im gesamten Krieg.]

Bald müssen auch die Engländer angreifen. Hier scheint es ruhig zu bleiben außer kleinen Unternehmungen. Die 'Karlsruher' haben ja auch ein klein wenig den Krieg an der eigenen Haut kennen gelernt.“

[Um die bei Verdun bedrängten französischen Streitkräfte zu entlasten, begannen britische Verbände im Juni 1916 eine Offensive. Sie wollten am Fluss Somme in Nordfrankreich die Front durchbrechen. Es gelang ihnen aber nicht, die deutschen Stellungen zu zerstören. Fast 20 000 Briten starben, viele in den ersten Minuten der Offensive. Die Schlacht an der Somme entwickelte sich zu einem Abnutzungskrieg, der von Anfang Juli bis Mitte November 1916 dauerte. Bis zum Abbruch der Kämpfe verloren Deutsche und Briten jeweils rund 500 000, die Franzosen 200 000 Mann. Das blutige Scheitern des britischen-französischen Großangriffs zeigte, dass unter den Bedingungen des modernen Krieges die Verteidiger im taktischen Vorteil waren.

Nach dem ersten Luftangriff auf Karlsruhe vom vergangenen Jahr erfolgte am 22. Juni 1916, am Fronleichnamstag, ein weiterer. Nach Beginn der Nachmittagsvorstellung des Zirkus Hagenbeck, dessen Zelt in der Nähe des Ettlinger-Tor-Platzes aufgeschlagen war, wurden 40 Bomben abgeworfen, wobei einzelne Menschen getroffen wurden, die aus dem Zelt flüchteten. 120 Einwohner fanden den Tod, darunter 71 Kinder. 169 Menschen wurden verletzt. In der deutschen Presse wurde darauf vom „Karlsruher Kindermord“ berichtet.]

Fritz mit Inge
Rückseitig Bleistift: "Kriegswiedersehen Eberstadt [Schloss] 23. Juli 1916"
Quelle: v.H.

Fritz mit Inge, Schloss Eberstadt
Rückseitig Bleistift: "23.7.16"
Quelle: v.H.

Für einige Tage im August arrangierte Fritz wieder einen Besuch bei Frau und Kind im damaligem Zuhause von Schloss Eberstadt bei Buchen, dem alten Stammsitz der Freiherren Rüdt von Collenberg-Eberstadt.

In einer Meldung an seine Mutter vom 26. August 1916 kündete Fritz von Gefechtspausen und garnierte diese noch mit einer süffisanten Bemerkung über eine Infektion von Hans und dessen Heimweh: „Mir geht es gut und ist hier Ruhe und schönes Wetter. [...] Freut mich, daß von Hans dauernd Nachricht kommt, nun ja Lungenpilz habe auch ich und möchte gern nach Hause.

[Lungenpilz, Fachbegriff Aspergillose, ist eine Schimmelpilzinfektion durch Aspergillius-Arten. Die Erkrankung betrifft häufig die Nebenhöhlen der Nase und die Lunge. Der Pilz kann auch die Haut, die Ohren, den Magen-Darm-Trakt oder das Nervensystem befallen. Durch das Einatmen der Pilzsporen entsteht Lungenpilz. Für Gesunde ist der Pilz in der Regel unbedenklich.]

Weiterhin herrschte im Frontabschnitt von Fritz ein Stillstand der Kampfhandlungen, Fritz erwähnte dies  am 4. September 1916 seiner Mutter gegenüber, verbunden mit einer politischen Bemerkung. Beunruhigt benannte er eine neu eingetretene Konstellation: „Hier alles ruhig! Mit Rumänien sehr dumm und Friede wieder hinausgeschoben.“

[Zu Zielen und Hoffnungen Rumäniens gehörte die Gewinnung von Gebieten des größten Teils von Siebenbürgen, des Banats und der Bukowina. Bis zum August 1916 überwog die Überzeugung einem  Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten zuzustimmen. Rumänien trat dann daraufhin tatsächlich am 17. August 1916 während der russischen Brusilow-Offensive in den Krieg ein und kämpfte fortan gemeinsam mit der Entente gegen die Mittelmächte.]

[Die englische Seeblockade führte seit Beginn des Krieges im Reich zu erheblichen Engpässen in der Versorgung. Dazu kamen Missernten, fehlender Kunstdünger, Transportprobleme und 1916 zusätzlich eine Kartoffelfäule. Alle Faktoren führten in der Bevölkerung zu ernsten Hungersnöten.

Ein Höhepunkt bildete der Winter 1916/17, der gravierende Auswirkungen hatte. Steckrüben waren oftmals das einzig verfügbare Nahrungsmittel, diese wurden vielfältig und kreativ verarbeitet. Daher wurde auch der Name Steckrübenwinter sprichwörtlich. Offiziere in Schlüsselpositionen, wie Fritz als Adjutant im Brigadestab, hatten öfters Gelegenheiten zur Organisation von Lebensmitteln. In seiner Brigade waren alle Berufe vertreten, darunter natürlich auch Landwirte, die sich gerne für Gefälligkeiten erkenntlich zeigten. Auf diese Weise gelang es Fritz hin und wieder, heiß begehrte Mangelwaren zu ergattern, auf welche die Angehörigen im Schloss Eberstadt immer wieder warteten.]

[In der Schlacht um Verdun gingen die Franzosen im Herbst 1916 zur Gegenoffensive über und eroberten das Fort Douaumont zurück. Im Dezember griffen die Franzosen erneut an und konnten nahezu das gesamte Gebiet wieder gewinnen, das sie seit Februar verloren hatten.  Die Schlacht endete nach zehn Monaten intensiver Kämpfe. Sie hatte über 700 000 Opfer gefordert, etwa 305 000 Tote und Vermisste sowie 400 000 Verwundete, mit nahezu gleichen Verlusten in beiden gegnerischen Armeen. Aufgrund ihrer Ausmaße und der Heftigkeit der Kämpfe stellte die Schlacht einen Scheitelpunkt dar. Sie ist damit im kollektiven Bewusstsein zum Symbol des Ersten Weltkriegs geworden.]

Seiner Mutter berichtete Fritz am 17.11. 1916: „Vater hat mir wieder ein glänzendes Geschenk gemacht. Kriegsanleihe.“ Eduard schwor auf diese Art der Kapitalanlage und überreichte an Fritz als Geschenk bei unterschiedlichen Gelegenheiten immer wieder Anteilsscheine dieser Art von Krediten zur Finanzierung des Krieges.

Briefe und Postkarten hielten ständig die Verbindung zwischen den Mitgliedern der Familie aufrecht, es handelte sich darin auch um triviale Alltagsprobleme. Ein Todesfall in der Familie veranlasste Fritz allerdings am gleichen Tag seiner Mutter eine Nachricht zukommen zu lassen: „Herzlichen Dank für deine Karte, die ich erst vom Urlaub zurückkommend vorfand. Sehr betrübt bin ich über Tante Amelies [Amelie Koch geb. Kiehnle] Tod und spreche ich besonders Großmutter [Lina Kiehnle, Mutter von Johanna], die wohl der Trauerfall am schwersten trifft, meine Teilnahme aus. Ich habe die gute Tante sehr gern gehabt und wie oft (meistens gegen Großmutters Willen) zog ich nach Durlach um vollgestopft nach Hause zu kommen. Eine liebe Erinnerung wird mir die letzte Begegnung mit ihr im August sein.“

Am 21. November 1916 gab der Oberst und Remonte-Inspekteur der Remonte-Inspektion Graf von Geßler und ehemaliger Vorgesetzter von Fritz, noch zu Zeiten der Karlsruher Garnison und im frühen Beginn des Krieges, eine Bewertung zum Gesuch einer Verleihung des Eisernen Kreuzes 1. Klasse ab. [die Remonte-Inspektion war für das Training und die Ausbildung der jungen Pferde für die Kavallerie zuständig. Außerdem organisierte diese Institution die Beschaffung der einsatzfähigen Tiere für die militärische Verwendung]:

Rittmeister von Hoffmeister hat 3 Jahre unter mir im Bad. Leib-Dragoner Regiment gestanden und davon 6 Monate von Beginn des Feldzuges die 1. Eskadron selbständig geführt. Die Erwartungen, die ich in diesen pflichttreuen, im Frieden in den verschiedensten Dienstzweigen gut ausgebildeten und demgemäß bewährten Offizier gestellt hatte, hat er im Felde in vollem Maße erfüllt.

Umsichtig im Gelände, unverzagt und entschlossen vor dem Feinde, wird die mit seiner Eskadron aus eigenem Entschluß siegreich gerittene Attacke gegen eine franz. Lancier Eskadron immer ein ruhmreicher Denktag der 1. Eskadron im Leib-Dragoner-Regiment bleiben. Ich halte den Rittmeister von Hoffmeister durchaus der hohen Auszeichnung, das Kreuz 1. Klasse tragen zu können für würdig und befürworte seine Eingabe hierzu auf das Wärmste.“

Die Gutheißung des Grafen von Geßler, dem ehemaligen Chef von Fritz, [Oberst Graf Leopold von Geßler war Kommandeur der badischen Leibdragoner bis zum 12. November 1914] zur Verleihung des Eisernen Kreuzes 1. Klasse erhielt die Zustimmung der entscheidenden oberen Instanzen. Im Dezember 1916 wurde Fritz „Auf Allerhöchsten Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs“ mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Unterschrieben war die Verfügung vom Kommandeur der 12. Landwehr-Division Generalmajor von Drabich-Waechter [Nachfolger von Theodor Mengelbier].


Quelle: v.H.


Eine besondere Ehrung erfuhr Fritz am 7. September 1916. Vom  Senat der Freien und Hansestadt Hamburg erhielt er das Hamburgische Hanseatenkreuz. 

Text:

"Der Senat der freien und Hansestadt Hamburg

hat dem Rittmeister und 2. Adjutanten der 55. Landwehr-Infanterie-Brigade
Herrn Friedrich von Hoffmeister
für Verdienst im gegenwärtigen Kriege das Hamburgische Hanseatenkreuz verliehen.
Zur Urkund dessen ist dieses Besitzzeugnis ausgefertigt worden.

Hamburg, den 7. Dezember 1916.
Siemsen D.
Oberregierungsrat"

Quelle: v.H.

[Das Hanseatenkreuz wurde während des Ersten Weltkrieges im Jahre 1915 gemeinsam von den drei Hansestädten, Hamburg, Bremen und Lübeck als deren Auszeichnung für Verdienste im Krieg gestiftet. Vorzugsweise erhielten Soldaten von Einheiten der besagten Städte diese Würdigung. Der Orden wurde aber auch an einige wenige „Vor dem Feind bewährte Frontkämpfer“, wie es in den Statuten lautete, hochverdiente Kriegsteilnehmer verliehen. Berühmtester Träger des Hanseatenkreuzes war der Kampfflieger Manfred von Richthofen, genannt „Roter Baron“.

Am 9.12.1916 konnte Fritz seiner Mutter entspannt berichten: „Herzlichen Dank für deine Karte vom 22.11. 16. Geht mir soweit ganz gut und herrscht hier völlige Ruhe.“ Zur heimatlichen Versorgung konnte er einen wesentlichen Beitrag leisten: „Heute hat Bleickert [sein Bursche] bei dir Rauchfleisch, 2 Schinken und ein Pfund Butter abgegeben damit für Euch und Maria etwas im Hause ist.“ Fritz war ständig auf Trab und bemühte sich unablässig, wo immer eine Möglichkeit bestand, Versorgungsgüter zu ergattern. Im Reich herrschten durchgängig ein extremer Mangel an verfügbaren Lebensmitteln.

[Schon zu Beginn des Krieges gab es im Reich ernsthafte Nöte in der Versorgungslage, die unerwartete Dauer des Krieges führte zu einer rapiden Verschlechterung der existentiellen Lebenshaltung, Rationierung und Zwangsbewirtschaftung waren die Folge. Einen Höhepunkt erreichte die Nahrungskrise Im Winter 1916/17, es herrschte zudem bittere Kälte. Starke Regenfälle und Unwetter ließen im Herbst 1916 Kartoffeln und Weizen auf den Feldern verfaulen. Außerdem wurden durch die Seeblockade der Engländer und den Krieg gegen Russland wichtige Nahrungsmittelimporte verhindert. Steckrüben waren oft die einzigen Lebensmittel, welche vielfältig und kreativ verarbeitet wurden. Diese Jahreszeit verdiente sich den unverblümten Namen „Steckrübenwinter“, es folgte nicht nur sprichwörtlich, sondern regelrecht ein ausgesprochener „Hungersommer“.]

Die Verleihung des Eisernen Kreuzes 1. Klasse auf ausdrücklich artikulierten Befehls des Kaisers offenbarte fraglos eine vereinzelte  Sonderstufe und erteilte dem Träger eine explizite Ehrung. Der Wert des Ordens wurde durch die Worte des Monarchen essentiell erhöht, wenn auch nicht äußerlich sichtbar, gleichwohl waren Kameraden und Mitstreiter sowie das komplette Regiment darüber informiert. 

Trotz aufwendiger Erhebungen ließen sich in der Literatur bislang keine Hinweise auf eine derart modifizierte Form des EK I auffinden. Die offenkundige Diktion im Verleihungstext, die sich von der üblichen Wortwahl erkennbar unterschied, ließen auf auf einen hervorhebenden Charakter des Ordens schließen. Auch der nachträglich angebrachte Hinweis von Fritz an seine Mutter, dass er die Auszeichnung „vom Kaiser persönlich“ erhalten hatte, bestätigten einem variierten Typus.

Die superlative Ehrung erfolgte wohl nicht durch eine spektakuläre Einzelaktion, wohl eher war eine Häufung hervorragender militärischer Aktivitäten dafür verantwortlich. Dafür sprach auch die wohlwollende Gutheißung des Grafen Geßler, seinem ehemaligen Kommandeur zu Karlsruher Garnisonszeiten und im unmittelbaren Beginn des Krieges. Fritz führte eine Tradition fort, bereits sein Vater erhielt im September 1914 im Auftrag des Kaisers das EK I. 

Der Monarch hatte das von Eduard geführte Gefecht, das zur Besetzung des Pont a Mousson führte, persönlich begeistert beobachtet und daraufhin den befehlshabenden Kommandeur mit dem EK I belohnt  Zur Ergänzung sei noch als Beispiel hinzugefügt, dass nach der Eroberung der Festung Novo Georgievsk, nördlich von Warschau, im August 1915, auch der Kaiser persönlich den Siegern das Eiserne Kreuz verliehen hatte. Von dieser modifizierten Form der Dekoration gab es während des Krieges nicht allzu viele, um so höher ist dessen Wert zu bemessen.

Die Vergabe des EK I auf Befehl des Kaisers war als seltene Sonderstufe eine besondere Ehre und erhöhte den Wert dieses Ordens beträchtlich. Der übliche Text für die Verleihung des Eisernen Kreuzes lautete: „Im Namen Seiner Majestät des Kaisers habe ich dem .... das Eiserne Kreuz 1. Klasse von 1914 verliehen.“ Der Unterschied in der Formulierung des Verleihungstextes war augenfällig. Fritz zeichnete sich in den anhaltenden Stellungskämpfen durch entschlossene und verwegene Aktionen gegen den Feind aus. Beweise waren die Verleihungen des Hanseatenkreuzes von Anfang September und kurz darauf des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Während Fritz diese hohe Auszeichnung erhielt, wurde im gleichen Zeitraum das Schicksal seines Bruders Hans in der fernen Mongolei besiegelt. Dessen tödliches Los war ursächlich auch im heißen Wunsch nach eben dem Eisernen Kreuz 1. Klasse begründet. 

[Voraussetzung für die Vergabe der Eisernen Kreuze war eine überdurchschnittlich mutige Handlung ohne Rücksicht auf das eigene Leben. Als Grund galt auch die Rettung eines Kameraden aus höchster Gefahr oder wenn die eigene Einheit vor einer bedrohlichen Lage bewahrt wurde. Außerdem mussten zwei Zeugen vor der Vergabe gehört werden.]. 

Unterschrift: "von Drabich-Waechter"
Quelle: v.H.

Fritz im Winter 1916 mit dem neuerworbenen Eisernen Kreuz I. Klasse
Quelle: v.H.

Fritz war zu Recht sichtlich stolz auf diese Auszeichnung und berichtete es am 14. Dezember 1916 unverzüglich seiner Mutter, selbstverständlich mit dem Hinweis auf die wesentlichen Worte in der Verleihung: „Geht mir recht gut. Bekam gestern vom Kaiser persönlich das eiserne Kreuz I. Kl. und gratuliere dir zu deinem Sohn, denn es ist eine große Auszeichnung! Das Wort persönlich hate er noch durch Unterstreichung hervorgehoben." Und weiter: „Habe mich für Vater sehr gefreut, daß seine früheren Prophezeiungen, ich würde seinem Namen Unehre machen, zu Schaden geworden ist. Habe ihn noch gestern Nacht antelefoniert!

Fritz wollte immer gegenüber seinem Vater als Soldat bestehen, es war ihm ein inneres Bestreben und ein ständiger Ansporn seine Qualitäten als Frontoffizier unter Beweis zu stellen. Mit dieser Auszeichnung war ihm das in ausgezeichneter Weise gelungen und auch von einer Unehre im Verhältnis zum Vater konnte keine Rede mehr sein. 

Im gleichen Brief unterließ er es wiederum nicht, einen kleinen Seitenhieb für seine Mutter mit zu verpacken, verbale gegenseitige Anspielungen erfolgten mit Vorliebe per Post: „Mit Maria wird hoffentlich alles gut gehen und ist sie ja sehr empfindlich. Habe für sie einen schönen Ring gekauft, da du ja deinen Smaragd nicht rausrücken wolltest, für 700 M bei einem Freund von mir, der Hpt. [Hauptmann] und im Civilberuf eine Bijouteriefabrik hat, zum Selbstkostenpreis und habe dabei 40 % gespart.“

Am 27. Dezember 1916 erblickte der erste Sohn von Fritz die Welt, er wurde auf die Namen Hans Heinrich getauft, in Erinnerung an Hans, den kurz zuvor in der Mongolei erschossene Bruder von Fritz. Heinrich, war der schon zu Beginn des Krieges früh gefallene Bruder von Maria. Seit den Zeiten als Kleinkind nannte man den männlichen Nachkommen lebenslang nur noch Ohn, weil er, kaum dass er sprechen konnte, immer brabbelte: „Ich bin meines Vaters Ohn.“ Dieser Dictus hatte sich nachhaltig und dauerhaft eingeprägt. Maria leitete die freudige Botschaft am 1. Januar 1917 an ihre Mutter [Frieda geb. Lang] weiter:

Denke dir wie nett Fritzel ist, heute überraschend gekommen bis Freitag u. rührend sein Glück am Bübchen, das wirklich ein Musterknäbchen ist bis jetzt. Vater ist gestern an einem Tag hin u. zurück, um auch den Stammhalter zu begrüßen, ein großes Opfer, früh muß er wieder weg u. nachts ist er wieder am Platz.“

1917 - ein epochales Jahr!


Internationale Ereignisse beherrschten das Kriegsjahr und lösten eine epochale Zäsur aus, welche die Weltpolitik in erheblichem Maße beeinflusste. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg des deutschen Reiches veranlasste letzten Endes die USA auf Seiten der Entente in den Krieg einzutreten. Dies begründete nachhaltig den Aufstieg der Vereinigten Staaten von einem wirtschaftlichen und industriellen starken Staat zu einer dominierenden Weltmacht.

Eine weitere gewaltige Episode mit eindeutigem und einflussreichem Zäsurcharakter spielte sich im zaristischen Russland ab. Lang anhaltende soziale und politische Turbulenzen entluden sich vehement in der Februarrevolution 1917 und führten zum Sturz des Zaren aus dem Geschlecht der Romanows. Im gleichen Jahr folgte die Oktoberrevolution und mündete in ein sozialistisches Rätesystem und Bildung der UdSSR.

Darauf gründete sich der Ursprung für den aufkommenden Ost-West-Konflikt, wobei Russland im Verlauf zu einer kommunistischen Weltmacht aufstieg. Die Umwälzungen, welche das Jahr 1917 einläuteten, führten zum Bruch monarchischer Überlieferungen und zu einer nachhaltigen Politisierung der Massen. Zu Recht kann das Jahr als grundlegend für das 20. Jahrhundert bezeichnet werden. Beide umwälzenden Ereignisse hatten einen direkten Einfluss auf die Krieg führenden Nationen.

Am 16. Januar 1917 räumte Fritz ein: „Meine liebe Mutter! Heute ist also die Taufe von meinem Sohn, auf den ich so stolz bin, und leider kann ich nicht dabei sein, denn Exzellenz [Anrede für den General und Kommandeur der Brigade] ist einige Tage weg, seinen Sohn besuchen, dem es leider recht schlecht geht, es ist nicht der mit dem Kopfschuß, sondern der ältere, der sich an der Somme so erkältet hat, daß er eine schwere Nierenoperation durchmachen mußte und ziemlich erledigt ist. Ja schwer liegt der Krieg auf allen. Und unser lieber Hans, wäre er doch ruhig geblieben und hätte sich uns erhalten und den Kummer erspart. Fortgesetzt laufen Condolationsbriefe bei mir ein. Bei uns scheint es auch wüst zu werden und gehen wir wohl schweren Zeiten entgegen.“ Das unsagbare Ende von Hans, hervorgerufen durch unbegreifliche Begleitumstände in einem neutralen Land, lastete schwer auf der Familie. Es herrschte Fassungslosigkeit und tiefe Erschütterung, eigens die Mutter von Fritz war fortan anhaltend traumatisiert.

Im gleichen Brief ließ Fritz wieder einmal eine spöttelnde Bemerkung von Stapel, zur Abwechslung bezogen auf ein enges Familienmitglied: „Sehr nett finde ich es von meiner Schwiegermutter [Frieda war katholisch, im Gegensatz zu Fritz und dessen Eltern, die klar evangelisch geprägt waren, beide Parteien beharrten aus Familientradition oder religiöser Überzeugung auf ihrem Standpunkt], daß sie zur Taufe kommt und da ich ja weiß, wie es gegen ihre bigotten [hier: von übertriebenem Glaubenseifer geprägt] Absichten geht, würde ich es ihr hoch anrechnen.“

Rückseitig Bleistift: "Das Brigadeschweinchen im Januar 17 in Gebweiler"
Fritz rechts
Quelle: v.H.

In einem Feldpostbrief vom 31. Januar 1917 an seine Mutter formulierte  Fritz düstere Gefühle im Gedenken an seinen Bruder Hans, der nach gelungener Flucht aus einem sibirischen Gefangenenlager auf chinesischem Territorium völkerwidrig erschossen wurde, nichts mehr deutete nun auf seine bislang immer augenscheinlich munter und heiter geäußerte Frohnatur hin. Die moderne und allgewaltige Maschinerie des Krieges prägte zusehends sein Bewusstsein und ließ ihn über seinen getöteten Bruder sinnen: „Ja oft denke ich an den lieben Hans und frage mich oft, war es nötig, daß er hat sterben müssen? Wir haben hier auch 1000 Rumänen [Kriegsgefangene], die arbeiten müssen, gestern machte einer einen Fluchtversuch, war schon vor dem franz. Drahthindernis, da traf ihn ein Schuß, und er brach zusammen. Er war nur wenige Meter von der Freiheit entfernt.

Oft beneide ich aber die Toten, sie haben ihre Ruhe. Was steht uns aber noch bevor an körperlichen u. seelischen Qualen, wenn es in einigen Wochen losgeht? Die armen Landwehrmänner, die jahrelang im Graben hausten! Ob wir wohl davonkommen werden? Man ist auf den Nerven auch nicht mehr so frisch und die erdrückende Übermacht! [Zu dem Zeitpunkt waren die USA noch nicht in den Krieg eingetreten.]
Absender: „Rittmeister von Hoffmeister Adjutant 55. Landw. Inf. Brig.“

Das Bedauern über „die armen Landwehrmänner“ aus seiner Einheit entsprang ohne Zweifel aus der tiefsten Seele. Fritz selbst war im Vergleich zu seinen Männern in einer wesentlich besseren Lage, weil er als Adjutant zum Brigadestab gehörte. Der an der rückwärtigen Front befindliche Befehlsstand war durch ein System von Gängen, das über Laufwege mit der vordersten Linie verbunden war, von der unmittelbarsten täglichen Gefahrenzone entfernt. Lebensbedrohlich waren jedoch im Schützengraben die Aufgaben von Fritz als Befehlshaber und Akteur bei offensiven und defensiven Operationen. Der entscheidende Unterschied zu seinen Soldaten war nicht ein dauernder Aufenthalt in den Gräben. Im rückwärtigen Befehlsstab der 55. Landwehr-Infanteriebrigade war immerhin ein gewisser Komfort vorhanden, soweit diese Bezeichnung noch zu verwenden ist. 

[Bei der Landwehr handelte es sich um einem militärischen Begriff. Man verstand darunter Einheiten aus Reservisten älterer Jahrgänge und früher auch milizartige Verbände. In Preußen wurde eine Landwehr nach Plänen Scharnhorsts im März 1813 aufgestellt. In ihr dienten alle wehrpflichtigen Männer im Alter von 17 bis 40 Jahren, die nicht zu den regulären Einheiten eingezogen wurden oder aber als Freiwillige Jäger dienten. Ab 1813 fanden bekannte Dichter der Romantik eine militärische Heimat in den Verbänden, wie etwa Theodor Körner, Ernst Moritz Arndt und Joseph von Eichendorff.

Im April 1871 wurde die Einrichtung der Landwehr im gesamten Deutschem Reich eingeführt. Nach Beendigung der dreijährigen aktiven. Dienstzeit im stehenden Heer wurde der Militärpflichtige auf zwei Jahre in die Reserve überführt. Anschließend wurde an die Landwehr überwiesen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die Landwehr neben dem stehenden Heer ein Teil desselben. Es wurden mehrere Landwehr-Brigaden aktiv aufgestellt und eingesetzt. Man bildete darauf Landwehr-Divisionen aus den gemischten Brigaden, die jeweils mit Infanterie, Kavallerie und Artillerie ausgestattet waren. Durch den Versailler Vertrag wurde die Landwehr abgeschafft.]

[Der Alltag in den Schützengräben war eine schreckliche Belastungsprüfung. Ständig lauerte eine ungewisse Bedrohung durch feindliche Artillerie. Immer wieder kam es zu punktuellen Angriffen und nächtlichen Überfällen. Im Sommer litten die Besatzungen unter Hitze und im Winter unter der Kälte. Man konnte sich weder waschen noch die Wäsche wechseln. Oft teilte man die schlammigen Gräben mit Ratten, Mäusen, Läusen und anderem Ungeziefer. Um sich herum sahen die jungen Männer nur das leere Schlachtfeld, eine Landschaft des Grauens und der Trostlosigkeit.

In den Schützengräben waren die Soldaten während Gefechtspausen zu regelmäßigen Arbeitsdiensten verpflichtet. Sie mussten Nachschub wie Trinkwasser, Verpflegung, Munition, Holz und Material zur Verstärkung der Verteidigungssysteme heranschaffen. Der Alltag war von großem Leid geprägt. Aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den Gräben verbreiteten sich Seuchen und psychische Traumata waren an der Tagesordnung. Viele durch die Artillerie zerfetzte Leichen wurden einfach in den Gräben oder in der Nähe liegen gelassen.]

Eine Nachricht über die Lieferung von freudig erwarteten Gütern schickte Fritz am 10. Februar an seine Mutter ab: „Freut mich, daß Butter gut angekommen, wieder ein Pfund abgeschickt. Haben ein Fass Schmierseife aus der Schweiz geschmuggelt, schütte Maria 9 Pfund für meinen Sohn, willst du auch welche? Gleich schreiben. Hier grimmige Kälte, sonst Ruhe. Wieder einer von meiner Hochzeitsgesellschaft, Rolf Seldeneck, gefallen.“

[Während des Ersten Weltkrieges herrschte allerorten ein erheblicher Mangel an Lebensmitteln und Konsumgütern. Wer in Südbaden oder im Oberelsass wohnte, befand sich in unmittelbarer Nähe zur Schweiz. Von da fanden Waren aller Art durch Schmuggler den Weg in das Deutsche Reich, so auch zu stationierten Militäreinrichtungen, die nahe an der Grenze lagen. Begehrte Nahrungs-und Genussmittel wurden in großen Mengen über die Grenze geschafft. Viele Schmuggler brachten ihre Ware fass-und sacksweise an den Rhein, erfolgreiche galten als waghalsige Helden.]

Rückseitig Bleistift: "Bataillonsunterstand vom Landsturmbataillon Offenburg (Oberstl. von Krogk) Linthal I [südliche Vogesen] April 1917"
Quelle: v.H.

Überführung und Begräbnis seines Schwagers

Mit drastischen Worten an seine Mutter formulierte Fritz auf einer nicht datierten Karte, aber wohl vom Februar 1917, düstere Erwartungen: „Hoffentlich hat U Bootkrieg Erfolg und wird alles ersäuft.“

[Um das ungünstige deutsch-britische Kräfteverhältnis der Seestreitkräfte auszugleichen, entschloss sich die deutsche Kriegführung zum Kleinkrieg durch Minen-und U-Boot-Einsatz gegen Großbritannien. Ende Februar 1916 verschärfte die deutsche Admiralität durch warnungsloses Versenken bewaffneter Handelsschiffe die Situation. Gegen die Meinung der politischen Führung, die einen Kriegseintritt der USA befürchtete, erklärte Deutschland am 1. Februar 1917 den uneingeschränkten U-Bootkrieg.]

Auf einer Feldpostkarte vom 12.3.1917 berichtete Fritz: „Meine liebe Mutter! Herzliche Grüße. Geht mir soweit ganz ordentlich, nur habe ich sehr unter Rheumatismus zu leiden! Hier alles ruhig. [...] Da mein College auf Gaskurs, momentan viel zu arbeiten. [...] Viele Grüße an die gute Großmutter auf ein fröhliches Wiedersehen dein treuer Sohn Fritz“. Der Absender lautete: „Rittmeister von Hoffmeister Adjutant 55. Landw. Inf. Brig.“

[Die Haager Konferenz von 1899 verbot den Einsatz chemischer Kampfstoffe. Dessen ungeachtet, arbeiteten deutsche, französische und britische Forscher an der Entwicklung verschiedener Wirkstoffe. Bereits im Herbst 1914, als die Fronten erstarrten, wurde die Anwendung diverser chemischer Substanzen erwogen. Die französische Armee setzte bald Tränengas ein, das den Gegner aus den Schützengräben locken sollte.

Auf deutscher Seite schwanden daraufhin alle Bedenken und Prof. Fritz Haber, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie, forschte erfolgreich an der Verwendung des weit gefährlicheren Chlorgases. Im April 1915 kam dieser Kampfstoff erstmals in der Schlacht von Ypern zum Einsatz. Die Wissenschaft auf beiden Seiten der Front trieb die Entwicklung immer neuen Gaskombinationen voran.

Insgesamt wurden im Ersten Weltkrieg 120 000 Tonnen Kampfstoffe verschiedener Typen eingesetzt, wobei ca. 100 000 Soldaten starben und 1.2 Mio Soldaten verwundet wurden. Die Gastruppen im deutschen Heer gehörten organisatorisch zu den Pioniereinheiten und wurden vom Kaiser-Wilhelm-Institut Berlin in der Technik und Taktik des Gaskrieges ausgebildet.]

Im März 1917 erging an Fritz der Befehl zu einem Lehraufenthalt beim „Sturmbataillon 16“, einer ganz speziellen Einheit. Fritz schrieb am 20.3. an seine Mutter: „Bin hier auf einem netten Kommando auf 4 Wochen im badischen Ländle.“ Als Absender tauchte als kurzzeitige Adresse auf: „Rittm. v. H. Sturmbataillon 16.“ Fritz sollte in den Stoßtruppen das System der neu konzipierten Angriffstaktiken und Operationen für Infanterieverbände kennen lernen, um diese nach seiner Rückkehr der 55. Landwehr-Infanterie-Division zu vermitteln. Eine Karte vom 24.3.1917 übermittelte nochmals seinen Dienstgrad sowie die aktuelle Adresse seiner Landwehr-Brigade und wies auf den Aufenthalt als Teilnehmer eines Kurses bei einem Sturmbataillon hin. 

Auf einem Ansichtsmotiv, es zeigt eines Esel in den Vogesen als Lasttier für Militärausrüstung, teilte Fritz seiner Mutter am 16.4. 1917 eine Mission mit, die ihm offensichtlich nicht sonderlich behagte: „Ich soll Ende des Monats die Leiche meines Schwagers [der zu Beginn des Krieges gefallene Heinrich Freiherr Rüdt von Collenberg] nach Eberstadt [Stammsitz der Rüdts] überführen. Denke viel an den guten Hans, dessen Photographie auf meinem Schreibtisch steht.“ 

Seine Mutter erhielt eine vom 26.4.1917 datierte Feldpostkarte. Darin wies er sie nochmals auf die ungeliebte und von ihm als unangenehm empfundene Aufgabe hin: „Nächste Woche wird wohl nun die Sache so weit gediehen sein, daß ich die Leiche von Heini überführen kann. Ein wenig erfreulicher Auftrag. Bei uns ist es ganz ruhig und glaube ich, daß es so bleiben wird."

Eine Pressebericht vom 7. Mai 1917, schilderte den begleiteten Transport und das Begräbnis in Eberstadt mit einfühlsamen Worten: „Er lag beinahe 3 Jahre in fremder Erde und nun hat ihn die Mutterliebe in die Heimat überführen lassen, damit er neben seinem Bruder Gottfried, der in demselben Regiment [1. Badisches Leibgrenadier-Regiment 109, ebenfalls Garnison Karlsruhe wie das Leibdragoner-Regiment] am 29. April 1915 als Fahnenjunker und Kriegsfreiwilliger den Heldentod erlitt und auch in der Heimat ruht, sein Grab finde.

Am Samstag, 5. Mai fand die Ueberführung statt. Die Ausgrabung und Ueberführung der Leiche stand unter Aufsicht des Schwagers des Gefallenen, Herrn Rittmeister von Hoffmeister.“ Am Schluss der Meldung fand sich noch die Erwähnung: „Ein Ehrensäbel, verliehen vom Prinzen Heinrich von Preußen und das Eiserne Kreuz schmückten den Sarg.“ [Posthume Maßnahmen waren ein geübter militärischer Brauch als Ehrenbezeugung für Soldaten, die bei auszeichnungswürdigen Einsätzen gefallen waren.]

Bislang unbekannte Zeitung vom 7. Mai 1917,  vermutlich aus der Region Mosbach/Buchen
Quelle: v.H.

Die feierliche und erhabene Rede des Pfarrers Specht am Grabe war erfüllt von vaterländischer Leidenschaft über den Einsatz und den unglücklichen Tod des letzten Rüdt der Eberstädter Linie. Der Pfarrer hatte sich dabei selbst übertroffen, seine exemplarischen Worte standen in völligem Einklang mit dem zeitgenössischen Kolorit. Das war sicher auch die bedeutendste Ansprache des Seelsorgers, die er je hielt. Der gefallene Freiherr Rüdt war schließlich der Schloss-und Grundherr zu Eberstadt und damit eine zuvor dominierende Persönlichkeit in der Gemeinde gewesen, trotz seines jugendlichen Alters.

Die Rede des Geistlichen hat zu Recht eine Aufnahme im vollen Wortlaut verdient:
Große, gewaltige Tage treten vor unserer Seele am Grabe dieses gefallenen Helden, Tage, deren Glanz und Ruhm fortleuchten wird, solange die Erde steht: die von hoher, heiliger Begeisterung durchglühten Augusttage des Jahres 1914! Damals brannte edles Feuer in deutschem Herzen, flammende Entrüstung über soviel tückische Feindschaft und himmelansteigendes Gelobe: treue Liebe bis zum Grabe schwör ich dir mit Herz und Hand; alles, was ich bin u. habe, dank ich dir, mein Vaterland.

Und gar schnell auf dem Schwur folgte die Tat: Des Vaterlands unantastbarer Boden wurde im Westen von feindlichen Heeren gestampft. Aber schon eilten aus allen deutschen Gauen die Söhne des Vaterlands herbei um mit ihrem Leben das Verlorene zurückzukaufen. Und dort ist auch dieser Sohn und Bruder mit dabei gewesen, dem unsere heutige Totenfeier gilt. Als damals, am 20. August die Siegesglocken läuteten, trugen sie auf ihren Schwingen auch seine letzten Grüße durch die Lande bis hierher in dieses stille Dorf, wo sie in bangenden, liebenden Herzen ihr Ziel fanden.

Er ist gefallen! Es soll ihm nicht vergönnt sein alt und lebenssatt zu den Vätern versammelt zu werden. Nein, in der Vollkraft der Jahre vom Kriege erschlagen wie die Eiche vom Blitz. Ein Leben, äußerlich in der Mitte abgebrochen, und doch innerlich zur Reife gekommen, dort, auf dem blutgetränkten Wiesengelände von Brudersdorf [heute: Brouderdorff, Gemeinde im Department Moselle]. Er gehörte mit zu jenem Offizieren, die, nach dem Tode ihrer Mannschaft, die Maschinengewehre selbst auf die Schulter nahmen und sie hinauftrugen auf die Höhe, wohl wissend, daß dies der Tod sein würde.

Und doch, er mußte! Heimat und Vaterland, Kaiser und Reich, deutscher Art und deutschem Wesen, dem war sein Leben verschrieben. Durfte er‘s behalten, wenn sie‘s fordern? Nein, die Treue steht zuerst, zuletzt, im Himmel und auf Erden! Und wie hängen in solchen Stunden die Augen der Soldaten an ihren Führern! An ihm sollten sie sehen, daß es einen Sieg gibt über den Tod, noch während er die grausigste Erne hält. Da ist sein Leben zur Reife, zur Vollendung gekommen in dem Entschluß zu siegen für das, was ihm groß, heilig und lieb ist, zu siegen für die höchsten Lebensgüter.

Und wenns nicht lebend sein kann, dann sterbend. So ist er hingegangen, getreu bis in den Tod, ein reines Opfer für den Sieg der Heimat, für des Vaterlandes Herrlichkeit. Wir aber stehen an seinem Grabe mit der alten Totenklage, die Edelsten im Volke liegen erschlagen, wie sind die Helden gefallen und die Streitbaren umgekommen? Es ist mir leid um dich, mein Bruder, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt.

Große Freude und Wonne: das ist das Gefängnis aller derer, die ihn kannten, das ist auch das Ehrenzeugnis der hiesigen Gemeinde an seinem Grabe: große Freude und Wonne an dir gehabt. Und darum empfindet auch die ganze Gemeinde mit das tiefe Weh der trauernden Familie: es ist mr leid um dich, mein Sohn, mein Bruder.

Du junger Sproß aus altem, edlem Stamme, es ist mir leid um dich. Alter Schmerz brennt wieder frisch, noch nicht geheilte Wunden bluten von neuem. Aber das ist nicht alles. Auch neues Geloben geht durch die Seele: getreu zu sein wie er! Getreu gegen die hohen, heiligen Güter, für die er kämpfend gefallen ist und sterbend gesiegt hat: damit ein reicher Segen erwachse aus seinem Tode, damit nicht zur Trauer über seinen Hingang noch hinzukomme der brennende Schmerz: umsonst gestorben!

Getreu gegen das Gute und gegen des Guten, in dem alles Große und Heilige vereinigt liegt, getreu gegen Gott. Dieses starke Geloben ist die würdigste Trauer an den Gräbern unserer gefallenen Helden: allzu getreu bis in den Tod! Und wenn Gott, der Herr, zu seiner Zeit auch uns ruft: komm wieder, Menschenkind, dann legen wir getrost unser Tagwerk nieder, glaubend und wissend: Gott schenkt die Krone des Lebens. Er krönt unser Werk, in der wir unsre ganze Treue gesetzt, so daß es Frucht gibt, viel Frucht.

Und er krönt unser Leben mit Gnade und Barmherzigkeit. Auch in diesem Stück bleiben wir die Nachfolger unsers großen Meisters, der sterbend am Kreuze sein Tagwerk auf Erden und seinen Geist in Gottes Hände befahl. Und Gott schenkte die Krone an Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt. Mit diesem Glaubensblick hinüber in Gottes ewiges Reich nehmen wir nun Abschied von dem geliebten Toten. Lange hat er geruht in fremder Erde, nun aber hat Mutterliebe ihn heimgeholt, um ihn zu betten an der Seite der gefallenen Brüder um sein Grab in Treue zu hüten, in Liebe zu schmücken. Die Ruhestatt der Leiber drunten im Grabe, die Heimat der Seele droben im Licht.

Was wir bergen in den Särgen
ist der Erde Kleid;
Was wir lieben, ist geblieben,
bleibt in Ewigkeit.

Und dieser Bleibende, so wünschen und beten wir, wolle Gott der Herr krönen, wie er verheißen in dem Wort der Heiligen Schrift: sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Nach Erfüllung dieser verbindlichen aber wohl etwas unangenehmen Ehrenaufgabe erfolgte im Mai 1917 für Fritz eine neue  Dienststellung. Er wurde in die 30. Kavallerie-Brigade abkommandiert, sein Standort verblieb unverändert. [Kommandeur war Generalmajor Adolf von Normann-Loshausen, 1864-1927. Aus gelebter Militärtradition wurden überlieferte Verbandsbezeichnungen nach Möglichkeit beibehalten. Pferde kamen nicht mehr in Fronteinsätze. Im Mai 1918 wurde die Brigade dann folgerichtig in den noch folgenden Kriegshandlungen in Kavallerie-Schützen-Kommando 30 umbenannt.]

In einem Feldpostbrief vom 13. Mai gab Fritz seiner Mutter einen Dienstwechsel bekannt: „Am 11. Mai bin ich versetzt worden [...] zum 30. Cavallerie Brigadestab 7. Cavallerie Division, die hier eingesetzt wird. Ich bleibe also vorläufig in Gebweiler.“ Er offenbarte damit aber gleichzeitig einen Wunsch, der jedoch zu seinem Missfallen nicht in Erfüllung ging, sein Vater wäre darüber auch keineswegs erfreut gewesen: „Ich wäre wohl lieber mit meiner Exzellenz [Anrede für seinen vormaligen Chef General Arthur Freiher von Lupin, 1861-1923, der von Fritz hoch geschätzt wurde] nach dem Osten gegangen [...]“ Als Absender galt seine neue Einheit: „Rittmeister von Hoffmeister Stab 30. Cav. Brigade.“

Fritz fand in seiner neuen Bestimmung ein angenehmes Ambiente vor, er drückte es seiner Mutter gegenüber am 25.5.1917 deutlich aus: „Geht mir soweit ganz gut und bin in einen netten Kreis hereingekommen. Vorläufig kann ich hier nicht weg.“

Die Nachricht der Bestattung von Hans auf dem Lagerfriedhof von Troizkosawsk im fernen Sibirien war inzwischen bis zu den Angehörigen in der Heimat durchgedrungen, Fritz meinte am 10. Juni 1917 dazu: „Meine liebe Mutter! Herzlichen Dank für deine beiden Briefe. Es ist wenigstens eine Beruhigung, daß man genau weiß, daß der gute Hans richtig beerdigt worden ist und den Platz genau kennt. Ich glaube auch, daß die Leichen [der drei erschossenen Kameraden] aus der Mongolei nach Troizkosawsk [bei Kjachta, Republik Burjatien] überführt worden sind.“ Im gleichen Brief notierte er auch: „Von Vater [der im Norden der Ostfront stationiert ist] habe ich gute Nachrichten und glaubt man nicht, daß die Russen noch etwas ernstliches fertig bringen.“

[In Russland hatte der Krieg zu großem Elend in der Bevölkerung geführt. Als sich zu Beginn des Jahres 1917 die Versorgungslage noch weiter verschärfte und die Preise stetig stiegen, entluden sich in Petrograd die anhaltenden Proteste in eine regelrechte Revolution. Im März (nach dem Gregorianischen Kalender) musste Zar Nikolaus II. abdanken. Die nachfolgende provisorische Regierung versuchte mit allen Mitteln den Krieg gegen die Mittelmächte fortzusetzen und begann neue Offensiven, die bei den Truppen keine wesentliche Akzeptanz mehr hervorriefen, in der Folge häuften sich Disziplinverstöße und Desertionen in großer Zahl.]

Eduard bekundete lebhaftes Interesse an den dienstlichen Perspektiven von Fritz, dazu folgte am 13. Juni 1917 ein Kommentar aus Litauen, wo er den Abschnitt der Ostfront befehligte: „Also du bist bei Heidborn! Und der hat die 7. Kav. division! Ich kenne ihn, er war an der Südfront von Metz zweimal mein Nachbar und hat mancherlei Erlebnisse hinter sich. Er ist ein grober, rücksichtsloser und formloser Geselle, dabei aber, glaube ich, doch ein tüchtiger Kerl. [...]

Wenn du mit dem auskommst - du bist aber ja nicht bei ihm, sondern bei der 30. Kav.brigade, - alle Achtung! Im übrigen war er zu mir bei unsern gegenseitigen Besuchen von einer solch ungewöhnlichen Liebenswürdigkeit, daß meine Herrn förmlich Kopf standen und sich, wie sie sagten, es nicht erklären konnten.

[Hermann Heidborn, 1857-1924. Teilnehmer in der Schlacht bei Lille Sept./Okt. 1914, Ypernschlacht Nov. 1914, im Juni 1915 beim Hartmannsweilerkopf, Juli 1916 Kommandeur der 28. Inf. Div. Im Januar 1917 zum Generalleutnant befördert und im Juni 1917 Chef der 7. Kavallerie-Division.]

Ich bitte dich daher, seinen Gruß an mich bestens zu erwidern, er wird gewiß für dich Interesse haben.“ Das war für das Dienstverhältnis von Fritz ohne jeden Zweifel äußerst wertvoll, derartige Kontakte und Beziehungen waren im Offizierskorps immer hilfreich, besonders wenn der eigene Vater als General in einer gleichfalls exponierten Stellung seinen Dienst versah.

In eben diesem Brief pries Eduard seinen Standort in den höchsten Tönen, wenn man die anhaltende Nahrungskrise im Reich als Vergleich heranzog, handelte es sich dabei um ein wahres Paradies: „Ich sage dir Fritzel. Eier, Butter, goldgelbe Sahne und das köstliche Gebäck! Schade, daß du soweit fort bist! Und fischen u. Boot fahren u. reiten!

Im elitären Sturmbataillon


Im September 1917 erfolgte für Fritz ein Kommando in eine betont ausgeprägte Eliteformation des kaiserlichen Heeres, welche sich am Kaiserstuhl und im Markgräfler Land konstituiert hatte, sie agierte zu gleichen Teilen als Lehreinheit und spezialisierte Kampftruppe. Er traf dabei wieder alte Bekannte, zu denen er im März 1917 zu einem vierwöchigen Lehrgang über neu erarbeitete Angriffstaktiken der Infanterie entsandt wurde. Dabei konnte er wieder den Bataillonskommandeur Major von Breuning begrüßen, mit dem er sich seit seinem vergangenen Lehrgang kameradschaftlich verbunden fühlte.

Am 8. September erging an Fritz das Gestellungsdekret als Chef der vierten Kompanie, in dieser hochmotivierten Einheit zu dienen. Seine Erfahrungen aus dem vergangenen Unterricht im März gleichen Jahres hatten sicher zu dieser Dienstveränderung beigetragen. Die Bedeutung der Stoßtrupps zeigte sich schon darin, dass bereits vor dem Kronprinzen am 12. August eine große Übung der „Sturmbataillone“ abgehalten wurde, dieser war davon ausgesprochen begeistert und erklärte sie fürderhin zu seinen Lieblingseinheiten in der Armee. Zwei Tage später wurden die Fertigkeiten auch dem Kaiser vorgeführt. In einer Zeitung bekundete ein Artikel begeistert: „Der Kaiser bei seiner Sturmjugend.“ Die „Sturmbataillone“ galten künftig als besonders zuverlässige Elitetruppen, die hervorragend für im Sturmangriff zu lösende Aufgaben geeignet waren.

Gruppe von Sturmsoldaten präsentierten ein Schild mit der Aufschrift "Sturm Batl. 16 Cirkus Breuning". Die Kinder im Vordergrund kommen sicher aus den Gastgeberfamilien, wo die Sturmsoldaten privat Quartier bezogen hatten, da sie nicht kaserniert waren.
Quelle: Gentlemen's Military Interest Club

Die „Sturmbataillone“ beeinflussten effizient die Offensivoperationen der Infanterie, das Konzept von Lehre und gleichzeitig ausgeübter Kampfeinsätze erwies sich infolge als ein wesentlicher Bestandteil der Infanterieausbildung bis zum heutigen Tag. Unter den operierenden Einheiten spielte das „Sturmbataillon 16“ eine wirkungsvolle Rolle, Fritz war in die Lehr-und Kampfgemeinschaft in führender Position als Hauptmann und Kompaniechef eingebunden. Es scheint daher angebracht, den Organismus und die Aufgaben dieser außergewöhnlichen Abteilung einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Zwischenzeitliche Gefechtspausen wurden kreativ genutzt. Im gleichen Monat September erzählte Fritz seiner Frau von einem Ausflug zum „Gasthaus Hirschen“ in Haltingen bei Weil am Rhein: „Mein liebes Munzele! Wieder sitzen wir, leider ohne dich, beim Stabe des „Sturmbtl‘s“, dem ich jetzt angehöre, beim vorzüglichen Zwetschgenkuchen und gutem Kaffee. Auf Wiedersehen. Fritz.“

[Im Jahre 1915 erkannten die militärischen Führer der Westfront, dass die herkömmlichen Möglichkeiten der Infanterie nicht mehr ausreichten, um vom Stellungskrieg wieder zum beweglich geführten Gefecht überzugehen. Während man in Großbritannien und später in Frankreich auf die Einführung von Tanks (Panzer) setzte, entschloss sich die deutsche Armee den Kampf der Infanterie im Angriff weiter zu entwickeln. Aus der Erkenntnis dieser Fakten regte der General der Infanterie Hans Gaede, 1852-1816, Anfang 1915 das Aufstellen von Sturmabteilungen an, um mit diesen die Erstarrung der Front zu überwinden. Die Modifikation und Anpassung der Infanterietaktik an das moderne Gefecht führte zu neuen Führungs-und Einsatzgrundsätzen.

Um Durchbrüche erzielen zu können, musste eine besonders ausgerüstete und nach taktischen Gesichtspunkten operierende Sturmtruppe geschaffen werden. Die Kombination verschiedener Angriffswaffen sollte in der Weise koordiniert werden, dass die Vorkämpfer die feindlichen Stellungen öffnen und die nachstürmenden Einheiten mit nach vorne reißen sollten. Die Sturmsoldaten wurden vor allem im Handgranatenwurf in der wirkungsvollen Zusammenarbeit mit Maschinengewehren und Artillerie ausgebildet.

Das spätere „Sturmbataillon 5“ unter dem Hauptmann Willy Rohr, 1877-1930, war die erste „Sturmabteilung“, welche dieses Konzept entwickelte und weiter ausbaute und infolge als Lehr-und Ausbildungsbataillon eingesetzt wurde. Aus dieser Truppe gingen die „Sturmbataillone“ 14, 15 und 16 hervor und wurden den Armee-Abteilungen A, B und C zugewiesen. Diese Sonderverbände der Infanterie wurden vornehmlich als Lehr-und Ausbildungstruppe verwendet. Im Einsatz erteilte man diesen Formationen besonders schwierige Gefechtsaufträge.

Der Militärhistoriker Werner Lacoste stellt in seinem Werk Deutsche Sturmbataillone 1915-1918 die Geschichte des „Sturmbataillons 16“ vor und vermittelt wertvolle Einblicke in die Strukturen und Aktivitäten dieses Verbandes, in dem Fritz ein überzeugendes, aber auch bedrohliches Wirkungsfeld fand.]

Auf Befehl der „Obersten Heeresleitung (OHL)“ vom 23.10. 1916 wurde das „Sturmbataillon 16“ errichtet. Es setzte sich zusammen aus dem Stab, vier Sturmkompanien, davon einer bayerischen, einer württembergischen und zwei preußischen Kompanien, mit je einem angegliederten Maschinengewehr-Zug sowie einer preußischen Minenwerfer-Kompanie. Fritz war Angehöriger der preußischen (vierten) Kompanie. Eine permanente Gefechtsbereitschaft musste gewährleistet sein. An den Berghängen des Kaiserstuhls entstand ein aufwendiges Trainingsareal. Es wurden sogar französische Bunkeranlagen als Modelle nachgebaut und wochenlang die Erstürmung geprobt.

Bei den eingesetzten Minenwerfern handelte es sich um Steilfeuergeschütze mit einem Geschossgewicht von mehr als 4.6 kg. Minenwerfer kamen im Deutschen Heer und der k.u.k. Armee zum Einsatz. Sie dienten als wertvolle Unterstützung beim Sturm auf den feindlichen Graben, zur Beunruhigung des Gegners, als sicherste Maßnahme zur Beseitigung der Hindernisse und nachhaltigster Zerstörung feindlicher Stützpunkte unmittelbar vor dem Angriff. Durch diese Leistungen spielten die Minenwerfer eine erste Rolle unter den Angriffswaffen der „Sturmbataillone“.

Die Soldaten der „Sturmbataillone“ rekrutierten sich aus Freiwilligen, wobei für die Mannschaften eine Altersgrenze von 25 Jahren galt. Diese erhielten eine spezielle Ausbildung, modernste Ausrüstung sowie eine bessere Verpflegung und Besoldung als andere Truppenteile. Außerdem waren sie zwischen den Einsätzen im rückwärtigen Raum und nicht wie die anderen an der Front untergebracht. Ihre Kampfeinsätze waren entsprechend gefahrvoll und oft verlustreich. 

Beim Angriff auf die feindlichen Linien gingen die Sturmtruppen in kleinen, gut aufeinander eingespielten Gruppen von meistens acht Mann vor. Durchweg erfahrene Frontoffiziere übernahmen das Kommando. Fritz hatte dafür unbestrittene Voraussetzungen, er hatte bereits eine lange Liste überstandener Begegnungen vorzuweisen. Die verschworene Kampfgemeinschaft mit einem Führer, der Herr der Lage war, wurde als Bezugspunkt für die Sturmsoldaten wichtiger als ein Regiment mit seinen Traditionen.

Propagandistische plakative Darstellung eines Sturmsoldaten
Quelle: Wikipedia

Die Taunus-Zeitung schrieb am 2.5.1917: „In den Stoßtrupps können [...] nur Leute von blitzschneller Gewandtheit verwendet werden. Jeder einzelne von ihnen ist ein Held."

Die Sturmsoldaten erhielten eine Ausbildung am leichten Maschinengewehr 08/15 und Handgranaten sowie feindliche Waffen, einige am Flammenwerfer, leichten Minenwerfern und Granatwerfern. Dies ermöglichte beim Ausfall eines MG-Schützen, dass jeder Soldat sofort dessen Platz einnehmen oder erbeutete feindliche Waffen bedienen konnte.

Anders als der Auftrag der normalen Infanterie, nacheinander im Sturm und Grabenkampf ganze feindliche Abschnitte einzunehmen, bestand die Taktik der Sturmtruppen darin, im Anschluss an einen vorbereiteten, kurzen Feuerschlag der Artillerie, eine vorher aufgeklärte Schwachstelle der gegnerischen Stellung zu durchstoßen und größere Widerstandsnester zu umgehen. Während die noch stark verteidigten Abschnitte von der nachfolgenden Infanterie bekämpft wurden, drangen die Sturmtruppen weiter ins feindliche Hinterland vor, stifteten dort Verwirrung, behinderten den Einsatz der gegnerischen Reserve und störten den Versuch eines koordinierten Gegenangriffs.

Realistische Übung des Sturmbataillons 16 am Kaiserstuhl. Beim zweiten Soldat im Graben sieht man deutlich den umgehängten Beutel, der mit Handgranaten gefüllt wurde.
Quelle: flickr

Die „Sturmbataillone“ waren Verbände, die mit überwältigender Feuerkraft ausgestattet waren. Das Geheimnis ihres Erfolgs lag nicht in Infiltration, sondern in der Konzentration gewaltigen Einsatzes aller Waffen unter einem taktischen Führer (Fritz!). Dies ermöglichte den Durchbruch in starke gegnerische Befestigungen, sowie das schnelle Vordringen in die Tiefe der feindlichen Gefechtsordnung auch ohne seitlichen Anschluss. Nach den Prinzipien der preußischen Ausbildungsordnung an den Kriegsschulen war es dem einzelnen Mann überlassen wie er seinen Auftrag erfüllte. Die vorherrschende Führungskonzeption beruhte auf der Initiative aller, gemeinsam ein Ziel nach eigenem Ermessen zu erreichen.

Nachdem bereits Rohr die von ihm gebildete Sturmtruppe mit der Kombination von Theorie und Praxis zu Unterrichtszwecken organisierte wurden nachfolgend die neu formierten „Sturmbataillone“ als Lehr-und Ausbildungstruppen betraut und im Einsatz mit schwierigen Gefechtsaufträgen delegiert. Dies waren  auch die Aufgaben des neu gebildeten „Sturmbataillons 16“, welches aus insgesamt 1350 Mann bestand, also wesentlich größer war als herkömmliche Bataillone im Kriegseinsatz. Dies war ein Ergebnis der individuellen Spezialisierung der jeweiligen Sturmsoldaten im gemeinsamen Angriff.

Den aus einzelnen Verbänden entsandten Teilnehmern der Schulungen wurde der Auftrag mitgegeben, nach ihrer Rückkehr bei ihren Armeen Sturmabteilungen mit dem Ziel auszubilden, dass jeder Division für schwierige Kampfaufgaben eine ausgesuchte Zahl von Offizieren und Mannschaften bestehende Kerntruppe zur Verfügung stehen würde. Das Ziel bestand darin aus den Kursteilnehmern Multiplikatoren herauszubilden, welche die vermittelten Lehrinhalte in ihren Einheiten weiterverbreiteten. Zunehmend nahmen auch Offiziere der k.u.k Armee an den Fortbildungskursen teil.

Jeder einzelnen Kompanie des „Sturmbataillons 16“ wurde zuweilen einer bestimmten Heeresformation zugeteilt, die vierte „Sturmkompanie“ mit Fritz als Chef war teilweise zuständig für die 12. Landwehr-Division. Zusätzlich hatten die „Sturmkompanien“ noch Lehrgänge für Offiziere und Unteroffiziere der Ersatztruppenteile der stellvertretenden General-Kommandos zu übernehmen, und zwar für jeden Monat zwei einwöchige Sturmlehrgänge für eine größere Gruppe von Offizieren, Unteroffizieren  und Mannschaften. Zudem wurden immer wieder Stoßtrupps in Divisionen entsandt wenn ein akuter Handlungsbedarf vorlag.

Bei einer Verladung im März 1917 in Königsschaffhausen bestand die vierte Kompanie von Fritz noch aus drei Offizieren, 200 Mann, acht Pferden und zwei Wagen. Die vier Sturmkompanien des Bataillons wurden später sukzessive auf je 270 Mann erweitert, und hatte damit in Bezug auf die Verteilung der jedem Soldaten zugeteilten Aufgaben eine wesentlich größere Sollstärke als herkömmliche Kompanien im Krieg.

Insgesamt wurden von April bis Oktober 1917 bis zur Verlegung an den Kaiserstuhl, 11 Lehrgänge durchgeführt, an denen im Durchschnitt 18 Generäle und Stabsoffiziere, 100 Offiziere und 400 Mann teilgenommen hatten. Eine wesentliche Aufgabe war auch die Ausbildung von eigens zum Bataillon kommandierten Offizieren, die später als Leiter von Sturmtruppenkursen eingesetzt werden sollten. Umgekehrt wurden Offiziere des Sturmbataillons zu einer Division entsandt, um dort eine Sturmabteilung zu errichten.

Die Ausrüstung der Kompanien des Sturmbataillons 16 erfolgte  mit allen bekannten und neu eingeführten Waffen und Sprengmitteln, was die so ausgebildeten Soldaten zu ausgewiesenen Spezialisten machte. Ebenso gehörte zur Ausbildung der Umgang mit französischen Waffen aller Art, die bei Unternehmen erbeutet wurden und die dann auch zugleich eingesetzt werden konnten. Dazu zählte eine Ausbildung an französischen MGs und  Handgranaten. Zu den wichtigsten Waffen eines Sturmsoldaten zählte überhaupt die Handgranate. Das Bataillon zählte zu jenen Einheiten, die auch als erste die neu eingeführten Stahlhelme empfingen. Das Bataillon trug Infanterieuniform, auf den Schulterklappen war die Nummer 16 angebracht.

Ende November 1917 mussten gezähnte Seitengewehre zurückgegeben werden. Frontkämpfer berichteten immer wieder, dass mit solchen Bajonetten in Gefangenschaft geratene Soldaten sofort erschossen worden wären. Es war bekannt, dass diese Waffe im Nahkampf fürchterliche Verletzungen hervorriefen.

Das Sturmbataillon 16 war einerseits fern der Front in friedlichen, heimatlichen und idyllischen Dörfern stationiert, wo es täglich eine harte Kampfausbildung betrieb, andererseits wurde von da aus ständig eine Sturmeinheit an die Vogesenfront entsandt, um dort mit den Stellungstruppen gefahrvolle Unternehmen in Brennpunkten durchzuführen. Das Wechselbad zwischen Etappe und Front erwies sich mit der Zeit als problematisch und hatte nachhaltige Auswirkungen  auf den Gemütszustand der beteiligten Sturmsoldaten.

Zum Training der Ausdauer musste jede Woche ein Marsch über 20 km mit Gefechtspraxis bei allmählicher Steigerung der Anforderungen durchgeführt werden, ebenso eine Nachtübung. Dazu gehörten das Schießen mit Gewehr, Karabiner und Pistole. Es bestand auch die Vorschrift für jede Kompanie in der Nähe ihres Quartiers eine Hindernisbahn einzurichten, die jeder Mann täglich überwinden musste. Zur weiteren Ertüchtigung fanden am Sonntag Nachmittag Sportwettkämpfe statt.

Bestimmt war den meisten Sturmsoldaten im Verlauf des Jahres 1917 bewusst, dass mit einem „Siegfrieden“ nach dem Kriegseintritt der USA kaum mehr zu rechnen war. Darüber konnten sich vor allem Kämpfer eine Vorstellung machen, die im südlichen Elsass ausgeschickt wurden, um Amerikaner gefangen zu nehmen und die in dessen Stellungen einen Eindruck davon bekamen, welche Nahrung und andere Hilfsmittel den US-Soldaten zur Verfügung standen.

Das Durchsetzen und die Aufrechterhaltung der Disziplin waren für die Moral im Bataillon unerlässlich. Die Ahndung von Vergehen war eine Angelegenheit der „Feldstandgerichte“, d.h. eines Gerichts, das im Felde zusammentraf. Vom „Feldstandgericht“ konnten Verurteilungen zu Gefängnisstrafe ab einem Tag vorgenommen werden. Für schwerere Vergehen waren ansonsten die Kriegsgerichte zuständig.

Das Leben im „Sturmbataillon 16“ war ein ständiger Wechsel von einem ruhigen Leben in dörflicher Beschaulichkeit zu gefahrvollen Aktivitäten an der Vogesenfront. Eine Kaserne gab es nicht, einquartiert war die Truppe bei der einheimischen Bevölkerung, was in der Regel problemlos verlief, von kleineren Reibereien abgesehen. Ausdrücklich untersagt war den Kolonnen das Singen unsittlicher Lieder beim Marsch durch die Ortschaften.

Die anhaltenden Versorgungsprobleme und der Mangel an Lebensmitteln machte sich in allen Bereichen schmerzlich bemerkbar. Es wurde nicht nur in der Heimat gehungert, auch an der Front gab es Einschränkungen. Hindenburg wies in einem Tagesbefehl auf eine Reduzierung der Verpflegung hin. Evident wurde dies auch, dass die Hundehaltung, durch einen Offizier, eine verbreitete Gepflogenheit, nur dann erlaubt war, wenn dieser eine schriftliche Erklärung abgegeben hatte, dass der Hund nicht aus der Truppenküche gefüttert wurde.

Die schlechte wirtschaftliche Lage wirkte sich auch bei der Gewährung des Heimaturlaubs aus. Im November 1917 wurde für alle Soldaten 10 Tage Urlaubssperre verhängt. Mehrfach wurde der Ausfall sämtlicher Urlaubszüge, auch für mehrere Wochen. gemeldet. Ursachen waren Kohlenmangel, Inanspruchnahme der Eisenbahnstrecken für Truppen-und Rüstungstransporte. 

An Sonntagen gab es keinen militärischen Dienst, allerdings wurde der Kirchgang als Pflicht für jeden angesehen, so war auch die Zuweisung der Kirchen für die jeweilige Konfession geregelt. Demnach mussten Protestanten und Katholiken jeweils die Kirchen am Kaiserstuhl und im Markgräfler Land besuchen. Für die vierte Kompanie, die Truppe von Fritz, ebenso für die MG- und Minenwerferkompanie fand der evangelische Gottesdienst in der Kirche von Istein statt [heute ein Teil der Gemeinde Ehingen-Kirchen im Landkreis Lörrach].

Seit Bestehen des Sturmbataillons 16 waren Sturmtrupps aus den einzelnen Kompanien zu einem Frontabschnitt unterwegs, um auf Anforderungen der höheren Ebene oder der Stellungsregimenter meistens im Zusammenhang mit anderen Truppenteilen Einsätze durchzuführen. Bei den laufenden Aktionen der Stoßgruppen ging es häufig um die Festnahme von Gefangenen zur Feststellung feindlicher Einheiten, unter denen sich 1918 auch US-Truppen befanden. Zur Vorbereitung vor einer Sturmaktion gehörte die Geländeerkundung, die Auswertung von Fliegerbildern, die Anfertigung von Skizzen des Stellungssystems sowie dessen Nachbau, um daran den Angriff zu üben.

Die harten Kampfbedingungen benötigten ziemlich abgebrühte und hartgesottene Charaktere. Sturmsoldaten sahen sich als Elite, diese rekrutierten sich aus Freiwilligen verschiedener Regimenter und Einheiten, für viele junge Soldaten wurde es zum Traum in den Stoßtruppen zu dienen. Bei ihnen entwickelte sich eine militärisch kameradschaftliche Ordnung, die den Angehörigen attraktiver erschien als das alte preußische Modell mit bloßer Disziplin und hierarchischem Gehorsam. Ein Anreiz war sicher auch die Aussicht auf Beute. In den feindlichen Unterständen fanden sich öfters Lebens-und Genussmittel, die bei den deutschen Truppen längst nicht mehr vorhanden waren. Allerdings bedeutete jeder Aufbruch zu einem Stoßtruppunternehmen den Abschied von einer friedlichen Umgebung verbunden mit der Ungewissheit, ob man den Einsatz lebend überstehen würde.

[Als Resümee kann festgehalten werden, dass die „Sturmbataillone“, darunter die Nummer 16 unzweifelhaft eine überzeugende Superiorität in der Armeestruktur des Deutschen Reiches innehatten. Als einflussreiche Ideengeber für neue Leitlinien in Theorie und Praxis entwarfen die gesondert formierten Abteilungen nach eingehenden Analysen bisheriger Infanteriehandlungen bahnbrechende Profile und Direktiven bei Aktivitätsabläufen gegen feindlich erstarrte Stellungen. 

Neben vielfachen eigenen Einsätzen konnten die Erkenntnisse aus geschaffenem Erfahrungsschatz an Vertreter aller Dienstgrade bis zu Generalsrängen weiter gegeben werden, wo diese dann in den betreffenden Divisionen umgesetzt wurden. Die Konzeption der „Sturmbataillone“ erwies sich als wegweisend. Nach Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich die Sturmtruppen-Taktik weiter und wurde zum integralen Bestandteil moderner Kriegführung, welches im Zweiten Weltkrieg und in den Streitkräften der Bundesrepublik und der DDR für bestimmte Situationen wie Orts-und Häuserkampf weiter entwickelt wurde.

Mit einem prägnanten Satz ließ sich ein eine Sturmabteilung definieren: Ein Stoßtrupp ist eine Angriffsformation der Infanterie, die durch Umgliederung eines Infanteriezuges zu einer Sturmgruppe und eine Deckungsgruppe gebildet wird.]

[Die von den ersten Sturmbataillonen entwickelte Taktik fiel auch im Füsilierregiment 73 Prinz Albrecht von Preußen auf fruchtbaren Boden. Der Leutnant Ernst Jünger als Angehöriger dieser Einheit war bereits 1917 ein Befehlshaber einer solchen Sturmabteilung und wurde hochdekoriert, sowohl mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse als auch im September 1918 mit dem Pour le Merite. Er schrieb 1920 über diese Zeit seinen ersten großen Roman In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers.]

Die überragende Bedeutung der deutschen „Sturmbataillone“ kann man auch aus einem im Jahre 2007 erschienenen Buch des ehemaligen Kriegsgegners ersehen. Geschrieben hat es der Historiker und ehemaliger Oberst der französischen Armee Jean-Claude Laparra. Er bezeichnet die deutschen Sturmsoldaten im Titel gar als Gladiatoren, mithin ein Ausdruck besonderer Hochachtung. Des Kaisers „special forces“, so wurden die „Sturmbataillone“ auch von Gegnern Deutschlands genannt.

Im Alpenkrieg


Während der 12. Isonzoschlacht führte Major von Breuning, der Chef des Sturmbataillons 16 vom 28. September bis zum 17. Dezember 1917 eine Abteilung, bestehend aus der zweiten Kompanie des Sturmbataillons 16 , einer Flammenwerfergruppe und Angehörigen der Sturmkompanie 14. Unterstellt war die Formation der „Heeresgruppe Herzog Albrecht“. Fritz wurde als Hauptmann der vierten Kompanie dazu abkommandiert. Die Einheit gab sich im Gebirgskrieg selbst den Namen „Sturmbataillon von Breuning“. 

Stellungskämpfe vom 8. bis zum 22. Oktober 1917 in den venezianischen Alpen forderten sogleich  einen permanenten  Kampfeinsatz von Fritz. Der Krieg wurde auf beiden Seiten mit kaum vorstellbarer Brutalität geführt. Begegnungen im Gletschereis, Stollenwettläufe, mittels derer ganze Berge in die Luft gesprengt werden sollten, Sturmangriffe im meterhohen Schnee, blutige Schlachten um Bunkeranlagen, Gaskrieg. 

Die Männer kämpften nicht nur gegen die Italiener, sondern auch gegen die Bergwelt mit allen auftretenden Verhängnissen, gegen Schnee, Eis und Lawinen. Ständig mussten die Sturmsoldaten bereit sein, keine Schwäche entband sie von dieser Pflicht, die von allen den allergrößten psychischen und physischen Einsatz verlangte.

[Die „Isonzoschlachten" waren zwölf große Kampfhandlungen zwischen dem Königreich Italien und den Mittelmächten Österreich-Ungarn und dem Deutschen Kaiserreich. Mit über einer Million getöteten, verwundeten und vermissten Soldaten gehörten diese Schlachten zu den verlustreichsten des Ersten Weltkrieges. Benannt wurden sie nach dem Fluss Isonzo, um dessen Tal sich die Fronten zogen. Der Angriff der Mittelmächte sollte nach erster Planung die Italiener lediglich aus dem Gebirge werfen, nach anfänglichen Erfolgen erweiterte man aber das Ziel und wollte den Tagliamento erreichen, um auf diese Weise eine Frontverkürzung zu bewirken.

Nach dem Frontenwechsel und dem Kriegseintritt Italiens entwickelte sich das Grenzgebiet am Fluss Isonzo zum Hauptkampffeld an der südlichen Front. Zwischen Juni 1915 und Oktober 1917 kam es insgesamt zu 12 Schlachten. Der Krieg im Hochgebirge brachte besondere Gefahren mit sich, Lawinen, extreme Kälte und gesprengte Geröllmassen waren für die Soldaten dauernde Bedrohungen.

Trotz erheblicher materieller Überlegenheit gelang es italienischen Truppen jedoch nicht, über den Fluss Isonzo Richtung Slowenien und dann weiter nach Österreich vorzustoßen. Stattdessen erstarrte die Front. Sie erstreckte sich über Hinderte von Kilometern von der Adriaküste entlang der voralpinen Karstlandschaff am Isonzo bis hinauf ins Hochgebirge der Tiroler Alpen.

Unter den Kämpfern befanden sich bekannte Namen auf beiden Seiten, u.a. Luis Trenker, Erwin Rommel, Gabriele D'Annunzio, Benito Mussolini und Ernest Hemingway als S. Mitte September 1917, nach der „11. Isonzoschlacht“ war Österreich mit seiner Kraft am Ende, die italienische Offensive band viele Einheiten, die an der russischen Front dringend benötigt wurden. Zu hoch waren die bisherigen Verluste. In dieser schicksalhaften Lage kam den wankenden Truppen das Deutsche Reich zu Hilfe. Unter dem Decknamen „Waffentreue“ wurden mehrere Divisionen zur Unterstützung in die Alpenregion verlegt, das „Sturmbataillon 16“ war mit an den vordersten Fronten dabei.

Es gelang, womit niemand gerechnet hatte, die verbündeten Truppen schafften den Durchbruch. Als „Wunder von Karfeit“ [heute: Kobarid, Gemeinde in Slowenien] ging der Angriff in der „12. Isonzoschlacht in die Geschichte ein. Die Dolomitenfront brach wie ein Kartenhaus zusammen. In anschließenden Kämpfen und dem Zusammenbruch der italienischen Stellungen verlagerte sich die Front ins Tiefland des Flusses Piave, kurz vor Venedig. Ein Jahr später wendete sich allerdings die Kriegslage für die k.u.k Verbände bis zur völligen Niederlage.

Am 6. Oktober 1917 schickte Fritz eine vorgedruckte Feldpostkarte an seine Mutter. Seine Botschaft musste schlicht lauten: „Ich bin gesund und es geht mir gut.“ Eine gleiche Karte folgte noch am 18. Oktober, diese hatte noch als Absenderangabe: „Deutsches Sturmbaon K.u.K. Feldpost 369“ [milit. Begriff, üblich in der österreichisch-ungarischen Armee, entspricht Sturmbataillon]. Mehr durfte den Angehörigen nicht mitgeteilt werden. Die militärischen Vorschriften erlaubten auf der Karte nur noch die Unterschrift und den Dienstgrad anzubringen. Das von Fritz zitierte „Sturmbaon“ bestand weitgehend aus Angehörigen des „Sturmbataillons 16“.


Vorgedruckte Karten für den militärischen Postverkehr, Verwendung an der Alpenfront.
Quelle: v.H.


Rückseitig mit Bleistift beschriftet: "Oktober 1917 Casare Larici (Venezien). Das Nizza des 5. Lochs von Italien. Deutsches Sturmbataillon der Heeresgruppe Herzog Albrecht." 
Fritz in der Mitte stehend, mit Zigarre und EK1 am Uniformrock.
Quelle: RA Aschim Jaroschinsky, Halle

[Das Postwesen an der Isonzofront war aus Vorsicht vor feindlicher Spionage ausgesprochen restriktiv. Es wurden vorgedruckte Universalpostkarten verteilt, versehen nur mit dem einen Satz als Lebenszeichen für die Heimat. Diese wurden gewöhnlich vor jeder großen Offensive in die Heimat versandt. Der betreffende Satz war in allen Sprachen des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarns aufgedruckt. Auf diese Weise konnte sich die militärische Führung der Mittelmächte eine aufwendige Postzensur ersparen.]

Stab des Sturmbataillons der Heeresgruppe Herzog Albrecht vor ihrem Quartier in Cornegliano
Quelle: Lundstrom Forum for Documentation and Photographs

Derart vorgedruckte Karten nur mit einer Nachricht über Leben und Gesundheit versehen, verwendete Fritz nochmals am 14. November an seine Mutter und am 17. November 1917 an seine Frau. 

Der deutsch-österreichische Durchbruch am oberen Isonzo kam erst Anfang November entlang der Piave zum Stillstand. Es handelte sich um einen vergeblichen Versuch die italienische Front zu durchbrechen und somit eine siegreiche Beendigung des Krieges gegen Italien herbeizuführen. 

Zwischenzeitlich, am 23. Oktober 1917, wurden die am alten Standort Kaiserstuhl verharrten Resteinheiten des „Sturmbataillons 16“ fest eingerichtet. Zuvor wurde auf Befehl des „Armee-Oberkommandos (AOK)“ überprüft, ob ein geeignetes Gelände für Übungszwecke und die benötigten Unterkünfte vorhanden war. Für die vierte Kompanie von Fritz wurde der Ort Oberrottweil als Quartier bestimmt [heute Ortsteil der Stadt Vogtsburg im Kaiserstuhl]. Die geplanten Lehrbetriebe liefen ununterbrochen, offeriert vom „Sturmbataillon 16“, am Standort Kaiserstuhl weiter, dies war schließlich die zweite Aufgabe der Einheit und für die Infanterie von elementarer Bedeutung.

Ende Oktober war eine reguläre Feldpostkarte auf dem Weg, diese allerdings vor feindlicher Einsichtnahme präpariert. Fritz bekundete am 27. Oktober: „Meine liebe Mutter. Geht mir recht gut, waren bis jetzt bei [ Name von der Zensur geschwärzt] marschieren morgen nach [ebenfalls geschwärzt]. Das Wetter ist momentan Gott Lob herrlich. Die verdammten Italiener bekommen gehörig Ihre Prügel.“ Mit diesen rigorosen Worten beschrieb Fritz die erheblichen italienischen Verluste und die äußerst erfolgreiche deutsche Offensive in der „12. Isonzoschlacht“

Weiterhin im „Sturmbataillon der Heeresgruppe Herzog Albrecht“ [„Sturmbataillon von Breuning“] dienend, stand Fritz vom 24. Oktober bis zum 3. November 1917 in der Schlacht bei Udine in schweren Kämpfen. Die österreichisch-ungarischen Kräfte reichten nicht mehr aus um einen weiteren feindlichen Angriff abzuwehren. Das „Sturmbataillon“ mit Fritz als Hauptmann intervenierte dabei zur Verstärkung der österreichisch-ungarischen Waffenbrüder.

Ein Abschnitt der Front diesseits und jenseits von Karfeit (ital. Caporetto) am Oberlauf des Isonzo wurde für eine Offensive der Mittelmächte ausgewählt. Dabei stand Fritz als Kompaniechef mit seiner Sturmeinheit an vorderster Front. Die Angriffe liefen nach den ausgiebig geübten Taktiken am Kaiserstuhl ab. Dabei potenzierten die Bedingungen im Gebirge die Gefährlichkeit der Einsätze.

Um Breschen in die italienischen Stellungen zu schlagen, setzten die Verbände der Infanterie bereits die revolutionäre Praxis der Sturmtruppen ein, diese bildeten mit leichten Maschinengewehren die Speerspitzen des Angriffs. Mit verbissener Entschlusskraft trat das „Sturnbataillon von Breuning“, bestehend aus Teilen des Sturmbataillons 16, in Aktion. Die beginnende Dynamik des Angriffs durfte sich dabei keinesfalls statisch festsetzen. Ein Stillstand beim Vordringens musste grundsätzlich vermieden werden. 

Das Sturmbataillon musste dabei vorhandene Nester entschlossenen Widerstandes umgehen und den Einbruch bis in die Tiefe der gegnerischen Artillerie vortragen, nach erfolgreichem Durchbruch erreichten die Sturmsoldaten die feindliche Frontlinie. Somit konnten isolierte Bereiche des Widerstandes von nachrückender Infanterie ausgeschaltet werden. Dabei kamen auch österreichisch-ungarische Truppen zum Einsatz, die in den neu entwickelten Offensivtaktiken vom Sturmbataillon 16 am Kaiserstuhl eine tiefgreifende Schulung erhalten hatten. 

Das Kommandounternehmen der Stoßtruppe rollte mit exakter Präzision ab. Auch nachfolgende Operationen verliefen routiniert nach ähnlichem Muster. Oft mussten dabei ganze Berggipfel umgangen werden, wobei Felsformationen jeweils als Versteck und auch zu Hinterhalten dienten. Späh-und Schleichpatrouillen waren Routine. Die variierenden Zonen der Bergwelt überraschten ständig mit unliebsamen Herausforderungen, dazu kam ein dauernder Kampf mit der allgegenwärtigen Natur.

[Die einzelnen Aktionen der Sturmtrupps standen in direktem Bezug zur 12. Isonzoschlacht. Eine große Offensive begann am 24. Oktober. Österreich-Ungarn konnte bei dieser Schlacht mit Hilfe von Verstärkungen aus Deutschland die italienischen Truppen bis zur Piave zurück werfen. Der Zusammenbruch des italienischen Heeres und das Ausscheiden Italiens aus dem Krieg konnte nur dadurch verhindert werden, dass zur Unterstützung der italienischen Seite mehrere britische und französische Divisionen nach Italien verlegt wurden.

Nach dem Zusammenbruch der 2. italienischen Armee konnten die Mittelmächte ungehindert Udine einnehmen, wo sich das Hauptquartier der Italiener befand. Daraufhin konnten die k.u.k Verbände ungehindert in Richtung Süden vorrücken. Erst an der Piave kam der Vormarsch der Mittelmächte wegen des italienischen Widerstands und der Hochwasser führenden Piave zum Stehen.]

Die eigentliche 12. Isonzoschlacht endete am 27. Oktober 1917 mit dem Erreichen des Tagliamento [Alpenfluss von den Bergen Venetiens bis zur Adria]. Die folgenden Operationen entwickelten sich abdchließend. Die Bündnispartner der Mittelmächte waren vom 24. Oktober bis zum 10. November bis an die Piave marschiert. Am 6. und 7. November tobten Kämpfe um die Livenza-Übergänge [die Livenza ist ein Fluss im Nordosten von Italien und durchquert das Gebiet von Venetien]. Die Italiener zogen sich darauf gegen die Piave zurück. Dabei konnten die Provinzen Udine, Teile von Venetien, Treviso und Vittorio besetzt werden.]

Die erzgebirgische Zeitung Auer Tagblatt meldete  27. Oktober 1917 von der Italienfront: „Die vorbereitete Operation gegen die Hauptmacht der italienischen Armee reift unter Mitwirkung der unvergleichlichen Stoßtrupps deutscher Truppen [ ! ], die Schulter an Schulter mit unseren tapferen Waffenbrüder am Isonzo in den Kampf treten, großen Erfolge entgegen.“

Quelle: Sachsen digital, LDP-Zeitungen

Es folgten weiterhin Einsätze auch nach dem eigentlichen Ende der zwölften entscheidenden „Isonzoschlacht“ in unterschiedlichen alpinen Kriegszonen. So nahm Fritz vom 4. bis zum 11. November an der Verfolgung des Feindes am Tagliamento [Wildfluss der Alpen, mündet bei Bibione in die Adria] bis zur Piave [Fluss in Oberitalien] teil, zeitgleich durchstand Fritz die Kämpfe am 6. und 7. November um die Livenza-Übergänge [Fluss im Nordosten von Italien, er durchquert das Gebiet von Venetien].

[Auch durch den Rückgang des Hochwassers gelang es den verbündeten Einheiten bei schwacher Abwehr den Tagliamento zu überqueren und die Verfolgung der Feinde aufzunehmen, dabei entbrannten Kämpfe um die Livenza-Übergänge, wobei erfolgreich ein Brückenkopf gebildet werden konnte. Am 11. November wurde an mehreren Stellen die Piave überschritten und auf dem westlichen Ufer Brückenköpfe eingerichtet.]

In nahezu parallelen Begegnungen wurde Fritz von einem Gefechtsfeld zum nächsten kommandiert. Am 8. November 1917 bewährte er sich im Waffengang als Angehöriger seines „Sturmbataillons“ an heftigen Kampfhandlungen um die Einnahme von Vittorio. Die Verbündeten  Österreich-Ungarn und Deutschland konnten gemeinsam die friaulische Ebene überrennen und die italienischen Truppen bis zur Piave zurückwerfen.

Am 8.11. 1917 beteiligte sich Fritz an der Einnahme von Vittorio [Stadt in der Provinz Treviso/Venetien].

Eduard zeigte in einem Feldpostbrief an Maria vom 10. November regelrechte Freude und fand dabei noch einen treffenden Terminus für seinen Sohn: „Besten Dank, mein liebes Kind. Für deine Karte mit Fritzels neuer Adresse. Von ihm selbst, dem guten u. herrlichen Alpenkönig [!], habe ich keine Nachricht.“

Auf einer der üblichen vorgedruckten Karten richtete Fritz ein Lebenszeichen an seine Frau auf „Schloß Eberstadt“ mit dem Absender „Rittm. von Hoffmeister, Deutsches Sturmbaon der Heeresgruppe Herzog Albrecht“. Er benutzte nicht den vom Chef kreierten Ausdruck „Sturmbataillon von Breuning“, welchen er vermutlich als zu wenig repräsentativ ansah.

Bereits einen Tag nach den Kampfhandlungen um Vittorio befand sich Fritz in einer Auseinandersetzung bei Lago [Revine Lago]. Das Gefecht war kaum überstanden, da musste Fritz als Sturmtruppoffizier Stellungskämpfe an der unteren Piave bestreiten.

[Insbesondere durch den Mangel an Artilleriemunition zur Unterstützung eines weiteren Angriffs über die Piave hinaus kam die Offensive zum Stillstand. Es folgten bis Ende des Monats weitere verlustreiche Versuche. Diese hatten jedoch gegen die stark ausgebauten Gebirgsstellungen keinen Erfolg. Der größte Teil der italienischen Armee war zu diesem Zeitpunkt völlig demoralisiert und am Ende. Sie hatten jedoch begonnen, an der Piave frische Truppen einzusetzen, die an dem vorausgegangenen Desaster nicht beteiligt waren und deren Widerstand sich zusehends verstärkte.]

Einen erneuten Standortwechsel ergab sich für Fritz, als er vom 27. November bis zum 14. Dezember zu Positionen im Gebirge befohlen wurde. In den venezianischen Alpen war er daraufhin in laufende und zermürbende Stellungskämpfe verwickelt.

Unter dem Datum vom 30. November 1917 ließ Fritz eine durchaus positive Aussage über seinen bisherigen Status fallen, in Bezug auf Russland sah er gar ein Ende des Krieges an der Ostfront : „Meine liebe Mutter! Herzliche Grüße und Dank für die Karte vom 7. 11., die ich gestern [lange Laufzeit!] bekam. Geht mir Gott Lob bis jetzt noch ganz gut und scheint ein Stillstand eingetreten zu sein. Ob wir wohl wieder zurückkommen? Von Rußland ja jetzt erfreuliche Nachrichten. Viele Grüße an die gute Großmutter. Haben hier schon viel durchgemacht.“ Als Absender war vermerkt: „Rittm. von Hoffmeister Deutsches Sturmbaon etc. Deutsche Feldpost 487“.

[Die Februarrevolution [julian.] von 1917 beendete die Zarenherrschaft in Russland. An die Stelle der Monarchie trat zunächst ein Nebeneinander von Parlament, der „Duma“ und von „Arbeiter-und Soldatenräten“ und damit eine „Doppelherrschaft“. Die „Duma“ setzte eine provisorische Regierung zunächst unter Ministerpräsident Lwow und dann unter Kerenski ein, entscheidende Planungen kamen jedoch nicht mehr zu brauchbaren Ergebnissen. Im gleichen Jahr übernahmen die „Bolschewiki“ durch die Oktoberrevolution gewaltsam die Macht in Russland. Das verhieß für das Deutsche Reich auch die Aussicht auf ein baldiges Ende des Krieges an den östlichen Fronten.]

Auf einer Feldpostkarte vom 7. Dezember 1917 ebenfalls an seine Mutter gerichtet, hielt Fritz fest: „Sind wieder im Etschtal angelangt und scheint unsere Rundreise [militärische Hilfe für den Bündnispartner] dem Ende zugehen zu wollen, was wir wenigstens hoffen. Hier grimmige Kälte und sind wir ja damals zu unserer sogenannten 4wöchigen Reise ohne Wintersachen abgereist. Sehr erfreulich sind die letzten Erfolge der Österreicher in Italien und die Nachrichten aus Rußland und Rumänien. Wird der Friede kommen?“ Eine gesellige Weihnachtsfeier im Kreise des „Sturmbataillons“ mit Gedanken an die Heimat bedeutete dann nach einem Jahr mit Kämpfen an vielen Orten immer einen Höhepunkt, der eine gewisse Ablenkung vom blutigen Kriegshandwerk versprechen konnte.

[Die letzten Aktivitäten der Österreicher waren nicht sehr überwältigend. Bei Zenson an der Piavemündung gelang der k.u.k. 44. Schützendivision am 12. November die Bildung eines kleinen Piave-Brückenkopfes auf dem Westufer, der am 26. Dezember jedoch wieder aufgegeben werden musste.

Zur Aushandlung eines Friedensvertrages mit Russland trafen sich die Kriegsparteien zu mehreren Verhandlungsrunden in Brest-Litowsk. Zur  Aufnahme der Verhandlungen war ein Vorschlag zum Waffenstillstand durch Trotzki am 28. November 1917 vorangegangen. Das schließliche Ergebnis war der Friedensvertrag von Brest-Litowsk im März 1918.

Rumänien trat Ende August 1916 während der russischen Brusilow-Offensive auf Seiten der Entente gegen die Mittelmächte in den Krieg ein. Bis zum Jahresende gingen de Walachei und die Hauptstadt Bukarest verloren und die Rumänen wurden auf die Grenze der Moldau zurück gedrängt. Im Dezember 1917 wurde Rumänien nach dem Ausscheiden des Verbündeten Russland zum Waffenstillstand und im Mai 1918 zum Frieden gezwungen.]

Erneute Stellungskämpfe im Elsass


Die Intervention Deutschlands im Verbund mit Österreich-Ungarn in den Alpen ging mit einem befriedigenden Ergebnis für das „Sturmbataillon“ zu Ende und die fürchterlichen Strapazen im Gebirge waren gerade halbwegs überstanden, da wurde Fritz vom  27. Dezember 1917 bis zum 4. Juni 1918 , diesmal wieder im vereinigten „Sturmbataillon 16“ an den Kaiserstuhl und von da zu Kampfeinsätzen in oberelsässische Stellungen geschickt. Die Losung lautete: „Wieder in die Schützengräben!

Zum Neuen Jahr übermittelte Fritz am 30.12. 1917 eine Grußbotschaft nach Hause: „Meine liebe Mutter! Dir und der lieben Großmutter rufe ich ein herzliches Prost Neujahr zu. Möge das neue Jahr für Euch ein Wilderer in Eurem Schmerz sein [bezogen auf den Tod von Hans, die traurigen Nachrichten waren gerade mal ein Jahr alt und die Erinnerungen daran noch sehr frisch ] und wieder die alte Fröhlichkeit und Zufriedenheit bringen. Mr gefällt es hier sehr gut. Nächstens werde ich Euch was schicken. Alles Gute Euer treuer Sohn Fritz.“ Der Absender lautete: „Rittmeister von Hoffmeister Sturm Bataillon 16, 4. Komp. Kaiserstuhl.“

Fritz bedeutete am 16. Januar 1918 seiner Mutter : „Freut mich sehr, daß meine Sendung angekommen ist [die Versorgung mit Lebensmitteln für die Heimat hatte weiterhin hohe Priorität]. Hoffentlich kann ich noch eine courieren. Aufgelöst ist nur der Verein, der in Italien ja extra zu diesen Zweck zusammengestellt war [das „Sturmbataillon von Breuning“, gebildet aus Teilen der „Sturmbataillone 16 und 14“] und ist jetzt wieder alles beim alten. Hoffentlich bleibt es auch so.“ Am 27. Januar feierte das „Sturmbataillon 16“ den Geburtstag des Kaisers.          

Am 2. Februar 1918 bekundeten Fritz und Maria eine frohgemute Stimmung weil sie eine Erholungszeit in Oberbergen am Kaiserstuhl, unweit seines Standortes verbrachten: „Meine liebe Mutter! Wir haben mal wieder einige sehr nette Tage zusammen gehabt und freue mich sehr auf meinen Curs nach Hagenau, eine Abwechslung. [Weiterbildung als Führungsoffizier und Aufbau zum Bataiillonschef. in Hagenau fanden ständig Lehrgänge für Offiziere statt.] Sonst gibt es hier nichts neues in Oberbergen und sind wir gespannt, wohin uns das Frühjahr bringen wird.
Absender: Rittmeister von Hoffmeister Oberbergen a/Kaiserstuhl Sturmbataillon 16, 4. Kompagnie

Eduard entschuldigte sich in einem Feldpostbrief vom 5. Februar 1918 bei Maria für eine ungeschickte Bemerkung, worüber ein Familienzwist zu entstehen drohte: „Es mag sein, daß diese Abwehr meinerseits auch in dem unglückseligen Brief an dich geraten ist. Auch dieserhalb muß ich um Verzeihung bitten. [...].“  Die Kommunikation innerhalb der Familie war zuweilen mit einer Problematik behaftet mit nicht ausgeräumten Missverständnissen, Eduard fühle sich daher nachhaltig bemüßigt, die hochgegangenen Wogen wieder zu glätten. Jedenfalls sparte Eduard dabei nicht mit Worten: „Habe ich mich im Ton vergriffen, so verzeihe mir! Es soll nicht wieder geschehen! [...] Zudem mische ich mich grundsätzlich niemals in Euer Tun und Lassen!

Er kam dabei auch nebenbei auf seinen Sohn zu sprechen und sein geschriebenes Wort drückte düstere Furcht aus:„ Also Fritzel ist in Hagenau! Ja, auch ich bin besorgt um ihn und mache daraus gar kein Hehl!  Nur bin ich der Ansicht, daß ihn, im Kriege besonders, sein Geschick überall ereilen kann, dort oder hier. Die Kugel kennt keine Wahl und trifft Gerechte und Ungerechte! Alte und Junge! Hoffentlich bekommt er bald ein Bataillon.“

Im gleichen Brief fand noch ein ungewöhnlich überreichtes Präsent von Fritz eine lobende Erwähnung: „Daß Fritzel dir das Ponny geschenkt hat, ist eine zu nette Idee von ihm gewesen, was ich dir gleich geschrieben habe, und ich freue mich darüber herzlich, das habe ich auch Fritzel gegenüber geäußert, als er es mir mitteilte. Warum sollst du kein Ponny haben, wenn es dir und den Kindern Spaß macht?  Das wäre noch schöner!“ Zum Schluss räumte er noch ein: „Es geht mir nach wie vor vorzüglich! Für mich habe ich keine Sorgen, wohl ebenso für Fritzel, den mein Gebet begleitet.“

Dunkle Gedanken bewegten Eduard immer wieder, der lang währende Krieg hinterließ tiefe Spuren im Gemütszustand. In einem Schreiben an Maria vom 15. Februar 1918 ließ er die Sätze fallen: „Schrecklich leid tut es mir, daß deine Nervele so herunter sind. Warum nur? Es ist ja völlig begreiflich, denn auch ich bin besorgt um Fritzel. Aber schließlich, zu ändern ist nichts, und du hast ja ein solches Maß an Gottvertrauen, daß dir dies helfen muß. Unser Geschick müssen wir in Ergebung ertragen, wie auch die Loose fallen, denn dazu sind wir ohnmächtige Menschenkinder! Wie gerne gäbe ich mein Leben, das ja nicht mehr viel wert ist, für dasjenige von Fritzel hin!“ 

Von Ende Februar bis Anfang März 1918 musste sich Fritz dienstlich in Straßburg aufhalten. Für einen Besuch ihres Ehemanns erhielt Maria  „Im Auftrage des Militärpolizeimeisters“ von Straßburg am 19. Februar einen Passierschein „zum Betreten - Aufenthalt - Verlassen des erweiterten Befehlsbereichs der Festung Straßburg.“, mit Gültigkeit bis zum 1. März des gleichen Jahres.

Passierschein für die Festung Straßburg.
Quelle: v.H.


[Der Festungsgürtel Straßburg war ein aus 19 Forts bestehender Verteidigungsring, der weitläufig um die Stadt Straßburg herum verlief. Die einzelnen Forts waren nach der Eingliederung von Elsass-Lothringen in das Deutsche Kaiserreich ab 1871 errichtet worden. Während des Ersten Weltkrieges war Straßburg von keinem Angriff der Franzosen bedroht, an den Forts fanden auch keine Kampfhandlungen statt.]

Fritz bedankte sich am 3. März bei seiner Mutter für einen Brief „den ich von meinem Burschen nach Straßburg geschickt bekam. Mir geht es wieder recht ordentlich, bin nur von meiner Krankheit her noch etwas schlapp. Hier alles beim alten. Sind gespannt, was nun werden wird. Vater macht ja auf seine alten Tage mächtige Eroberungen.“

Fritz bezog sich auf die Kampfhandlungen, welche sein Vater als Kommandeur der 23. Landwehr-Division im Baltikum durchstand. Darunter fiel vom 18. Februar bis zum 3. März 1918 eine erfolgreiche  Offensive gegen Stellungen am Peipussee und der oberen Düna [der Peipussee ist ein zwischen Estland und Russland gelegener See, etwa siebenmal so groß wie der Bodensee. Die Düna ist ein 1020 km langer Fluss. Er beginnt in Russland und mündet bei Riga in die Ostsee.]

Zu der Erwähnung seines Burschen: Ein Offiziersbursche war eine jüngere Ordonnanz, die den Offizieren aller Grade zur persönlichen Bedienung zugewiesen wurde. Den Offizieren standen Soldaten außerhalb aktiven Dienstgrades zur Seite, die nicht Gefreite sein durften. Gegenüber dem Offizier, der sich seinen Burschen auswählte, bestand in der Regel ein Treueverhältnis, Intimität eingeschlossen. Erwartet wurde unbedingte Loyalität bis hin zur aufopferungsvollen Hingabe für den Dienstherrn. Bis ins 20. Jh. gab es Geschichten in denen der Bursche seinen Herrn trotz Lebensgefahr nicht verlassen hatte, bzw. er beim Bergen des Offiziers selbst gefallen ist.]


Letzte Offensiven in Frankreich


Die Frühjahrsoffensiven waren eine Serie von fünf deutschen namentlich benannten Offensiven. Gerade die bewährten Sturmtruppen spielten bei der Einleitung eine merkliche Rolle. Mit ihrer Hilfe gelang den Deutschen zunächst der Durchbruch in die feindlichen Linien. Deutsche Armeen galten bei Briten und Franzosen traditionell als hierarchisch gegliederte Einheiten. Die Änderung der Befehlsstrukturen in den Stoßverbänden zu einer völlig selbständigen Handlungsweise kam für die Entente völlig überraschend.

Rückseitig mit Bleistift beschriftet: "Die Offiziere des Sturmbataillons 16 im Kaiserstuhl Ende März 1918."
Fritz im Bild vorne stehend, 6. von rechts, mit Pfeil gekennzeichnet.

Die Erfolge waren zunächst äußerst auffallend. Die Oberste Heeresleitung bündelte etwa 1.4 Mio Soldaten für die Offensiven. Es war die größte Truppenkonzentration im Ersten Weltkrieg überhaupt. Dabei ergaben sich für die deutschen Verbände vorweg erhebliche Geländegewinne. Zu diesem Zeitpunkt war die Verpflegung für die deutschen Einheiten äußerst dürftig im Vergleich zu den feindlichen Armeen, die üppig ausgerüstet waren. Auch die Entlastung an der Ostfront durch den Frieden mit Russland brachte keine große Wende in den anlaufenden Offensiven.

Die letzten fünf Offensiven.
Quelle: t-online

[Im April 1918 trat auch noch die USA in den Krieg an der Westfront ein. Die schnell vorstoßenden Sturmtruppen erschöpften sich zunehmend und konnten nur ungenügend durch frische Kräfte ersetzt werden. Die deutschen Truppen gerieten in weitgehende Isolierungen, die schlechte Ernährung führte zu einer merklichen Problematik. Es ergaben sich nicht mehr haltbare Positionen, zudem forderte die grassierende Spanische Grippe viele Opfer.]

Es trat in nahezu allen Verbänden eine starke Ernüchterung ein, die Disziplin erlahmte zusehends und eine große Anzahl deutscher Soldaten begab sich in Gefangenschaft. Ab Mitte Juli ging die Initiative immer mehr an die Entente über. Verheerend zeigte sich dies gleich am ersten Tag bei der Schlacht von Amiens, der 8. August galt fortan als „Schwarzer Tag des Deutschen Heeres“. Schwere Abwehrkämpfe kennzeichneten noch die letzten Monate des Krieges bis zum Diktatfrieden von Versailles.

Voll banger Erwartung und Spannung blickte Fritz auf die bevorstehenden militärischen Operationen und bekundete seiner Mutter am 10. März 1918: „Sind gespannt, was uns noch bevorsteht, wenigstens an der Ostfront Ruhe. Vater har wirklich noch viel erlebt und kann er stolz sein.“  Der Krieg war in der Endphase im Westen massiv in Bewegung geraten, Fritz schrieb dazu nochmals am 26. März nach Hause: „.[...] wenigstens an der Ostfront Ruhe. Schicke mir die Gamaschen. Hier viel Dienst. [...] Die Offensive ist ja glänzend. Hoffentlich gerät sie nicht ins stocken.“

[Durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten, unterzeichnet am 3. März 1918, schied Russland endgültig als Kriegsteilnehmer aus.

Die „Operation Michael“ war die erste von fünf deutschen Offensiven an der Westfront zwischen Bapaume und Saint-Simon, an der drei Armeen mit insgesamt 73 Divisionen beteiligt waren. Ihr Hauptziel war es, einen Durchbruch zwischen französischen und britischen Truppen zu erzielen. Am 21. März konnte die Verteidigung des Gegners durchbrochen und an den Folgetagen auf 80 km Breite ein Einbruch von etwa 65 km in französisches Territorium erreicht werden.]

Am 6. April konnte Fritz noch mitteilen: „Meine liebe Mutter! Herzlichen Dank für den schönen Osterhas und kommen mir diese angenehmen Sachen wie gerufen. Über Ostern war ich in Königsschaffhausen als stellv. Bataillonskommandeur [des Majors von Breuning, Chef des „Sturmbataillons 16“] jetzt bin ich wieder in meiner alten Residenz. Sind gespannt, wann wir drankommen.“ Vom 9. bis zum 13. April 1918 wartete in Wörth auf Fritz ein Führerlehrgang über fachspezifische militärische Themen und Leitungsmethoden.

In einem Feldpostbrief vom 13.4. 1918 an Maria war Eduard geradezu voller Euphorie: „Unsere Sache steht ja großartig! Jeder Tag bringt neue Erfolge u. führt uns dem Meere zu! Herr Gott, welch eine wunderbare Wendung! 120 000 Gefangene, 1600 Geschütze! Man kann es sich gar nicht vorstellen!“ 

[Eduard bezog sich auf die Anfangserfolge der ersten Frühjahrsoffensive der deutschen Truppen an der Westfront bis Ende März 1918, dabei konnte die Verteidigung des Gegners durchbrochen und ein Einbruch in französisches Territorium erreicht werden. Danach erlahmte die Offensive, durch die Verstärkung der feindlichen Front konnten kaum noch Geländegewinne verzeichnet werden.]

Quelle: Wikipedia

[Wenig erstaunlich, dass auch der NS sich der Ausstrahlung der Sturmtruppen bemächtigte und folgerichtig propagandistisch auswertete. Als Protagonist auf diesem Gebiet erwies sich Hans Zöberlein, 1895-1964. Er war hochdekorierter Teilnehmer des Ersten Weltkrieges und nach dessen Ende Angehöriger im Freikorps Epp und wirkte damit an der Niederschlagung der Räterepublik in Bayern mit.

Zöberlein trat schon früh in die NSDAP und SA ein, er war Träger des Goldenen Parteiabzeichens und des Blutordens. Bereits 1931 erschien sein Roman über den Weltkrieg Der Glaube an Deutschland und gehörte bald mit einer Auflage von 800 000 Exemplaren zu den erfolgreichsten Weltkriegsromanen. Die filmische Umsetzung erfolgte 1934 unter dem Titel Stoßtrupp 1917 und sorgte für volle Kinos.

Zöberlein bewegte sich auf der richtungsweisenden Erfolgsschiene. Im NS spielten die Stoßtruppen und Sturmbataillone eine tonangebende Rolle, ihre Angehörigen erhielten einen regelrechten Idealstatus und gerieten zu Vorbildern. Deren ehemaligen Verbände setzten sich aus hochmotivierten Freiwilligen zusammen, die physisch und psychisch hoch belastbar waren. Gestählt durch eine spezielle Ausbildung und im Besitz vielfacher Privilegien entwickelte sich unter ihnen ein auffallendes Elitebewusstsein. 

Der Sturmsoldat erschien in der Erinnerung als idealer Krieger und entwickelte sich im NS zum Mythos mit entsprechender Glorifizierung. Die in den Sturmtruppen dienenden Elitesoldaten wurden zum Symbol eines erfolgreichen und heldenhaft geführten Kämpfers. In den Sturmabteilungen der NSDAP und bei den Schwarzhemden des italienischen Faschismus wurde dieser Aktivismus adaptiert und die furiose Dynamik in den Offensiven des Krieges auf die Straßenkämpfe der politischen Gegner projiziert.  

Das von der Obersten Heeresleitung konzipierte Prinzip der Sturmbataillone hat sich durchgängig behaupten können und gilt als Vorläufer für Verbände im Zweiten Weltkrieg und danach in vielen Armeen  auf der Welt. Aber auch im Modellsektor, etwa bei den fiktiven Figuren der Star Wars-Reihe, behaupten sich die legendären  Sturmsoldaten bis zum heutigen Tag.]





In einem deutschen Verlag erschien im Jahr 2010 ein Werk in englischer Sprache über die Sturmtruppen des Kaisers. Eine englische Kurzfassung des Autors beschreibt die Kampftaktiken der Sturmtruppen. Der französische und der englische Titel sprechen für sich.

Many of the Stormtroopers saw themselves as the Kaiser's elite. The Sturmbataillone were Lehrtruppe and Kampftruppe, both teachers and battle troops, for the hardest assignments. The Stormtrooper was regarded as "the perfect form of the frontline fighter," described as follows: "He did not march with shouldered rifle, but with unslung carbine. His knees and elbows are protected by leather patches. He no longer wears a cartridge belt, but sticks his cartridges in his pocket. Crossed over his shoulder are two sacks for his hand grenades...Thus he moves from shell hole to shell hole through searing fire, shot and attack...hugging the ground like an animal, never daunted, never surprised...always shifting, cunning, always full of confidence in himself and his ability to handle any situation...


Eine Verfügung des Armeeoberkommandos B vom 19. April 1918 verhieß für Fritz eine Versetzung in das Landwehr-Infanterie-Regiment 16 der 25. Landwehr-Division. Damit war für Fritz die harte, stürmische, aber überaus lehrreiche Zeit im „Sturmbataillon 16“ beendet. Er befand sich damit immerhin nahezu acht Monate in dieser Eliteeinheit, nämlich vom 8.4. 1917 bis zur Überweisung in die 25. Landwehr-Division. Fritz wurde mit seinem Erfahrungsschatz zu einer reinen Infanterietruppe verlegt, es galt, die erworbenen Kenntnisse der Sturmabteilungen weiterzugeben um an dauernden erfolgreichen Stellungskämpfen im Oberelsass teilzunehmen. Zugleich wurde er als künftiger Bataillonsführer aufgebaut. 

Während seiner Aktivitäten im Sturmbataillon 16 nahm Fritz an nicht weniger als zehn Einsätzen teil. Es begann im September 1917 mit Stellungskämpfen im Elsass. Darauf folgten acht heftige Kampfhandlungen im Gebirge und Im Voralpenland, und es endete wiederum von Dezember 1917 bis Juni 1918 mit erneuten Konfrontationen im Elsass.

Am 14. Mai teilte Fritz seiner Mutter noch mit: „Ja, es sind momentan sehr ernste Zeiten. Mir geht es noch bis jetzt ganz gut und warte ich alles, was da kommt, in Ruhe ab. Mein [ehemaliger] Kommandeur von Breuning ist auch nach Norden abgedampft. [Der vormalige Chef des „Sturmbataillons 16“ Major von Breuning wurde am 28.5. 1918  Kommandeur des Reserve Infanterie-Regiments 12, Fritz war ihm während seiner Zeit im „Sturmbataillon 16“ sehr zugetan]. Als Absender tauchte nun auf: „Rittmeister von Hoffmeister Landw. Inf. Rgt. Nr. 16 II. Batsillon 4. Kompagnie.“

Schlechte Nachrichten erreichten seine Mutter auf einer Karte vom 23.5. 1918: „Die Cigarillos allerdings haben mich bis jetzt noch nicht erreicht. Meine besten Freunde aus meiner Hannoverzeit [1911-1913 im Kavallerie-Reitinstitut] v. Banek u. Holtz sind in den letzten Kämpfen in Flandern gefallen.“‚

Am 5. Juni 1918 wurde Fritz gemäß einer Verfügung der 25. Landwehr-Division zur 239. Infanteriedivision überstellt. Kurz darauf am 7.6.  erging an Fritz ein Divisionsbefehl wodurch er in das Infanterie-Regiment 467 versetzt wurde.

Fritz sagte noch am 9. Juni 1918 über seinen Dienst im Infanterie-Regiment 467: „Meine liebe Mutter! Wie du vielleicht schon von Maria gehört hast, bin ich nun in ein ekliges Infanterieregiment versetzt worden u. zwar als Bataillonsführerreserve d.h. bekomme ein Bataillon, wie eines frei wird. Kompagnie habe ich keine mehr bekommen, was recht angenehm ist und habe ich infolgedessen gar nichts zu tun [Fritz führte zuvor die vierte Kompanie im „Sturmbataillon 16]. Die Nummer von meinem Regiment ist ziemlich hoch 467, meist Thüringer Ersatz. Unsere Division [239. Infanterie-Division] ist eine bewährte Stoßdivision u. hat bei den ersten Offensiven mitgemacht, große Verluste gehabt und liegt jetzt in Ruhe. Die schöne Zeit im Elsass ist nun vorbei und kann ich dankbar sein, daß es mir so lange gut gegangen ist!

[Die 239. Infanterie-Division hatte sich seit März 1918 im ständigen Kampfeinsatz an der Westfront bewährt: Sie war von Ende März bis Anfang April in der Durchbruchsschlacht von Monchy-Cambrai, in den Kämpfen zwischen Arras und Albert, vom 11.-18. April in der Schlacht bei Armentieres, danach bei Stellungskämpfen in Flandern und Artois im Dauereinsatz im Kampfeinsatz. Diese Auseinandersetzungen wurden auch als vierte Flandernschlacht bezeichnet.]

Die statischen Zusammenstöße vom 6. bis zum 18. Juni, diesmal in Lothringen, bedeuteten für Fritz noch einmal heftige Kampfhandlungen. Fritz hatte sich in den zurückliegenden Waffengängen erfolgreich geschlagen, seine Belohnung war endlich eine Order vom 29. Juni 1918 durch einen Fernspruch der 239. Infanterie-Division zum Antritt des 1. Bataillons-Führer-Lehrganges in Vouziers [Ort im Department Ardennes, Region Champagne-Ardenne]. Die Schulung endete an 10. Juli 1918.

[Die Auswahl von Fritz zu einer Instruktion als Bataillonsführer von Seiten der Division bedeutete eine explizite militärische Ehre. Im Lehrbetrieb herrschten strikte Kriterien. Dazu zählten in der Ausbildung für Führungskräfte ein prinzipieller Entscheidungsprozess, der auch unter schwierigsten Bedingungen in einem komplexen Umfeld intuitiv ablaufen musste. Der Vorgesetzte hatte seinen Willen klar zu äußern, er musste sich zur eigenen Führungsstärke bekennen und uneingeschränkt Verantwortung übernehmen, sowie beim Angriff grundsätzlich ein aktiver Mitkämpfer sein und dabei seinen Soldaten als Leitperson Mut machen. 

Als wichtigste Grundlage wurde dabei die Vorbildfunktion hervorgehoben und ein unbedingtes Schaffen von Vertrauen. Die Erzeugung von Korpsgeist war somit auch eine Hauptaufgabe militärischer Führer, sie sollten gegenüber Stress und Krisen gelassen bleiben und gewohnt sein, zu delegieren, eine Forderung bestand in der Beherrschung einer klaren Kommunikation und der Weitergabe von Informationen an unterstellte Soldaten. Pragmatismus, Belastbarkeit und Durchsetzungsvermögen sollten einen Bataillonsführer auszeichnen, zu den wesentlichen Prioritäten zählten noch Verantwortungsbewusstsein und ausgeprägte Eigeninitiative.]

Dieser Lehrgang wurde lange erwartet und trat nun wesentlich früher als in Friedenszeiten ein. Fritz eröffnete seiner Mutter am 2. Juli: „Bin momentan auf einem Bataillonsführerkurs vom 1. - 10. Juli kommandiert. Bin gesundheitlich nicht so ganz auf der Höhe und leide abgesehen von meiner Magengeschichte an Influenza. Vater hat meine junge Brut [die Kinder Inge und Hans] sehr gut gefallen und schrieb er sehr begeistert von Eberstadt [Schloss Eberstadt].“

Eduard empfand die Magenbeschwerden von Fritz nicht gerade als unbedenklich, in einem Feldpostbrief vom 14. Juli an seine Schwiegertochter Maria betonte er: „Fritzels Magengeschichten machen mich nachgerade besorgt. Ich habe ihm nun geschrieben, daß der Magen ein Tyrann ist, gegen den sich nicht ankämpfen läßt, daß Magengeschichten auch deshalb so überaus störend sind, weil sie auf die Stimmung drücken, was gerade er seiner Veranlagung nach nicht brauchen könne, und daß das Leben lang sei und es ihm niemand auf [der] Welt Dank wisse, wenn er in dem sich löblichen Bemühen, durchzuhalten, dauernden Schaden nehme. Ich habe ihm den dringenden Raf gegeben, sich krank zu melden, in einem Lazarett gründlich auszukurieren und dann einen Erholungsurlaub nach Eberstadt zu nehmen, wo die Verhältnisse für eine solche Erholung ideal seien.“

Zu einer anschließenden Rekonvaleszenz nach der Krankmeldung kam es indes nicht, denn Fritz musste vom 19.6. bis zum 14. Juli 1918 wieder einrücken und schwere Stellungskämpfe bei Reims überstehen. Diese standen in Beziehung mit den vom 15.7. bis zum 17.7. 1918 anschließenden Begegnungen in der großen Angriffsschlacht an der Marne und in der Champagne. Ohne Unterbrechung ging zum nächsten Kriegsschauplatz. Er überstand ab dem 18. Juli 1918 bis zum 22. August massive Begegnungen in Stellungen bei Reims.

Für Fritz war das Kampfgeschehen mit den letzten Fronteinsätzen bei Reims erstmal Vergangenheit. Endlich war es mit seiner Beförderung soweit. Er wurde noch am 27. Juli 1918 gemäß eines Tagesbefehls der 239. Infanterie-Division mit einer Bataillons-Kommandeursstelle betraut, diese behielt er bis zum 31. Dezember 1918, also über das eigentliche Kriegsende hinaus bei.

In einem Feldpostbrief vom 28. Juli 1918 an seine Schwiegertochter äußerte sich Eduard äußerst skeptisch über die laufenden Offensiven und bezog sich dabei auf Informationen seines Sohnes: „Bin durch die Mitteilungen von Fritzel auch sehr bewegt und zwar um so mehr, als ich schon längst das Gefühl hatte, als ob dort drüben [im Westen, Eduard befand sich an der Ostfront] nicht alles so ginge, wie es sollte [!].

Die Hauptsache ist, daß Fritzel mit heiler Haut heraus kommt. Wenigstens ist er jetzt endlich Bataillonsführer, mit seinem Magen in Ordnung und dadurch gerade bei ihm von höchster Bedeutung! - wieder besserer Stimmung. [...] Ich denke mit Euch immerfort an Fritzel! Er hat sich bis jetzt so brav und stramm gehalten, daß man den Hut vor ihm abnehmen muß! [...]

Vielleicht geht es heute im Westen und zwar im Norden - ich denke immer auf Amiens [Department Somme und Picardie] oder Calais oder auf beides gleichzeitig los. Es scheint mir die höchste Zeit. Gott schütze unsern lieben Fritzel! [...] Ich vertraue auf den guten Stern von Fritzel, der ihm ja bis jetzt so treu geleuchtet hat! Ach wie gerne wollte ich, daß sich der meinige verdunkelte, damit seiner desto heller strahlte..

Der immer größere Bedarf an Offizieren machte sich akut in den deutschen Offensiven im Jahre 1918 schmerzlich bemerkbar. Das Prinzip des Dienstalters für Beförderungen galt in Kriegszeiten schon lange nicht mehr. Bataillone wurden daher schon von Hauptleuten geführt, im Frieden übernahm üblicherweise ein Oberstleutnant oder zumindest ein Major diese Funktion. Diesen Posten musste nun Fritz als Rittmeister, also Hauptmann, ausfüllen.

[Ein Bataillon war in der kaiserlichen Armed ein militärischer Verband, in dem mehrere Kompanien oder Batterien einer Truppengattung zu einer festgelegten Einheit von 300 bis 1200 Soldaten zusammen gefasst wurden. Das Bataillon verfügte über einen eigenen Stab. Im Ersten Weltkrieg bestand die Stärke der Infanterie-Bataillone aufgrund der höheren Feuerkraft aus etwa 650 Mann, die sich in vier Kompanien mit einer Maschinengewehr-Abteilung aufstellten.]

Die Magenaffektionen bereiteten Fritz anhaltende Probleme. Sein Befinden hatte sich seit einem Lazarettaufenthalt in Straßburg im Februar 1916 kaum wesentlich gebessert. Wiederholte Koliken wiesen darauf hin. Zu einer nachhaltigen Wiederherstellung seiner Gesundheit erfolgte für Fritz vom 5. bis zum 25. August eine Weisung auf Schloss Eberstadt, dem damaligen Wohnsitz der Familie. 

Voller Bedenken schrieb Eduard am 5.8. 1918 an Maria: „Was macht nun Fritzel? Und was wird aus ihm? Ich weiß es nicht, es scheint mir aber die Sache dort im Westen nicht so zu gehen, wie man erwartet hatte.“

[Die Deutschen waren in der letzten Offensive, die im Juli 1918 langsam zu Ende ging, bis an die Marne vorgedrungen ohne einen entscheidenden Durchbruch zu erreichen. Ein eingeleiteter Vorstoß an der Marne beiderseits von Reims wurde unter schweren Verlusten von den Alliierten abgeschlagen. Die deutschen Truppen wurden durch einen am 18. Juli beginnenden alliierten Gegenangriff bis Anfang August auf die Linie vor der Frühjahrsoffensive zurückgeworfen. In der deutschen Kommandoebene wurde erkannt, dass die Stellung bei Chateau-Thierry unhaltbar war worauf sich die Verbände deshalb nach Norden zurückzogen.]

Eduard übermittelte Fritz am 10. August 1918 zu seinem neuen Dienstrang freudige Glückwünsche: „Herr Gott ist das eine gute Nachricht, die einzige seit langer Zeit! Grafuliere herzlich zum Urlaub und zum Kommandeur! Was wirst du mein goldiger Fritzel für eine Freude an deinen Kindern u. Maria haben! Ich kann mir das gar nicht ausmalen! Ich sende sofort an Maria ein kleines Paket mit 1 Pfund vorzüglichen Tees, etwas Zucker und einer neuen Zeltbahn - alles was ich zur Hand habe.“

Eduard sorgte sich ununterbrochen um den Gesundheitszustand seines Sohnes und er gab  Maria am 16. August den dringenden Rat: „Er soll sich krank melden! Anders wird es nichts! Wenn ihm der Kakao so gut bekommt und er ihn gerne nimmt, so gieb ihm ruhig (auch mit Zucker!) welchen mit!“ 

Eine schriftliche Nachricht von Fritz bereitete Eduard nachgerade einige Verärgerung, er sah Veranlassung dies im gleichen Brief zur Sprache zu bringen: „Nach allem was ich gehört habe, glaube ich, daß du recht hast und daß Fritzel mit seiner Gesundheit und mit seinen Nerven nicht in Ordnung ist. Nur so kann ich seine Äußerungen einigermaßen entschuldigen, über die ich mich sonst schämen müßte!" Am Schluss des Schreibens hieß es noch: „Grüße alle auch Fritzel, aber nur, wenn er sich krank meldet und sein Gebahren ändert.“

Während eines Besuchs in der Heimatstadt stellte ein Prof. Schmitt, Mediziner in Heidelberg, eine ernsthafte Gallenerkrankung fest, die unmittelbare Folge war am 18. August die Einlieferung  in das „Vereins-Lazarett“ Akademisches Krankenhaus Heidelberg. Schon am 26. August sollte sich Fritz einer kritischen Operation an der Galle unterziehen.

Eine größere Lieferung von Nahrungs-und Genussmitteln konnte Eduard noch am 19.8.1918 für Maria ankündigen, gleichzeitig informierte er sie jedoch auf das wenig erfreuliche Ende dieser heiß begehrten Lieferungen: „Sende dir heute in aller Eile Paket mit Kakao, Honig, Tee (den allerfeinsten!) u. Streichhölzer [Mangelware !]. 3 Kilo . Es ist das letzte Paket! Mehr giebts nicht! Sind das Paket v. 8.8. (Zucker, Kakao u. braune Decke. 4 Kilo), vom 10.8. (Zeltbahn, Tee u. Zucker. 3 Kilo) u. (nicht eingeschrieben!) vom 12.8. (Ueberreithosen, Watte, Briefpapier u. Bücher. 4 1/2 Kilo) eingetroffen? Bitte kurze Notiz! Nimm die letzte Sendung auch als mein Weihnachtsgeschenk! Fürchte, daß ich nichts, gar nichts mehr schicken kann.

[Das Universitätsklinikum Heidelberg prädestinierte sich dem Kriegsverlauf begleitend zu einer Lazaretteinheit. Das Großklinikum mit Bahnanschluss und zahlreichen Hotels und Pensionen konnte kurzfristig sicher bereit gestellt werden, sodass im Laufe der Kriegsjahre 30 Lazarette in Heidelberg mit bis zu 6500 Lazarettbetten zur Verfügung standen.

Universitätskliniken wurden als „Vereinslazarette“ requiriert, darunter das „Vereinslazarett“ Akademisches Krankenhaus/Heidelberg. Die Betreuung in den „Vereinslazaretten“ wurde nicht durch das Militär ausgeübt sondern durch das Rote Kreuz, durch Diakonissen und Ärzte der Universitätskliniken. Dadurch war von Beginn an, ein hoher medizinischer Standard gewährleistet.

Aus „Garnisonslazaretten“ wurden „Reservelazarette“. Die „Vereinslazarette“ waren öffentliche und privat geführte Institutionen, die allerdings in disziplinärer und organisatorischer Hinsicht den „Reservelazaretten“ unterstanden.]

Die Nachricht über das Datum des terminierten Eingriff übermittelte Maria ihrem Schwiegervater und Eduard signalisierte ihr darauf am 26.8. 1918: „Und nun grüße meinen lieben goldigen Fritzel herzlich von mir und wünsche ihm alles Gute! Zu Besorgnis ist ja wirklich absolut keine Veranlassung! Mir fällt durch deine Mitteilung wirklich ein ganzer Stein vom Herzen; auf jeden Fall ist Fritzel jetzt für längere Zeit geborgen!“  Die Information über den Zeitpunkt der OP beruhte wohl auf einem Missverständnis, die folgenden Notizen wiesen darauf hin.

Der Operationstermin wurde indes verlegt, denn am 27. August 1918 meldete sich Eduard erneut bei Maria: „M. liebe Tochter! Ach ich denke immer an Fritzel! Wer operiert? Wo? Im Lazarett oder in Priv. Klinik?“ Am 2. September 1918 sprach Eduard seinen Dank über die lang erwartete Nachricht von Maria aus: „Tausend Dank für die Karte vom 29.8. Natürlich war ich in größter Spannung, bin aber jetzt ganz beruhigt u. habe soeben auch Fritzel geschrieben ins Krankenhaus. Der gute hat die Operation nun längst hinter sich. [...] Fritzel hat eine lange Zeit der Erholung bei dir vor sich, wird dann gv, ohne allen Zweifel, bleibt uns erhalten u. wird später ein erfahrener Landmann! Beneidenswert!

[gv: milit. Begriff, bedeutet „garnisonsverwendungsfähig“. Dies war ein Tauglichkeitsgrad, der besagte, dass ein Soldat der „gv“ gestellt wurde, nicht an der Front eingesetzt werden konnte, sondern Garnisonsdienst in der Heimat leisten sollte.]

Eduard, erstmals erleichtert über den überstandenen Eingriff, offenbarte gegenüber Maria am 4. September 1918: „Bin so glücklich, daß ich heute den Herrn meines Stabes [Kommandobereich], die alle den lebhaftesten Anteil nehmen, zu einem Glas vorzüglichen Weines eingeladen habe. Werden auf Fritzels Wohl trinken!

An Fritz erging von Seiten der Ärzteschaft die dringende Empfehlung nach der angeordneten achttägigen Lazarettbehandlung eine Erholung  von ca. vier bis sechs Wochen anzutreten und nach dieser Zeit dann „zum Ersatz-Truppenteil „G.V.“ [„Garnisonsverwendung“] anzutreten.“ Dies bedeutete für Fritz, der sich bis dahin ständig in Kampfhandlungen bewegte, das endgültige Aus an lebensgefährlichen Aktivitäten.

Quelle: RA Jaroschinsky, Halle


In einem Feldpostbrief vom 20.10. 1918 an Maria drückte Eduard seine Hoffnung auf eine baldige Genesung seines Sohnes aus: „Du schreibst: Fritzel erholt sich recht. Das klingt nur 6 Wochen nach der Operation nicht gut genug. Die Hauptdache ist, daß der Gute seine Frohstimmung wieder gewinnt. [...] Mein großer Trost ist, daß Fritzel nun bei Euch geborgen ist und geborgen bleibt. Denn sollte wider Erwarten der Friede um jeden Preis nicht kommen, so ist seine Weiterverwendung an der Front ja doch vollständig ausgeschlossen!

[Die zweite große Schlacht an der Marne, wobei die erste Schlacht von 1914 noch in schlechter Erinnerung war, fand vom 16. Juli bis zum 8. August statt. Eine deutsche Offensive bei Reims erhielt unter schweren Verlusten durch die Alliierten einen Rückschlag. Dabei gelang es, fast den gesamte besetzten Teil der Champagne zu befreien. Die deutschen Truppen wurden durch einen am 18. Juli beginnenden alliierten Gegenschlag bis Anfang August auf die Linie vor der Frühjahrsoffensive zurück geworfen. Den kaiserlichen Einheiten fehlte dringend benötigter Nachschub, den völlig erschöpften Soldaten ging der Glauben an einen Sieg verloren. General Ludendorff beschloss am 20. Juli den völligen Rückzug an den Frontvorsprung zu vollziehen.

Neben den französischen und britischen Divisionen waren noch amerikanische und italienische Kräfte im Einsatz. Der 8. August war der entscheidende Durchbruch der Alliierten bei Amiens und der Auftakt der Schlussoffensive bis zum 11. November 1918. Die Initiative ging darauf endgültig an die feindlichen Verbündeten über. Der 8. August galt in der Kriegsbetrachtung als der „schwarze Tag“ des deutschen Heeres.

Durch den gemeinsamen Einsatz der Alliierten zusammen mit den Verbänden der USA lösten die Kämpfe eine bis dahin nie dagewesene Eskalation der Gewalt aus. Am Ende der Kampfhandlungen war die Champagne ein einziges Feld der Ruinen. Das Scheitern dieser letzten deutschen Offensive und die am 8. August 1918 begonnene und verlorene Schlacht bei Amiens begrub viele Hoffnungen. 

Die deutschen Verluste betrugen geschätzte 168 000 Mann, davon 29 000 Gefangene. Die Gegner verloren 95 000 Franzosen, 15 000 Briten, 12 000 Amerikaner und 10 700 Italiener. Die „Oberste Heeresleitung (OHL)“ unter Generalfeldmarschall von Hindenburg und  Generalstabschef Erich Ludendorff kam schließlich in ihrer Lageranalyse zu den Ergebnis, dass die militärische Lage aussichtslos zu werden drohte. Ludendorff forderte daraufhin von der Reichsregierung die sofortige Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen. Am Ende war die Niederlage nicht das Ergebnis einer großen Entscheidungsschlacht sondern lag in der Erschöpfung aller Ressourcen im Angesicht der alliierten Übermacht.

Die „OHL“ kam mit diesen weitreichenden Beschluss zur Auffassung, dass nach menschlichem Ermessen keine Aussicht mehr bestand, den Feinden einen Frieden aufzuzwingen. Der deutlicher werdende Zusammenbruch kam jedoch für die Öffentlichkeit in Deutschland völlig überraschend, bis zum Schluss wurden nämlich ständig Siegesmeldungen verkündet.

In die militärisch-ländliche Idylle des „Sturmbataillons16“, dem Fritz eine geraume Zeit angehörte, weit entfernt von den Hauptkampflinien der Westfront, muss der Waffenstillstand vom 9.11. 1918 wie ein Blitz eingeschlagen haben. Niemand in der Einheit hatte dies geahnt. In den Bataillons-Befehlen fanden sich keine Hinweise auf das bevorstehende Ende. So war noch in völliger Ahnungslosigkeit für den 8.11. 1918 die Vorführung eines Abwehrgefechts auf dem Übungsgelände geplant.

Das Deutsche Reich und seine Verbündeten hatten noch zu Jahresbeginn in Brest-Litowsk dem bolschewistischen Russland einen umfassenden Seperatfrieden aufgezwungen und im Anschluss mit den Offensiven auch im Westen die Kriegsgegner an den Rand der Niederlage gebracht. Kein feindlicher Soldat stand auf deutschem Boden. Im Gegenteil, deutsche Truppen kontrollierten weite Teile Europas. Für die Mehrheit der Bevölkerung war die Niederlage deshalb nur schwer nachvollziehbar. Wenig erstaunlich, dass alsbald über das unvermutete Kriegsende bestimmte Theorien im politischen Bewusstsein umliefen.]



Das Krieg ist zu Ende - Niedergang und Neuanfang



[Die Offiziere erlebten das Kriegsende in traumatischer Gefühlslage und erwachten wie aus einem Albtraum. Es war eine seltsame, unberechenbare Zeit zwischen dem Ende der Kämpfe an der Front und einer politischen Revolution in der Heimat. Wut, Scham und Enttäuschung, das alles vermengte sich in diesen Tagen zu einer brisanten Mixtur. Als die Waffen schwiegen fragten sich die Berufsoffiziere als erstes was aus ihnen werden sollte.

Der deutsche Zusammenbruch im Herbst 1918 bedeutete einen tiefen Bruch im Leben adeliger Offiziere. Kriegsniederlage, Revolution und Republikgründung bezeichnete einen Absturz aus großer Höhe. Im Kaiserreich waren sie eine privilegierte Sozialformation, jetzt drohte ihnen das Finale als Gesellschaftsstand. Es endeten die Prestigepotenziale einer bevorzugten Klasse und die Nähe zum Monarchen. Als schließlich auch noch die Vorrechte des Adels in der Weimarer Verfassung abgeschafft und die Armee auf ein 100 000-Mann-Heer begrenz wurde, hatten sich die Rahmenbedingungen ihrer Existenz innerhalb kurzer Zeit fundamental gewandelt. Es schien daher kaum verwunderlich, dass Offiziere aus Adel und Großbürgertum die entstehende Republik als Niedergang empfanden, die Ablehnung speiste sich auch aus dem Verlust beruflicher Perspektiven.

In den ersten Jahren nach dem Kriegsende verarmten weite Teile des Offizierskorps zusammen mit ihren Familien. Jetzt wertlose Kriegsanleihen, die auch im Besitz von Fritz waren, meist auf Empfehlung seines Vaters, man hoffte natürlich den Krieg zu gewinnen, vernichteten die Ersparnisse. Die Heimgekehrten mussten sich neue Existenzgrundlagen suchen.]

Ohne jeglichen Horizont erfuhr auch Fritz das Kriegsende. Zunächst  blieben die Einheiten noch bestehen und er versah seinen Dienst als Rittmeister. Die Demobilisierung ließ noch auf sich warten. Seine Gedanken bewegten sich jedoch schon um  mögliche und auch praktikable künftige Beschäftigungen, verschiedene Ideen beherrschten seine Vorstellungswelt. Die eventuell in Aussicht stehende Pension als ehemaliger Berufsoffizier war ungewiss und deren erwartete Höhe sicher nicht ausreichend um seine Familie einigermaßen zu unterhalten.

[Nachdem das große Ringen auf den Schlachtfeldern beendet war, kam das böse Erwachen, die Alliierten drohten nicht nur Deutschland schwere Sanktionen für eine zugeschriebene angebliche Kriegsschuld an, sie machten sich auch daran, diese rücksichtslos durchzusetzen. Gleichzeitig entwickelten sich in Deutschland revolutionäre Verhältnisse, besonders in den Großstädten. In Karlsruhe wurde ein „Arbeiter-und Soldatenrat“ gebildet und gab ab sofort den politischen Ton an, indem er für kurze Zeit die Richtlinien der Politik mitbestimmte.

Vom Matrosenaufstand Anfang November 1918 in Kiel ausgehend, bildeten sich zu Beginn der Revolution von 1918/19 in nahezu sämtlichen deutschen Städten Räte von revolutionär gesinnten Arbeitern und Soldaten. In einer spontanen Volkserhebung übernahmen sie von der als nicht mehr legitimiert angesehenen lokalen Macht die politische Gewalt. Trotz ihrer gegenüber Parteien eigenständigen Organisationsform gehörten die Räte überwiegend der SPD und USPD an.]

Fritz benötigte plötzlich eine Genehmigung des „Arbeiter-und Soldatenrates“ Karlsruhe um sich in den gewohnten militärischen Einrichtungen zu bewegen. Auf einem formlosen Blatt Papier erhielt er am 12. November 1918 einen derartigen handschriftlichen Beleg: „Ausweis. Vorzeiger dieses ist Rittmeister von Hoffmeister. Badisches Leibdragoner Regiment. Die Posten haben denselben überall passieren zu lassen.“ Das Schriftstück war mit zwei Abdrücken von Rundstempeln versehen: „Königl. Garnisonskommando Karlsruhe“ und „Arbeiter-und Soldatenrat der Stadt Karlsruhe“. 

"Karlsrue den 26.11.18
Ausweis
Vorzeigerin dieses 
Frau Rittmeister von Hoffmeister
hat die Erlaubnis den Schnellzug
von Osterburcken nach Karlsruhe benutzen
zu dürfen."

Links im Rundstempel: "Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt Karlsruhe."
Rechts im Rundstempel: "Königl. Garnisonskommando Karlsruhe."

Quelle: v.H.


[Bald nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. und der Ausrufung der Republik kam es in Karlsruhe zur Gründung eines „Arbeiter-und Soldatenrates“. Dieser war von Mannheimer USPD-Mitgliedern dominiert, die im Sommer zwangsweise eingezogen worden waren und in Karlsruhe Dienst taten. Am 11. November wurde der Karlsruher „Soldatenrat“ durch eine Wahl legitimiert und erhielt am folgenden Tag mit dem ebenfalls gewählten „Arbeiterrat“ einen gemeinsamen Vorstand. Die Verwaltung der Stadt durch den Stadtrat wurde im Einvernehmen mit dem „Arbeiter-und Soldatenrat“ geführt.]

In einem Brief vom 15. November 1918 äußerte sich Fritz mit Zeichen tiefer Verbitterung gegenüber seiner Frau über die gegenwärtigen als katastrophal empfundenen Zeitläufte: „Sitze mit dem guten Leßing momentan im Kasino und denken über den Zeitlauf der Dinge nach. Was aus uns wird, wissen wir noch nicht. Eben kommt ein Befehl, daß nur das Feldheer nicht in die neutrale Zone darf, daß wir alle da bleiben dürfen; es herrscht aber ein solches Durcheinander, daß jeden Moment andere Befehle kommen können. 

Urlaub kann ich jetzt unmöglich nehmen, denn ich habe momentan so rasend zu tun und es wäre unrichtig die Bahn ohne Grund zu benutzen. [...] Der Rückzug von der Front geht ganz ungeordnet vor sich. Die Soldaten werfen ihre Gewehre weg, verkaufen die Pferde, kurz Millionen über Millionen werden verschleudert. Es ist nur ein Glück, daß der Krieg zu Ende ist. [...] Im übrigen stehe ich mit dem Soldatenrat „au mieux [bestens].“

[Das „Feldheer“ formierte sich aus sofort einsatzfähigen, personell und materiell voll aufgefüllten Truppenteilen.  Es war ein Teil des Heeres, der überwiegend aus aktiven Einheiten bestand und die Hauptlast des Kampfes im Felde trug. Im vorliegenden Fall war dies freilich rein fiktiv und galt als unterscheidende Bezeichnung, von irgendwelcher Mobilität des „Feldheeres“ konnte nach dem Krieg keine Rede mehr sein.

Die alliierte Rheinlandbesetzung war eine Folge der Niederlage. Im Waffenstillstand von Compiegne am 11. November 1918 musste die provisorische Reichsregierung einwilligen, alle deutschen Truppen von der Westfront hinter den Rhein zurückzuziehen. Stattdessen besetzten Einheiten der Siegermächte Frankreich, Belgien, Großbritannien und die USA die linksrheinischen Gebiete sowie drei rechtsrheinische Positionen mit je 30 km Radius um Köln, Koblenz und Mainz.]

Die Eltern von Fritz interessierten sich naturgemäß für seine Überlegungen und über den möglichen  Erwerb eines Hauses irgendwo in Buchen oder Umgebung. Eduard, der immer noch in Litauen mit seinen Truppen beschäftigt war, plagte die Wissbegier und er erlaubte sich daher an seine Schwiegertochter an 17. November 1918 die Frage zu richten, geschickt kombiniert mit einer Ankündigung von Liebesgaben: „Wo werdet ihr Euch ein Nestchen aussuchen? Heute sende ich für dich ganz allein ein Kästchen mit 2 Flaschen wundervolles Weines, zur Stärkung und Erhebung in Stunden der Trübsal!“ Derartige Sunden waren in den unruhigen und entbehrungsvollen Zeiten reichlich vorhanden. 

[Die Bestrebungen für eine soziale Stabilisierung in der beginnenden Weimarer Republik, gerade zur Mietenpolitik hatte ihren Preis. Der Staat lähmte nachhaltig den Immobilienmarkt, der volkswirtschaftlich eine enorme Bedeutung besaß. Infolge brach der Markt für Mietobjekte, im gleichen Rahmen auch für einzelne Häuser weitgehend ein.

Die Verkäufer mussten im Vergleich zu den Vorkriegsjahren ein beträchtliches Minus hinnehmen. Die realen Immobilienwerte lagen dabei um fast ein Drittel niedriger als vor dem Krieg. Dies eröffnete für den ehemaligen Frontoffizier Fritz eine günstige Gelegenheit zum Kauf eines Hauses in Buchen. In der Bödigheimer Straße befand sich dazu noch ein ansehnlicher Grund und Boden, geeignet für eine Eigenversorgung durch landwirtschaftliche Nutzung.

Ein ganz wesentlicher Faktor zur Etablierung eines eigenen Hausbesitzes erbrachte das im Mai 1920 verabschiedete „Reichsheimstättengesetz“ , das unmittelbar an die Weimarer Reichsverfassung anknüpfte. Hauptzweck des Gesetzes war ein geschützter Erwerb und Besitz vom Wohneigentum. Die sogenannten Heimstätten vergaben staatliche und kommunale Einrichtungen. Das Gesetz sah u.a. vor, dass Kriegsteilnehmer bei der Zuteilung bevorzugt wurden. Grundstücke mit einem Einfamilienhaus, verbunden mit landwirtschaftlich nutzbarem Anwesen konnten die Eigenschaft als Reichsheimstätte erlangen. Verknüpft waren damit erhebliche pekuniäre Vorteile wie das Fehlen anfallende Gebühren, Stempelabgaben und Steuern.

Nach Kriegsende fanden die meisten Offiziere die empfundene Niederlage und die Rückkehr in die Heimat entwürdigend und demütigend. Das Vaterland bekundete jedoch vielerorts immerhin offen seinen Dank, die meisten Städte und Dörfer waren zum Empfang der Heimkehrer mit Flaggen und Blumen geschmückt. Nach den opfervollen und tödlichen Waffengängen und dem nunmehrigen Ende des Krieges erfuhren die Soldaten in weiten Teilen der Bevölkerung ungeteilte Anerkennung.]

Schon in einem Schreiben vom 14. Juli 1918 an Maria ist die Neugier von Eduard kaum zu bremsen: „Bin auch gespannt auf die weitere Entwicklung Euerer Familienangelegenheiten!“ Im Teil eines Feldpostbriefes, ein Datum fehlte, bemerkte Eduard gegenüber seiner Frau ebenfalls: „Bin sehr begierig, wohin Fritzel sich setzen wird, denn ein Weiterdienen ist ja ausgeschlossen!

Noch am 30.11. 1918 korrespondierte Eduard mit Maria über deren Hauspläne: „Habe auch gleich an Fritzel geschrieben, daß deine Absicht auf ein Landgütle u. Landhäusle mr sehr verständig erscheint, aber keine Uebereilung, sonst kommt die Reue! Da ich die gleiche Absicht habe, bin ich natürlich gespannt, wohin ihr schielt.“

Das Regiment allein und dessen eventuelle Übernahme in die Reichswehr schien ihm, sofern es überhaupt bestehen blieb, was mehr als ungewiss war, keine Perspektiven für eine sichere Zukunft mehr zu bieten. Fritz schaute sich derweil in der Freizeit nach anderen Betätigungsfeldern um, eine Tätigkeit, wo er sich bestens auskannte, übte er bereits aus. Eduard bedeutete am 19. Dezember 1918 in dieser Hinsicht seiner Frau u.a.: „Aus einer Karte Marias vom 11.12. entnehme ich mit wirklicher Freude, daß Fritzel z.Zt. in Eberstadt mit Pferden verkaufen beschäftigt ist, auch daß er voraussichtlich dort bis über Neujahr bleiben wird. Das ist eine gute Fügung, und er kann, wenn er an seinen alten vielgeplagten, fernen Vater denkt [Eduards währende Dienstverpflichtung im Osten] wahrlich zufrieden sein. Er hat eben einen guten Stern, der ihn auch nicht verlassen wird.“

Nach dem Krieg waren die Preise für Häuser recht moderat, bedingt durch die wirtschaftliche Misere, bestanden kaum Nachfragen auf dem Immobilienmarkt und für Fritz ergab sich eine Gelegenheit in Buchen, Bödigheimer Straße 3, ein Anwesen günstig zu erwerben. Eduard meinte dazu in einem undatierten Brief, entweder vom Dezember 1918 oder zu Anfang 1919: „Freue mich deiner guten Stimmung. Glaube auch, daß dein Hauskauf nicht unverständig war, besonders nach dem das Schwanenwirtstück noch zu erwerben ist. Wegen des Streifens hinter dem Haus würde ich nicht drängen; der läuft dir nicht fort und wird immer noch zu haben sein, wenn es dir erwünscht erscheint. Deine Mutter hat dir nun gesagt, sie würde dir unter die Arme greifen, - mit Rücksicht darauf und da es wir gut machen können, schenken wir dir hiermit die bisher geliehenen M 14 000. Ich denke, du wirst zufrieden sein; es ist doch ein großes Geschenk.“ Sein finanzielles Polster aus Anlagen und die Unterstützung der Eltern machten es möglich, die hauptsächlichsten Zuwendungen stammten aus dem begüterten Elternhaus von Fritz, von der Rüdt’schen Seite, das heißt von seiner Schwiegermutter, waren unterdes keine Geldmittel zu  erwarten.

Auszüge aus den Briefen an Maria machten dies auch deutlich, so bekannte Eduard bereits am 15. Februar 1918: „Ich habe Euch abgefunden, selbständig gemacht und in den Sattel gehoben, - nun seht zu, wie Ihr reitet!“ Und wieder am 13. April 1918: „Auch mir ist es sehr recht, wenn Ihr solide Landleute werdet. Was ich dazu verhelfen kann soll gewiß geschehen.“ Der Hauskauf war eine durchaus optimale Entscheidung, wie sich später in den heraufziehenden wirtschaftlichen und inflationären Turbulenzen, herausstellen sollte. 

Nach Kriegsende erfolgte für Fritz vorerst eine neue Dienstverwendung und eine Stationierung in der Garnison Schwetzingen. Dort bestand die Aussicht einen Posten beim 2. Dragoner-Regiment Nr. 21 zu erlangen. Schwetzingen war neben Bruchsal eine weitere Garnison der 21er Dragoner. Eduard stellte noch befriedigt fest: „Besonders freut uns deine Aussicht, Schwetzinger Schwadron zu bekommen.“

[Schwadron ist ein anderes Wort für Eskadron und bezeichnet die kleinste administrative und taktische Einheit der Kavallerie. Vergleichbar mit der Kompanie der Infanterie oder der Batterie der Artillerie. Die Sollstärke umfasste ca. 120 bis 200 Reiter, befehligt wurde die Einheit von einem Rittmeister oder Major. Zu Beginn des Krieges führte Fritz in der Charge eines Oberleutnantd die 1. Eskadron in einer bravourösen Attacke gegen die Franzosen, dieser Einsatz verblieb im Gedächtnis des Regiments und fand gar eine Würdigung in der Geschichte der badischen Leibdragoner.

[Es gab drei Badische Dragoner-Regimenter: Das 1. Badische Leibdragoner-Regiment Nr. 20 mit der Garnison in Karlsruhe, das 2. Badische Dragoner-Regiment Nr. 21, nach der Uniform auch „Gelbe Dragoner“ genannt mit Standorten in Bruchsal und Schwetzingen, sowie das 3. Badische Dragoner-Regiment Prinz Karl Nr. 22 mit der Garnison in Mülhausen/Elsass.]

Die letzten vergangenen Kampfhandlungen, Unruhen in der Heimat sowie seine Operation hatte Fritz mit heiler Haut überstanden. Am 22. Dezember 1918 war Fritz offiziell wieder zu seiner Stammeinheit, dem 1. Badischen Leibdragoner-Regiment Nr. 20 eingerückt. Vier Jahre, fast die gesamte Dauer des Krieges war er von seinen Kameraden getrennt gewesen. Wegen seiner Erfrierungen wurde er im Dezember 1914 zur Behandlung nach Karlsruhe zurück geschickt und von dort aus erfuhr Fritz unterschiedliche Verwendungen und Einheiten, wobei der Aufenthalt im „Sturmbataillon 16“ mit all erlebten Facetten sicher einen Höhepunkt darstellte.

Im Verlauf des Krieges war Fritz in gewaltigen und heftigen Begegnungen an allen drei Fronten unter Dauerbeschuss gestanden. Eine chronologische Aufzählung soll nochmals eine Summe seiner aktiven Beteiligungen an der West-, Ost-, und Alpenfront, aufzeigen. Die zahlreichen Feindberührungen addieren sich zu einem Ergebnis  mit spektakulären Aussage:

8. 8. 1914.                    Gefecht bei Spincourt.     
10.8. 1914.                   Gefecht bei Villon
21.25.8. 1914.              Schlacht bei Longwy
30.8.-2.9. 1914.            Schlacht an der Maas
5.9.-11.9. 1914.            Schlacht am Rhein-Marne-Kanal
4.10. 1914.                   Gefecht in Lille
5.u.6.10. 1914.             Gefecht bei Deulemont.    X
8.-14.10. 1914.             Kämpfe um Bailleul
15.-29.10. 1914.           Schlacht bei Lille
11.11. 1914.                 Gefecht bei Lubraniec
12.11. 1914.                 Gefecht bei Borzymy
13.11. 1914.                 Gefecht bei Unislawice Grodno
15.11. 1914.                 Schlacht bei Kutno
17.11.-15.12.1914.       Schlacht bei Lodz
23.11.-24.11.1914        Durchbruch bei Brezeziny
16.12.1914-12.1.1915  Schlacht an der Nawka-Bzura
14.-21.6. 1915.             Gefecht am Hilsenfirst
15,-18.10. 1915.           Gefecht am Sudel
21.12.1915-9.1.1916    Weihnachtskämpfe um den Hartmannsweilerkopf und Hirzstein
10.1. 1916.28.9.1917   Stellungskämpfe im Oberelsass
6.-22.10. 1917.             Stellungskämpfe in den venezianischen Alpen
24.10.-3.11. 1917.        Schlacht bei Udine
4.11.-11.11. 1917.        Verfolgung am Tagliamento bis zur Piave
6.und 7.11. 1917.         Kämpfe um die Livenza-Übergänge
8.11.. 1917.                  Einnahme von Vittorio
9.11. 1917.                   Gefecht bei Lago
12.-26.11. 1917.           Stellungskämpfe an der unteren Piave
27.11.-14.12. 1917.      Gebirgskämpfe in den venezianischen Alpen
27.12.1917.4.6.1918    Stellungskämpfe im Oberelsass
6.6.-18.6. 1918.            Stellungskämpfe in Lothringen
19.6.-14.7. 1918.          Stellungskämpfe bei Reims
15.7.-17.7. 1918.          Angriffsschlacht an der Marne und in der Champagne
18.7.-22.8. 1918.          Stellungskämpfe bei Reims

Fritz bewegte sich dabei für Wochen und Monaten in andauernden Materialschlachten, die immer wie Massaker verliefen. Das Ausmaß und die Intensität der Technik dominierte den Krieg. In der brutalen Realität der Stellungskämpfe entschied oft genug nicht persönlicher Mut oder Tapferkeit über den Ausgang einer Kampfhandlung, sondern die Zuverlässigkeit und Präzision der eingesetzten Waffen sowie die Menge vorhandener Munition.

[Die Erfahrung in einer auf Leben und Tod ausgesetzten Gemeinschaft schuf eine spezifische Wahrnehmung des Krieges für die ganz vorne im Feuer stehenden militärischen Führer. Der Stolz auf die in der Abteilung vollbrachten Leistungen kennzeichnete das Wertesystem von Fritz als Frontoffizier. Keine Gruppe in der Armee lieferte einen so hohen Blutzoll wie junge Truppenoffiziere, also gerade die Leutnants und Oberleutnants.

Von ca. 50 000 [in der Literatur wird von unterschiedlichen Zahlen gesprochen] aktiven Offizieren fielen im großen Krieg etwa ein Viertel. Über Jahre hinweg dem zivilen Leben entfremdet und im gewaltigen Ringen zur „Kriegsmaschine“ mutiert, war es für eine Mehrzahl von Offizieren des Ersten Weltkrieges sehr schwer sich wieder in bürgerliche Gesellschaften einzugliedern.]

Eduard beklagte sich in einem Feldpostbrief vom 2. Januar 1919 bei seiner Frau Johanna ausführlich über die unhaltbaren Zustände und die überall auftretenden bolschewistischen Umtriebe unter seinen Truppen, dabei kam er auch auf seinen Sohn zu sprechen: „Hat Fritzel schon seinen Abschied eingereicht? Hoffentlich! Er hat ja die schwere Operation durchgemacht und ist damit, wenn er es klug und verständig anfängt, immer pensionsberechtigt. Wie hoch diese freilich sein wird, ist ungewiß!

In einem Brief an Maria vom Februar 1919, leider undatiert, gratulierte ihr Eduard zum Geburtstag und erwähnte darin auch: „ Fritzel war gestern hier und ich mit ihm 2 Stunden zusammen. Ich fand ihn sehr wohl,  frisch u. verständig. Er hat ja, wie ich auch, jetzt mancherlei Sorgen, die er aber wohl mit deiner Beihilfe überwinden wird, denn du bist ihm eine gute Partnerin! [...] Fritze ist entschlossen, falls die Aufforderung an ihn ergeht, nicht nach dem Osten [Eduard bezog sich auf die gebildeten Grenzschutzeinheiten] zu gehen. Und das ist recht und gut. Er hat ja seine Operation, die ihm die Absage erleichtert und auch wohl den Weg zur Pension ebnet!“ 

Fritz sah für sich als Offizier keine Zukunft mehr, auch seine angegriffene Gesundheit hatte sicher eine Rolle gespielt. Der verhängnisvolle Versailler Vertrag vom Mai 1919 führte zu einer totalen Strukturänderung der Armee, im Endeffekt zu einer radikalen Schrumpfung der deutschen Streitkräfte. Fritz hielt sich an den Rat des Vaters, handelte aber auch nach seinen ureigensten Ambitionen. Dem Vorhaben seines Regiments sich den Abwehrkämpfen an den östlichen Grenzen anzuschließen, leistete er keine Folge, diese Option versprach keine nennenswerte Zukunft für ihn. Er hatte ja, sein Vater erwähnte es bereits, mit seiner überstandenen  Operation ein überzeugendes Argument. Gemäß seinen Absichten reichte er am 29. März 1919 seinen Abschied ein.

[Die Demobilisierung brachte weitreichende Veränderungen für große Teile der Bevölkerung sowie für die Betroffenen selbst. Die psychische und physische Erschöpfung der Menschen und die gewaltigen wirtschaftlichen Probleme bestimmten die Innenpolitik der ersten Jahre der Republik und in weiterer Folge bedingt durch radikale politische Lösungsversuche, sogar die Außen-und Bündnispolitik zahlreicher europäischer Nachbarstaaten und der USA.]

Text:

Schloß Eberstadt, den 29.3. 1919
Abschiedsgesuch
An das 1. Badische Leib Dragoner Regiment Eppingen
Bezugnehmend auf das Schreiben vom 25.3. 19 - 391 pers. bitte ich das Regiment gehorsamst, dieses mein Abschiedsgesuch weitergeben zu wollen, da ich zu einer Feldversendung bei Grenzschutz-Oberost wegen meiner erst kürzlich stattgehabten schweren Gallensteinoperation körperlich nicht mehr tauglich bin. Ich bitte den Abschied unter Genehmigung der gesetzlichen Pension nebst Kriegsbeschädigten-Unterstützung sowie mit der Erlaubnis zum Tragen der Uniform meines Regiments, den ich über 15 Jahre angehört habe.
von Hoffmeister
Rittmeister

Am linken Rand des Gesuchs fand sich eine amtliche Notiz: „Kriegszulage?“ Die Fragestellung deutete an, dass diese Angelegenheit noch auf die Wartebank geschoben wurde, bis eine endgültige behördliche Entscheidung darüber gefallen war.

[Im März 1919 wurde durch die Reichsregierung die Bildung der neuen „Reichswehr“ beschlossen. Beim beschränkten Umfang der neuen Armee war eine sorgfältige Auswahl des Personalbedarfs machbar und wurde demgemäß strikt durchgeführt. Von den ehemaligen 38 000 [unterschiedliche Angaben] Berufsoffizieren im Jahre 1918 wurden gerade 4000 übernommen, diese Anzahl entsprach den diktierten Bestimmungen. Die Auswahl betraf vorwiegend Generalstabsoffiziere und solche aus Offiziersfamilien. Demokratisch gesinnte Kandidaten erfuhren eine deutliche Ablehnung.. Der Adel war überdurchschnittlich repräsentiert. Die Homogenität des Offizierskorps stellte sich dabei sogar noch größer dar als in der Alten Armee des Kaiserreichs.

Im Friedensvertrag von Versailles vom Mai 1919 musste sich Deutschland verpflichten, den Umfang und die Bewaffnung seiner Armee derart zu beschränken, dass hinfort die militärischen Verbände ausschließlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb Deutschlands und als Grenzschutz verwendet werden durften. Die Personalstärke der neuen Armee wurde auf ein Berufsheer von 100 000 Mann, zuzüglich einer 15 000 Mann starken Marine limitiert.

Damit wurde bewusst eine Elite herangebildet, gewissermaßen die crème de la crème de la classe supreme. Jeder Soldat erfuhr eine derart gezielte Ausbildung, dass er möglichst die Eignung für eine höhere Verantwortlichkeit erhielt. Diese Kaderstruktur war hauptsächlich mitverantwortlich für die rasche Schaffung eines schlagkräftigen Personalgebildes, welches in der neu gebildeten Wehrmacht erfolgreich zu deren überraschenden Stärke beitrug.]


[In der Weimarer Republik tobte ein stetiger Streit  von hoher politischer Brisanz über die Farben der neuen deutschen Reichsflagge zwischen schwarz/weiß/rot und schwarz/rot/gold. Es bewegte die Bevölkerung in hohem Maße bis zur Spaltung in zwei Lager. Eine neue Flagge in entsprechenden Farben sollte den demokratischen Wandel zur republikanischen Staatsform betonen.

Die Befürworter der schwarz/rot/goldenen Version taten sich schwer gegen eine starke ablehnende Mehrheit, die für die alte Flagge votierten. Im Jahre 1919 legte Reichspräsident Ebert für die Reichswehr einen Modus fest, der wohl beide Seiten zufrieden stellen sollte: auf den kaiserlichen Farben schwarz/weiß/rot prangte das Eiserne Kreuz und die Farben der Republik erhielten einen kleinlauten und zaghaften Platz in der linken Oberecke. Die Auseinandersetzungen waren dennoch damit keinesfalls beendet.]

Fritz wäre sicher für die neu gebildete Reichswehr in Betracht gekommen. Er war ein hoch verdienter Offizier, bewährt an allen Fronten, er brachte überaus wertvolle Erfahrungen aus dem „Sturmbataillon 16“ mit und entstammte zudem aus einer Offiziersfamilie, wobei sein Vater als aktiver General im Felde beachtliche Erfolge vorweisen konnte. Gleichwohl überzeugten die argumentativen Einwände zur angegriffenen Gesundheit, die seine Weiterverwendung verhinderten.

[Das Recht zum Tragen der Uniform des ehemaligen Regiments, dem man angehört hatte, stellte eine besondere Ehre dar und bedurfte einer speziellen Erlaubnis. Diese konnte in der Regel nach einer Dienstzeit von mindestens 12 Jahren gewährt werden, sofern keine gegenteiligen Einwände vorhanden waren.

„Oberost“ war die gängige Abkürzung für den „Oberbefehlshaber Ost“. Der Begriff wurde dann auch für die Gebiete verwendet, welche von November 1915 bis Juli 1918 unter die deutsche Besatzung an der Ostfront fielen. Das eroberte Gebiet war riesig und erstreckte sich mit einer Fläche von 100 000 Quadratkilometern über Kurland, einige litauische Gebiete und westliche Regionen von Weißrussland.

Mehr als sechs Mio. Männer umfassten die militärischen Verbände im Dezember 1918. Diese mussten sich nach den Geboten des Waffenstillstandes umgehend auf das Reichsgebiet zurückziehen, um demobilisiert zu werden. Die meisten hatten mehr als genug vom Krieg, allerdings nicht alle. Ein ansehnlicher Prozentsatz war bereit für ureigene politische Vorstellungen weiterhin zu kämpfen.

Jede Menge Waffen, die während des Krieges ausgegeben wurden, blieben einfach verschwunden. In der Folge kam es zu heftigen Konfrontationen zwischen linken und rechten Revolutionären. Zudem wurden Soldaten für den „Grenzschutz Ost“ benötigt. Dieser bildete zugleich einen Teil der vorläufigen Reichswehr, es wurden Strukturen zu einer raschen Mobilisierung von Einsatzkräften für den Fall eines polnischen oder sowjetrussischen Vorstoßes auf deutsche Gebiete aufgebaut. Im neu erstandenen Polen gab es Volkstumskämpfe, im Baltikum wurden ebenso Einheiten gebraucht, um gegen kommunistische Aufständische zu kämpfen.

Diese „Schwarze Reichswehr“ setzte sich aus diversen Wehrtruppen zusammen. Zugleich bildeten sich Freikorps aus militärischen Verbänden der alten Armee, die auf die Demobilisierung warteten. Die Grenzen zwischen Reichswehr und Freikorps waren fließend. Ein ganz wesentliches Kriterium war die Entlohnung. Mit dem üblichen Sold im vergangenen Krieg plus erheblicher Zulagen erschien es vielen verlockend mitzumachen, wenn man dazu die damaligen Löhne in einer extrem angeschlagenen Wirtschaft verglich. Zahlreiche frühere Angehörige des „Grenzschutzes Ost“ schlossen sich alsbald den Freikorps an, was für eine große Anzahl sorgte. Zu Beginn des Jahres 1920 zählte man bis zu 400 000 Mitglieder. Bis 1923 wurden die Freikorps  dann schrittweise aufgelöst.]


Harter Alltag in der Weimarer Republik

Die völlig unerwartete Niederlage im vergangenen Waffengang entließ eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, auf einer Seite sichtbare Verarmung während eine provokante Öffentlichkeit von Kriegsgewinnlern einen lasziven Lebensstil vorführte. Soziale und ideologische Gegensätze dominierten das tägliche Leben. Wirtschaftliche Not diktierte in den Jahren nach dem Krieg das tägliche Leben eines Großteils der Bevölkerung. Die Folgen waren stets präsent, ein chronischer Mangel an Grundnahrungsmitteln war in den meisten Familien die Regel und nicht die Ausnahme.

Der Schleichhandel mit Kartoffeln, Eier, Mehl und Zucker blühte. In der aufkommenden Inflation verschärfte sich die Situation zusätzlich. Die Rationierung von Lebensmitteln wurde nach dem Krieg nur allmählich abgebaut. 1919 zuerst für Eier und Fisch, anschließend folgten Kartoffeln und Fleisch und Monate später Brot, Getreide, Butter und Milch. Die Diskrepanz wurde sichtbar an der Entwicklung der Einkommen, so erreichte der Reallohn erst 1928 wieder den Stand vom Jahre 1914! 

Die Folge war, dass sich ein System von Selbstversorgung flächendeckend in Stadt und Land verbreitete. Die Bewohner der Großstädte hatten dabei das Nachsehen. Fritz, der ehemals stolze Offizier konnte sich glücklich schätzen, ein genügend großes Grundstück zu besitzen - auch begünstigt durch das „Reichsheimstättengesetz“ - um seine Familie mit dem Nötigsten versorgen zu können. Auf dem Gelände in der Bödigheimer Straße fand Fritz ideale Bedingungen zum Anbau von Kartoffeln, Erbsen und Bohnen. Die Ernte wurde verarbeitet und auch für den Winter eingelagert. Hühner sorgten für frische Eier. Daneben wurde in Eberstadt ein Schwein gehalten, um nach der frühwinterlichen Schlachtung den heißbegehrten Fleischgenuss zu decken.

Das Offiziersdasein endete somit wenig spektakulär und ohne Glanz und Gloria. Fritz musste sich völlig neu orientieren und sah seine Funktion künftig als freischaffender „Landwirt“ auf eigener Scholle, anliegend bei seinem Haus in der Bödigheimer Straße in Buchen. Derlei Vorstellungen beschäftigten ihn schon geraume Zeit. Die Versorgungslage im Reich hatte sich kaum wesentlich gebessert und war unverändert miserabel. Viele Menschen in Deutschland mussten hungern. Zum neu erworbenen Haus der Familie gehörte eine größere Grundstücksfläche, welche zur Haltung von Tieren und zu Gemüse-und Kartoffelanbau durchaus geeignet erschien. Eduard verfolgte diese Bestrebungen zur Selbstversorgung aufmerksam und erkundigte sich gelegentlich am 2. April 1919 nach den Fortschritten in der Tierhaltung: „Was macht deine Stallangelegenheit [...]?“

Stuhl mit dem Familienwappen als Erinnerung an das ehemalige Offizierskasino der Badischen Leibdragoner in Karlsruhe
Quelle: v.H.


Auf Anordnung des badischen Leibdragoner-Regiments wurde am 2. Mai 1919 eine militärärztliche Bewertung in Auftrag gegeben, um bei Fritz die eventuelle Dienstunfähigkeit und die damit korrelierende  Pensionsberechtigung nach seinem Abschiedsgesuch zu konstatieren. Auch basierend  auf bereits früher erstellten Beurteilungen ließen die Diagnosen gesundheitliche Schäden erwarten, die sicherlich eine erhebliche Beeinträchtigung des militärischen Dienstes erwarten ließen. 

Zu den wieder aufgeführten Befunden zählten Schmerzen in der Operationsregion und auftretende Magendrucke, welche nach ärztlicher Meinung ohnehin eine erhebliche Behinderung für Kavalleristen darstellten. Von ärztlicher Seite erkannte man eine Gelbfärbung der Augen, welche gleichfalls eine Folgeerscheinung des Magenleidens darstellte. Auch sein altes Dilemma der erfrorenen Füße, herrührend vom Gallizienfeldzug, machte Fritz kontinuierlich zu schaffen. Nach seiner Darstellung trat bei kaltem Wetter ständig ein Brennen an den betroffenen Körperteilen auf. Dieses wenig angenehme Leiden war zu einer permanenten Erinnerung an die große Schlacht um Lodz geworden. 

Das Gutachten stellte auch fest, dass Fritz zur Behandlung der Erfrierungen bereits vom 12.1. 1915 bis zum 23.2. 1915 zu einer Revierbehandlung [Behandlung im Lazarett der Kaserne] eingewiesen wurde. Die Behandlung im Lazarett war kaum beendet, da erfolgte sogleich die strikte Order: „nach 1/4 Jahr [im Revier] wieder an die Front.“ Ein Befehl, der in jenen Tagen schon auf einen vorherrschenden Mangel an Offizieren hinwies, so dass kaum genesene Chargen wieder auf die Schlachtfelder geschickt wurden.

Auch die körperlichen Werte fanden Aufnahme im Untersuchungsbericht vom Mai 1919: „Größe 1.70 m, Gewicht 72 kg. Gut genährt, mittleres Fettpolster, frisches Aussehen. Haut und sichtbare Schleimhäute gut durchblutet. Kein Ikterus [Gelbfärbung der Haut, Schleimhäute sowie der Lederhäute der Augen]. Herz und Lunge ohne Abweichung von der Norm. Reflexe ohne Besonderheit.“ Am Bauch fanden sich die bekannten Folgeerscheinungen der überstandenen Operation. Zusätzlich diagnostizierte der Kriegs-Assistenzarzt noch eine Kurzsichtigkeit beider Augen. Augengläser hatte Fritz jedoch nie getragen. Dieses Defizit zeigte sich bereits in seiner Weißenburger Schulzeit, bei der sein Vater vehement gegen die Benutzung einer Brille votierte.

Das medizinische Urteil lautete knapp formuliert: „Rittmeister von Hoffmeister leidet an den letzten Folgeerscheinungen einer überstandenen Gallenblasenoperation und Kurzsichtigkeit.“ Der Mediziner stellte für die Bestrebungen von Fritz zum Erhalt einer „Kriegszulage“,  ein durchaus positives Gutachten aus. Er hielt nämlich fest, dass Paratyphusbazillen durch die „Schädlichkeiten des Felddienstes“ zu einer Infektion der Gallenblase geführt hätten.

Die Erhebung des Militärarztes war nach der erhobenen Diagnose eindeutig, eine Fortsetzung des aktiven Dienstes wurde zunächst abgelehnt, das schriftliche Gutachten lautete entsprechend, dass Fritz „für dauernd unfähig zur Fortsetzung des aktiven Militärdienstes, [...] der Untersuchte den Anforderungen an ausdauernde Marschtätigkeit und an die Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse vorerst nicht mehr gewachsen ist.“ Eine Nachuntersuchung nach einem Jahr erachtete der Assistenzarzt trotzdem für unbedingt erforderlich.

Am 3. Mai 1919 wurde zur Freude von Fritz als drittes Kind wieder ein Sohn geboren, er wurde nach dem zu Beginn des Krieges gefallenen Bruder von Maria auf den Namen Gottfried getauft, später immerzu Gögger oder Götz geheißen. Er war der Vater von Alexander und Angelika. Gottfried war der letzte von Hoffmeister der zwar in Heidelberg geboren, aber noch auf Schloss Eberstadt erste Lebensmonate verbrachte, wobei sich der neue Wohnsitz in Buchen aber bereits ankündigte.

Der Hausbesitz in Buchen mit dem großen Grundstück und der Möglichkeit zur Nutztierhaltung diente wohl schon einer Selbstversorgung, der Umzug stand jedoch unmittelbar bevor, wie aus einem Brief Eduards vom 12. Juli 1919 an Maria zu entnehmen war: „Außer den allgemeinen Schwierigkeiten habt Ihr jetzt noch mit den Umsiedelungsschwierigkeiten zu kämpfen. Die werdet Ihr aber bewältigen, denn Ihr seid jung, und habt die prächtigen Kinder! Zudem ist Fritzel ein praktischer Kerl, der alles richtig anzufassen versteht.“

Der Kommandeur der 28. Division von Fritz, als Chef der übergeordneten Dienststelle des Regiments, hatte nach der gesundheitlichen Untersuchung am 25. Mai 1919 entschieden: „Ich erachte nach pflichtmäßigem Ermessen den Rittmeister von Hoffmeister, da er an den letzten  Folgeerscheinungen einer überstandenen Gallenblasenoperation, an Kurzsichtigkeit und an Hautjucken bei Kälte infolge Fußerfrierung leidet, zur Fortsetzung des aktiven Militärdienstes für unfähig.“ Dieser Beschluss wurde anschließend vom preußischen Kriegsministerium anerkannt und analog beschieden.

[Das Deutsche Reich befand sich nach Kriegsende in großen ökonomischen Schwierigkeiten. Die Wirtschaft war durch die Anstrengungen des gewaltigen Waffenganges bankrott. Damit nicht genug, die Verschlechterung intensivierte sich beträchtlich durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags vom Mai 1919. Deutschland wurde verpflichtet, für Verluste, Ausgaben und Schulden der ehemaligen Kriegsgegner aufzukommen. Ab 1921 bis zum Jahre 1923 setzte noch eine Hyperinflation ein, bis 1924 mit einer Währungsreform endlich  die Reichsmark (RM) eingeführt wurde. Diesen Realitäten sah sich Fritz mit seiner Familie zusammen mit vielen Mitbürgern in den ersten Jahren der Weimarer Republik ausgesetzt.]

Bislang war es Eduard, der bis zuletzt immer wieder Nahrungs- und Genussmittel aus den ländlichen Gebieten Litauens beischaffen und in die Heimat transferieren konnte. Jetzt hatte sich das Blatt jedoch gewendet. Die Tage Eduards in der Armee, in der er große Erfolge feiern konnte, gehörten endgültig der Vergangenheit an, seine Verbände wurden aufgelöst, in die Heimat transferiert und damit war es für ihn ein Abschied für immer. Günstige Möglichkeiten um an Nahrungsgüter zu gelangen, fanden seit seiner Heimkehr aus dem Osten ein Ende. Eduard und seine Frau waren jetzt selbst auf der Suche nach den begehrten Ressourcen.

Da er von den begonnenen agrarischen Tätigkeiten von Fritz Kenntnis hatte, richtete er gezielte Wünsche nach Buchen. in einem Brief vom 12. Juli 1919 an Maria benannte er es unverhohlen: „Fritzel erzählte, Ihr hättet jetzt dort soviel Eier und Butter! Bitte bitte schickt uns! Ich werde es getreulich hüten und gewiß nicht vergeuden! Auch Mehl, wenn ihr habt!

Am 7. August 1919 erhielt Fritz vom preußischen Kriegsministerium die offizielle Entlassung mit der amtlichen Formulierung: „Der Abschied mit der gesetzlichen Pension aus den aktiven Heere wird bewilligt dem Rittmeister von Hoffmeister im Leib-Drag.-Rgt.20, gleichzeitig wird der Offizier bei den Reserveoffizieren des betreffenden Truppenteils angestellt.
Weimar, den 7. August 1919.
Der Kriegsminister
gz. Reinhardt

Quelle: v.H.

[Walther Reinhardt, 1872-1930, Offizier im Ersten Weltkrieg. Vom 3. Januar bis zum September 1919 war Reinhardt der letzte Kriegsminister Preußens. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Unterzeichnung des Versailler Vertrags und der Abtretung von Gebieten im Osten Deutschlands gehörte Reinhardt zu den Planern der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem dann später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte.]

Am 22. August 1919 übersandte Eduard an seine Frau eine ausführliche Berichterstattung eines Besuches bei der Familie seines Sohnes in Buchen. Ein Quartier im neubezogenen Haus in der Bödigheimer Straße stand für ihn bereit. Eduard besichtigte das Refugium ausgiebig und offenbarte danach seine empfundenen Eindrücke: „Fahrt war heiß, aber wunderschön, Fritz, Maria und Inge am Bahnhof. Zu Fuß ins Häusele, ganz in grün gelegen, freundlich, etwas eng, aber vorläufig ausreichend und sonst durchaus geeignet.

Für die Kinder das reine Eldorado! Für das Verandadach fehlen noch die Ziegel, die nächster Tage eintreffen sollen, sonst ist der Rohbau fertig [Erledigung restlicher Umbauten]. Es ist unglaublich viel geschehen u. Fritz u. Maria sind von früh bis spät tätig. Räume sehr gemütlich, die Möbel sämtlich gut angekommen u. durchaus passend, was man ja zuerst nicht annahm. Fritz fühlt sich ganz in seinem Element.“

Dabei kam er noch gesondert auf seinen vom Offizier zum Landmann mutierten Sohn zu sprechen: „Er putzt u. füttert das jetzt in einem zum Stall umgebauten Holzschuppen selbst stehende Pferdchen, die Ziege (die Kuh haben sie in Eberstadt wegen hiesigen Raummangel verkauft), die Hühner (in einer großen Voliere), die Tauben in einem Taubenschlag u. die Hasen - Schweine kommen noch - selbst, schafft Holz in Keller u. arbeitet im Garten. Maria nährt den Kleinen, einen strammen Kerl [Gottfried, geb. 3. Mai 1919] mit Erfolg u. Inge u. der Ohn [Hans Heinrich] sind einfach reizend. [...]“

Nachdem alle Offiziere seines ehemaligen Regiments und auch Fritz selbst weiterhin einer ungewissen Zukunft entgegen sahen, manche zog es auch zu den Abwehrkämpfen an den östlichen Grenzen. Die Chance in die neue Reichswehr aufgenommen zu werden war eher gering, dabei trat  alsbald ein deutliches Verdikt der Alliierten ein. Nach den Statuten des unseligen Versailler Vertrags wurde im Dezember 1918 die Demobilisierung des 1. Badische Leibdragoner-Regiment Nr. 20, die langwährende Heimat von Fritz, in Eppingen, wo es zuletzt stationiert war, begonnen und bis zum 30. September 1919 abgeschlossen. Damit erlosch der langjährige und ehrenvolle Name des Regiments, welches sich in großen Schlachten so ruhmreich bewährt hatte.

[Das Erbe des Regiments lebte indes weiter. Die 3. Eskadron des 18. Reiter-Regiments der Reichswehr in Ludwigsburg übernahm die Tradition. In der Wehrmacht führte die Panzerabwehr-Abteilung 35 in Karlsruhe das Vermächtnis fort.

In den Wirren der Nachkriegszeit und den Anfängen der neuen Staatsform begrüßte Reichspräsident Friedrich Ebert im Namen der Reichsregierung am 10. Dezember 1919 die mehr und mehr  heimkehrenden Truppen mit dem bemerkenswerten Satz: „Kein Feind hat Euch überwunden!“ Die Worte waren zweifellos stimmig, jedoch hatten die Masse der ehemaligen Soldaten sie eher auch als Anbiederung aufgefasst. Die neue Regierung bemühte sich mit allen Mitteln, die Akzeptanz für die Demokratie auch  in der Frontgeneration zu erhöhen. Dennoch war dies als eine notwendige Botschaft zu sehen, die einen kleinen Beitrag zur Konsolidierung leisten konnte.]

Eine weniger gute Nachricht erreichte unversehens die Familie in Buchen. In einem Brief an Maria und Fritz vom 22. Februar 1920 offenbarte Eduard akut auftretende und Besorgnis erregende Krankheitssymptome bei sich: „Ein schweres Leid hat mich betroffen. In der 5. Woche liege ich mit fast ununterbrochenem Fieber im Bett [...] Ich bin nun entgegen der Ansicht der Autoritäten immer noch der festen Überzeugung, daß es sich um ein liebes Mitbringsel aus Russland handelt [...]“ 

In der Materie „Kriegszulage“, die von  Fritz eingefordert wurde, berieten die einschlägigen Behörden in der Folgezeit mehr als ausgiebig über die Berechtigung einer solchen Vergütung. Fritz monierte am 30. März 1920 nachdrücklich diese ihm nach seiner Meinung zustehende Zahlung und er fühlte sich dabei überzeugt, vollkommen im Recht zu sein: „Als ich im vorigen Jahr den Abschied nahm, wurde ich vom Regimentsarzt - damals in Eppingen - auf Dienstunfähigkeit untersucht, um die 'Kriegszulage' zu erhalten.“ 

Am 19. Mai, knapp vier Wochen nach seiner letzten Postnachricht mit der Kunde einer schweren Erkrankung, starb Eduard in Heidelberg nach einem erfüllten und von Ehren und Auszeichnungen gekrönten Soldatenleben. Eine Streptokokken-Infektion verursachte nach aller Wahrscheinlichkeit seinen Tod. Für diese Bakterienart standen in dieser Zeit noch keine wirksamen Arzneimittel, wie Antibiotika, zur Verfügung..

Dies war eine schlechte und betrübliche Botschaft, es sollte an jenem Tag nicht die einzige bleiben. Unter dem gleichen Datum erfolgte von der Reichswehr ein Bescheid an das „Versorgungsamt“ Karlsruhe: „Die „Reichswehrbefehlsstelle“ Preussen hat sich die Entscheidung darüber, ob die „Kriegszulage“ gewährt werden kann, noch vorbehalten.“

[Die verfassungsgebende Nationalversammlung der neuen Republik hatte das Gesetz über die Versorgungsbehörden am 15. Mai 1920 beschlossen. In § 1 hieß es: „Die Durchführung des Reichsversorgungsgesetzes liegt im Verwaltungsverfahren den Hauptversorgungsämtern und den Versorgungsämtern ob.“]

Nach der Abwägung aller relevanten Fakten, eine Dienstbeschädigung infolge einer Gallenoperation erschien dem Versorgungsamt wohl nicht ganz eindeutig, gewährte man Fritz ab 1. Oktober 1919 schließlich doch noch die für Offiziere vorgesehene „Kriegszulage“  von 720 M jährlich. [Februar 2021 etwa 1152 €, monatlich 96 €] Fritz hatte zu dieser Zeit eine Familie mit drei Kindern zu versorgen: Inge geb. 26.2. 1915, Hans (Ohn) geb. 30.12. 1916 und Gottfried geb. 3.5. 1919. Addiert mit seiner Pension als Rittmeister ergab dies ein wenig üppiges Einkommen. Das lange Beharren hatte sich letzten Endes im wahrsten Sinne ausbezahlt und Fritz kam doch noch in den Bezug der erhofften Zulage.

Die offizielle Entlassung aus dem Armeedienst im August 1919 enthielt auch die Erlaubnis zum Tragen der Uniform. Doch die Freude damit gelegentlich gesellschaftlich aufzutreten, währte nicht lange. Das Tragen einer Uniform war in der Weimarer Republik zunächst ab 1921 durch einen Erlass des Reichspräsidenten Friedrich Ebert für Zivilisten verboten. Sein Nachfolger Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg hob das Uniformverbot am 26. August 1925 dann wieder zur Genugtuung und Freude ehemaliger Angehöriger der „Alten Armee“ wieder auf.

Vier Generationen auf einem Bild! Von rechts nach links: Fritz, seine Mutter Johanna, seine Tochter Inge, seine Großmutter Lina (geb. Koch), sowie sein Hans Heinrich (Ohn), ca. 1922
Quelle: v.H.

Am 31. Oktober 1922 bekam Fritz von der obersten Heeresleitung den Charakter als Major verliehen, autorisiert vom Reichspräsidenten Ebert, dem Reichswehrminister Dr. Geßler und dem Chef der Heeresleitung Reinhardt, hier von einer Vertretung Reinhardts im Auftrag gezeichnet. Dies bedeutete einen adäquaten Titel für den früheren  aktiven Offizier, der ihm gewiss einige Reputation in Buchen versprach.

Quelle: v.H.

[In der Reichswehr wurden verdiente Hauptleute mit dem Charakter eines Majors verabschiedet, sie erhielten das Ruhegeld eines Hauptmanns, durften sich aber Major nennen, diese wurden dann in Militärkreisen üblicherweise als „Charaktermajor“ bezeichnet.

Otto Karl Geßler, 1875-1955:, war von 1920 bis 1928 Reichswehrminister. Geßlers Ziel war die Einrichtung einer überparteilichen, neutralen Reichswehr. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog er sich aus der Politik zurück. Als Mitglied einer Widerstandsgruppe hatte er Kontakte zum „Kreisauer Kreis“. Er wurde verhaftet und bis Februar 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert. Bis 1955 war er noch Präsident des Bayerischen Roten Kreuzes und von 1950 bis 1952 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.

Friedrich Ebert, 1871-1925, war von 1913 bis 1919 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und von 1919 bis zu seinem Tode erster Reichspräsident der Weimarer Republik.

Ein Herr Reinicke bestätigte die Ernennung im Auftrag von Walter Reinhardt, dem Chef der Heeresleitung.]

Am 17.9. 1923 hatte Fritz zwingend Veranlassung an das „Reichspensionsamt“ der ehemaligen Wehrmacht [so bezeichnet] eine Postkarte abzusetzen. 
[Bereits in der Reichsverfassung von 1849 wurde von einer deutschen „Wehrmacht“ gesprochen. In der Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 hieß es im Artikel 47: „Der Reichspräsident hat den Oberbefehl über die gesamte „Wehrmacht“ des Reichs.“ Der Begriff ist also keineswegs eine Wortschöpfung des NS-Staates, wie vielfach angenommen.]

Fritz hatte Grund  zu monieren: „Das 'Versorgungsamt' bitte ich ergebenst nachprüfen zu wollen, ob die mir zustehenden Pensionsbeträge richtig an mich ausgezahlt worden sind, was ich bezweifle, da ich im Gegensatz zu meinen Freunden viel weniger bekommen habe. Am 20. Juli bekam ich 3 040 000 M und erst am 13. September nur 113 000 000, zwischendurch nichts. [...]. Also habe ich für August garnichts bekommen. Ich habe drei unmündige Kinder. Wegen der Dringlichkeit der Angelegenheit bitte ich um gütige baldmöglichste Nachprüfung und Bescheid.
Hochachtend Fritz von Hoffmeister Major a.D.“ 
in der Mitteilung von Fritz an das Pensionsamt wurden hochgradig inflationäre Beträge genannt, welche den geldmäßigen Entwicklungen im Lande entsprachen. Die Pensionszahlungen setzten sich gegen Ende des Jahres in kaum vorstellbaren Höhen fort.

[Eine schwere Bewährungsprobe erwartete die Weimarer Republik im Schicksalsjahr 1923. Deutschlands Wirtschaft lag in Scherben, der Staat war ökonomisch am Ende. Um dennoch den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen wurden die Notenpressen angeworfen. In Deutschland explodierte die Inflation. Diese war eine Spätfolge des Ersten Weltkrieges. Der Krieg fraß Kapital, für Waffen, Munition, Soldaten, Verpflegung, Transport und Logistik. Das Deutsche Reich war dadurch wirtschaftlich erheblich angeschlagen. Das Land musste wieder aufgerichtet werden, Kriegsanleihen an die Bevölkerung zurück gezahlt und Geldmittel für Reparationen aufgebracht werden. 1923 begannen die Monate der Hyperinflation. Im November gleichen Jahres musste man für einen Dollar 4.3 Billionen Mark aufbringen.

Zur Rückzahlung der Kriegsanleihen: Die Tilgung der Anleihen war für die Weimarer Republik durch den hyperinflationären Wertverlust der Mark ohne Schwierigkeiten möglich. Die Zeichner der Anleihen erhielten praktisch keinen Wert zurück. Das dem Staat geliehene Geld war wertlos. Diese Fakten trugen wenig zur Imageverbesserung des Staates bei.]

Fritz beschrieb seinen ausgeübten Beruf in den Schreiben an das „Versorgungsamt“ und die Pensionskasse vom Jahre 1919 an, stets selbstbewusst als Landwirt auf eigener Scholle. Dabei bezog er sich auf das vergleichsweise große Grundstück an seinem Haus in der Bödigheimer Straße in Buchen mit bescheidenem Ackerbau und Viehzucht. Für einen Offizier, bewährt im Fronteinsätzen und gewandt im Kasino, eine bemerkenswerte Umorientierung. 

[Die Weimarer Republik, die sich ausdrücklich als Sozialstaat empfand und entsprechend propagierte, stellte sich zu Anfang den sozialpolitischen Forderungen mit Erfolg. Es kam schon zu Beginn der Regierungstätigkeit zu einem Ausbau der Sozialversicherungen, sowie zur Erweiterung von sozialem  Diensten und Institutionen, sozialreformerische Mehrheiten [SPD] bestimmten das politische Geschehen.]

Mit dem „Reichspensionsamt“  gab es im Dezember 1923 einigen Dissenz wegen einer beabsichtigten Kürzung seiner Bezüge, es betraf die Erlöse aus seiner kleinen ländlichen Bewirtschaftung und dem Verkauf einer Wiese. In einem Brief an die Behörde vom 4. Dezember 1923 erklärte Fritz nacbhdrücklich: „ [...] Heu habe ich auch nicht verkauft, da ich es selbst benötige, um 3 Ziegen zu füttern, um Milch zu haben, im Haus wohne ich noch. Aus diesen Gründen bitte ich, da die Pension sozusagen meine einzige Einnahme ist, um mit meiner Familie notdürftig zu leben, von einer Kürzung gütigst absehen zu wollen.“ Diese Worte entsprachen wahrheitsgetreu der unstrittig prekären Finanzsituation der Familie.

Dem Versprechen, das man den Soldaten gemacht hatte: „Der Dank des Vaterlands ist Euch gewiß“ schenkte Fritz schon länger keinen Glauben mehr. Im Gegenteil, ihm und den meisten seiner ehemaligen Kameraden erschienen diese als zumeist leere Worthülsen, die in der Frontgeneration ein Gefühl der Aversion und Bitternis gegenüber der neuen Regierung und der politischen Führungsschicht hinterließen. Die alten Eliten machten die Anhänger der Republik immer mehr für die Niederlage im Krieg verantwortlich. Sie formierten sich gegen die Demokratie, die sie lediglich als Folge des militärischen Zusammenbruchs und außerdem dem deutschen Empfinden als wesensfremd ansahen. Ein Schreiben an das Reichspensionsamt vom Januar 1924 unterstrich noch seine geldliche Misere. Wegen einer anscheinend falschen Adressierung mahnte er „mehrere 100 Millionen, damals immerhin noch Geld [an] was ich wohl verlangen kann, zumal ich es dringend bedarf.“

Die zuvor erfolgte nominelle Beförderung zum Major änderte indes wenig an seiner Lage, da die Pension als Hauptmann unverändert blieb. Für seinen Nachwuchs erhielt er kaum nennenswertes Kindergeld. Nach der bedrohlichen Entwicklung der Hyperinflation  verschärfte sich  die Finanzsituation im Hause von Hoffmeister zusätzlich mit der Geburt eines vierten Kindes, nämlich der Tochter Gisela, geb. 14.5. 1924. Zudem wurde das Vermögen seiner Mutter Johanna in Heidelberg, welches aus dem Erbe ihres Vaters, eines reichen Schmuckfabrikanten in Pforzheim, stammte, zum allergrößten Teil durch die Inflation minimalisiert.

[Am 30. August 1924 wurde durch das „Münzgesetz“ die „Reichsmark“ eingeführt. Die „Papiermark“ hatte in den Jahren 1914 bis 1923 ihre Kaufkraft völlig verloren; zunächst schleichend und dann im Jahre 1923 nach dem Beginn der Ruhrbesetzung und des Ruhrkampfes, in einer Hyperinflation.]

Die Geburt seiner jüngsten Tochter führte zum wiederholten Kontakt mit dem „Versorgungsamt“ Heidelberg: „Antrag auf Gewährung einer Notstandsbeihilfe aus Anlaß der Geburt einer Tochter“. Im Gesuch führte Fritz nunmehr vier unmündige Kinder auf, nämlich Inge, Ohn, Gottfried und die neugeborene Gisela. Seine monatliche Pension gab Fritz im Antrag mit 266 RM, zusätzlich aller Zulagen im Monat an [entspricht 2/21 etwa 960 €]. Dazu musste er noch das eigene „Häuschen“ mit 7 Zimmern, dies formulierte Fritz betont in Verkleinerungsform, dem Amt mitteilen. Seine Eingabe wurde ohne Rückfragen positiv entschieden: „Auf den Antrag vom 24.5. d.J. [1924] ist Ihnen eine Notstandsbeihilfe von 98.- Mk bewilligt worden.“ Für die nunmehr sechsköpfige Familie half jede Mark das knappe monatliche Budget aufzustocken, daher wurde der zugesicherte Bescheid zufrieden registriert.

Fritz, nunmehr als Zivilist, im Garten seines Hauses in der Bödigheimer Straße 3, mit Maria und Gisela, der jüngsten Tochter, September 1924
Quelle: v.H.
 
Fritz im Garten
Quelle: v.H.

Die Eingaben nahmen kein Ende. Der nächste Antrag folgte schon kurz darauf, nämlich am 10.1. 1927. Diesmal ging es „auf Gewährung einer Notstandsbeihilfe aus Anlaß des Todes meiner Schwiegermutter Frau General Frieda [Freifrau] Rüdt v. Collenberg.“ Fritz fügte dem Anliegen noch handschriftlich hinzu: „Meine Verhältnisse sind dort bekannt durch die Notstandsbeihilfe anläßlich der Geburt meiner Tochter Gisela Mai 1924.“ Seine monatliche Pension bezifferte er nun mit 330 RM [2/21 etwa 1025 €].

[Schon zu Beginn der Weimarer Republik führte die wachsende Unzufriedenheit mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu einer fehlenden Akzeptanz und löste permanente Unruhen aus. Die aufgebürdeten Reparationszahlungen, vorgesehene Gebietsverluste, eine Beschneidung der Souveränität sowie die Zuweisung einer alleinigen Schuld am Kriege erzeugten in Deutschland einen Sturm der Entrüstung bei linken wie rechten Verbänden. Der rechtsgerichtete Kapp-Putsch im Jahre 1920 und der linke Ruhraufstand im gleichen Jahr begleiteten anfänglich die ungeliebte Republik.

Eine zeitweilige wirtschaftliche Konsolidierung sorgte für politische Entspannungen. Im Jahre 1927 wurde gar in einer konjunkturellen Hochphase die Arbeitslosenversicherung eingeführt, die jedoch infolge stark steigender Zahlen an Arbeitslosen stark überlastet war und dadurch zusätzlich ein Bewusstsein anhaltender Krisen ausdrückte. Das soziale System war den Folgen der aufkommenden ökonomischen Erscheinungen nicht mehr gewachsen. Die Weltwirtschaftskrise 1929 leitete endgültig die Endphase der Weimarer Republik ein. Zur Mitte des Jahres 1932, dem Höhepunkt der Krise, war ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos.

Einher gingen von Reichskanzler Brüning staatlich verordnete Lohn-und Preissenkungen. Seine Deflationspolitik bestand darin, staatliche Ausgaben wie Löhne und soziale Leistungen zu begrenzen, um Güter für den Weltmarkt billiger produzieren zu können. Fritz betrafen Brünings Sparmaßnahmen direkt! 1932 wurden weitere Pensionskürzungem verfügt. Das Ziel billiger Güter wurde zwar erreicht, hatte aber zur Folge, dass im Reich die Produktion und ebenso die Kaufkraft sank, dies führte zwangsläufig weiter zu einer steigenden Arbeitslosigkeit.

Die Verordnungen des Reichskanzlers verschärften die vorherrschenden wirtschaftlichen Probleme in eklatantem Ausmaße. Brünings rigide Sparpolitik beschleunigte in dieser Situation den Vertrauensschwund in Deutschland, ein Effekt war das Erstarken der KPD auf einer Seite und der NSDAP auf der anderen Seite. Der Zusammenbruch von Banken, Industrie und Handel war evident, gleichzeitig führte die Massenarbeitslosigkeit zu einer politischen Krisensituation. Die NSDAP profitierte davon am meisten und deren Aufstieg war unaufhaltsam.]

Maria mit dem jüngsten Kind Gisela, 1926
Quelle: v.H.


Frieda von Rüdt starb am 23.12.1926 und war damit auch die letzte Bewohnerin der Familie im Eberstadter Schloss. Fritz listete in seinem Antrag alle angefallenen Kosten auf: „Rechnungen vom Krankenhaus, Rechnung des Leichenbeschauers, Rechnung des Totengräbers“. Dazu vermerkte er noch: „Da kein Bargeld gefunden war, sonst aber noch größere Ausstände, so bitte ich um wohlwollende Berücksichtigung.“ Das Hauptversorgungsamt Karlsruhe genehmigte diesmal am 8. März problemlos und ohne weiteren Disput den eingereichten Antrag und ließ dafür 177 RM anweisen.

Das Ringen mit den Ämtern fanden setzte sich einstweilen fort. Das folgende Gesuch um Notstandsbeihilfe traf am 2. März 1928 beim Versorgungsamt Heidelberg ein. Diesmal ging es um eine „Blinddarmoperation meiner Tochter [Inge] im Krankenhaus Buchen am 28. April  1927“, dabei gab er wieder vier unmündige Kinder zu Protokoll: Ingeborg, Hans Heini (Ohn), Gottfried, Gisela. Als Gesamtkosten listete Fritz 245.70 RM auf.

[Die sogenannte Notstandsbeihilfe wurde zunächst 1922 in Preußen und dann 1923 von der Reichsregierung für typische finanzielle Belastungen in Krankheits-, Geburts- und Pflegefällen eingeführt. Statt wie noch im 19. Jahrhundert in einem persönlichen Gesuch Zuwendungen zu erbitten, konnten diese nunmehr formularmäßig beantragt werden. Der Bewilligung hatte außerdem eine Bedürfnisprüfung voranzugehen. Voraussetzung war eine echte wirtschaftliche Notlage, die unbestritten bei der Familie von Hoffmeister vorhanden war. Behördliche Ermittlungen in derartigen Bedrängnissen  erwiesen sich oftmals als bürokratische Prozeduren ohne jegliches Empfinden.]

Das Versorgungsamt Heidelberg beschied dem Hauptversorgungsamt Karlsruhe darauf am 20. März 1928: „Dem Antragsteller sind durch die Erkrankung seiner Tochter unvermeidbare und unverschuldete Aufwendungen entstanden, die er aus eigenen Mitteln nicht bestreiten kann. Der Aufenthalt des Kindes im Krankenhaus Buchen ist durch die notwendig gewordene Blinddarmoperation begründet. Ein dringendes Bedürfnis für die Gewährung einer Notstandsbeihilfe in Höhe von 80 % der errechneten, erstattungsfähigen Kosten wird anerkannt und der Antrag befürwortet.“ Der genehmigte Betrag belief sich auf 180 RM.

Neben den notwendigen Unterstützungen der Versorgungsämter führte Fritz auf seinem Grundbesitz mit der Pension eines Rittmeisters a.D., ein pekuniär arg beengtes Leben. Er verrichtete dabei unentwegt Arbeiten  als selbsternannter Agrarier, um gemeinsam mit seiner großen Familie, ein halbwegs geregeltes Auskommen zu haben, an der Verpflegung sollte zumindest kein Mangel herrschen. Im Umfeld der Kleinstadt Buchen war er voll akzeptiert und genoss als Herr Major im gesellschaftlichen Leben allseitige Akzeptanz und Wertschätzung.

Die finanziellen Verhältnisse zeigten sich fernerhin als großer Hemmschuh, diese waren ständig eng bemessen und eine Änderung nicht in Sichtweite. Eine weitere Verkürzung der Geldmittel kündigte sich bereits an. Die pekuniäre Problematik für Fritz potenzierte sich noch  durch eine gesetzlich angeordnete Erklärung zur Verpflichtung für ein uneheliches Kind. Jetzt kam es zum wiederholten Male zum Kontakt mit den missliebigen Behörden, diesmal wegen einer von Fritz hierauf geforderten Kinderzulage für das zusätzliche Kind. Ein Schreiben an das Versorgungsamt Heidelberg vom 15. April 1928  offenbarte sein Dilemma, kaum verwunderlich war dabei sein Wunsch nach strikter Diskretion: 

Die Gewährung von Kinderzulagen  betreffend.
Ich übersende eine Ausfertigung der Urkunde der Geschäftsstelle des Amtsgerichtes Buchen mit dem Antrag auf Zusicherung der „Kinderzulage“ für das darin bezeichnete uneheliche Kind
                            Josef Albert Scheuermann
Ich möchte meiner Familie wegen bitten, daß von dem Vorhandensein des Kindes nichts in die Öffentlichkeit kommt. Ich stelle deshalb den Antrag von meiner Pension den ganzen Betrag von monatlich 40 M [RM] dem Bezirksjugendamt Buchen als Amtsvormund des Kindes (Postscheckkonto Karlsruhe/B Nr. 79984 des Bezirksfürsorgeverband Buchen) in vierteljährlichen Raten zu überweisen.

Ich erkläre wegen des Betrages die die „Kinderzulage“ übersteigt, die Abtretung zu Gunsten des Bezirksjugendamt Buchen. Etwaige Mitteilungen bitte ich nicht an mich zu senden, sondern an Herrn Rechtsanwalt Kraus in Buchen, den ich zur Empfangnahme hiermit ermächtige.
Hochachtungsvoll
Fritz von Hoffmeister
Major a.D.“

[In der entstandenen Republik wurde in der Reichsverfassung in Artikel 121 festgelegt: „Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesellschaftliche Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern.“ Indes fehlte der Weimarer Republik die Zeit und der Wille, den Verfassungsauftrag auszuführen. Der Regierungsentwurf gelangte 1929 zwar in den Reichstag, wurde aber nicht mehr Gesetz. Ab 1922 war das Jugendamt auch automatisch Amtsvormund. Die Mutter konnte das Kind zwar aufziehen, besaß dabei aber keinerlei elterlichen Rechte.]

Am 18. April 1928 fand in jener Angelegenheit eine Anhörung vor dem Amtsgericht Buchen statt: „Die Vormundschaft über Josef Albert Scheuermann, geboren am 26. März 1928 in Hettingen betr.
Dabei äußerte sich Fritz mit der Zusicherung: „Ich erkenne an, der Vater des von der ledigen Lina Scheuermann am 26. März 1928 in Hettingen geborenen unehelichen Kindes namens Josef Albert Scheuermann zu sein, und als solcher kraft Gesetzes verpflichtet zu sein, für das Kind den der Lebensstellung der Mutter entsprechenden Unterhalt zu gewähren.

Demgemäß verpflichte ich mich, dem Kinde von seiner Geburt vom 26. März 1928 ab bis zur Vollendung seines sechzehnten Lebensjahres als Unterhalt eine im voraus zu entrichtende Geldrente von monatlich vierzig Reichsmark, die verfallenen Beträge sofort, die künftig fällig werdenden am ersten eines jeden Vierteljahresbeginns, erstmals 1. April dieses Jahres zu zahlen und die Kosten dieser Verhandlung zu tragen. Wegen der Erfüllung dieser Verbindlichkeit unterwerfe ich mich der sofortigen Zwangsvollstreckung aus dieser Urkunde.“ 

Vom Versorgungsamt Heidelberg erging am 4. Mai 1928 an Fritz folgender amtlicher Bescheid: „Laut vorliegender Urkunde der Geschäftsstelle des Amtsgerichts Buchen vom 18.4. 1928 haben Sie die Vaterschaft des am 26.3. 1928 in Hettingen [heute ein Stadtteil von Buchen im Odenwald] geb. unehelichen Kindes namens Josef Albert Scheuermann,  anerkannt. Nachdem Sie sich verpflichtet haben, für den Unterhalt des Kindes bis zum 16. Lebensjahres aufzukommen, wird Ihnen gemäß [...] der Kinderzuschlag ab 1.3. 1928 bewilligt.“ Je Kind erfolgte eine Anweisung von 29 RM. Davon wurde dann allerdings „Die Unterhaltsrente für das Kind Josef Albert Scheuermann [...] in Vierteljahresrenten (120.- RM) von der Pension in Abzug gebracht [...].“ Immerhin relativierte sich die erneute Belastung des unehelichen Jungen durch den damit erhaltenen Kinderzuschlag.

Zu den vorherrschenden und sogar noch zunehmenden Kalamitäten im Haushalt der Familie traf nur wenig später eine ökonomische Katastrophe das gesamte Reich. 

[Die Weltwirtschaftskrise entstand durch die Folgeprobleme des Ersten Weltkrieges. In den USA kam es im Vorfeld zu einem wirtschaftlichen Boom, der in einer spekulativen Blase mündete und der infolge zu einem Kurssturz an der New Yorker Börse am 24. Oktober 1929 führte. Die bis dahin gut erholte deutsche Wirtschaft wurde dadurch bis ins Mark getroffen. Im Land machte sich zuerst Arbeitslosigkeit breit - gefolgt von tiefer Verzweiflung. Innerhalb weniger Jahre, bis 1933, verwandelte sich die Lebenssituation der Menschen und die politische Stimmungslage im Reich fundamental.]

Durch die Einführung einer geänderten Besoldungsordnung belief sich das Einkommen von Fritz gegen Ende des Jahres 1930 auf exakt 416.65 RM [2/21 etwa 1748 € entsprechend]. Nach einer Verordnung des Reichspräsidenten wurden die Versorgungsbezüge ab dem 1. Februar 1931 um 6 % gekürzt. Das berührte die Kinderzuschläge, so dass nunmehr das Einkommen im Monat 405.70 RM betrug. Im Laufe des Jahres wurden weitere Kürzungen verordnet, der Ruhegehalt sank damit im Juni auf 398.10 RM. Im Dezember 1932 waren es nur noch 369.17 RM. 

[Durch die Deflationspolitik des Reichskanzlers Heinrich Brüning wurden die Leistungen für Rentner drastisch verringert. Der Sozialstaat wurde in den Jahren von 1930 bis 1932 in zentralen Punkten abgebaut, um die Ausgaben der Sozialversicherungen den um 30 % geschrumpften Sozialprodukt anzupassen. Abstriche gab es mehrmals in allen Bereichen von Personalausgaben.]

Im Dezember 1932 erreichte Fritz vom Versorgungsamt Karlsruhe die Nachricht, dass der Kinderzuschlag für seinen Sohn Hans [Ohn] wegen Vollendung des 16. Lebensjahres beendet wäre. Diese schlechte Botschaft hatte Fritz im Rahmen des Gesamtbudgets der Familie erneut zu verkraften. Die Jahre der Weimarer Republik waren somit beständig erfüllt von finanziellen Nöten, Fritz als Major a.D. mit einer Pension als Rittmeister a.D. musste daneben unverdrossen als militärisch erfahrener Landmann eifrig für seine Familie im Stall und im Garten seine Arbeiten verrichten. Der ständige Hader und  die Odyssee durch die Versorgungsämter und dem Pensionsamt verbunden mit dem gesamten öffentlichen und politischen Erscheinungsbild führte zu keiner echten Sympathie der von Anfang an wenig geliebten Staatsform.


Offizier im Dritten Reich


Am 1. Mai 1933 trat Fritz in die NSDAP ein. Er erhielt die Mitgliedsnummer 3 146 971. Die hohe Nummer ist vorerst nicht verständlich. Im Mai 1933 gab es noch nicht so viele Parteigenossen. Aber der Fakt ist eindeutig, die hohe Zahl ist im Antrag belegt und auch in der Ummeldung nach Oberndorf sowie durch die Spruchkammer Buchen im Jahre 1946. Die Entscheidung für die NSDAP kam nicht von ungefähr. Persönliche Betroffenheit und reichlich angesammelter Frust und politischer Verdruss über die Erfahrungen in der nicht sonderlich geschätzten Republik haben zu diesem Entschluss wesentlich beigetragen. Berufliche oder geschäftliche Gründe für einen Eintritt lagen jedenfalls im Mai 1933 nicht vor, da die Versorgungslage der Familie noch unverändert blieb und noch keinerlei Perspektiven zu erwarten waren,

Fritz vermeinte im NS endlich den versprochenen Dank des Vaterlandes zu erhalten, außerdem schrieb die NSDAP wieder die Ehre der Frontsoldaten auf ihren Banner. Er sah in der Aufbruchsstimmung eine Erfüllung seiner militärischen Wertvorstellungen, überdies beeindruckten ihn wirtschaftliche Erfolge, die beginnende Beseitigung der Arbeitslosigkeit und soziale Errungenschaften. Tiefe Beweggründe resultierten auch aus rein nationalen und soldatischen Überlegungen. Die Querelen mit den Behörden der Republik in den harten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg empfand er als ehemaliger Offizier an allen Fronten durchwegs  herabsetzend und frustrierend.

Zur persönlichen Desillusion gesellte sich die allgemeine Situation in der Weimarer Republik, da in bürgerlichen Kreisen diese Staatsform keine nachhaltige Anerkennung fand. Als Addition in der Abkehnung wirkten die Auswirkungen der gewaltigen wirtschaftlichen Depression von 1929, hierbei war nahezu die gesamte Bevölkerung betroffen. Stresemanns Konzept der Verständigungspolitik mit den alliierten Siegermächten in den Jahren 1923 bis 1929 stieß in konservativen und national gesinnten Kreisen auf weitgehende Ablehnung und Stresemann wurde als ein Frankreich höriger Erfüllungspolitiker bezeichnet. Die anhaltende politische und ökonomische Instabilität begünstigte den Aufstieg der Nationalsozialisten.

Fritz war einer von den letzten Neumitgliedern in der NSDAP zu Beginn des Jahres 1933. Nach den Reichstagswahlen vom 5. März stellten Hunderttausende Deutsche einen Aufnahmeantrag. Die Führung der Partei vermutete hinter der hohen Zahl von Neuanmeldungen, tausende Konjunkturritter und politische Gegenkräfte. Anders als die „Alten Kämpfer“ würden sie nicht aus Überzeugung heraus Mitglied werden, sondern zum persönlichen Vorteil oder mit dem Ziel der Sabotage. Am 19. April 1933 führte deshalb die NSDAP eine Aufnahmesperre für Neumitglieder ein. Diese Blockade wurde in den folgenden Jahren mehrfach gelockert und am 10. Mai 1939 wieder vollständig aufgehoben. 

Die Querelen mit dem Versorgungsamt fanden zunächst auch im Dritten Reich kein Ende. Am 25. März 1934 formulierte Fritz wiederum eine Eingabe an die Entscheidungsträger der Behörde in Karlsruhe. Diesmal betraf es sein ältestes Kind, die Tochter Inge, dabei versäumte er es nicht, mit einem nachdrücklichen Appell nochmals auf die monetären Engpässe in seiner Familie hinzuweisen:

Da das Abitur heut zu Tage gar keinen Wert mehr hat und für ein Mädchen nur die Hausausbildung in Betracht kommt, eine Abiturientin aber völlig auf diesem Gebiet ahnungslos ist, so will ich meine Tochter, um ihr später ein Fortkommen zu ermöglichen, das Sommerhalbjahr hier auf die Nähschule schicken, den Winter auf eine Kochschule, voraussichtlich Heidelberg.

Da diese Ausbildung aber recht kostspielig ist, ich selbst außer meinem Häuschen kein Vermögen besitze, anderseits meine Pension äußerst gering ist und ich eine große Familie habe [plus ein uneheliches Kind], so bitte ich das Versorgungsamt mir für meine Tochter die „Kinderzulage“ gütigst auf ein Jahr weiter bewilligen zu wollen, da ich sonst beim besten Willen nicht weiß, wie ich mich weiter durchschlagen soll.“

Gleichzeitig versuchte er noch für den ältesten Sohn eine fortlaufende Unterstützung zu erwirken, seine angewandte Argumentation klang durchaus überzeugend: „Mein Sohn Hans-Heini (geb. XII 1915) verläßt auch mit der mittleren Reife dieses Ostern die Schule und hat er eine Lehrstelle (freie Verpflegung ohne sonstige Bezahlung) auf dem Mustergut der Badischen Bauernkammer in Rastatt erhalten. Nach der vorgesehenen Lehrzeit von 3 Jahren, wie ich glaube, will ich ihn 4 Semester an die Landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim schicken. 

Für meinen Sohn Hans-Heini steht mr also, wie ich hoffe, die Kinderzulage noch weiter zu. Mein Sohn Gottfried ist nach Obertertia versetzt und bleibt auf der Schule. Meine Tochter Gisela (10 Jahre alt) ist in die vierte Volksschulklasse versetzt. Für das uneheliche Kind muß ich im Monat 40 M [RM] zahlen. Indem ich einer gütigen dortigen Beschlußnahme entgegensehe bin ich mit deutschem Gruß
Fritz von Hoffmeister Major a.D.“

Dieses Gesuch blieb zunächst jedoch ohne jeglichen Widerhall, das Versorgungsamt lehnte die Anträge schließlich am 29. März 1934 schlichtweg ab. Bei seiner Tochter Inge lautete der Bescheid: „Da Ihre Tochter nach Ihren Angaben die Koch-und Nähschule nur zur weiteren Vervollkommung besucht, kann der Kinderzuschlag nicht weiter bewilligt werden.“  

Zu Hans-Heini erfolgte dann noch die abschlägige Antwort: „ Der Wert der Unterkunft und Verpflegung ist als Sachbezug anzusehen und dieser wiederum als eigenes Einkommen des Kindes zu bewerten. Nach den derzeitigen Ortspreisen ist der Wert der Sachbezüge für Rastatt mit 1.20 RM täglich anzusetzen. Demzufolge hat das Kind ein eigenes Einkommen von 36.- RM monatl. Da hiermit die Einkommensgrenze von 30.- RM überschritten wird, kann auch für dieses Kind der Kinderzuschlag nicht weiter gezahlt werden.“

Fritz ließ sich jedoch nicht beeindrucken, er blieb hartnäckig, am 3.5. 1934 startete er beim Versorgungsamt Karlsruhe einen erneuten Vorstoß, er warf dazu neue Argumente in die Waagschale, die er von seinem Sohn übermittelt bekam, nämlich „daß die dortigen Lehrlinge, Söhne von Beamten, alle die „Kinderzulage“ weiter beziehen, da ich ja alle Lehrmittel bezahlen muß und außerdem meinem Sohn eine Zulage geben muß. Ich bitte also dieser Angelegenheit nachgehen zu wollen und bitte auch um weitere Gewährung der Kinderzulage.“

Die Einwände von Fritz verfingen jedoch nicht. Die Antwort des „Versorgungsamtes“ Karlsruhe vom 8. Mai war unverblümt: „Nach Ihrem Schreiben zu schliessen, hat sich in den Verpflegungs-und Unterkunftsverhältnissen inzwischen nichts geändert, sodaß die gleichen Ablehnungsgründe auch heute noch bestehen. Die Versorgung des Kindes mit Kleidern und sonstigen Zulagen können nicht als Ausbildungskosten angesehen werde, da diese Ausgaben auch ohne Berufsausbildung vorhanden sind.“

Das Versorgungsamt Karlsruhe erbat zur Abgleichung seiner Unterlagen eine Abschrift der Geburtsurkunde des jüngsten Sohnes von Fritz. Diese wurde am 18. Mai 1934 versehen mit einer amtlichen Beglaubigung, nachgereicht: „Geburtsschein Nr. 331. Vor-und Zuname: Gottfried Viktor Eduard von Hoffmeister, Geburtstag und Ort: am 3. Mai 1919 in Heidelberg. Vor-und Zuname sowie Stand des Vaters: Friedrich von Hoffmeister, Rittmeister. Vor-und Zuname der Mutter: Maria geb. Freiin Rüdt von Collenberg. Heidelberg, den 3. Juni 1919.“

[In der Weimarer Republik änderten sich die Besoldungsordnungen immer wieder, etwa durch die Währungsreform von 1924 oder durch die extremen Sparmaßnahmen unter der Regierung des Reichskanzlers Heinrich Brüning in den Jahren 1930-1932. Es gab zeitweise die Kriegszulage, daneben  existierten eine Wohnungs-, Frauen- und Kinderzulage. Der kommende NS-Staat stellte den Frontkämpfer und die Frontgemeinschaft in den Vordergrund verflochten mit einer Heroisierung der Kriegsteilnehmer. Dies stand völlig im Einklang mit der inhaltlichen Programmatik des Dritten Reiches. Die ausdrückliche Affinität wurde durch die Einführung einer Frontzulage demonstrativ unter Beweis gestellt und fand bei Fritz die entsprechende Resonanz.

[Das zielgerichtete Gesetz vom 3. Juli 1934, initiiert von der Reichsversorgung, hatte den Titel: „ Das Ehrenrecht der deutschen Kriegsopfer“ und bestimmte deutlich in Artikel 1 eine Frontzulage. Danach sollten erhalten:
a.) Beschädigte, deren Erwerbsfähigkeit infolge einer Kriegsdienstbeschädigung um 70 von Hundert oder mehr gemindert ist.
b.) Beschädigte, deren Erwerbstätigkeit infolge einer Kriegsdienstbeschädigung um 30 bis 60 von Hundert gemindert ist, wenn sie das 50. Lebensjahr vollendet haben.“]

Die Differenzen zur geforderten staatlicher Unterstützung setzten sich unterdessen fort. Das neu erlassene Gesetz zur Gewährung einer Frontzulage fand die volle Aufmerksamkeit von Fritz, er hielt sich dafür zweifellos für prädestiniert. Am 30. Oktober 1934 wurde er daher erneut mit einer Forderung vorstellig, um Unterstützung für seine Familie anzumelden: „Das Versorgungsamt bitte ich, mir die Frontzulage zu gewähren, wenn ich auch erst 49 Jahre werde. Mein Nettoeinkommen mit ca 276 M ist so klein, seit mir die Kinderzulage [gefordert für seine Tochter Inge nach dem Abitur] gestrichen wurde, daß ich in den größten Schwierigkeiten bin.

Meine Tochter Inge, die das Abitur gemacht hat, was ja heutzutage wertlos ist, besuchte über Sommer einen Nähkurs und jetzt einen Kochkurs (der im Monat 15 M [RM] kostet). Mein Sohn Hans-Heini ist in Rastatt auf dem Lehrgut. Wenn er auch das Essen umsonst hat, muß  ich ihm doch monatlich 30 M [RM] geben, Lehrmittel anschaffen und ihn kleiden.

Die Kinder kosten mich also mehr, als ich Kinderzulage bekam. Mein jüngerer Sohn [Gottfried] ist auf dem Gymnasium und meine kleine Tochter Gisela in der zweiten Klasse soll auch aufs Gymnasium kommen, was für beide an Schulgeld zusammen 400 M [RM] pro Jahr machen wird. Ich bitte meine Bitte gütigst zu berücksichtigen zu wollen, da sonst [...] ein Kind zu haben eine unerträgliche Last ist. War von Anfang bis zum Ende an der Front.
Mit deutschem Gruß
Heil Hitler
Fritz von Hoffmeister
Major a.D.

Fritz fühlte sich in der vergangenen Weimarer Republik permanent diskreditiert, wenn nicht gar geschmäht. Seine verbitterten und in einem berechtigten Selbstbewusstsein vorgebrachten Worte am Ende des Schreibens beschworen dem Amt ohne Umschweife: „War von Anfang bis zum Ende an der Front.“ Die explizite Sentenz dieses Kernsatzes sprach demonstrativ für sich und implizierte eine inhaltsschwere Aussage über ein ständig schwebendes Los für Leib und Leben in permanenten und gefahrvollen Kampfeinsätzen im letzten Krieg.

Am 5. November 1934 wurde Fritz das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen. [„Das Ehrenkreuz des Weltkrieges“, umgangssprachlich nach seiner häufigsten Verleihungsurkunde „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ oder „Frontkämpfer-Ehrenkreuz“ genannt, wurde am 12. Juli 1934 durch den Reichspräsidenten von Hindenburg anlässlich des 20. Jahrestages des Kriegsbeginns 1914 gestiftet und war anschließend eine Auszeichnung des Dritten Reiches für Soldaten und auch Hinterbliebene des Ersten Weltkrieges. Nach dem Tod Hindenburgs wurde das Ehrenkreuz „im Namen des Führers und Reichskanzlers“ von Adolf Hitler verliehen.]

Anfang November 1934 forderte das Versorgungsamt Karlsruhe erneut ein „Amtliches versorgungsärztliches Gutachten“ um die Berechtigung einer Frontzulage zu verifizieren. Es wurden die schon bei seiner Entlassung aus der Armee 1919 festgestellten Gesundheitsschäden aufgeführt. Dazu zählten die Erfrierungen an den Füßen, Magenbeschwerden und Koliken, sowie die überstandene Operation der Gallensteine.

Fritz ließ dazu noch eine Erläuterung folgen: „Ich war von 1914 bis 1918 an der Front in verschiedenen Dienststellungen, zuerst als Eskadronchef, zuletzt als Batl.-Kommandeur [Bataillonskommandeur]. [...] bei meinem Urlaub in Heidelberg wurden Gallensteine festgestellt und ich wurde operiert [...] Ich lebe als Pensionär in Buchen und kann da in jeder Hinsicht meiner Gesundheit leben.

Ein Obermedizinalrat übernahm die registrierten Befunde und urteilte nach den erhobenen Diagnosen: „[es] ist hier nicht ausgeschlossen, dass eine Infektion mit Paratyphus die auslösende Ursache des Gallensteinleidens gewesen ist, weil in der Gallenblase Paratyphuskeime  gefunden worden sind. Da der Beschädigte dauernd Frontdienst geleistet hat, ist mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Infektion durch die Eigentümlichkeiten des Frontdienstes im Kampfgebiet entstanden ist.“

[Paratyphus bildet ein abgeschwächtes Krankheitsbild des Typhus durch den Erreger „Salmonella paratyph A, B oder C.“ Eine Ansteckung geschieht meist durch verunreinigte Nahrungsmittel oder Trinkwasser. Die Erkrankung äußert sich durch Hautausschläge, Durchfall und Fieber. Es bestehen durchaus Beziehungen zwischen Leber-und Gallenwegen und einer Paratyphus-B-Infektion.]

Für Fritz bedeutete die Bestätigung des Gutachtens eine glückliche Fügung, da auf einen Zusammenhang der Infektion mit aktiven Kämpfen an den Fronten plädiert wurde. In der Frage der Zulage fiel die Entscheidung am 10.12. 1934 im Versorgungsamt Karlsruhe und lautete dann folgerichtig: „Schädlichkeiten des Felddienstes im Kriege 1914/18.“
Trotz der Anerkennung einer Dienstbeschädigung lehnte das Versorgungsamt den Antrag für eine Frontzulage im gleichen Schreiben ab, die Begründung entsprach der gesetzlichen Regelung: „[die] Voraussetzungen sind z.Zt. bei Ihnen nicht erfüllt, da Sie wegen Ihres [...] Leidens in Ihrer Erwerbsfähigkeit nicht um mindestens 70 von Hundert oder mehr gemindert sind und das 50. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Die Frontzulage kann demzufolge vorläufig nicht gewährt werden. Nach Vollendung des 50. Lebensjahres (d. i. 11.5. 36) kommt die Frontzulage zur Auszahlung. [...] Diese Entscheidung ist endgültig.“ Immerhin konnte sich Fritz mit dieser Verfügung Hoffnung auf einen späteren Zeitpunkt machen.

Wegen der unabdinglichen Spenden für das Winterhilfswerk teilte ihm das Versorgungsamt Karlsruhe am 31. Januar 1935 mit, dass es derzeit nicht möglich sei, Beiträge für das Winterhilfswerk von den Ruhegeldern einzubehalten. An Fritz erging stattdessen die Empfehlung: „für den Rest dieses Winters die Spende direkt dem Winterhilfswerk zuzuführen [...] Die Spende für die Erwerbung der Plakette beträgt z.Zt. 15% der Lohnsteuer, die bei Ihnen 4.42 RM beträgt [2/21 entspricht 1.08 €].“

Fritz mit einem Abzeichen des Winter-Hilfswerks (WHV) "Sonnenrad", 1935
Quelle: NSDAP-Zentralkartei Bundesarchiv
R 9361-VIII KARTEI/11981128

[Das abgebildete Abzeichen des Winterhilfswerks zeigte das Sonnenrad. Dieses illustriert als Symbol die Sonne, die radförmig dargestellt isr. Das Rad hatte für die germanische Licht-und Sonnenmystik eine allegorische Wichtigkeit. Die Anstecknadel wurde im November und Dezember 1935 in der zweiten Reichsstraßensammlung vom Reichsbund der Deutschen Beamten und der Deutschen Handwerkerschaft durchgeführt und in der Bevölkerung als Spendenkennzeichen verkauft.

Das Winterhilfswerk, offiziell „Winterhilfswerk des deutschen Volkes“ war eine Stiftung des öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin., die Sach-und Geldspenden sammelte und damit bedürftige „Volksgenossen“ entweder unmittelbar oder über Nebenorganisationen der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV)“ unterstützte. Durch das „WHW“ konnte der NS-Staat die materielle Not von großen Teilen der Bevölkerung lindern und zu einer inneren Stabilisierung einer angestrebten „Volksgemeinschaft“ beitragen.

Als verpflichtend wurden im Winterhalbjahr monatliche Gehaltsabzüge der Arbeitnehmer [auch der Pensionäre] angesehen. Nicht zuletzt durch den Abzeichenverkauf wurde das „WHW“ zu einer der bekanntesten und eindrucksvollsten Erscheinungen im NS. Etwa 8000 verschiedene Plaketten in Mio-Auflage wurden von Oktober 1933 bis März 1943 in unterschiedlichen Ausführungen herausgegeben. Im Winterhalbjahr 1935 summierten sich die Spenden auf 369.5 Mio RM, das entspricht 2/21 etwa 1.6 Milliarden €!]

[Von der NS-Führung wurde am 16. März 1935 eine Proklamation der Reichsregierung an das deutsche Volk bezüglich der allgemeinen Wehrpflicht zum 1. Oktober 1935 verkündet, der letzte Satz lautete: „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht. Vom 16. März 1935.“ Mit der Bekanntgabe des „Wehrgesetzes“ wurden auch die Bestimmungen des Versailler Vertrages abgeschüttelt, womit Hitler auch ein Versprechen vom Februar 1933 an die Generalität erfüllte.]

Indessen konnte Fritz mit einer erneuten Eingabe einen, wenn auch kleinen Erfolg verbuchen. Das Versorgungsamt Karlsruhe beschied ihm am 15. Mai: „Auf Ihren Antrag vom 10. Mai 1935. Der Kinderzuschlag für Ihr Kind Gottfried wird Ihnen vom 1. Juni 1935 ab, längstens bis zur Beendigung der Schulausbildung, jedoch nicht über das 21. Lebensjahr hinaus in Höhe von 10.- RM weiterbewilligt [2/21 entspricht 2.44 €]“

Ein weiterer Lichtblick war die Herabstufung der monatlichen Zahlung für den unehelichen Sohn. Das Bezirksjugendamt Buchen setzte das Versorgungsamt Karlsruhe am 7. Februar 1936 davon in Kenntnis: „Im Einverständnis des Vormundschaftsgerichtes Buchen wurde von mir als Amtsvormund des Kindes die monatliche Unterhaltsrente des Majors a.D. von Hoffmeister auf 30.- RM monatlich festgesetzt, sodass demgemäß ab 1.3. 36 nur noch 30.- RM allmonatlich zu überweisen sind.“

1936: Noch in Zivil. Aber mit dem Parteiabzeichen der NSDAP auf dem Rockaufschlag!
Quelle: v.H.


Mit Wirkung zum 1. April 1936 wurde Fritz zur Wehrersatz-Inspektion Karlsruhe als Major a.D. [als Charakter-Major, siehe die Ernennung vom 31. Oktober 1922] berufen mit einer vorgesehenen probeweisen Anstellung von sechs Monaten. Die folgende Berufung betraf die eines Dienststellenleiters des Wehrmeldeamtes Bruchsal. Man konnte dabei sicher von einer Priorisierung betreffend seiner Person ausgehen. Bis Kriegsende 1918 dienten über 40 000 Berufsoffiziere und mehr als 160 000 Reserveoffiziere in der kaiserlichen Armee. Von der neu gebildeten Reichswehr durften davon allenfalls ca. 4000 Offiziere übernommen werden.

Der nunmehr zu errichtende Fahneneid hatte im nationalsozialistisch regierten Deutschland den Wortlaut: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, für diesen Eid jederzeit mein Leben einzusetzen.“

Es wäre allein eine irrige Annahme gewesen, dass die Wehrmacht in der Aufbauphase auf eine unerschöpfliche Auswahl an qualifizierten Offizieren verfügen konnte. Aus Gründen der Gesundheit und wegen finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen fiel bereits eine große Anzahl für die Wehrmacht durch das Raster. Hinzu kam, dass die Anforderungen einer modernen Armee zu vielfältig waren, immerhin hatten die früheren Offiziere viele Jahre keinen Kontakt mehr mit militärischen Einrichtungen und Erfordernissen. Daher wurde bei der Selektion äußerst sorgfältig verfahren. Bis zum Herbst 1937 wurden nur 4592 Offiziere der „Alten Armee“ probeweise eingestellt. Fritz befand sich seit April 1936 unter diesen Auserwählten.

Nach Vollendung seines 50. Lebensjahres, also ab dem 11. Mai 1936 erhielt Fritz endlich die lange eingeforderte Frontzulage, entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen. Diese belief sich gerade mal auf 5 RM pro Monat. Ein sehr geringer Betrag, wohl eher als symbolische Geste mit Propagandacharakter zur Ehrung für die ehemaligen Frontkämpfer des Krieges eingerichtet.

Eine Urkunde „Im Namen des Volkes“ bestätigte am 19. September 1936 für Fritz die offizielle Nominierung als Major. Unterschrieben war das Dokument: „Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler“ [Faksimile-Stempel]. Zusätzlich befand sich darauf noch eine Unterschrift des Reichskriegsministers von Blomberg, Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der gesamten Wehrmacht.

Die Freude über die Frontzulage währte indes nicht lange. Eine Nachricht vom Versorgungsamt Karlsruhe vom 29. September 1936 klärte auf: „Nach Ihrer Mitteilung werden Sie ab 1.10. 1936 [Ablauf der verordneten Probezeit] als E.-Offizier im aktiven Militärdienst wiederverwendet. [...] Die Frontzulage wird nicht weiterbezahlt, sie ruht [...] für die Dauer der Wiederanstellung im aktiven Militärdienst.“ 

Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle

[Werner von Blomberg, 1878-1946, befand sich im Ersten Weltkrieg ausschließlich im Stabsdienst an der Westfront, 1914 nahm er an der Marne-Schlacht teil. Im Juni 1918 erhielt er den Pour le Mérite. In der Weimarer Republik gehörte er der Reichswehr an und übernahm 1927 die Leitung des Truppenamtes. 1928 wurde Blomberg zum Generalmajor ernannt. Er befürwortete eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bei Rüstungsvorhaben, die durch den Versailler Vertrag verboten waren. 1933 wurde er Reichswehrminister und Oberbefehlshaber der Reichswehr. 1935 avancierte Blomberg zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht und 1936 zum Generalfeldmarschall. 1938 heiratete er derart „unstandesgemäß“, dass er aus der Wehrmacht ausscheiden musste. Bei seinem Abschiedsgesuch schlug er Adolf Hitler als neuen Oberbefehlshaber der Wehrmacht vor.]

Fritz sollte nach Ablauf der vorgeschriebenen Probezeit nach einer Verfügung des Reichskriegsministeriums als E-Offizier weiter im aktiven Militärdienst verwendet werden. Fritz war jetzt Major (E) und nicht mehr Major a.D. und damit seit seinem Austritt aus der „Alten Armee“ im Jahre 1919 plötzlich wieder ein aktiver Offizier, diesmal in der Wehrmacht des Dritten Reiches.

Fritz in der Mitte, mit Mitarbeitern des Wehrmeldeamtes Bruchsal. Bezeichnet: "Sommer 1936"
Quelle: v.H.

Am 23. September 1936 wies Fritz aus dem Wehrmeldeamt Bruchsal das Versorgungsamt Karlsruhe darauf hin, dass seine halbjährige Probezeit als E-Offiziersanwärter ab dem 1. Oktober 1936 abgelaufen war. Gleichzeitig bekannte er sich zu seinen Verpflichtungen einer  Alimentierung und bat gleichzeitig um eine private Anweisung, der in dieser Angelegenheit anfallenden Kinderzulage damit Vertraulichkeit gewahrt blieb.

Das Versorgungsamt Karlsruhe teilte Fritz jedoch mit: „Nach Mitteilung  des Reichskriegsministeriums vom 10.10. 36 [...] werden Sie ab 1.7. 1936 im Reichsheere wiederverwendet und besoldet.“ Die Probezeit endete für Fritz also bereits nach einem Vierteljahr und damit schon vor dem festgelegten Ablauf zum 1.10. 1936. Das war sicher ein Beweis für eine erfolgreiche Ausübung seines Dienstes im Wehrmeldeamt Bruchsal, die er zur Zufriedenheit seiner vorgesetzten Dienststelle ausübte.

[„E-Offizier“ war die offizielle Abkürzung und Bezeichnung der Wehrmacht für sogenannte „Ergänzungsoffiziere“, die eingestellt wurden, um den Offiziersbedarf des durch den Friedensvertrag von Versailles auf 100 000 Mann beschränkten, nun aber in den späten 1920er Jahren zunächst im geheimen, dann ab 1935 ganz offen aufrüstenden Heeres zu befriedigen. Am 1. Oktober 1933 bildete sich ein getarntes „Landesschutz-Offizierskorps“. Dieses wurde infolge weiter ausgebaut und erhielt mit dem Erlass des Reichswehrministers vom 5. März 1935 die Bezeichnung „Ergänzungs-Offizierskorps“.

Hier fanden diejenigen ehemaligen Offiziere Verwendung, welche körperliche und anderweitige Eignungen nicht mehr in ausreichendem Maße erbringen konnten. Sie waren Soldaten im Sinne des Wehrgesetzes und als solche verpflichtet. Sie führten hinter dem Dienstgrad den Zusatz (E). Ihre Eigenschaft als Vorgesetzte unterlag keinen Einschränkungen, allerdings wurde es vermieden, aktive Offiziere den „E-Offizieren“ zu unterstellen. Die Übernahme in das „E-Offizierskorps“ erfolgte in der Regel nach einer Probezeit von sechs Monaten, wobei Fritz bereits nach drei Monaten bevorzugt wurde.

In das „E-Offizierskorps“ konnten Jahrgänge bis 1882, Fritz war Jahrgang 1886, aufgenommen werden. Da für die Verwendung der „E-Offiziere“ ein immer größter Bedarf bestand, befahl der Oberbefehlshaber des Heeres, General von Fritsch, die schnelle Eingliederung der „E-Offiziere“ in das aktive Heer. Die „E-Offiziere“ leisteten vorwiegend in Ergänzungseinheiten, Stäben und in der Verwaltung Dienst. So kam Fritz als Major (E) zu den Wehrmeldeeinrichtungen. Die „E-Offiziere“ ersetzten den aktiven Offizier in fast allen Stellen außerhalb des eigentlichen Truppendienstes.]

Major
Quelle: v.H.

In einer neuerlichen Offizier-Untersuchungsliste vom 6.8. 1936 musste Fritz wiederum alle persönlichen Daten neben den ärztlichen Befunden notieren. Als Beruf vor der probeweisen Anstellung bezeichnete er sich wie gehabt, wörtlich als Landwirt. Unter „Alkohol-und Nikotinmißbrauch“ wurde „mäßig“ eingetragen. Als Körpergröße wurden 169.5 cm und als Gewicht 69 kg festgehalten. Der Körperzustand erwies sich in der Liste als „schlankmächtig, kräftig“. [...] „Urteil und Bemerkungen: Tauglich.“ Bei einer Nachuntersuchung am 31.10. 1936 lautete das Urteil „Bedingt tauglich“. Fritz wirkte dabei weiterhin als Dienststellenleiter des Wehrmeldeamtes Bruchsal.

Vorne in der Mitte sitzend: Fritz mit Hund. Bezeichnet: "Wehrmeldeamt Bruchsal 1937"
Quelle: v.H.


Die Wohnung im Unteren Schlossgarten 25, hinten bezeichnet: "30.1.1937"
Quelle: v.H.


Am 3.1. 1938 erging ein Schriftsatz vom Wehrmacht-und Versorgungsamt Stuttgart an die Zahlmeisterei der Wehrersatzinspektion Mannheim wegen Kinderzuschlägen: „Major von Hoffmeister hat. 4 Kinder und 1 Kind, also 5 Kinder, die bezgl. der 32. Änderung zum Besoldungsgesetz zu berücksichtigen sind:
1. Ingeborg.               geboren  25.2. 1915       verheiratet
2. Hans Heinrich.                     30.12. 1916.    Student
3. Gottfried.                               3.5. 1919.      Militärdienst
4. Gisela.                                  14.3. 1924.     unter 16 Jahre
5. Josef Scheuermann.             26.4. 1928.     unter 16 Jahre.[...]“

Unter dem Datum vom 21. Juli 1938 erfolgte ein Beschluss des Chefs des Heeres-Personalamts Wilhelm Keitel an den kommandierenden General und Befehlshaber im Wehrkreis XII und den Inspekteur der „Wehrersatzinspektion Mannheim „die Entlassung des Majors (E) von Hoffmeister aus dem aktiven Wehrdienst auf Grund des § 24 2b W.G.“ zu beantragen [WG = Wehrgesetz]: „Der Herr Oberbefehlshaber des Heeres beabsichtigt jedoch, den Major (E) von Hoffmeister vom 1. November 1938 ab als Offizier zur Dienstleistung [z.D.] bei seiner bisherigen Dienststelle [Wehrmeldeamt Bruchsal] zum aktiven Wehrdienste einzuberufen.“ Dabei handelte es sich um eine formaljuristische Entscheidung, eine gängige Praxis, die immer mit gleichlautendem Diktus formuliert wurde.

Kundgebung vor dem Schlossportal Bruchsal mit SA-Standarte Kraichgau. Im Bild links Vertreter der Partei und SA, rechts Angehöroge der Wehrmacht. Dritter im Bild von rechts, vorne: Fritz. Vermutlich 1938.
Quelle: v.H.

Vor dem Bruchsaler Schloss nach einer Veranstaltung 1938 mit Vertretern der NSDAP, der SA und SS sowie der Wehrmacht. Auf dem Bild rechts außen Fritz, direkt neben ihm seine Frau Maria. Im Hintergrund Vertreter der Alten Armee in historischen Uniformen.
Quelle: v.H.

Aufmarsch vor dem Bruchsaler Schlosskomplex, Ursache nicht bekannt, vielleicht ein Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Dabei Mitglieder der Wehrmacht und ehemalige Angehörige der Kaiserlichen Armee in den alten Uniformen. In der zweiten Reihe links Fritz. Vermutlich 1938.
Quelle: v.H.



Abnahme einer Parade in Bruchsal. 
Auf dem Bild links außen Fritz, die dritte von links seine Frau Maria, daneben seine Tochter Gisela. Vermutlich 1938.
Quelle: v.H.

Am 16. September 1938 erfolgte ferner eine Verfügung des Heeres: „Unter Bewilligung der gesetzlichen Versorgung und unter Vorbehalt der Verleihung des Rechts zum Tragen einer Uniform werden mit dem 31. Oktober 1938 auf Grund des § 24 (3) „W.G.“ aus dem aktiven Wehrdienste entlassen: der Major (E) von Hoffmeister beim „W.B.Kdo.“ Heidelberg („W.M.A.Bruchsal“) [Wehrbereichskommando, Wehrmeldeamt]
Berchtesgaden, den 16. September 1938

Der Führer und Reichskanzler
gez. Adolf Hitler

Der Oberbefehlshaber des Heeres
gez. von Brauchitsch

Für die Richtigkeit
Der Chef des Heerespersonalamts
gez. Keitel
Generalmajor

Mit Schreiben vom 16. September 1938 wurde Fritz aus dem aktiven Wehrdienst zum 31.10.1938 entlassen und zur Disposition (vorübergehend verabschiedet) gestellt. In einem Tagesbefehl der W.E.I. (Wehr-Ersatz-Inspektion) vom 20.9.38 heißt es noch:

"Die nachgenannten E-Offiziere (darunter Major F. von Hoffmeister) werden gem. obiger Verfügung am 31. Oktober 1938 auf Grund des §24 (3) W.G. (Wehrgesetz) unter Bewilligung der gesetzlichen Versorgung aus dem aktiven Wehrdienste entlassen und mit dem 1. November 1938 zur Verfügung des Heeres gestellt unter gleichzeitiger Einberufung zum aktiven Wehrdienste als Majore z. D. bei den angegebenen Dienststellen."

(Quelle: v.H.)



BILD. Eine Bescheinigung aus dem Wehrmeldeamt Bruchsal

Damit wurde Fritz formell aus dem aktiven Wehrdienst entbunden, gleichzeitig aber zur weiteren Dienstleistung verpflichtet. [In Paragraph  24, Absatz 3 des Wehrgesetzes von 1935 hieß es: „Offiziere können außerdem aus dem aktiven Wehrdienst entlassen werden, wenn für sie keine Verwendungsmöglichkeit mehr besteht.“]. Analog wurde Fritz nach der amtlich erfolgten Entlassung ab dem 1. November 1938 zur Verfügung des Heeres gestellt unter entsprechender Einberufung als Major z.D. [hier als Bezeichnung: zur Dienstleistung] im aktiven Wehrdienst. 

Diese Gepflogenheit hatte man als Maßnahme für eine mögliche Mobilisierung für alle ehemaligen Offiziere der „Alten Armee“ eingeführt um sie zur Verfügung (z.V.) zu stellen. Man schuf somit eine Personalreserve an ausgebildeten älteren Offizieren, die jedoch weniger als aktive Truppenoffiziere einberufen wurden, als vielmehr bei Dienststellen und Einheiten außerhalb der Fronttruppe eingesetzt werden sollten, auch um so aktive Truppenoffiziere für den Einsatz frei zu machen.

Fritz befand sich damit weiterhin unter der Kontrolle der Wehrmacht und konnte im Mobilisierungsfall sofort wieder aktiviert werden. Die Erlaubnis zum Tragen der prestigeträchtigen Uniform wurde eigens betont. In einem wiederholten Personal-Nachweis gab Fritz wieder zu Protokoll vor seiner probeweisen Eingliederung in die Wehrmacht vom 8.8. 1919 bis zum 31.3. 1936 eine Tätigkeit auf eigenem „landwirtschaftlichen Betrieb“ ausgeübt zu haben. Damit hatte er immerhin nahezu 17 Jahre keinen militärischen Dienst mehr verrichtet. Die Personalerhebungsbögen und Bescheinigungen waren gezeichnet von der Wehrersatz-Inspektion Mannheim, das Wehrmeldeamt Bruchsal war demnach dieser Behörde zeitweise untergeordnet.

Foto im Personal-Nachweis 1938
Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv Pers 6/28302

Seine Wiederverwendung zur aktiven Dienstleistung erfolgte weiterhin im Wehrmeldeamt Bruchsal und gewann unversehens an Bedeutung, denn am. 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Es war für Fritz eine Situation, vergleichbar seinem Vater Eduard, der nach 8 1/2 Jahren als General z.D. [hier: zur Disposition] ohne Dienstpflicht wieder zu den Schlachtfeldern gerufen wurde. Ein finanzielles Erfolgserlebnis konnte Fritz bald darauf freudig verbuchen. Nach einem Bescheid des Wehrmachtfürsorge-und Versorgungsamt Stuttgart vom 28.10.1939 „wird für Ihren Körperschaden Bauchnarbe nach Gallenblasenoperation Wehrdienstentschädigung [...] anerkannt.“ Diese betrug rückwirkend ab dem 1. September 1939 monatlich 15 RM.
Wehrbezirkskommando Karlsruhe Oktober 1939 im Kriege
Im gerahmten Bild an der Rückwand: Oberst Gurk
Dritter von rechts, sitzend: Fritz
Quelle: v.H.

Im Jahre 1939 erschien ein Buch des Autors Josef Krumbach über Franz Ritter von Epp betitelt Ein Leben für Deutschland, nachdem bereits ein ähnlich biographisches Werk von Walter Frank mit dem Titel Franz Ritter von Epp - Der Weg eines deutschen Soldaten im Jahre 1934 auf den Büchermarkt gelangt war. Epp hatte sich seit dem Ersten Weltkrieg einen legendären Ruf erworben und war in der Bevölkerung regelrecht zu einem Mythos geworden. Er war zudem ein herausragender Repräsentant der NS-Regierung und agierte in vielen Ämtern. Im Ersten Weltkrieg verdiente er sich den Pour le Mérite. Als Freikorpsführer war er maßgeblich an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919 und der Roten Ruhrarmee in den Jahren 1919/20 beteiligt. Spätere NS-Prominenz wirkte in den Reihen des Freikorps Epp mit, wie Ernst Röhm, Rudolf Heß und Hans Frank, ebenso die Brüder Strasser, welche allerdings aus ideologischen  Gründen verbannt wurden und nicht in die spätere NS-Hierarchie aufrückten.

Im Dritten Reich avancierte Epp u.a. zum Reichskommissar und Reichsstatthalter von Bayern, zum Reichsleiter des kolonialpolitischen Amtes der NSDAP und des Reichskolonialbundes und militärisch zum General der Infanterie und ebenfalls zum Reichsleiter des wehrpolitischen Amtes der NSDAP beim Stabe der Obersten SA-Führung. Dieser Franz Epp war ehemals im 4. Ostasiatischen Infanterie-Regiment als Oberleutnant unter dem Kommando von Eduard, also gerade dem Vater von Fritz während des Boxeraufstandes 1900/01 in China im Einsatz. In den Biographien von Frank und Krumbach werden die Kontroversen zwischen Epp und Hoffmeister ausführlich offengelegt, zum Glück tauchte in den Publizierungen im Dritten Reich keine konkrete Namenserwähnung des Kommandeurs Hoffmeister auf.

Es war unwahrscheinlich, dass Fritz und sein Sohn Gottfried, beide Offiziere in der Wehrmacht, wussten, dass der einflussreiche Ritter von Epp im NS-Machtgefüge einst Mitstreiter in Eduards Truppe war. Beide erfuhren dadurch auch keinerlei problematische Kontaktaufnahmen einer einflussreichen Epp-Gefolgschaft, da in den beiden Biographien der Namen des Befehlshaber Hoffmeister ungenannt blieb. Der hohe NS-Würdenträger Epp allein hatte die Divergenzen letztlich nicht vergessen, er ließ die widrigen Vorfälle in China von seinen Biographen schließlich als ein für sich bezogenes Ruhmesblatt in der Öffentlichkeit verbreiten. Aus der Sichtweise des NS hatte die Polarität des nationalen Revolutionärs Epp und dem artikulierten  preußischen Konservatismus Hoffmeisters im damaligen pseudokolonialen China eine wohl kalkulierte Aktualität gewonnen.

Bei der nicht offen ausgetragenen Kontroverse Epp/Hoffmeister ging es um das Verhältnis zur einheimischem Bevölkerung während der Interventionen im chinesischen Boxeraufstand 1900/01. Der Oberleutnant Epp, dienend im bayerischen Bataillon des Regiments, fiel dabei durch ein eklatantes, herrisches und koloniales Verhalten auf. Eduard, als sein Kommandeur wollte gar ein Kriegsgerichtsverfahren gegen Epp einleiten, welches noch im letzten Augenblick verhindert werden konnte. Epp ließ diese Episode von seinen Biographen noch Jahrzehnte später mit abfälligen Äußerungen speziell gegen Eduard aufwärmen, verbunden mit allgemeiner Kritik an nach seiner Meinung verkrustetem preußischen Militärsystem. Epp wurde in den Publikationen dabei selbst als stolzer Revolutionär und nationaler Innovator vorgestellt, was zu seinen späteren Tätigkeiten in Afrika, im Ersten Weltkrieg, in den Freikorpskämpfen und seinen Stellungen im NS-Staat durchaus passend erschien.

Verhängnisvolle Gasthausreden mit schwerwiegenden Folgenn


Weit gravierender löste sich hingegen ein wirkmächtiges und einschneidendes Unheil aus, welches Fritz schon in den ersten Wochen des Krieges selbstverschuldet ereilte. Die Familie von Hoffmeister wohnte während der Dienstzeit von Fritz als Chef des Wehrmeldeamtes Bruchsal vom 1. April 1936 bis zum 1. April 1940 im Schlossraum 25. Das ist eines von den beiden barocken Gebäuden am Ende des unteren Schlossgartens. Die nächstgelegene Wirtschaft war der „Gasthof zum Bären“ in der Schönbornstraße 28, gleich hinter dem Damianstor in Richtung Heidelberg. Für Fritz war es ein beliebter Aufenthalt, in den er mit Vorliebe nach getaner Verrichtung seiner Diensttätigkeit zum Plaudern in geselliger Runde, einkehrte.

In diesem Gasthaus verweilte Fritz, es war ein Abend im November 1939, das genaue Datum ist nicht belegt. In der Hitze der Konversation und aufgrund seiner Kriegserfahrung, alkoholische Getränke mögen auch eine Rolle gespielt haben, ließ er, ohne besondere Vorsicht walten zu lassen, staatskritische Aussagen über den Kriegsverlauf, konkreter noch, über dessen Ausgang, fallen. Es ist anzunehmen, dass seine Worte in ausreichenden Lautstärke geäußert wurden. Kernpunkte seiner Aussprüche gipfelten darin, dass Hitler den begonnenen Krieg nicht gewinnen könne, dazu sei das britische Imperium zu mächtig. In Hinblick dazu bezeichnete er zusätzlich die Engländer als eigentliches Herrenvolk.

Fritz bewies damit, leider an einem öffentlichen Ort, einen intuitiven Weitblick, welcher an seinen Vater Eduard erinnerte, der zu Beginn des Ersten Weltkrieges ähnliche Ahnungen bei stockenden Aktionen deutscher Operationen in seinem Tagebuch festschrieb. Im Ergebnis, eine auffällige Analogie bei Vater und Sohn zu Beginn des jeweiligen Weltkrieges. Beide erwiesen sich gleichsam als Visionäre kommenden Unheils. Die von Fritz verlautbarten Theorien über den Ausgang des Krieges und damit gleichzeitig zur Person Adolf Hitlers fanden in der Gaststätte eine Resonanz, die sich folgenschwer entwickelte.

Der Verlauf des Krieges, der gerade erst begonnen hatte, widersprach zu dem Zeitpunkt der Perspektive von Fritz und seinen vorgebrachten Argumenten. Die Darstellung erschien den Zuhörern wohl auch kaum glaubhaft, da die Wehrmacht bis November 1939 von Sieg zu Sieg eilte und ausschließlich eindrucksvolle Erfolge vorwies, Polen wurde in kurzer Zeit überrannt, die Sprache von einem „Blitzkrieg“ machte bereits die Runde. Von Russland als Feind an einer weiteren Front sprach noch keine Seele.

Die „in coram publico“ gefallenen Auslassungen entwickelten eine virulente Eigendynamik, die nicht mehr korrigierbar, geschweige denn noch aufzuhalten war. Zwei weibliche Bedienungen des Gasthauses denunzierten Fritz umgehend bei der Bruchsaler Polizei wegen seiner in offener Runde frei ausgepackten Reden. Die Reaktion auf die Anzeige ließ nicht lange auf sich warten, die staatlichen Organe reagierten  unverzüglich und die kriegsgerichtliche Maschinerie nahm ihren Lauf. 

Die Kenntnisnahme der unheilvollen Äußerungen von Fritz im Gasthaus Bären in Bruchsal gelangte durch die Denunzierung der Bedienungen über die örtliche Polizeibehörde zur Gestapo oder auch direkt an die Staatspolizeidienststelle Karlsruhe. Konsequent und grundsätzlich schritt die Gestapo ein, wenn aus den ihr zugestellten Meldungen defätistische Ansichten hervorgingen. [Nahezu jegliches Wissen über staatsfeindliche Verdachtsmomente empfing die Gestapo von einzelnen Bürgern, die ihre Mitmenschen anzeigten.]

Ihr oblag die Zusammenfassung des Ermittlungsvorgangs und die Abgabe an die Justiz, in dieser Sache an das Kriegsgericht. Die zentrale Dienststelle in Karlsruhe war die übergeordnete Instanz der Außenstellen für der Region Baden. Der Hauptsitz befand sich in der Reichsstraße 24 (heute Ebertstraße 26). In Bruchsal bestand zum Zeitpunkt keine Außenstelle der Gestapo.

Fritz wurde noch im gleichen Monat vom Dienst im Wehrmeldeamt suspendiert und umgehend entlassen, sein Verbleiben in der Wehrmacht blieb zunächst unberührt bis die Sachlage gerichtlich verhandelt war. Als Angehöriger der Wehrmacht musste sich Fritz vor einem Kriegsgericht verantworten. Am Urteil bestand kein Zweifel, sein Fall lag nach der herrschenden Gesetzeslage eindeutig, er wurde umgehend zu zwei Monaten Gefängnis nach § 2 des „Heimtückegesetzes“ verurteilt. Zusätzlich wurde ihm das Recht zum Tragen der Uniform abgesprochen und ihm außerdem noch ein Bußgeld von 300 RM auferlegt. Damit bekam Fritz exakt nach den Buchstaben des „Heimtückegesetzes die volle Härte zu spüren, die Verdienste im letzten Krieg, auch bewiesen als Träger des „Frontkämpfer-Ehrenzeichens“ fanden im Urteil keine strafmindernde Beachtung.

[Die NS-Spitze führte die 1920 abgeschaffte Militärgerichtsbarkeit zum 1. Januar 1934 wieder ein. Ihr waren Soldaten und Beamte der Reichswehr, ab 1935 der Wehrmacht, unterworfen. Das Reichskriegsgericht als höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz war ab 1935 das zuständige Gericht für Fälle von Hoch-und Landesverrat. Die Wehrmachtsgerichte waren in die militärische Organisation eingegliedert. Nach Kriegsbeginn installierte man die Kriegsgerichte bei allen Einheiten der Wehrmacht ab etwa Divisionsstärke.]

Das Kriegsgericht vor dem sich Fritz verantworten musste befand sich mit Sicherheit bei der 35. Infanterie-Division mit Sitz in Karlsruhe. Diese gehörte wie das Wehrmeldeamt Bruchsal zum Wehrkreis V, zudem hatte die zentrale Dienststelle der Gestapo für Baden ihr Hauptquartier in Karlsruhe.

Rechtsgrundlage solcher Verfahren während des Zweiten Weltkrieges bildeten neben dem Heimtückegesetz u.a. die Kriegssonderstrafrechtsordnung u. Kriegsstrafverfahrensordnung vom August 1939. Sie gaben den Militärjuristen praktisch unbegrenzte Möglichkeiten in die Hand, gegen innere und äußere Feinde vorzugehen. Die Fälle, die vor den Kriegsgerichten verhandelt wurden, nahmen in der zweiten Hälfte des Krieges enorm zu. Besonders nach der Schlacht von Stalingrad häuften sich die Anklagen wegen Defätismus mit entsprechend schweren Urteilen bis zu Todesstrafen.]

Insofern kam Fritz noch vergleichsweise glimpflich davon. Sein Fall wurde zwar vor dem Kriegsgericht verhandelt, er war der militärischen Judikative unterworfen, aber im Verfahren wurde das Heimtückegesetz zu Grunde gelegt, welches für alle Bevölkerungsteile Gültigkeit besaß und somit auch für Angehörige der Wehrmacht im frühen Stadium des Krieges angewendet wurde.

[„Das Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen“ wurde am 20. Dezember 1934 erlassen. Es schränkte darüber hinaus das Recht auf freie Meinungsäußerung ein und kriminalisierte alle kritischen Verlautbarungen, die das Wohl des Reiches, das Ansehen der Reichsregierung oder der NSDAP schwer schädigten. Die unscharfen Begriffe im Heimtückegesetz ermöglichten es, nahezu jede kritische Äußerung zu ahnden. In der zweiten Kriegshälfte stieg die Zahl der Denunziationen rapide an, insbesondere gegen defätistische Aussagen, entsprechend erfolgten zunehmend verschärfte Bestrafungen

Der § 2, Absatz 1 des „Heimtückegesetzes“, der bei der Verurteilung von Fritz Anwendung fand, lautete: „Wer öffentlich gehässige, ketzerische oder von widriger Gesinnung zeugende Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates oder der NSDAP, über ihre Anordnungen oder die von ihnen geschaffenen Einrichtungen macht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wird mit Gefängnis bestraft.“]

Das Uniformverbot war ein gravierendes Diktum und bedeutete eine ausgesprochene, zielgerichtete Stigmatisierung für einen während des vergangenen Krieges immer an der Front gedienten und ordensgeschmückten Offizier. Nach der Sprachebene der Nationalsozialisten galt die Uniform als „Ehrenkleid der Wehrmacht“ und der Wehrdienst als „Ehrendienst am Deutschen Volke“. Die Uniform verschaffte Respekt und Glanz, deren Faszination war als Distinktionsmerkmal im öffentlichen Leben des NS-Staates von Identität stiftender Bedeutung. Beides, Uniform und Wehrdienst blieb Fritz nun, nach dem rechtskräftigem Urteil, verwehrt.

[Im § 33  Absatz 2 des Wehrgesetzes vom 21. Mai 1935 hieß es: „Verabschiedung mit Uniform. Den aus der Wehrmacht ausscheidenden Angehörigen der Wehrmacht kann das Recht zum tragen der Uniform eines Wehrmachtteiles mit einem für Verabschiedete vorgeschriebenen Abzeichen widerruflich verliehen werden.“ Vor allem die Verweigerung zum Tragen der Uniform, die meist in Fällen von Verfehlungen verfügt wurde, die zur Entlassung von Offizieren führte, galt als erhebliche Härte und wurde von den Betroffenen auch als grundlegende Diskriminierung empfunden.]

Am 23. Januar 1940 fiel letztlich der endgültige, verhängnisvolle und folgenschwere Satz der Wehrmacht über die Materie Major von Hoffmeister in Form einer „Geheimverfügung“. Das erlassene Dekret verfügte die definitive Beendigung des Dienstverhältnisses zum 30. April 1940 und sollte den Versorgungsakten hinzu gefügt werden. Zugleich wurde auch die z.V. -Stellung [zur Verfügung] aufgehoben und Fritz bis zum offiziellen Schluss der Dienstzeit beurlaubt. Dadurch fand der Schuldspruch des Kriegsgerichts vom November 1939 eine abschließende und irreversible obrigkeitliche Bestätigung.

Ausdrücklich wurde in dem Dokument immerhin  trotz Verurteilung vermerkt: „Wehrunwürdigkeit wird nicht angenommen.“ Das Wort „nicht“ noch extra unterstrichen. Sein Einsatz und seine eindrucksvolle Bilanz im Weltkrieg erfuhren hiermit nachträglich, wenn auch nur formal, noch eine  Würdigung in Form eines gewissen „Frontkämpferschutzes“, gleichwohl war Fritz im Sinne des NS als Soldat unwiderruflich beschädigt und aus der Wehrgemeinschaft ausgeschlossen.

Quelle: Bundesarchiv Pers 6/28302

[Das Wehrgesetz von 1935 besagt in § 13, Absatz 1 e) unter „Wehrunwürdigkeit“ „Wehrunwürdig und damit ausgeschlossen von der Erfüllung der Wehrpflicht ist, wer wegen staatsfeindlicher Betätigung gerichtlich bestraft ist.“

„Geheimverfügungen“ waren in der Wehrmacht und in allen Gliederungen des NS eine gängige Praxis. Generalfeldmarschall Keitel benutzte klar diese Art von Erlassen, besonders bei widrigen Personalveränderungen von Offizieren, Kommandosachen, Plänen und Verschlussangelegenheiten, die für die Öffentlichkeit abträglich und verfänglich waren. Geheimbefehle betrafen auch Vergehen bei Alkohol  im Dienst sowie staatsfeindliches Verhalten. Von ausschlaggebender Wichtigkeit war dabei immer das Ansehen der Wehrmacht in der Öffentlichkeit, welches unbefleckt zu erscheinen hatte.

Bei einer „Geheimverfügung“ beanspruchte das Amtsgeheimnis den Rang eines strafrechtlich geschützten Staatsgeheimnisses, damit war eine Verschwiegensverpflichtung verbunden. Als klassisches Beispiel eines derartigen Dekrets in der Wehrmacht konnte der Fall eines wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilten Offiziers gelten. Die Nachricht darüber wurde per „Geheimverfügung“ allen Offizieren des Heeres zugänglich gemacht und sollte zur Abschreckung weiterer Abweichler dienen.]

Legalisiert wurde die „Geheimverfügung“ bezüglich des Majors a.D. Fritz von Hoffmeister mit „gez. Keitel.“ Wilhelm Keitel war zu der Zeit als Generaloberst Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW).

[Wilhelm Keitel, 1882-1946. Während des Ersten Weltkrieges war Keitel Generalstabsoffizier. Eingesetzt wurde er in der Schlacht von Namur, an der Marne, in den Vogesen, vorübergehend an der Ostfront, dann wieder bei Verdun und schließlich in Flandern. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er in die Reichswehr übernommen. Dabei beteiligte er sich an deren illegalem Ausbau. 1931 reiste Keitel mindestens einmal in die Sowjetunion, um dort geheime Ausbildungslager der Reichswehr zu inspizieren.

Am 1. April 1934 wurde Keitel zum Generalmajor befördert. Nach der Blomberg-Fritsch-Krise und der damit verbundenen Veränderung der Kommandostruktur der Wehrmacht, wie die Reichswehr seit 1935 offiziell hieß, wurde er zum Chef des Oberkommandos der Wehrmacht berufen. Damit war Keitel unmittelbar Hitler unterstellt. Seine Aufgabe war es, die Befehle Hitlers weiterzugeben.

Im Krieg war Keitel als Chef des Oberkommandos in alle zentrale Entscheidungen eingebunden, agierte aber hauptsächlich als Hitlers Erfüllungsgehilfe. Im Juli 1940 wurde er zum Generalfeldmarschall ernannt. Keitel sah es fortan als seine Aufgabe an, Hitlers Entscheidungen bedingungslos zu unterstützen oder ihm zuzuarbeiten, so z.B. beim sogenannten „Kommissarsbefehl“.

Von Angehörigen der Wehrmacht wurde Keitel als Ja-Sager missbilligt. Im Offizierskorps genoss er daher nur wenig Respekt und führte den verballhornten Namen „Lakaitel“. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete Keitel im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht.

Am 13. Mai wurde Keitel von den Alliierten festgenommen und schließlich im August 1945 nach Nürnberg überstellt. Zusammen mit 23 anderen wurde er im Nürnberger Prozess angeklagt und schuldig gesprochen, sich an folgenden Straftaten maßgeblich beteiligt zu haben:

Verschwörung zur Planung eines Angriffkrieges
Verbrechen gegen den Frieden durch Überfall auf andere Länder
Kriegsverbrechen
Kommandobefehl
Kommissarsbefehl
Ermordung von Kriegsgefangenen
Zwangsarbeit
Plünderungen
Ermordung der polnischen Elite
Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Am 1. Oktober 1946 wurde er zum Tod durch den Strang verurteilt und mit neun weiteren Verurteilten am 16. Oktober in Nürnberg hingerichtet.

In der zweiten Kriegshälfte wurde wesentlich verschärft gegen Defätismus vorgegangen. Ein Erlass des Chefs der nationalsozialistischen Führungsoffiziere der Luftwaffe vom 1. September 1944 mag als Beispiel dienen:
Es ist längst eine Selbstverständlichkeit geworden, daß, wer an dem Führer Zweifel äußert, ihn und seine Maßnahmen kritisiert, über ihn herabsetzende Nachrichten verbreitet oder ihn verunglimpft, ehrlos und todeswürdig ist. Weder Stand noch Rang, noch persönliche Verhältnisse oder andere Gründe können in einem solchen Fall Milde rechtfertigen. Wer in der schwersten entscheidenden Zeit des Krieges Zweifel am Endsieg äußert und dadurch andere wankend macht, hat sein Leben ebenfalls verwirkt“.]

Noch während der verhängten Haftzeit mit der Dauer von zwei Monaten wurde Fritz vom 6.12. 1939 bis zum 28.2. 1940 an das Wehrmeldeamt Karlsruhe versetzt. Das war wohl eher ein formaler Vorgang, von einer weiteren Tätigkeit wurde er ausgeschlossen. in der „Geheimverfügung“ vom 23. Januar 1940 wurde die finale Entlassung eindeutig betont: „Major z.D. von H. wird bis zum Tage der Beendigung der Dienstleistung als Offizier beurlaubt.“ 

Für den Rest seiner nur formellen Anstellung wurde er noch in eine Freizeit abgeschoben, so kam Fritz im März 1940 nach den einschneidenden und ultimativen Vorgängen zu einem Aufenthalt im Heereserholungsheim Todtmoos [eine Einrichtung des Wehrkreises V]. Ob man dies als einen Bonus in Anerkennung seiner militärischen Leistungen werten musste, erschien zweifelhaft, zumal die Entscheidung des Kriegsgerichts unumstößlich blieb. Das bedeutete, dass Fritz nach den Gasthausreden im November 1939 sein Dasein als Offizier abrupt beenden musste, die Weiterbeschäftigung bis zum 30.4. 1940 war ein amtlicher Vorgang, der nur nur auf dem Papier bestand, einen Dienst übte er nach den Verbalien im „Bären“ nicht mehr aus.

Nach der Entlassung aus der Wehrmacht wurde Fritz gefragt, welchen Beruf er danach anstreben würde. Dazu teilte er am 5. Februar 1940, wie gewohnt mit, eine Tätigkeit als Landwirt auf eigenem Besitz ausüben zu wollen. In diesem Metier hatte er schon einige Jahre Erfahrungen sammeln können, nach seiner Entlassung aus der „Alten Armee“ [übliche Bezeichnung für die kaiserliche Armee 1871-1918] im Jahre 1919 arbeitete Fritz bereits als eifriger Landmann für seine Familie, um mit teilweise eigener Versorgung dem herrschenden Mangel zu entgehen. In diesem ländlichen Gewerbe war Fritz mithin beinahe so lange tätig wie als Berufsoffizier in drei unterschiedlichen deutschen Staatsformen, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik bis zur Auflösung seines Regiments und dann nochmals im Dritten Reich.

Dem Wehrmachtfürsorge und Versorgungsamt Nürnberg teilte Fritz am 21.4. 1940 die aktuelle Kontonummer mit und bat die monatlichen Alimente von 30 RM dahin anzuweisen, dazu merkte Fritz noch an: „Ich selbst habe meinen Wohnsitz in Buchen im/Odenwald Bödigheimerstr. 3 [in den Unterlagen wechselnd: 2 oder 3] bin aber in Oberndorf bei den Mauserwerken (Rüstungsindustrie) als Schießstandleiter angestellt.“

Als geänderten Wohnsitz gab er ab dem 1.3. 1940 Buchen im Odenwald, Bödigheimerstr. 2 an, nach der vorigen Adresse in Bruchsal, nämlich Schloßraum 25. Zum Status seiner Kinder sagte er aus: „Ingeborg verheiratet, Hans-Heini diplomierter Landwirt, Gottfried Fahnenjunker-Feldwebel, Gisela Schule“. Auf die Frage nach unehelichen Kindern erfolgte als Antwort: „Josef Scheuermann, Hettingen, [... Alimente 30 M]“. Seine aktive Wehrdienstzeit datierte er vom 9.1. 1904 bis zum 7.8. 1919 und vom 1.4. 1936 bis zum 30.4. 1940 [durch eine Geheimverfügung entlassen].

Zu einer geplanten und ungestörten Weiterbetätigung als Agronom, wie es in der Vorstellungswelt von Fritz Formen annahm, kam es freilich nicht. Man fand eine kriegswichtige Verwendung für den aus der Wehrmacht verbannten Offizier, Fritz wurde noch vor Beendigung seines Dienstverhältnisses in der Wehrmacht zum 30. April, bereits ab dem 1. April 1940 zu den Mauserwerken in Oberndorf am Neckar delegiert. Er führte auf dem Gelände des Betriebes die Aufgaben eines Schießleiters aus. Das Arbeitsfeld mit verpflichtender Protokollführung diente der Erprobung und Verbesserung von Waffen und Munition für den Kriegseinsatz.

[Ein Schießleiter leitet als Aufsichtsperson den ordnungsgemäßen Ablauf und die Überwachung der Munitionsbestückung und des Schießens. Er ist verantwortlich für die Beachtung der Sicherheitsbestimmungen und er kontrolliert die Einhaltung der gesetzlichen Richtlinien. Für die Wehrmacht hatte die Protokollführung und Auswertung der Erprobungen eine primäre Bedeutung.

Die Mauserwerke waren ein wichtiger Betrieb der Rüstungsindustrie. Die Fabrik wurde 1812 in Oberndorf gegründet. Bekannt war das Gewehr 98, das bis zum heutigen Tag noch vom Wachbataillon der Bundeswehr verwendet wird. Ab 1934 war auch Mauser in die zunächst heimliche Aufrüstung der Reichswehr integriert. Nun wurden wieder Militärwaffen produziert und zwar der Karabiner 98k, der 1935 zur deutschen Ordonnanzwaffe aufstieg, das heißt, dass das Gewehr bei der Wehrmacht offiziell eingeführt und an die Soldaten als persönlicher Ausrüstungsgegenstand ausgegeben wurde.

Da die Produktion unbemerkt von den Alliierten geschehen sollte, wurde jetzt nicht mehr die volle Namensbezeichnung des Werkes auf die Systemhülse gestempelt, sondern ein wechselnder Code, welcher die Identifizierung erschweren oder unmöglich machen sollte. Die Werke setzten bis zu 11 000 Mitarbeiter ein, dabei lag  der Anteil der „Fremdarbeiter“ bis zum Ende des Krieges bei über 50 %. Das große Ausmaß der Beschäftigung lag an der Importanz der Waffenproduktion vor Ort.

Quelle: v.H.


Bei den Mauserwerken. Sechster von links, stehend mit Hut; Fritz.
Quelle: v.H.

[Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Deutschen Reich mehrere Millionen Menschen zur Zwangsarbeit verpflichtet, meist Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zivilpersonen der besetzten Gebiete. Sie mussten die fehlenden Arbeiter, die im Kriege waren, ersetzen und vor allem die Kriegsproduktion aufrechterhalten. Besonders in Osteuropa wurden sie großteils rekrutiert und mit Zügen nach Deutschland gebracht. Die Arbeiter wurden als „Fremdarbeiter“ oder, sofern sie aus der Sowjetunion, Ukraine und Russland, stammten als „Ostarbeiter“ bezeichnet. Die Arbeiter wurden in der Landwirtschaft und vorzüglich in der Rüstungsindustrie eingesetzt, aber auch öffentliche Einrichtungen, die Kirche und Privatpersonen forderten Hilfskräfte an.]

In Oberndorf arbeiteten die zwangsverpflichteten Ausländer im Verkehrswegebau und in der Anlage von Luftschutzstollen. Bei einem Bombenangriff am 26.2. 1945 wurden die Mauser-Werke schwer beschädigt. Weitere Luftangriffe erfolgten am 9.3. am 25.3. und am 31.3. 1945]

Trotz der unglückseligen Affäre, welche das Ende seines Offiziersstatus einläutete, blieb Fritz der NSDAP verbunden, obgleich ein Austritt ohne Probleme möglich gewesen wäre. Die Parteiführung hatte keine Ahnung, welche Entwicklungen Fritz zum Schießleiter in Oberndorf gemacht hatten. Es handelte sich schließlich um eine „Geheimverfügung“ der Wehrmacht. Im März 1941 erhielt Fritz ein Ruhegeld einschließlich Versehrtengeld, „Frontzulage“, „Kinderzuschlag“ in Höhe von ca. 600 RM [etwa 2050 €].

Zur Vervollständigung der Personalunterlagen forderte das Wehrbezirkskommando Rottweil am 1. August 1941 beim Wehrmacht-Fürsorge-und Versorgungsamt Stuttgart die „Entlassungsverfügung des O.K.H. [Oberkommando des Heeres] des Major a.D. Fritz von Hoffmeister [...] entlassen am 30.4.40 angeblich gem. Verfüg. O.K.H. [...] vom 23.1. 40.“ an. Das Versorgungsamt wandte sich darauf am 8. September direkt mit der Bitte an Fritz um Zusendung seines Wehrpasses.

[Ein Wehrpass wurde bereits in der Zeit des Dritten Reiches nach Einführung der Wehrpflicht an alle wehrpflichtigen männlichen Bürgern ausgegeben. Darin wurde die Tauglichkeit und persönliche Angaben vermerkt. Der Pass verblieb beim Besitzer, um sich gegenüber Militärbehörden auszuweisen. Wurde der Wehrpflichtige eingezogen ging der Wehrpass an die jeweils zuständige Einheit. Der Wehrpass enthielt folgende Einträge:
Angaben zur Person
Musterung und Aushebung
Reichsarbeitsdienst
Aktiver Wehrdienst, hier tauchte dann der Eintrag über die Entlassung von Fritz aus der Armee auf, deshalb wurde zum Beleg über seinen Status der  Wehrpass eingefordert.]




Wehrpass, unten rechte Seite, Orden: Ritterkreuz II. Klasse des sächsischen Albrechtsordens, verliehen 16.7.1909
Ritterkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen, verliehen 23.9.1914
EK II. Klasse
Hamburgisches Hanseatenkreuz, verliehen, 7.12.1914
EK I. Klasse, verliehen 13.12.1916

Quelle: RA Achim Jaroschinsky, Halle

Vom Wehrmachtfürsorge-und Versorgungsamt Nürnberg erging an Fritz am 26.11. 1941 ein abschließender Bescheid über sein Ruhegeld: „Sie wurden am 31.10. 1938 aus dem aktiven Wehrdienst entlassen und mit dem 1.11. 1938 zur Verfügung [z.V.] des Heeres gestellt unter gleichzeitiger Einberufung als Major z.D. zum aktiven Wehrdienst. Unter gleichzeitiger Aufhebung der z.V.-Stellung wurden Sie mit dem 28.2. 1940 aus dem aktiven Wehrdienst entlassen [durch die verfängliche  Geheimverfügung des O.K.H.].

Mit Bescheid über die Feststellung von Ruhegehalt [...] wurde Ihnen mit dem Ausscheiden am 31.10. 1938 bereits das Höchstruhegehalt Ihres Dienstgrades [...] bewilligt. Eine Erhöhung des Ruhegehalts auf Grund der Dienstzeit als Offizier z.D. Ist deshalb nicht mehr möglich.“

Fritz wurde im April 1942 von der NSDAP  nach Oberndorf, seinem nunmehrigen zweiten Wohnsitz [erster Wohnsitz war Buchen] umgemeldet, bestätigt von der Gauleitung Württemberg-Hohenzollern. Es war einigermaßen verwunderlich, warum Fritz der Staatspartei weiterhin die Treue hielt nach den bitteren Erfahrungen mit der Entlassung aus der Wehrmacht, folgender Gefängnisstrafe und einem anschließendem Verbot des Tragens der Uniform.

Zur korrekten Erfassung wandte sich der Ortsgruppenleiter von Oberndorf an die Gauleitung: „Parteigenosse Fritz Hoffmeister, Mitgl.-Nr. 3 146 971, befand sich von 1.10. 1936 bis 30.4. 1940 bei der Wehrmacht. Er war als Reserve-Offizier beim Wehrmeldeamt Bruchsal. Nachdem der Genannte aus der Wehrmacht wieder ausgeschieden und nunmehr in einem Rüstungsbetrieb in Oberndorf a.N. als Schiessleiter tätig ist, bitte ich um Durchführung der Überweisung zu meiner Ortsgruppe Oberndorf a.N.
Heil Hitler. Unterschrift.“

Quelle: v.H.

[Vor der Einführung der Wehrpflicht im Jahre 1935 konnten Soldaten und Offiziere nicht Mitglied der NSDAP sein. Nach Einführung der Wehrpflicht und als Angehöriger der Wehrmacht ruhte nicht nur die Mitgliedschaft, sondern auch die Beitragspflicht für die Dauer des aktiven Wehrdienstes.

Das Reichsgebiet war für das Ersatzwesen in Wehrbereiche eingeteilt, der Befehlshaber eines Wehrkreises leitete das Ersatzwesen im Bereich des Befehlshabers Ersatzheer. Das Ersatzwesen verwaltete die Ergänzung der Streitkräfte durch Personal und Material. Im Frieden erfolgte der Ersatz durch junge Mannschaften, die erst die militärische Ausbildung durchliefen und dann an die Stelle der nach Hause Entlassenen traten. Im Krieg mussten der Armee an der Front ausgebildete Kräfte zur Verfügung stehen, die für die Toten, Verwundeten, Gefangenen, Deserteure und Vermissten in die Truppenteile eintraten. Gegen Ende des Krieges gehörten auch die Einberufungen älterer Jahrgänge zu den Aufgaben dieser Dienststellen.

In den Wehrkreisen bestanden Wehrersatzinspektionen (WEI), darunter Wehrdienst und NSDAP. Eine WEI gliederte sich in Wehrbezirke, der Wehrbereich in Wehrmelde-bzw. Musterungsbezirke. Die unterste Ebene im Bereich des Wehrersatzwesens bildeten die Wehrmeldeämter. Im Falle der Verwendung von Fritz besaß das V. Armeekorps in Stuttgart das Oberkommando, die nachgeordnete Einheit war die Wehrersatzinspektion Stuttgart, darunter befand sich das Wehrbezirkskommando Karlsruhe, welches über dem Wehrmeldeamt Bruchsal stand.]

Derweil betrug Im März 1942 sein Ruhegeld nach Wegfall des Kinderzuschlags für seine Tochter Gisela 578 RM [= ca. 2020 €]. Er bezog die Pension noch an seinem zweiten Wohnsitz in Oberndorf/Neckar, Mackensenstr. 36.

Mitte November 1942 fand die Vermählung seines Sohnes Gottfried mit Elisabeth, geb. Armbrust, in Straßburg statt. Fritz als Vater des Bräutigams nahm an dieser Feier nicht teil, terminliche Verhinderungsgründe waren nicht vorhanden. Das Verbot zum Tragen der Uniform dürfte ausschlaggebend gewesen sein, denn die Uniform war seit langen Jahren gleichsam seine zweite Haut, der Habitus vermittelte ausgeprägten Korpsgeist in einer exklusiv anerkannten Gemeinschaft mit Symbolcharakter. Da es sich um ein rein militärisch geprägtes Ereignis handelte, hätte sein Beisein als neuerlicher Zivilist und früherer Major a.D. mit der meisten Fronterfahrung unter allen uniformierten Anwesenden, zu einem unerträglichen Gefühl von Ausgrenzung geführt. 

Sein Status würde unweigerlich für Gesprächsstoff gesorgt haben, wenn auch mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand. Es waren auf der Feier nicht nur Offiziere zugegen, auch auf das Bedienungspersonal aus den Mannschaftsdienstgraden hätte man bei Gesprächen ein Augenmerk richten und besondere Vorsicht walten lassen. Seine Frau Maria und übrige Mitglieder beider Familien nahmen hingegen ungehindert an der Festlichkeit teil.

Das Kreisjugendamt Buchen meldete am 4. August 1943 der Heeresstandortkasse Nürnberg in Sachen der „Amtsvormundschaft über Josef Albert Scheuermann, geb. 26.3. 1928 betr. Mein Mündel Josef Albert Scheuermann ist am 15.7. 1943 beim Baden ertrunken. Die Überweisung der Unterhaltsrente des Kindesvaters Major v. Hoffmeister ist dadurch gegenstandslos geworden.“ 

Die nachfolgende Sterbeurkunde des Standesamts Mannheim-Sandhofen vom 13. August 1943 vermeldete: „Der Schüler Josef Albert Scheuermann, katholisch, wohnhaft in Mannheim-Sandhofen, Sonnenstraße 24 ist am 16. Juli 1943 gegen 17 Uhr in Mannheim-Sandhofen im Altrhein ertrunken. Der Verstorbene war geboren 26. März 1928 in Hettingen Landkreis Buchen.“

Das Kreisjugendamt Buchen leitete die Sterbeurkunde an das Wehrmachtfürsorge und Versorgungsamt am 26. Oktober 1943 weiter mit dem Zusatz: „[...] dass [Maschinenschrift] mit der Mutter des Jungen, Frau Lina Wernz geb. Scheuermann in Mannheim-Sandhofen, Sonnenstr. 24, bereits Aussergerichtlich abgerechnet worden ist, wobei noch für Sept. eingegangene Unterhaltsrente des Kindsvaters Major von Hoffmeister berücksichtigt wurde.“

Der Tod des Jungen, der gerade mal 15 Jahre alt wurde, war ein unvorhergesehenes und tragisches Schicksal, welches tiefe Betroffenheit auslöste. In den schweren Zeiten des tobenden Krieges und der Demütigung durch die Wehrmacht musste Fritz zusätzlich diese Hiobsbotschaft ertragen. Andererseits dürfte diese traurige und unselige Geschichte bei Fritz trotz aller Betroffenheit nunmehr zu einem spontanen Gefühlt der Erleichterung, allein schon wegen der ständigen Geheimhaltung, geführt haben. 

Seine monetäre Situation verbesserte sich dadurch allerdings nicht wesentlich. Es entfielen zwar ab sofort die monatlichen Alimentenzahlungen, allerdings erhielt er auch für den ertrunkenen Sohn keinen „Kinderzuschlag“ mehr, wie das Versorgungsamt ihm sogleich am 8.11. 1943 mitteilte. Von den gesetzlich vorgeschriebenen Alimente wäre Fritz auch nach einem etwa Dreivierteljahr, nämlich am 28.3.1944 befreit gewesen, an diesem Tag hätte der Junge das 16. Lebensjahr erreicht.

In einem Schreiben des Wehrmachtfürsorge- u. Versorgungsamt Nürnberg am 4. Mai 1944 hieß es noch: „Laut Eintragung der Steuerkarte für das Jahr 1944 sind Sie von Steuergruppe 4 nach 3 gekommen.“ Danach folgte die Aufstellung der gültigen Bezüge ab dem 1.7. 1944. In der „Lohnsteuerkarte 1944/46“ ist dann auch korrekt die geänderte Steuergruppe eingetragen. Das ist das letzte auffindbare Dokument vor dem Ende des Krieges.

Mehrmalige Anfragen an die Mauserwerke [In den 1990er Jahren wurde der Betrieb von der Rheinmetall AG übernommen, Waffen werden weiterhin produziert] um Informationen aus dem Betriebsarchiv zu erhalten, blieben ohne jegliche Resonanz, möglicherweise auch aus Angst vor der Aufdeckung von Verstrickungen in den NS. Immerhin beschäftigte die Firma zu Kriegszeiten eine sehr große Zahl von zwangsverpflichteten „Fremdarbeitern“. Fritz wohnte in Oberndorf noch bis Juni 1945, seine Familie aber über die gesamte Zeit nach der Entlassung von Fritz aus dem Wehrmeldeamt Bruchsal, dann in seinem Haus in Buchen im Odenwald, Bödigheimer Str. 2.

Wohnhaus Buchen, Boedigheimer Str. 2
Quelle: v.H.

Die sogenannte Entnazifizierung


Nach Kriegsende und der folgenden alliierten Besatzung kam für alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder, es waren an die 8.5 Millionen, das böse Erwachen in Form der sogenannten „Entnazifizierung“.

[Bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 war von den Alliierten die Entfernung „belasteter“ Personen aus ihren Ämtern und ihre Bestrafung beschlossen worden, ebenso das Verbot von NS-Gesetzen, Organisationen, Symbolen und Schriften. Darunter fiel auch die Umbenennung von Straßen, die nach Nationalsozialisten benannt waren.

Die gemeinsame Zielsetzung der „Entnazifizierung“ sollte durch Maßnahmen erreicht werden, die aus einer umfassenden „Demokratisierung“ und „Entmilitarisierung“ bestand. Das wichtigste Ziel war die Auflösung der NSDAP und der ihr angeschlossenen Organisationen.

Die Wortwahl „Entnazifizierung“ hatte sich generell in der Sprechweise etabliert. Das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ vom 5. März 1946 formulierte fünf Gruppen, in der die über 18-jährigen Deutschen eingestuft wurden. Im Mai 1946 nahmen mit Genehmigung der US-Militärregierung in der amerikanischen  Besatzungszone, dazu gehörte Bayern, Groß-Hessen und Württemberg-Baden, die ersten deutschen Laiengerichte, die sog. „Spruchkammern“ ihre Tätigkeit auf. 

Die „Entnazifizierung“ war eines der Hauptanliegen der Amerikaner. Das Ziel dabei war, diese baldmöglichst in die Hände von Deutschen zu legen. Vorerst übernahm die Militärregierung diese Aufgabe. Die Einrichtung der gerichtsähnlichen Institution einer „Spruchkammer“ musste mit einem Vorsitzenden und mindestens vier, wenn möglich, sechs Beisitzern ausgestattet werden.

Die Einteilung in die fünf Kategorien bezüglich einer „ NS-Belastung“ wurde im Oktober 1946 allgemein verbindlich für alle vier Besatzungszonen eingeführt. Den Vorsitz hatten die „öffentlichen Kläger“, welche die Befähigung zum Richteramt besaßen sowie eine „saubere“ Vergangenheit anführen konnten. Die Ernennung erhielten diese durch den „Minister für Befreiung“. Darüber hinaus wurden zwei Beisitzer eingeteilt, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut sein sollten. 

Zur Beurteilung der Verantwortlichkeit und zur Heranziehung zu Sühnemaßnahmen wurden folgende Einteilung gebildet:
1. Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)
2. Belastete, Schuldige (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer)
3. Minderbelastete (Bewährungsgruppe)
4. Mitläufer
5. Entlastete, die vom Gesetz nicht betroffen waren.

Es lagen Fragebögen vor, in denen zur Angabe aufgefordert wurde, ob man Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen war und wie die berufliche und finanzielle Situation aussah. Verweigerungen oder falsche Aussagen standen unter Strafandrohung. Ausgefüllte Fragebögen wurden von Polizeibehörden quittiert. Die Quittung musste sowohl bei der Ausgabe von Lebensmittelkarten als auch beim Arbeitgeber als Voraussetzung für Weiterbeschäftigung bzw. Neueinstellung vorgelegt werden.]

In der US-Zone betraf es 3.6 Mio. Deutsche. Alle anderen galten als „nicht betroffen.“ Aufgrund zahlreicher Amnestien, die etwa 2.5 Mio. Einwohner betrafen und dem Verzicht auf Klageerhebung wurden schließlich noch ca. 950 000 Fälle verhandelt, darunter befand sich dann auch Fritz. Von den Betroffenen wurden die Maßnahmen zum Teil als schwer erträgliche Form einer Diskriminierung wahrgenommen. Die „Entnazifizierung“ erwies sich in der amerikanischen Zone am strengsten, gefolgt von der britischen und schließlich der französischen Gerichtsbarkeit.

[Mit Hilfe ihres Fragebogens meinten die Amerikaner, die Deutschen durchleuchten zu können. Die volle Wahrheit blieb ihnen trotz der vielen Fragen letztendlich verborgen. Das Ergebnis der Spruchkammern war definitiv mehr als bescheiden, es erwies sich nach der Vorstellung der Alliierten als unbefriedigend und stellte sich in der Endphase als mehr oder weniger pure Absurdität heraus. Der beginnende Kalte Krieg hatte dabei einem wesentlichen Anteil.

Unter den Besatzungsmächten florierten die Worte „belastet“ und „entlastet“ und sorgten für anhaltende Unruhen in der Bevölkerung. Nicht umsonst war der Roman Der Fragebogen von Ernst von Salomon ein Bestseller, er traf mit seiner ironischen Parodie zum Akt der Befragung exakt den Nerv der Zeit.]

Dennoch, für Fritz trat der Ernst ein und er musste die belastende Prozedur über sich ergeben lassen. Er wurde demgemäß am 29. April 1946 zum Ausfüllen des obligatorischen Meldebogen bei der Spruchkammer Buchen vorgeladen. Dabei gebot die gesetzliche Vorschrift, dass die Fragen zu allen NS-Organisationen und der NSDAP wahrheitsgemäß beantwortet werden mussten. Fritz bestätigte hierbei seine Mitgliedschaft in der NSDAP, ebenso jene in der „NSV“ von 1936-1945, sowie in der „DAF“ von 1940-1945. In der „DAF“ war er als Mitglied in seiner Eigenschaft als Angestellter bei den Mauserwerken.

[Die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) wurde am 18. April 1932 von den Nationalsozialisten als eingetragener Verein gegründet und am 3. Mai 1933, nur wenige Monate nach der Regierungsverantwortung  als ein Parteiorgan der NSDAP eingerichtet. Die Aufgaben der NSV waren allgemeine Wohlfahrtspflege, Vorsorgeuntersuchungen, medizinische Betreuung, das Betreiben von Kindergärten und „Kinderlandverschickungen“. Im Jahre 1943 hatte die NSV die beträchtliche Anzahl von 17 Mio Mitgliedern.

Vor dem Zweiten Weltkrieg verstand man in der „Kinderlandverschickung“ die Entsendung von Kindern zur reinen Erholung. Ab Oktober 1940 wurden Schulkinder sowie Mütter mit Kleinkindern aus den vom Luftkrieg bedrohten Städten in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht. Die Reichsdienststelle KLV evakuierte bis Kriegsende insgesamt zwei Mio Kinder und versorgte an die 800 000 Schüler im Alter zwischen 10 und 14 Jahren.

Die „DAF (Deutsche Arbeitsfront)“ wurde am 10. Mai 1933 nach Auflösung der Freien Gewerkschaften als Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gegründet. An die Stelle einer gewerkschaftlichen Interessenvertretung kam die Erziehung von Arbeitnehmern und Unternehmern im Sinne der NS-Ideologie. Es war der größte NS-Massenverband, am Ende des Krieges zählte die DAF 22 Mio Mitglieder.]

Im  Absatz 13 des Meldebogens stufte sich Fritz als „entlastet“ ein. Die Begründung enthielt die schriftlich zugefügten Worte: „wurde 11.39 [November 1939] nach § 2 Heimtückegesetz zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, aus dem Heer entlassen ohne Erlaubnis zum Tragen der Uniform.“ Daraus schlussfolgerte er in demonstrativer Logik: „also Opfer des Faschismus“, diese Worte waren extra mit rotem Stift dick unterstrichen. Der vernehmenden US-Lieutenant Engel ließ sich jedenfalls von der vorgebrachten  Argumentation überzeugen. Er notierte nämlich neben der Aussage: „Entlastet nach Ansicht von US Lt Engel.“ Dies bedeutete für Fritz einen ersten Trumpf im laufenden Verfahren.



[In der Gruppe 5 der Belastungs-Kategorien hieß es: „Entlastet ist, wer trotz einer formellen Mitgliedschaft oder Anwartschaft oder eines anderen äußeren Umstandes sich nicht nur passiv verhalten, sondern nach dem Maß seiner Kräfte aktiv Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet und dadurch Nachteile erlitten hat“.]

Für Fritz winkte vor der Spruchkammer, ungeachtet aller Vorwürfe die Gunst des Schicksals. Das Verhängnis vom November 1939 erwies sich plötzlich im April 1946 als Positivum. Seine defätistischen Auslassungen über den Krieg und die oberste Führung fanden in der Spruchkammer offene Ohren. Die argumentative Selbstbeschreibung als ein Opfer der vergangenen Regierung in Folge öffentlicher und systemkritischer Reden erschien grundsätzlich schlüssig und bekundete somit auch einen laut geäußerten Widerstand gegen die vormals herrschende Staatsform.

[Die Kammer stützte sich zusätzlich auch auf die „Arbeitsblätter“, welche automatisch und routinemäßig von den Abteilungen der jeweiligen Stadtverwaltung eingeholt wurden. Diese schriftlichen Beschreibungen bestanden in der Regel aus einer knappen politischen und menschlichen Einschätzung der angeklagten Person.] 

In der Kleinstadt Buchen war Fritz wohl bekannt, beliebt und geschätzt. Eine negative Bewertung aus dem Rathaus war demnach eher nicht zu erwarten. Somit lautete auch die Bemerkung auf dem „Arbeitsblatt“ : „Kein aktiver Nationalsozialist. Charakterlich einwandfrei.“ Dieser loyale Passus mit positiver Aussage bedeutete für Fritz einen weiteren Pluspunkt. 

Das Verfahren war damit noch nicht abgeschlossen. Die Aussagen von  Fritz selbst und der Stadtverwaltung Buchen reichten keineswegs aus, der öffentliche Ankläger forderte stichhaltige Belege von Zeitgenossen über sein Verhalten im NS-Staat. Nun kam es für Fritz darauf an, Zeugen zu finden, welche zu seinen Gunsten schriftliche  Entlastungsaussagen präsentieren konnten, um eine politische Unbedenklichkeit im Sinne der Spruchkammer zu bescheinigen. 

Infolge machte sich Fritz auf die Suche nach solchen Personen, die ihm eine politische „Sauberkeit“ in der NS-Zeit bestätigen konnten. Als Maßstab galten die Dienstzeit im Wehrmeldeamt Bruchsal als Offizier der Wehrmacht und seine folgende Tätigkeit bei den Mauserwerken in Oberndorf. Fritz hatte bei seiner Suche nach früheren Kontakten einigen Erfolg und er konnte schließlich am 29. Juli 1946 eine überzeugende Zahl von ihm bekannten Personen vorlegen.

Das war nicht gerade einfach. Man musste schon über einen relativ großen Bekanntenkreis verfügen, um geeignete und vor allem völlig „unbelastete“ Mitbürger ausfindig zu machen, eine sehr große Anzahl Deutscher war in den unterschiedlichsten NS-Gliederungen als Mitglied mehr oder minder aktiv gewesen. Es war aber auch durchaus eine geübte Praxis, dass man sich auf Gegenseitigkeit mit befreienden Schriftstücken unterstützte. Darüber hinaus wurde vor den Spruchkammern in großem Stil gelogen und beschönigt, die Scheinheiligkeit feierte Triumphe, um sich selbst und andere zu entlasten.

[Derartige Entlastungsbriefe wurden im Volksmund Persilscheine genannt. Mitglieder der NSDAP und Angehörige von NS-Organisationen konnten durch Aussagen von Opfern, Zeugen oder ehemaliger Mitstreiter entlastet und sozusagen „reingewaschen“ werden und erhielten somit eine positive bzw. saubere Reputation und genügten dadurch auf dem Meldebogen der Spruchkammern den Anforderungen der Entnazifizierungsgesetze.

Das Entlastungspapier wurde nach dem äußerst populären Waschmittel, welches in Deutschland einen legendären Ruf hatte, benannt. Die Persilscheine hatten den Charakter von Leumundzeugnissen. Für die betroffenen Personen war dies für einen raschen Neubeginn nach dem Kriege von erheblicher Bedeutung, abseits wahrer politischer Überzeugungen. Nachdem gewissermaßen eine weiße Weste attestiert war, konnte man eine Wohnung beantragen, ein Geschäft eröffnen oder eine Arbeitsstelle bekommen. Die nun wieder eingerichteten bürgerlichen Rechte waren für eine neue Lebensgrundlage nach den Krieg von essentieller Bedeutung.]

Mehrere  Personen, die ihm präsentabel erschienen oder denen er auch schon geholfen hatte, konnte Fritz zu einer schriftlichen Aussage bewegen und ihn damit als „unbelastet“ erscheinen lassen. Dazu gehörten Kameraden, Freunde und Bekannte aus seiner Zeit beim Wehrmeldeamt Bruchsal und seiner Tätigkeit als Schießleiter bei den Mauserwerken in Oberndorf. Am 29.7. 1946 schrieb er:
 „An den Öffentlichen Ankläger der Spruchkammer Buchen, Mosbach.
In der Anlage lege ich meine Entlastungsbeweise vor. Ich möchte bemerken, daß ich seit April 1945 kein Einkommen mehr habe.
Fritz von Hoffmeister Major a.D.
Buchen Bödigheimerstr. 3

Emil v. Marchtaler, vom ehemaligen Wehrmeldeamt Karlsruhe, hörte von der Defätismus-Affäre in Bruchsal und bescheinigte am 12. Mai 1946: „Auf Wunsch bestätige ich Herrn Fritz v. Hoffmeister, Buchen (Odenwald:), daß er - seiner Zeit Leiter des Wehrmelde-Amts Bruchsal - wegen Defaitismus (§ 2 des „Heimtücke-Gesetzes“) zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt wurde (November 1939) und aus dem Heeresdienst entlassen wurde, ohne Erlaubnis zum Tragen einer Uniform. Als ich im Januar 1940 als Offizier zum Wehrmelde-Amt Karlsruhe versetzt wurde, erhielt ich Kenntnis von obigen Tatsachen.
Unterschrift"

Hans Kohlmann, Ingenieur, Oberndorf, am 28. Mai 1946: „Herr von Hoffmeister ist mir seit meinem Eintritt bei der Firma Mauser-Werke A.-G., Oberndorf a/Neckar im Febr. 1943 bekannt. Er hat, solange ich ihn kenne, stets eine ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus eingenommen. Diese Einstellung vertrat er, ohne der dadurch entstehenden Gefahren und Nachteile zu achten, offenkundig.
Unterschrift
Ich selbst bin als Anti-Nationalsozialist mehrfach amtlich legitimiert und bürge für für die politische antinazistische Einstellung des Herrn von Hoffmeister.
Unterschrift.“

Dipl.-Ing. Rau, Oberndorf, am 27. Mai 1946: „Herr v. Hoffmeister ist mir seit meinem Eintritt bei der Firma Mauser, bei der er seit dem Jahre 1940 bis zur Besatzung angestellt war, persönlich gut bekannt. Ich selbst bin im Jahre 1941 bei dieser Firma eingetreten und gehöre ihr heute noch an. Herr v. H. hat während dieser Zeit stets eine durchaus ablehnende Haltung gegenüber der Katastrophenpolitik der nationalsozialistischen Partei bekundet, er hat sich auch niemals gescheut, diese seine Einstellung In der Öffentlichkeit zu vertreten, ohne Rücksicht darauf, daß er sich damit Anfeindungen und auch Gefahren aussetzte. Den im Werk beschäftigten Ausländern gegenüber hat er stets eine einwandfreie menschliche Haltung gezeigt. Mich selbst hat er, als ich im Jahre 1942 von einer Denunziation bei der Gestapo bedroht war, unterstützt, und mit dazu beigetragen, daß ich damals von einer ernsten Gefährdung verschont geblieben bin.
Unterschrift
Die obige Erklärung ist an Eides statt abgegeben. Ich war seit 1933 Gegner der NSDAP und gehöre heute der SPD an. Rau"

Diese für Fritz entlastende Aussage von Hern Dipl.Ing. Rau dürfte ein besonders wertvoller Persilschein gewesen sein. Äußerst positiv konnte sein anständiges Benehmen gegenüber den bei den Mauserwerken eingesetzten „Fremdarbeitern“ gewertet werden. Die Unterstützung gegen Maßnahmen der Gestapo stilisierte Fritz geradezu zum Widerstandskämpfer. Die vorgebrachte Einlassung eines erklärten Gegner des NS-Staates und noch dazu überzeugtem Mitglied der SPD hatte ein überzeugendes Gewicht vor der Spruchkammer.

[Maßnahmen wie die „Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe“, erlassen von Hindenburg im März 1933, gegen die „Regierung der nationalen Erhebung“, das „Heimtückegesetz“ oder Propagandafeldzüge des NS, wie die „Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster“ von 1934 riefen zur Denunziation auf. 

Die Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo, war ein polizeilicher Behördenapparat und die politische Polizei während der Zeit des NS. Sie entstand nach der Machtergreifung der NSDAP aus der Preußischen Geheimpolizei durch einen Erlass Görings vom 26.4. 1933. Es galt als unbedingte Notwendigkeit: „Der autoritäre Staat des neuen Dritten Reiches bedarf besonderer Einrichtungen.“ Als Instrument der NS-Regierung besaß die Gestapo weitreichende Machtbefugnisse bei der Bekämpfung politischer Gegner. 

Hermann Göring meinte zur Gründung der Gestapo: „Die normale Polizei genügt für Recht und Ordnung. Nicht aber in einem Staat, der sich in seinem verfassungsmäßigen Aufbau von der parlamentarischen Demokratie abgewandt hat und für eine straffe Über-und Unterordnung aller staatlichen Gewaltträger nach dem Führerprinzip entschieden hat und zur Vernichtung aller Staatsfeinde entschlossen war.“

Die Bereitschaft zu Denunziationen hatte für für Ermittlungen der Gestapo eine überragende Bedeutung. Die Förderung dazu war ein Hauptanliegen der politischen Polizei. Sie baute auf die Bereitschaft der deutschen Bevölkerung, die mehrheitlich die Ziele des NS teilte.]

Otto Hauser, Karlsruhe, am 8. Juni 1946: „Herr v. Hoffmeister war zu Beginn des Krieges Leiter des Wehrmeldeamtes Bruchsal, welches dem „Wehrbezirkskommando Karlsruhe unterstand. Ich war als Hilfsoffizier zum Wehrbezirkskdo bzw Wehrmeldeamt Karlsruhe einberufen. In dieser Eigenschaft habe ich Herrn von Hoffmeister kennen lernen. Ich hatte sofort den Eindruck, daß er wegen seines Wesens, seines Benehmens u. seiner Äußerungen - Dinge, aus denen eine freie Auffassung sprach - nicht in den starren Rahmen der milit. Organisation paßte. Bald darauf wurde v. H. auch vom Dienst suspendiert u. später entlassen, weil er in einer Wirtschaft in Bruchsal defaitistische Äußerungen gemacht hatte. Wie ich erfuhr, soll er sich anerkennend über die Engländer geäußert haben, u.a.sie seien eine Herrenrasse, u.er glaube nicht an die Vernichtung des britischen Weltreiches. Mehr kann ich in der Angelegenheit nicht aussagen, da ich nur einige Male Gelegenheit hatte, mit Herrn v.H. persönlich zusammen zu treffen.
Unterschrift.“

Hans Fhr. von Hornstein, Bietingen, war als Wehrbezirks-Kommandeur Vorgesetzter von Fritz, äußerte sich am 24. Juni 1946: „Im Jahre 1939 unterstand mir in meiner damaligen Stellung als Wehrbezirks-Kommandeur von Karlsruhe der frühere Major und Leiter des Wehrmeldeamtes Bruchsal Fritz v. Hoffmeister. Im Herbst 1939 wurde er von zwei Frauen in Bruchsal angezeigt, dass er sich abfälig über unsere Kriegspropaganda und Massnahmen der nat.soz.Regierung geäussert sowie Zweifel an dem erfolgreichen Ausgang des Krieges für uns habe verlauten lassen. Herr v. Hoffmeister wurde daraufhin vom Dienste suspendiert und vom Kriegsgericht wegen Defaitismus nach § 2 des Heimtückegesetzes zu 2 Monaten Gefängnis und Dienstentlassung verurteilt. Die Erlaubnis, die Uniform zu tragen, wurde ihm abgesprochen. Ich habe an dieser Kriegsgerichtsverhandlung persönlich als sein Vorgesetzter teilnehmen müssen und bei meiner Einvernahme über v. Hoffmeister nur zu seinen Gunsten aussagen können. Meine vorstehenden Ausführungen kann ich jederzeit beeiden.
Unterschrift.“

F. J. Kübler, Karlsruhe, am 15. Juni 1946. „In Beantwortung Ihrer Zeilen vom 12. d.M. bestätige ich Ihnen, als ehemaliger Adjutant des Wehrbezirkskommandos Karlsruhe, dass mir bekannt ist, dass Sie zu Anfang des Krieges wegen defaitistische Äusserungen zu mehreren Monaten Gefängnis vom Kriegsgericht verurteilt und ohne Erlaubnis zum Tragen der Uniform aus dem Heer entlassen wurden. Herr Oberst von Hornstein, der damalige Kommandeur des Wehrbezirkskommandos Karlsruhe, wird sicherlich gerne bereit sein, sich über Einzelheiten zu Ihrem Fall zu äussern.
Unterschrift

Arthur Römpp, Oberndorf, Vermieter, am 25. Juni 1946: „Unterzeichneter bestätigt hiermit, daß Herr Fritz von Hoffmeister in der Zeit seines Aufenthalts, vom April 1940 bis Juni 1945 bei mir gewohnt hat. Politisch sich nicht betätigt, im Gegenteil, sich immer Handlungen Antifaschistischer Art, wie dauerndes abhören ausländischer Sender, sich gedrückt von jeder Veranstaltung oder Pflichtversammlung u.s.f. Seine Haltung jedermann, auch Ausländern gegenüber war immer korreckt. Als nicht P.G. [Parteigenosse] kann ich obengenanntes jederzeit bezeugen.
Unterschrift
Auffallend und sicher appellierend war die Aussage des Vermieter, dass das Verhalten und das Verhältnis von Fritz gegenüber den verpflichteten Fremdarbeitern in den Mauserwerken stets überaus korrekt und untadelig war.

[Der Begriff „Feindsender“ wurde im NS-Staat während des Zweiten Weltkriegs geprägt und bezeichnete Radiostationen, deren Hören verboten war. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden von der Regierung zahlreiche Gesetze und Verbote eingeführt, darunter die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ vom 1. September 1939. Sie bedrohte das Abhören ausländischer Rundfunksender mit hohen Strafen. Die Verbreitung von abgehörten Nachrichten der „Feindsender“ konnte mit Zuchthaus oder sogar mit dem Tode bestraft werden. Der „Wehrzersetzungsparagraph“ wurde im Laufe des Krieges immer weiter ausgelegt.

Die Mitgliederversammlungen der NSDAP fanden monatlich statt und die Teilnahme war für die Mitglieder verpflichtend. In diesen Versammlungen kam es zur Aufnahme von neuem Interessenten, es wurden Reden zur politischen Lage gehalten und die Arbeit für den Folgemonat festgelegt.]

Eine Ausnahme von diesen positiven Leumundsbezeugungen war am 24. Oktober 1946 datiert und erhob eine massive Anschuldigung gegen Fritz. Verfasst wurde diese von einer Freifrau Walburga v. Gemmingen-Hormberg in Leinstetten, Kreis Horb: „Ich klage hiermit Herrn Fritz Hofmeister in Buchen, Major unter dem Naziregime an. Er hat in einem öffentlichen Lokal in einem Restaurant in Stuttgart meinem Vetter Freiherr Wilhelm v. Podewils den Rat gegeben zur Zeit des Naziregimes, er Podewils, war 11 Jahre Nazi, sollte mich anzeigen, weil ich ausländische Sender anhöre. Ich bin Antifaschistin u. Mitglied der Church of England u. höre öfters den Gottesdienst meiner Kirche in England. Ich hatte nie eine Differenz mit Hofmeister. Er kann also diesen schädlichen Rat nur aus nationalsozialistischem Fanatismus gegeben haben.
Unterschrift

Ob diese schwere Beschuldigung eine Berechtigung hatte, war mehr als ungewiss. Es erschien einigermaßen sonderbar, dass die schwerwiegende Anklage erst nach drei Monaten bei der Spruchkammer einging, die verspätete Eingabe verfing nicht mehr, das Verfahren war ja bereits im August 1946 abgeschlossen. Der Eindruck, dass es sich um eine gezielte Verunglimpfung aus irgendwelchen Gründen handelte, war nicht von der Hand zu weisen.

[Gegenseitige Anschwärzungen waren nach dem Krieg an der Tagesordnung. Es bot sich eine gute Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen. Gingen die Beschuldigungen vor 1945 in eine bestimmte Richtung, wie bei Fritz im Wirtshaus geschehen, so war es nach 1945 gerade umgekehrt. Wo immer Feindbilder existierten, brandmarkten sich Arbeitskollegen und Nachbarn, Konkurrenten und falsche Freunde bei der neuen Obrigkeit. Nicht selten wirkten dabei Neid und Rachegefühl als Motiv für vorgebrachte Diffamierungen.]

Nach Abwägung aller Fakten wurde Fritz am 24. August 1946 von der Spruchkammer Buchen endgültig als „Mitläufer“ eingestuft, das Gericht konnte sich trotz erwiesenem Defätismus nicht zu einer Einstufung von Fritz als „Entlasteter“ durchringen. Seine Mitgliedschaften in der NSDAP und zweier NS-Gliederungen, der NSV und des DAF, die sich nicht wegleugnen ließen, überwogen in der Beurteilung und hatten wohl zu dieser Einstufung geführt. Die Reden von Fritz im Bruchsaler „Bären“ verbunden mit den Mitgliedschaften in NS-Organisationen, vornehmlich der NSDAP, endeten mit diesem abschließenden Urteil der Spruchkammer, zum Strafmaß gehörte noch ein Sühnebescheid in der Höhe von 400 RM.




[Nach der Definition war „Mitläufer“: „wer nur als nomineller Parteigänger an der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft teilgenommen oder sie unterstützt hat“, insbesondere „wer als Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen lediglich Mitgliedsbeiträge bezahlt, an Veranstaltungen, deren Besuch obligatorisch war, teilgenommen oder unbedeutende oder laufende Obliegenheiten. wie sie allen Mitgliedern vorgeschrieben waren, wahrgenommen hat.“]

Im Verfahren der Spruchkammer wurde festgehalten, was ohnehin in der währenden Zeit des NS das Dasein von Fritz  bestimmt hatte, er war ausschließlich als Offizier In der Wehrmacht bis zu seiner Entlassung, im Dienst. Er hatte weder in der NSDAP noch in der NSV sowie in der DAF eine Stellung inne, die ihn als einen akzentuierten Exponenten im  NS agieren ließ. Seine Intentionen orientierten sich ausschließlich in Fragen der nationalen Geltung des Reiches sowie im Wertesystem eines ehrenvollen Soldatentums.

Im Oktober 1946 legte Fritz Einspruch gegen den verfügten Sühnebescheid ein. Dazu führte er gewichtige Gründe an. Er taktierte dabei am 31. Oktober mit dem Hinweis, dass ihm bereits bei seiner Verurteilung zu Gefängnis nach dem „Heimtückegesetz“ zusätzlich eine Buße von 300 RM auferlegt wurde. Mit dieser argumentativ geschickten Verknüpfung erinnerte er nochmals an seine Rolle als prophetischer Verkünder des Kriegsverlaufs im verhängnisvollen November 1939. Der Erfolg seines Einspruchs gab ihm Recht.. Der ursprüngliche Bescheid der Spruchkammer wurde dann gütlich am 31. Oktober des gleichen Jahres auf die Hälfte reduziert. Damit endete schließlich eine für Fritz missliche Bürde im besetzten Deutschland. Aber mit diesem Los befand er sich nicht allein auf weiter Flur, Millionen von Leidensgenossen erfuhren nach dem Krieg das gleiche Übel oder erlebten noch weitaus schlimmeres.
Immerhin waren mit dem endgültigen Urteil der Spruchkammer zwei Verhängnisse abgeschlossen, deren beide einen Ursprung im NS-Staat hatten. Zum einen war es die Entlassung aus der Wehrmacht im Jahre 1940, zum anderen der Urteilsspruch der Spruchkammer Buchen im Jahre 1946.

[Das „Entnazifizierungsschlussgesetz“ vom 1. April 1951 beendete formal die Beseitigung des NS. Der sich zuspitzende Ost/West-Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion hatte 1949 zur deutschen Teilung geführt. Demzufolge rückte die „Entnazifizierung“ in den Hintergrund. Der Kalte Krieg überlagerte die „Entnazifizierung“, der von nun an die Hauptrolle nicht nur in der deutschen Politik spielte.]

Nach Kriegsende in der neuen Bundesrepublik führte Fritz ein weitgehend geruhsames Leben als Pensionär in seinem Haus in der Bödigheimer Straße 3 [oder 2] in Buchen. Die Lebensumstände waren hart und so führte er erneut, die schon gewohnten landwirtschaftlichen Arbeiten auf seinem großen Grundstück aus. Die Erfahrungen mit Tierhaltung und Nutzpflanzen, bereits nach dem Ersten Weltkrieg praktiziert, hatte er nicht vergessen. Sein Schaffen war nicht nur Selbstzweck und intensiver Zeitvertreib, sondern diente hauptsächlich dem Wohl der Familie zur zwingenden Zusatzversorgung.

[Die Zeiten besserten sich, ein unerwartet schnelles Wachstum der Wirtschaft in den 1950er Jahren mit dem damit verbundenen Aufschwung wurde bald als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Es vermittelte den Deutschen nach dem Schrecken des Krieges und dem Elend der unmittelbaren Zeit danach, ein neues Selbstbewusstsein.]

Fritz konnte nach der allmählichen Konsolidierung der wirtschaftlichen Situation seine Tierhaltung nunmehr als reines Hobby betrachten und sich daran erfreuen. Er fuhr regelmäßig nach Karlsruhe und traf sich mit ehemaligen Mitstreitern  des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20, die wie er alle Wirren überlebt hatten, zu geselligen Begegnungen.

Die ehemaligen Offiziere bildeten eine geschlossen verschweißte Gemeinschaft, welche im Krieg auf Leben und Tod dem gegnerischen Feuer ausgesetzt war. Deren Homogenität prägte eine spezifische Wahrnehmung des Krieges, hervorgerufen durch eigene Fronterlebnisse im Grabenkämpfen und Materialschlachten. Das Repertoire an Gesprächen war dadurch unerschöpflich. Viel zu erzählen und auszutauschen gab es auch über die Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg, erst recht, wie man den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte. Das Schicksal von Fritz im Dritten Reich dürfte auch für reichlich Unterhaltung  gesorgt haben.

Dabei war natürlich ein Besuch des zwischen den Kriegen errichteten eindrucksvollen Denkmals des 1. Badischen Leibdragoner-Regiments Nr. 20 verpflichtend. Das Reiterstandbild zeigt einen Dragoner während des Ersten Weltkriegs, bereits mit Stahlhelm. An der Lanze ist er als Kavallerist zu erkennen. Sein Pferd hebt die Vorderhufe. 

Es wurde nicht nur das individuelle Sterben im Bild des reitenden Dragoners gewürdigt, sondern auch der Opfertod für das Vaterland. Das monumentale Denkmal steht für eine Vergangenheit und Zukunft zusammenführende Sinnstiftung. Es verbindet die Totentrauer mit dem siegreichen Dragoner und preist somit den Beitrag des Regiments zu einer Wiedergeburt des Vaterlandes. Die toten Soldaten bleiben in der Aussage des Mahnmals unvergessen und sollten ewig in der ruhmreichen Geschichte des Regiments zum Gedenken mahnen. 

Während solcher Zusammenkünfte früherer Offiziere der Leibdragoner in Karlsruhe machte er gelegentlich auch Abstecher nach Bruchsal, welches auf dem Weg lag, um den dortigen Hoffmeisters einen Besuch abzustatten.

Quelle: v.H.

Text:
Frau Elisabeth von Hoffmeister
Bruchsal i.B.
Ankerapotheke.                                                            15.9. 59

A la recherche du temps perdu! [Auf der Suche nach der verlorenen Zeit! Der Satz ist Ausdruck einer wehmütigen Erinnerung an die glorreichen Zeiten als schneidiger Dragoner], die alten Dragoner reiten! Herrliches Wetter! Besten Dank noch für das herrliche Mittagessen! 
Auf frohes Wiedersehen!
Dein Paale

Nachdem seine Mutter Johanna im gesegneten Alter von 93 Jahren gestorben war, verkaufte Fritz 1958 das Elternhaus in der Ziegelhäuser Str. 43 in Heidelberg an die Studentenverbindung „Palatia“, für die es bis heute eine äußerst angenehme Herberge ist. Fritz suchte seinen Horizont auch außerhalb von Buchen durch gesellschaftliche Kontakte zu erweitern, wozu er sich gerne auf Reisen befand.

Quelle: RA Achim Jaroschinksy, Halle

Fritz starb am 27. Februar 1961. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof von Eberstadt, dem Ort, wo er im dortigen Schloss mit Frau und zwei Kindern bis zum Ende des Ersten Weltkriegs lebte. Sein ehemaliger und eng  befreundeter Regimentskamerad Freiherr von Rosen hielt die Grabesrede. Es war dieser Mitstreiter, welcher im Februar 1913 eine Postkarte anlässlich der Verlobung der Prinzessin Viktoria, Tochter des Kaisers, mit Prinz Ernst August von Hannover in Karlsruhe, an Fritz schickte, welcher zu der Zeit auf das Reitinstitut Hannover zur Ausbildung  abkommandiert war.

Rosen erinnerte in einer bewegenden Rede am Grabe daran wie Fritz als frisch ernannter Oberleutnant unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkrieges als Kommandeur einer Eskadron eine scharfe Attacke gegen die Franzosen ritt und bravourös abschloss. Im Werk zur Geschichte des Regiments fand diese kühne Episode ein erinnerungswürdiges Gedenken.

Der Schwiegersohn des Verstorbenen und Ehemann seiner ältesten Tochter Inge, Kurt Gerber [1913-1984], zu der Zeit Oberst und späterer General der Bundeswehr, bereits 1934 in die Reichswehr eingetreten, darauf in die  Wehrmacht übernommen [Träger des Deutschen Kreuzes in Gold], war über den Nachruf des Freiherren von Rosen etwas  pikiert. Er versah als deutscher Kontaktoffizier Dienst im NATO-Hauptquartier in Paris und betrachtete die Franzosen nun als enge Verbündete und wollte ungern an die ehemalige Erbfeindschaft erinnert werden, daher konnte er sich an der lobenden Betonung einer lang zurückliegenden soldatischen Bravourleistung von Fritz im Gegensatz zur übrigen Trauergemeinde, auch nicht sonderlich erfreuen. In der Trauergemeinde befanden sich alle Kinder und Enkelkinder, mit dem Bus aus Bruchsal kamen Elisabeth, die Ehefrau seines früh verstorbenen Sohnes Gottfried mit ihrem Sohn Alexander. In einer abschließenden Runde im Dorfgasthaus von Eberstadt wurden Erinnerungen ausgetauscht.

Maria, die Ehefrau von Fritz, starb am 10. Mai 1966 und wurde neben ihrem Mann auf dem gleichen Friedhof in Eberstadt zur Ruhe gebettet. Sie war die letzte Namensträgerin der Linie Rüdt von Collenberg-Eberstadt, nachdem bereits mit ihren beiden Brüdern, die gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges fielen, die männliche Nachfolge des Geschlechtes von Eberstadt ausgestorben war.

Quelle: RA Achim Jaroschinksy, Halle




Kriegerdenkmal 1914-1918 in Eberstadt bei Buchen mit den Namen der im Krieg Gefallenen, darunter die Freiherren Gottfried und Heinrich Rüdt von Collenberg.
Quelle: v.H.


Quellen


Literatur:


FAZ v. 28.3. 2017

Sturmtruppen. Des Kaisers „special forces“


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Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg

Aufbau und Verwendung

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Deutsche Sturmbataillone 1915-1918

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Laparra, Jean-Claude

Les Gladiateurs

Louviers 2007


Obwegs, Günther

Wachtler, Michael

Krieg in den Bergen

Bozen 2010


Ostertag, Heiger

Der soziale Aufstieg eines Offiziers im Kaiserreich 1913 - ein militärsoziologisches Zeitbild.

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 38 (1990) 12, S. 1069-1080


Ostertag, Heiger

Bildung, Ausbildung und Erziehung, Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit im Offizierskorps im Kaiserreich 1871-1918

Frankfurt/M 1990


Poseck, Maximilian von

Die deutsche Kavallerie 1914 in Belgien und Frankreich

Lindau 2015


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Auswahl und Ausbildung junger Offiziere 1930-1945. Zur sozialen Genese des deutschen Offizierskorps.

Dissertation Marburg 2002


Richter, Oliver

The Kaiser‘ s Stormtrooper

Erlangen 2010


Ritter, Gerhard A.

Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914

Ein historisches Lesebuch

Göttingen 1992


Sattler, Alfred

Die deutsche Kavallerie im Ersten Weltkrieg

Norderstedt 2004


Stockmann, Kurt

Felddienst-Ordnung

Berlin 1905


Wulffen, Karl von

Die Schlacht bei Lodz

Oldenburg 1918


Archivalien:


Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA KA) 456/5029 Personalakten


GLA KA 456 E Nr. 5029 Personalersatzakten


Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch-MA) PERS 6/28302


GLA KA 466/1660 Spruchkammer Buchen


Unterlagen RA Achim Jaroschinsky, Halle


Unterlagen v.H. 



Anregungen, Verbesserungen, Korrekturen und Informationen werden dankend entgegen genommen und soweit erforderlich in Betracht gezogen.


vonhoffmeister@gmail.com

Dr. Alexander von Hoffmeister


Kronberg im Taunus 

Februar 2023



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